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	<title>Psychologie &#8211; Jens Jürgen Korff</title>
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	<title>Psychologie &#8211; Jens Jürgen Korff</title>
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		<title>Das Liebesgebot</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Nov 2025 12:45:15 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Nächstenliebe und Feindesliebe von Salomo bis Hüther. Kapitel I meines Buchprojekts &#8222;Hilfe – Eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung&#8220; (Auszüge). Die biblische Legende vom weisen König Salomo und der Mutterliebe geht so: Zwei junge Frauen kamen einst zum König, weil sie um ein Kind stritten. Beide behaupteten, die wahre Mutter des Kindes zu sein. Salomo ließ sich &#8230; <a href="https://jejko.de/das-liebesgebot/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Das Liebesgebot“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Nächstenliebe und Feindesliebe von Salomo bis Hüther.</strong> Kapitel I meines Buchprojekts &#8222;<a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch/" data-type="post" data-id="890">Hilfe – Eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung</a>&#8220; (Auszüge).</p>



<p>Die biblische Legende vom weisen König <strong>Salomo</strong> und der Mutterliebe geht so: Zwei junge Frauen kamen einst zum König, weil sie um ein Kind stritten. Beide behaupteten, die wahre Mutter des Kindes zu sein. Salomo ließ sich ein Schwert bringen und urteilte, das Kind solle geteilt werden. Da rief die eine: „Lasst das Kind leben, gebt es der anderen!“ Die andere rief: „Teilt das Kind, es soll keiner gehören.“ Salomo erkannte, dass die erste die wahre Mutter war, und sprach ihr das Kind zu.</p>



<p class="has-small-font-size">Bild: Vincent van Gogh: Der gute Samariter</p>



<span id="more-1715"></span>



<p>Die Legende gehört aus drei Gründen hierher:</p>



<p>Die Mutterliebe galt Salomo wahrscheinlich als Mutter der Nächstenliebe. Dass die Mutter den Schmerz und die Todesangst ihres bedrohten Kindes mitempfindet und dann sogar über ihren Stolz, ihre Eitelkeit, ihren Besitz­anspruch stellt, zeigt ihren Sinn für die Heiligkeit des Lebens und, wie man im 21. Jahrhundert sagt, ihre Fähigkeit zum Perspektiv­­wechsel. Diese ist nach heutiger Auffassung zugleich Voraus­setzung für Empathie und Nächstenliebe. Unter Nächstenliebe sei hier eine starke positive Bindung von Menschen an die Menschen in ihrer Nähe verstanden. Eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, gerne beieinander zu sein und anderen Menschen nicht aus dem Wege zu gehen. Zuweilen auch dazu, eigene Interessen hintenanzustellen und uns zuerst darum zu kümmern, dass es der geliebten Person gut geht… Mutterliebe und Nächstenliebe? Der Psychologe Erich Fromm betonte den Unterschied, dass sich Mutterliebe auf ein ungleiches Verhältnis bezieht, während Nächstenliebe die Liebe unter Gleichen sei.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p>



<p>Bei König Salomo geht der Perspektivwechsel noch eine Stufe weiter: Er versetzt sich in den zu erwartenden Perspektivwechsel der echten Mutter. Er betritt eine Metaebene des Geistes, er denkt über das Denken und fühlt mit dem Fühlen. Das ist Philosophie, ein schönes Beispiel für eine Theory of Mind (Theorie des Geistes) und deshalb zurecht ein Musterbeispiel für Weisheit. Die Weisheit kam als Liebe und als List in die Welt: als Wunsch, dass es einem anderen Wesen gut gehen möge; und als Trick, andere ans Lernen zu bringen.</p>



<p>Der dritte Grund ist: Schon in frühesten Berichten tritt die Tugend der Liebe in Widerstreit mit anderen Tugenden – hier mit der Gerechtig­keit. Denn Salomo hat das drohende Schwert der Gerechtigkeit gegen die Liebe der echten Mutter in Stellung gebracht, um sie zu prüfen, und die Mutter hätte in ihrer Liebe zum Kind die Ungerechtigkeit hingenommen, dass das Kind in der Obhut der falschen Mutter bleibt und überlebt. Der Dichter <strong>Erich Fried</strong> widmete 1983 sein berühmtes Gedicht »Was es ist« dem kämpferischen Charakter der Liebe, die hier als die Kraft auftritt, die zwischen Liebenden herrscht:</p>



<p><em>Es ist Unsinn / sagt die Vernunft / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<p><em>Es ist Unglück / sagt die Berechnung / Es ist nichts als Schmerz / sagt die Angst / Es ist aussichtslos / sagt die Einsicht / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<p><em>Es ist lächerlich / sagt der Stolz / Es ist leichtsinnig / sagt die Vorsicht / Es ist unmöglich / sagt die Erfahrung / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Gott ist die Liebe</h3>



<p>Der jüdische Prediger und Religionsstifter <strong>Jesus von Nazaret</strong> gilt in der christlich geprägten Kultur als Verkörperung der Nächstenliebe. Wenn wir ihn hier kulturhistorisch betrachten, haben wir ein Problem: Die Figur des Jesus Christus ist so stark religiös überwölbt,<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> dass es schwierig ist, sie als historische Figur zu fassen. (…)</p>



<p>Seine Botschaft war (den Evangelien zufolge):<br><em>Das Reich Gottes ist da! Vertraut auf die frohe Botschaft!</em> (Markus 1,15)</p>



<p>Jesus war also kein Apokalyptiker. Die neue Welt begann, ohne dass die alte erst hätte mit großem Getöse untergehen müssen. Die beiden Welten tolerieren einander, und es ist die jetzt vorhandene Welt, es sind die jetzt vorhandenen Menschen, in denen das Potenzial einer positiven Entwicklung im Sinne des „Reiches Gottes“ steckt.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Das Reich Gottes war da, wie Meinrad Limbeck betont, als Jesus noch lebte. Er musste also nicht erst den Kreuzestod erleiden, um die Menschheit erlösen zu können. Durch „kostenloses Heilen und gemein­sames Essen“ ließ die sich um Jesus versammelnde Gemeinschaft Gottes­herrschaft unmittelbar erlebbar werden. Hierarchi­sche Wert­maßstäbe und Gesellschafts­strukturen griff Jesus an und entkräftete sie, sagt John Dominic Crossan. Auch dadurch, dass er in „subversiver Weise“ Kranke, Zöllner, Huren und andere Abweichler von religiösen und gesellschaftlichen Normen bevorzugte; so Martin Karrer.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a></p>



<p>Wenn Jesus überNächstenliebe sprach, berief er sich teilweise auf die jüdische Tora, teilweise ging er darüber hinaus. Im Alten Testament (der Tora), 3. Buch Mose 19, 18 diktiert Gott den Juden:</p>



<p><em>An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.</em></p>



<p>Als ein Schriftgelehrter in Jerusalem Jesus nach dem ersten und wichtigsten Gebot fragte, das ein Gläubiger befolgen solle, antwortete Jesus (nach Markus 12, 29 ff):</p>



<p><em>Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.</em></p>



<p>Jesus verknüpfte hier das Gebot der Nächstenliebe mit dem Gebot, den einzigen Gott zu lieben, nach dem 5. Buch Mose 6, 5. Der Schrift­gelehrte war beeindruckt und stimmte Jesus zu. Hier bewegte Jesus sich im Rahmen des unter Juden gepflegten religiösen Disputs. (…)</p>



<p>Doch viele Worte Jesu forderten eine neue und überraschende Art von Huma­nität. Der Evangelist Matthäus hat typische Sprüche dieser Art in der so genannten Bergpredigt zusammengestellt (Matthäus 5–7). Dabei ging Jesus deutlich über traditionelle Vorstellungen von Gerechtigkeit hinaus. Ähnlich wie schon Salomo spielte er die Nächstenliebe gegen überlieferte Rituale und gegen das Gerechtig­keitsgefühl aus:</p>



<p><em>Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas wider dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen, gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komme und opfere deine Gabe.</em> (Matthäus 5,23)</p>



<p>Dieser Spruch richtete sich gegen die übermäßige Betonung religiöser Symbole: Das Opfer­symbol, der Akt gegenüber Gott, kann die Aussöhnung, den Akt gegen­über dem Mitmenschen, nicht ersetzen. Dabei überging Jesus die Frage, wer an dem Zwist der Brüder schuld war. Versöhnung ist wichtiger als Gottesdienst, wichtiger als Recht haben und Recht behalten. Also auch wichtiger als das Gesetz.<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a></p>



<p><em>Ihr habt gehört, das gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht dem Bösen nicht. Vielmehr, schlägt dich einer auf die rechte Backe, so halte ihm auch die andere hin. Wer mit dir rechten und dir den Mantel nehmen will, dem überlass auch den Rock&#8230;</em> (Matthäus 5,38-42)</p>



<p>Dieser Satz ist eine Zumutung, die dem Gerechtigkeitsgefühl der meisten Menschen diametral widerspricht. Jesus wandte sich darin ausdrücklich gegen das ehrwürdige Talions­gesetz, nach dem ein Übeltäter das gleiche Übel erleiden sollte, das er einem anderen angetan hatte. Das war kein besonderes Gesetz des »rachsüchtigen Gottes der Juden«, wie später die Antisemiten behaupteten, sondern im Gegenteil ein alter Grundsatz des Strafrechts vieler Kulturen, der gerade dem Ziel diente, Rache­exzesse zu verhindern. Er findet sich im Alten Testament, im Kodex Hammurabi, im altrömi­schen Zwölftafel­gesetz und auch im germani­schen Recht. Ernst Lohmeyer schrieb dazu: „Eindring­lich ist damit und knapp das alte Gesetz der talio ausge­sprochen, das von Babylon bis nach Rom … bezeugt und gültig ist. Es verbürgt dem Geschlagenen oder Ver­wundeten den Schutz des Rechtes, es beseitigt damit die private Rache für irgend­welche Vergehen und ist damit ein unver­äußerlicher Grundsatz des geselligen Lebens in einem Staatswesen gewor­den.“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> Gertrude Sartory kommentiert die Änderung, die Jesus vornahm: „Als neue Grundlage für ein Staatswesen ließen sich solche Weisungen Jesu freilich nicht verwenden; eher lassen sie in ein Utopia ausschauen, in dem der Staat überflüssig geworden ist.“ (…)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Frieden als Naturrecht</h3>



<p>Die österreichische Schriftstellerin <strong>Bertha von Suttner</strong> (1843–1914) wurde 1889 mit dem Roman »Die Waffen nieder!« weltberühmt. 1905 bekam sie dafür als erste Frau den Friedensnobelpreis. Der Roman erzählt in Ich-Perspektive die Geschichte der Gräfin Althaus, die 1859 im Sardisch-Österreichischen Krieg ihren ersten Mann verliert, in einer Cholera-Epidemie nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 ihre Geschwister und bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 auch noch ihren zweiten Mann, der als Pazifist und vermeintlicher preußischer Agent in Paris erschossen wird. Ihr Sohn trägt ihr pazifistisches Engagement fort.<a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a></p>



<p>In dem Roman entwickelte Suttner ein neues Argument für den Frieden und gegen den Kriegswahn: Frieden sei der naturrechtlich verbürgte Normalzustand der Menschheit, Krieg dagegen die Folge eines episodisch auftretenden menschlichen, vor allem männlichen „Irrwahns“. Das Recht auf Frieden sei also menschen- und völkerrechtlich einforderbar. Zur Begründung zog Suttner Charles Darwins Erkenntnisse über die Evolution der Arten und des Menschen heran. Aus der Evolution folge, so Suttner, eine stete Höherentwicklung der Menschheit durch Selektion der „Edel­sten“.<a href="#_ftn8" id="_ftnref8">[8]</a> Das ist bemerkenswert, denn die meisten damaligen »Sozialdarwi­nisten«, darunter der Philosoph Friedrich Nietzsche, zogen entgegengesetzte Schlüsse aus Darwins Vorlage: Sie vermuteten, dass die natürliche Evolution die jeweils rücksichtslosesten, gewalttätigsten und herrsch­süchtigsten Menschen bzw. Männer begünstigte – und zum Teil, dass Herrscher oder herrschende Eliten die Pflicht hätten, das Böse im Menschen unter ihre Kontrolle zu bringen. (…)</p>



<p>Der britische Biologe und Autor <strong>Thomas Henry Huxley </strong>(1825–1895), ein Freund Darwins, führte 1893 in einem Vortrag über „Evolution und Ethik“ in Oxford aus, die Natur sei nicht gut, sondern grausam, tückisch und moralisch völlig gleichgültig. Ethik könne also nicht aus der Natur des Menschen abgeleitet werden. Moral sei vielmehr das von Menschen – genauer: von Herrschern – erfundene Schwert, um den Drachen unserer tierischen Herkunft zu töten.<a href="#_ftn9" id="_ftnref9">[9]</a></p>



<p>Bertha von Suttner erkannte jedoch, dass menschliche Zivilisationen, in denen viele Menschen auf engem Raum friedlich zusammenleben, nie hätten entstehen können, wenn sich seit Jahrtausenden stets die destruktivsten Menschen durchgesetzt hätten. Außerdem widersprach es ihrer Lebens­erfahrung, dass ausgerechnet die Männer mit dem höchsten Risiko, in jungen Jahren gewaltsam zu Tode zu kommen, die meisten Nachkommen haben sollten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Affenliebe</h3>



<p>Der Mensch stammt von Affen ab, sagte Darwin. Affen sind uns näher, als wir vorher dachten. Was folgt daraus? Die Antwort hing und hängt davon ab, ob wir unsere äffischen Vorfahren lieben oder nicht. Ob wir das suchen, was wir mit ihnen gemeinsam haben, oder das, was uns trennt. Wer das Gemeinsame suchte wie Bertha von Suttner, die sich später auch vehement gegen Tierversuche einsetzte, sah die Wurzeln unserer Ethik bei den Affen und ethische Werte wie Frieden als Naturerbe und Naturrecht. Wer das Trennende suchte wie wie Papst Innozenz III.,<a href="#_ftn10" id="_ftnref10">[10]</a> Huxley oder Nietzsche, der sah im tierischen Erbe der Menschen die Quelle des Bösen. Diese Haltung wird immer noch vertreten in Form der These, unter dem „dünnen Firniss der Zivilisation“ lauere der „barbarische Kern“ des Menschen, die „blutdürstige Bestie“ – wahlweise gefürchtet oder verehrt.<a href="#_ftn11" id="_ftnref11">[11]</a></p>



<p>Der niederländische Verhaltensforscher <strong>Frans de&nbsp;Waal</strong> (1948–2024) und seine britische Kollegin <strong>Jane Goodall</strong> (1934–2025) suchten wie Suttner nach dem Gemeinsamen. De Waal schloss aus seinen Beobachtungen, zuerst an Schimpansen im Zoo von Arnhem, später an Orang-Utans, Bonobos und Gorillas, dass Empathie und Altruismus und damit die Grundlage von Moral und Kultur auch in den engen sozialen Verbänden der Primaten praktiziert werden. Ja, Affen können „tricksen, lügen und einander betrügen“, aber sie helfen einander oft und sind gut zu ihren Mitaffen – offenbar deshalb, weil so soziale Gemeinschaften entstehen, die allen Beteiligten nutzen. Und auch das Lügen und Betrügen erfordert Empathiefähigkeit, Ansätze einer Theory of Mind, wie wir sie bei Salomo kennen gelernt haben. Bei den Menschen gibt es die alten Rechtsprinzipien „Do ut des“ („Ich gebe, damit du gibst“) und „quid pro quo“ („Dies für das“) – also die Erwägung: Wenn ich jetzt dem Menschen helfe, der in Not ist, dann wird auch mir später wahrscheinlich geholfen, sollte ich in Not geraten. Erfunden haben wir diese Grundlagen unserer Kultur offenbar nicht. Erfunden haben sie die Menschenaffen und vielleicht noch andere Tiere.</p>



<p>Die Bonobos sind wegen ihres lockeren Umgangs mit Sex als »Hippie-Affen« berühmt geworden. Sie haben eine Stellung beim Sex erfunden, bei der sie einander anschauen können – eine Stellung, die auch von vielen Menschen bevorzugt wird. De Waal schlägt vor, sie Bonobostellung zu nennen und den früher üblichen Ausdruck dafür zu vergessen. In dieser Position sehen wir, genau wie die Bonobos, die Freude, die wir der körperlich geliebten Person bereiten, in deren Gesicht, und steigern unsere eigene Freude durch Mitfreude. Die Kölner nennen das »Spass an d‘r Freud«, und viele genießen sie auch am Aschermittwoch und später. Ich deute das Phänomen hier als eine glückliche Verbindung von körperlicher Liebe und Nächstenliebe. (…)</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p>Nächstenliebe habe ich hier definiert als&nbsp; eine starke positive Bindung von Menschen an die Menschen in ihrer Nähe; eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, gerne beieinander zu sein und anderen Menschen nicht aus dem Wege zu gehen. Zuweilen auch dazu, eigene Interessen hintenan­zustellen und sich zuerst darum zu kümmern, dass es der geliebten Person gut geht. In diesem Sinn bildet Nächstenliebe wohl die Philosophie zahlreicher dienstleistenden Berufe – in Gesundheitswesen, Pflege und Körperpflege, im Bildungswesen, in der Beratung und Rechtsberatung, in der Gastronomie. Tatsächlich? Liebt denn ein Arzt seinen Patienten, eine Rechtsanwältin ihre Klientin, eine Modeverkäuferin ihre Kundin? Das erscheint auf den ersten Blick übertrieben. Geht es da nicht zuerst um Routinen des Geldverdienens? Und doch gelten Freundlichkeit und Aufmerksamkeit als beste Praxis in allen Berufen, in denen direkt mit Kundinnen und Kunden, Patientinnen und Klienten gearbeitet wird. Man kann diese Umgangsformen erlernen und professionell vorspielen. Aber wahrscheinlich haben Dienstleister mehr Erfolg, wenn sie den Wunsch, der Kundin oder dem Patienten in einer bestimmten Situation zu helfen, ihr oder ihm etwas Gutes zu tun, zumindest minutenweise zum eigenen Hauptwunsch machen; wenn sie Freude daran haben, einen anderen Menschen zu bedienen und so zu erfreuen. Das ist praktizierte Nächstenliebe. Und die Tür, die uns dort hinführt, ist, so so haben es die meisten Experten beschrieben, die Empathie: unsere Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; E. Fromm: Die Kunst des Liebens (1956). Nach de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kunst_des_Liebens">Die Kunst des Liebens </a>(Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Zur Frage, wie Jesus Mensch und Gott zugleich sein konnte, u.a. Joachim Negel: Ein Mensch schlechthin. Publik-Forum 14/2021, S. 35</p>



<p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Meinrad Limbeck: Abschied vom Opfertod. Das Christentum neu denken. Ostfildern 2012/2018, S. 114</p>



<p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; John Dominic Crossan: Der historische Jesus. München 1994, S. 554. Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Göttingen 1998, S. 266. Beide nach Wikipedia.de: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_von_Nazaret">Jesus von Nazaret</a> (Stand Dezember 2020)</p>



<p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; G. Sartory: Jesus von Nazareth. In: Die Großen, Bd. II, Zürich 1977, S. 241</p>



<p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; E. Lohmeyer: Das Evangelium nach Matthäus. Göttingen 1962, S. 136f. Nach G. Sartory, S. 242</p>



<p><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Waffen_nieder!">Die Waffen nieder!</a> (Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_von_Suttner">Bertha von Suttner</a> (Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. München 2007, S. 134f</p>



<p><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> &nbsp;&nbsp; Der schrieb 1195: „Geschaffen ist der Mensch aus Staub, aus Lehm, aus Asche, und was nichtswürdiger ist: aus ekelerregendem Samen. Empfangen ist er in der Geilheit des Fleisches, in der Glut der Wollust, und was noch niedriger ist: im Sumpf der Sünde.“ (In: Über das Elend des menschlichen Daseins). Zitiert nach „Der Priester auf der Bettkante“. <a href="https://www.beobachter.ch/gesellschaft/r-wie-religion-der-priester-auf-der-bettkante">Beobachter.ch 4.1.2016</a></p>



<p><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> &nbsp;&nbsp; Letzteres bei Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen…“ Jenseits von Gut und Böse, 1. Abhandlung, 11.</p>
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		<title>Das Wesen des Stolzes</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Jun 2025 10:02:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Werte]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein phänomenologischer Diskurs zwischen Jens Jürgen Korff und Rainer Dyckerhoff Der Mannheimer Ingenieur und Philosoph Rainer Dyckerhoff empfahl 2021 in dem Buch »Erkenntnisphilosophie«, auf dem Wege einer fortschreitenden Begriffsbildung das Wesen von Phänomenen zu beschreiben und auf diese Weise wahre Aussagen über Teile der Wirklichkeit zu treffen. Er hat vier Stufen der persönlichen Begriffsbildung definiert: autorelationale Begriffe auf Stufe 1, relative Begriffe auf Stufe 2, individuelle &#8230; <a href="https://jejko.de/das-wesen-des-stolzes/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Das Wesen des Stolzes“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">Ein phänomenologischer Diskurs zwischen Jens Jürgen Korff und Rainer Dyckerhoff</h3>



<p>Der Mannheimer Ingenieur und Philosoph Rainer Dyckerhoff empfahl 2021 in dem Buch »Erkenntnisphilosophie«, auf dem Wege einer fortschreitenden Begriffsbildung das Wesen von Phänomenen zu beschreiben und auf diese Weise wahre Aussagen über Teile der Wirklichkeit zu treffen. Er hat vier Stufen der persönlichen Begriffsbildung definiert: <em>autorelationale Begriffe </em>auf Stufe 1, <em>relative Begriffe</em> auf Stufe 2, <em>individuelle Begriffe</em> auf Stufe 3, <em>wirklichkeitsgemäße Begriffe</em> auf Stufe 4.<br>Anlässlich der Bundestagswahl 2025 versuchen Dyckerhoff und ich, diese phänomenologische Methode auf einige zentrale Themen des Wahlkampfes anzuwenden. Nach den Themen <a href="https://jejko.de/das-wesen-der-steuern/" data-type="post" data-id="1393">Steuern</a> und <a href="https://jejko.de/das-wesen-der-buerokratie-oder-ist-es-ein-popanz/" data-type="post" data-id="1531">Bürokratie</a> wenden wir uns dem Thema Stolz zu. Wir tun das in Form von Sokratischen Dialogen, also nach dem Vorbild von Sokrates und seinen Diskussionspartnern.</p>



<p><strong>Rainer Dyckerhoff:</strong>&nbsp;Nun, da Friedrich Merz zum Bundeskanzler gewählt wurde, können wir daran erinnern, dass er und seine Partei, die CDU, im Bundestagswahlkampf mit dem Wort »Stolz« aufgetreten sind. Eine ihrer Parolen lautete: »Ein Deutschland, auf das wir wieder stolz sein können«. Was könnte Merz mit diesem Stolz meinen?</p>



<p class="has-small-font-size">Bild: Von Camelia.boban &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18357122 </p>



<p>Fortsetzung auf <a href="https://erkenntnisphilosophie.de/das-wesen-des-stolzes/">erkenntnisphilosophie.de</a> </p>
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		<title>Trost</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Dec 2024 11:10:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Werte]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>
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					<description><![CDATA[Trost ist ein Zwitterwesen: einerseits ein individuelles Gefühl, andererseits eine Kommunikationsform zwischen Menschen. Man kann Trost finden, und man kann Trost spenden. Das Verb »finden« deutet an, dass Trost einer anderen Gefühlskategorie angehört als zum Beispiel Freude oder Ärger. Freude findet man nicht, sie erfüllt einen, so wie eine Rosenduft, den man einatmet. Ärger findet &#8230; <a href="https://jejko.de/trost/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Trost“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Trost ist ein Zwitterwesen: einerseits ein individuelles Gefühl, andererseits eine Kommunikationsform zwischen Menschen. Man kann Trost finden, und man kann Trost spenden. Das Verb »finden« deutet an, dass Trost einer anderen Gefühlskategorie angehört als zum Beispiel Freude oder Ärger. Freude findet man nicht, sie erfüllt einen, so wie eine Rosenduft, den man einatmet. Ärger findet man nicht, sondern man gerät in ihn hinein, so wie man in einen Sumpf hineingerät. Trost also findet man, so wie man auf einer Almwiese eine Lilie findet.</p>



<p>»Der Trost« ist zudem eine Skulptur, die meine Schwester <a href="https://jejko.de/birke-korff-1961-2020/" data-type="page" data-id="1290">Birke Korff</a> 1986 zum Abschluss ihres Kunststudiums an der RWTH Aachen geschaffen hat. Es bietet sich an, diese Skulptur anzuschauen, wenn man mehr über jenes Zwitterwesen erfahren will.</p>



<span id="more-1376"></span>



<p><br>Der Trost ist nur wenig kleiner als ich und vermutlich deutlich schwerer (ich bin 1,81 Meter groß und 60 Kilogramm schwer). Er dürfte etwa so groß sein wie meine Schwester, die Bildhauerin.</p>



<p>Der Trost besteht aus einem Eichenstamm und zwei Personen, einer Frau und einem Mann. Jene romantische Idee, dass die Form einer Skulptur bereits im Stein oder im Stamm drin steckt und der Bildhauer sie lediglich befreit, hat im »Trost« meiner Schwester ein Denkmal gefunden. Allerdings kann man im Haus der Bildhauerin auch das finden, das gegen diese Idee spricht: jene kleinen Modelle aus Ton, in denen sie ihre Idee vorab skizziert hat, und die zuvor nirgendwo drin steckten, nur in ihrem Kopf. Und die Anhänger der Idee könnten erwidern, dass die Bildhauerin die Figur zunächst im Innern des Eichenstamms erzeugt hat, bevor sie sie heraushauen konnte.</p>



<p>Im unteren Drittel sehen wir immer noch den runden Eichenstamm. Aus ihm heraus wachsen eine stehende Frau und ein sitzender Mann. Die Beine der Frau, die Beine des Mannes und der Schemel, auf dem der Mann sitzt: Sie alle stecken noch ganz oder teilweise im Stamm.</p>



<p>Der Kopf der Frau ist leicht nach vorne geneigt. Er zieht zunächst meine Blicke auf sich, weil er sich in meiner Augenhöhe befindet, und weil er ein Gesicht hat. Eine lange, schmale, kantig hervortretende Nase, die nach unten weist und die Neigung des Gesichts deutlich anzeigt. Sie verbreitert sich nach oben zur Stirn. Die Augen liegen im Schatten unter der scharfen Kante der Augenbrauen-Linie. Auch am unteren Ende verbreitert sich die Nase ein wenig, und darunter müsste der Mund sein. Dort ist allerdings nur eine gewölbte Fläche, auf der ich gedanklich einen schmalen, ernsten Mund ergänze. Die Lippen sind zwar geschlossen, aber keineswegs schweigsam; das Echo des Wortes, das sie eben gesprochen haben, und der Klang der Stimme der Frau hängen noch im Raum.<br>Die langen Haare der Frau sind nach hinten gekämmt. Ihr Hals und ihre Schultern sind kräftig und entlassen zwei ebenso kräftige Arme, die den Mann bergend umfassen. Die rechte Hand liegt im Nacken des Mannes, die linke auf seinem Kopf. Die Hände der Frau sind groß, wirken kräftig, arbeitsam und warm, verstärkt durch die dunkle Eichenholzfarbe. Geborgenheit macht einen großen Teil des Trostes aus. Die Finger sind rinnenartig gestaltet, also eigentlich als Negativform. Auch ein Arm ist teilweise seltsam konkav geformt – nach einem Vorbild des litauischen Expressionisten Jacques Lipschitz.<br>Vom Mann sieht man nicht viel: einen großen, gekrümmten Rücken, einen nach vorne gebeugten Hinterkopf; der Nacken ist von der rechten Hand der Frau verdeckt. Seine Arme umfassen den Rücken der Frau etwas unterhalb der Taille. Sie sind seltsam konkav geformt, rinnenartig, ähnlich wie die Finger der Frau. Seine verschränkten Hände sind nur angedeutet. Als Trostobjekt spielt er eindeutig eine sekundäre Rolle in der Skulptur. Da wir sein Gesicht nicht sehen, haben wir auch keine Hinweise auf den Grund, der ihn verzweifeln und Trost suchen ließ. Wenn ich an die korrespondierenden Mütter-Skulpturen oder -Zeichnungen von Käthe Kollwitz denke, bietet sich als mögliche Erklärung der Krieg an: ein Gestellungsbefehl vielleicht oder ein Kriegserlebnis.</p>



<p>Der Zwittercharakter des Trostes findet hier seinen Ausdruck im Zwitter-charakter des Holzes. Die Figuren von Frau und Mann stehen für den Trost als zwischen¬menschliches Ereignis: das Wort, das vorhin aus ihrem Munde kam; die Wärme, die von ihren Händen ausgeht; die Ergebenheit, mit der er sich ihrer Umarmung hingibt. Doch auch der Trost, den ich als einzelner Mensch in der Natur finden kann, zum Beispiel im Schatten einer Eiche, ist in der Skulptur präsent – eben in der starken Präsenz der Eiche, aus der sie entstand. Sie ist da als Stamm, aus dem heraus die beiden Figuren wachsen; sie ist da in der warmen Farbe, in der rauhen Oberfläche, in den sichtbaren Holzfasern und Jahresringen, und am augenfälligsten vielleicht in den klaffenden Spalten, die die Zeit ins Holz gerissen hat.</p>



<p>Zeit wird es auch, über Frauen- und Männerrollen zu sprechen. In jenem versunkenen Zeitalter, aus dem die Skulptur stammt, war es vielerorts noch üblich, solche Begriffe zu verwenden. Das soziologische Abstraktum »Gender« führte noch eine exotische Randexistenz. Die Rollen sind jedenfalls in Birkes Skulptur offensichtlich umgekehrt. Auf traditionellen Hochzeitsfotos sehen wir einen stehenden Mann hinter der sitzenden Frau. Auch Kay und Frieda, die beiden lebensgroßen Porträtstudien aus Gips, die Birke während ihres Studiums schuf und die bis heute im Hause der Eltern stehen, nur wenige Meter vom Trost entfernt – auch sie fügen sich in die traditionellen Rollen: Kay steht, groß, lässig, bekleidet, frontal den Betrachter ins Auge fassend; und Frieda sitzt auf einem Stuhl, nackt, verletzlich, in sich gekehrt, fast verschämt. Und hier nun steht die Frau, der Mann sitzt, und, revolutionärer noch: Er verbirgt dem Betrachter sein Gesicht, während die Frau das ihrige zeigt. Wahrscheinlich weint er. Es ist also nicht nur das Trostwort der Frau, dessen Echo noch im Raum hängt, sondern davor noch etwas viel Verstörenderes: das Schluchzen eines Mannes. Der Mann, Sinnbild der Stärke, der Aktivität, der Entschlossenheit, hier aber gezeigt im Moment seiner größten Schwäche. Die Empathie der Frau, die ihr sonst oft als Schwäche ausgelegt wird, hier gezeigt im Moment ihrer größten Stärke.</p>



<p>Der Trost erinnert an ein altes, gotisches Sujet der Bildhauerei: die Pietà. Maria betrauert ihren toten Sohn, dessen Leiche auf ihren Knien liegt. Auch bei der Pietà dominiert der Gesichtsausdruck der Frau – besonders deutlich bei Michelangelos berühmter Figur im Petersdom. Das Gesicht des auf dem Rücken liegenden Jesus ist nach oben gewandt und aus dem Blickwinkel des frontalen Betrachters kaum zu sehen. Aber man sieht, dass es da ist – und der Mann ist tot. Die Frau dominiert zwar über dem toten Mann, aber sie sitzt, wie sich das gehörte. Beim Trost steht sie, und der Mann lebt, zum Glück. Das ist, vor dem Hintergrund der mir bekannten Kunstgeschichte, ein starkes Stück.</p>



<p>Als alter Tabuspürhund wittere ich gleich den Tabubruch. Ein Nachtrag der Kunsthistorikerin Gerlinde Volland bestätigt das: Ihr ist dazu Camille Claudels Figurengruppe »L’abandon« (»Die Hingabe«) eingefallen. In der Tat, auch da steht die Frau über dem Mann. Beide nackt, er hat sich vor ihr hingekniet und legt den Kopf in den Nacken, sie steht vor ihm und beugt ihren Kopf zu ihm hinunter: die erotische Hingabe eines Mannes an seine Geliebte. (Möglicherweise fleht er sie auch an, ihn nicht zu verlassen. L’abandon heißt nämlich auch »die Verlassenheit«.) Ein Tabubruch, den wohl nur eine Frau gestalten konnte – und die wurde bald darauf ins Irrenhaus eingewiesen. Unter Männern ziemt es sich nicht, Männer in einem solchen Zustand zu verewigen. Um so mehr Grund, dass Frauen Bilder hauen.</p>



<p class="has-text-align-right">Jens Jürgen Korff<br>November 2011</p>
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		<title>Das Ende ist nah. Und wehe, wenn nicht!</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Feb 2019 22:59:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[2017 ergab eine Studie: Muslime integrieren sich gut in Deutschland; Deutschland schafft sich doch nicht ab. Statt Erleichterung löste die gute Nachricht eine Welle von Wut aus. Warum Apokalypsen so innig geliebt und so verbissen verteidigt werden, untersuchte ich 2019 in diesem Beitrag auf widersprechen.net.]]></description>
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<p>2017 ergab eine Studie: <a href="http://jejko.de/tag/religion/">Muslime</a> integrieren sich gut in Deutschland; Deutschland schafft sich doch nicht ab. Statt Erleichterung löste die gute Nachricht eine Welle von Wut aus. Warum Apokalypsen so innig <a href="http://jejko.de/tag/psychologie/">geliebt</a> und so verbissen verteidigt werden, untersuchte ich 2019 in <a href="https://widersprechen.net/das-ende-ist-nah-und-wehe-wenn-nicht/">diesem Beitrag auf  widersprechen.net</a>.</p>
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		<title>Warum Männer an den Zufall und Frauen ans Schicksal glauben</title>
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		<pubDate>Thu, 07 Nov 2013 22:46:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Das ist kein Zufall, sondern hängt unmittelbar mit den traditionellen Geschlechterrollen zusammen, die für Männer und Frauen vorgesehen sind. Den Männern bringen ihre Eltern und der Rest der Gesellschaft traditionell bei, dass es ihre Aufgabe sei, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen, ihr Glück zu machen. Zu machen, wohlgemerkt. Den Frauen brachten (und &#8230; <a href="https://jejko.de/warum-maenner-an-den-zufall-und-frauen-ans-schicksal-glauben/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Warum Männer an den Zufall und Frauen ans Schicksal glauben“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p>Das ist kein Zufall, sondern hängt unmittelbar mit den traditionellen <a href="http://jejko.de/tag/soziales/">Geschlechterrollen</a> zusammen, die für Männer und Frauen vorgesehen sind. Den Männern bringen ihre Eltern und der Rest der Gesellschaft traditionell bei, dass es ihre Aufgabe sei, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen, ihr <a href="http://jejko.de/tag/psychologie/">Glück</a> zu machen. Zu <em>machen, </em>wohlgemerkt. Den Frauen brachten (und bringen anscheinand noch immer) ihre Eltern und der Rest der Gesellschaft bei, dass es ihre Rolle sei, sich für einen Mann bereit zu machen und ihr Glück zu finden. Nicht zu machen, sondern zu <em>finden.</em></p>



<span id="more-1152"></span>



<p>Nun haben Männer das Problem, dass die traditionelle Erwartung sie tendenziell überfordert. Ihre Projekte scheitern häufig, weil etwas schief gegangen ist. Das bringt sie in Erklärungsnot. Wenn sie wirklich ihres eigenen Glückes Schmied wären, wären sie selbst schuld an jedem Scheitern. Sie hätten versagt, sie wären Versager. In dieser Situation bringt das <a href="http://jejko.de/tag/philosophie/">Konzept</a> des Zufalls den Männern Entlastung: Nein, sie waren nicht schuld; der Zufall war schuld! Eine Verkettung unglücklicher Umstände hat ihren tollen Plan vereitelt.</p>



<p>Frauen, die auf den Prinzen warten, der sie in sein Schloss mitnimmt, haben das Problem, dass es viel mehr gewöhnliche Frauen gibt als Prinzen und Schlösser. Die meisten werden also keinen Prinzen finden und stattdessen mit dem Koch oder dem Kutscher Vorlieb nehmen müssen. Wer ist dann schuld? Der Zufall? Die Vorstellung, dass die Frau nur an einem anderen Tag hätte auszugehen brauchen oder in ein anderes Etablissement oder ein bisschen anders hätte winken müssen, den Prinzen also nur haarscharf verpasst zu haben, ist sehr frustrierend. Entlastung verschafft ihnen aber das Konzept des Schicksals oder der Bestimmung. Wenn es ihr Schicksal war, das sie am Prinzen vorbei und zum Kutscher geführt hat, dann konnte sie halt nichts machen.</p>
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		<title>Das Gute, das Schlechte und das Böse</title>
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		<pubDate>Wed, 23 May 2012 21:44:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Was ist eigentlich das Gute, was ist das Schlechte und was ist das Böse? Einerseits wissen wir spontan meist sehr schnell, was gut und was schlecht ist (den Unterschied zwischen dem Schlechten und dem Bösen lasse ich einstweilen beiseite) – andererseits ist es sehr schwer, die Kriterien abstrakt zu benennen, nach denen wir diese Urteile &#8230; <a href="https://jejko.de/das-gute-das-schlechte-und-das-boese/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Das Gute, das Schlechte und das Böse“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p>Was ist eigentlich das Gute, was ist das Schlechte und was ist das Böse?</p>



<p>Einerseits wissen wir spontan meist sehr schnell, was gut und was schlecht ist (den Unterschied zwischen dem Schlechten und dem Bösen lasse ich einstweilen beiseite) – andererseits ist es sehr schwer, die <a href="http://jejko.de/tag/philosophie/">Kriterien</a> abstrakt zu benennen, nach denen wir diese Urteile fällen.</p>



<span id="more-1148"></span>



<p>Wenn ich es versuche, gehe ich davon aus, dass es den meisten von uns nicht möglich ist, mehr als ein paar Minuten lang davon abzusehen, dass wir <a href="http://jejko.de/tag/natur/">Lebewesen</a> sind, dass wir als Menschen auf der Erde leben und dass wir als Menschen in der <a href="http://jejko.de/tag/soziales/">Gesellschaft </a>mit anderen Menschen leben. Allenfalls in Form eines Gedankenspiels können wir minutenlang von diesen Tatsachen absehen und uns vielleicht in die Rolle eines Außerirdischen versetzen, der ohne innere Anteilnahme die Verhältnisse auf der Erde und unter den Menschen betrachtet. Daraus folgt aber: Die Maßstäbe für das Gute und das Schlechte, die wir anwenden, und die uns im Einzelfall zumindest spontan so selbstverständlich zu sein scheinen, müssen wir wohl aus den drei genannten Umständen ableiten: daraus, dass wir Lebewesen auf der Erde sind, dass wir der Gattung Mensch angehören und als Menschen in der Gesellschaft mit anderen Menschen leben.</p>



<p>Gut wäre demnach alles, was das Leben als Ganzes, das Leben der Menschen und das Leben der Menschen in Gesellschaft mit anderen Menschen fördert und schützt; schlecht wäre alles, was dem Leben insgesamt, dem Leben der Menschen auf der Erde oder dem Leben von Menschen innerhalb der Gesellschaft mit anderen Menschen schadet; und böse wäre das zum bewussten Willen eines Menschen gewordene Schlechte. Also ein Mensch, der sich bewusst entschieden hat, immer wieder schlechte Dinge zu tun und das Schlechte anzustreben, wäre demnach böse.</p>



<p>Hier folge ich einem Konzept des <a href="http://jejko.de/tag/psychologie/">Sozialpsychologen</a> <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Fromm">Erich Fromm</a>. Fromm hat 1973 in dem Werk <em>&#8222;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomie_der_menschlichen_Destruktivit%C3%A4t">Anatomie der menschlichen Destruktivität</a>&#8220; </em>untersucht, welche Motive Menschen destruktiv werden lassen. Er findet dort eine ganze Reihe von Motiven. Am &#8222;klinischen Fall&#8220; Adolf Hitler diagnostiziert er einen nekrophilen, also Leichen liebenden Charakter. Fromm findet in Hitlers Wortwahl und alltäglichem Verhalten Hinweise darauf, dass er eine Vorliebe für Leichen, für tote Menschen hatte. Das Gegenstück dazu ist bei Fromm der biophile Charakter, also die Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen, zu Lebewesen an sich.</p>
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