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	<title>Bücher &#8211; Jens Jürgen Korff</title>
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	<description>Historiker, Texter, Autor, Wanderer</description>
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	<title>Bücher &#8211; Jens Jürgen Korff</title>
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		<title>Das Liebesgebot</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Nov 2025 12:45:15 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Nächstenliebe und Feindesliebe von Salomo bis Hüther. Kapitel I meines Buchprojekts &#8222;Hilfe – Eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung&#8220; (Auszüge). Die biblische Legende vom weisen König Salomo und der Mutterliebe geht so: Zwei junge Frauen kamen einst zum König, weil sie um ein Kind stritten. Beide behaupteten, die wahre Mutter des Kindes zu sein. Salomo ließ sich &#8230; <a href="https://jejko.de/das-liebesgebot/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Das Liebesgebot“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Nächstenliebe und Feindesliebe von Salomo bis Hüther.</strong> Kapitel I meines Buchprojekts &#8222;<a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch/" data-type="post" data-id="890">Hilfe – Eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung</a>&#8220; (Auszüge).</p>



<p>Die biblische Legende vom weisen König <strong>Salomo</strong> und der Mutterliebe geht so: Zwei junge Frauen kamen einst zum König, weil sie um ein Kind stritten. Beide behaupteten, die wahre Mutter des Kindes zu sein. Salomo ließ sich ein Schwert bringen und urteilte, das Kind solle geteilt werden. Da rief die eine: „Lasst das Kind leben, gebt es der anderen!“ Die andere rief: „Teilt das Kind, es soll keiner gehören.“ Salomo erkannte, dass die erste die wahre Mutter war, und sprach ihr das Kind zu.</p>



<p class="has-small-font-size">Bild: Vincent van Gogh: Der gute Samariter</p>



<span id="more-1715"></span>



<p>Die Legende gehört aus drei Gründen hierher:</p>



<p>Die Mutterliebe galt Salomo wahrscheinlich als Mutter der Nächstenliebe. Dass die Mutter den Schmerz und die Todesangst ihres bedrohten Kindes mitempfindet und dann sogar über ihren Stolz, ihre Eitelkeit, ihren Besitz­anspruch stellt, zeigt ihren Sinn für die Heiligkeit des Lebens und, wie man im 21. Jahrhundert sagt, ihre Fähigkeit zum Perspektiv­­wechsel. Diese ist nach heutiger Auffassung zugleich Voraus­setzung für Empathie und Nächstenliebe. Unter Nächstenliebe sei hier eine starke positive Bindung von Menschen an die Menschen in ihrer Nähe verstanden. Eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, gerne beieinander zu sein und anderen Menschen nicht aus dem Wege zu gehen. Zuweilen auch dazu, eigene Interessen hintenanzustellen und uns zuerst darum zu kümmern, dass es der geliebten Person gut geht… Mutterliebe und Nächstenliebe? Der Psychologe Erich Fromm betonte den Unterschied, dass sich Mutterliebe auf ein ungleiches Verhältnis bezieht, während Nächstenliebe die Liebe unter Gleichen sei.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p>



<p>Bei König Salomo geht der Perspektivwechsel noch eine Stufe weiter: Er versetzt sich in den zu erwartenden Perspektivwechsel der echten Mutter. Er betritt eine Metaebene des Geistes, er denkt über das Denken und fühlt mit dem Fühlen. Das ist Philosophie, ein schönes Beispiel für eine Theory of Mind (Theorie des Geistes) und deshalb zurecht ein Musterbeispiel für Weisheit. Die Weisheit kam als Liebe und als List in die Welt: als Wunsch, dass es einem anderen Wesen gut gehen möge; und als Trick, andere ans Lernen zu bringen.</p>



<p>Der dritte Grund ist: Schon in frühesten Berichten tritt die Tugend der Liebe in Widerstreit mit anderen Tugenden – hier mit der Gerechtig­keit. Denn Salomo hat das drohende Schwert der Gerechtigkeit gegen die Liebe der echten Mutter in Stellung gebracht, um sie zu prüfen, und die Mutter hätte in ihrer Liebe zum Kind die Ungerechtigkeit hingenommen, dass das Kind in der Obhut der falschen Mutter bleibt und überlebt. Der Dichter <strong>Erich Fried</strong> widmete 1983 sein berühmtes Gedicht »Was es ist« dem kämpferischen Charakter der Liebe, die hier als die Kraft auftritt, die zwischen Liebenden herrscht:</p>



<p><em>Es ist Unsinn / sagt die Vernunft / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<p><em>Es ist Unglück / sagt die Berechnung / Es ist nichts als Schmerz / sagt die Angst / Es ist aussichtslos / sagt die Einsicht / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<p><em>Es ist lächerlich / sagt der Stolz / Es ist leichtsinnig / sagt die Vorsicht / Es ist unmöglich / sagt die Erfahrung / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Gott ist die Liebe</h3>



<p>Der jüdische Prediger und Religionsstifter <strong>Jesus von Nazaret</strong> gilt in der christlich geprägten Kultur als Verkörperung der Nächstenliebe. Wenn wir ihn hier kulturhistorisch betrachten, haben wir ein Problem: Die Figur des Jesus Christus ist so stark religiös überwölbt,<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> dass es schwierig ist, sie als historische Figur zu fassen. (…)</p>



<p>Seine Botschaft war (den Evangelien zufolge):<br><em>Das Reich Gottes ist da! Vertraut auf die frohe Botschaft!</em> (Markus 1,15)</p>



<p>Jesus war also kein Apokalyptiker. Die neue Welt begann, ohne dass die alte erst hätte mit großem Getöse untergehen müssen. Die beiden Welten tolerieren einander, und es ist die jetzt vorhandene Welt, es sind die jetzt vorhandenen Menschen, in denen das Potenzial einer positiven Entwicklung im Sinne des „Reiches Gottes“ steckt.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Das Reich Gottes war da, wie Meinrad Limbeck betont, als Jesus noch lebte. Er musste also nicht erst den Kreuzestod erleiden, um die Menschheit erlösen zu können. Durch „kostenloses Heilen und gemein­sames Essen“ ließ die sich um Jesus versammelnde Gemeinschaft Gottes­herrschaft unmittelbar erlebbar werden. Hierarchi­sche Wert­maßstäbe und Gesellschafts­strukturen griff Jesus an und entkräftete sie, sagt John Dominic Crossan. Auch dadurch, dass er in „subversiver Weise“ Kranke, Zöllner, Huren und andere Abweichler von religiösen und gesellschaftlichen Normen bevorzugte; so Martin Karrer.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a></p>



<p>Wenn Jesus überNächstenliebe sprach, berief er sich teilweise auf die jüdische Tora, teilweise ging er darüber hinaus. Im Alten Testament (der Tora), 3. Buch Mose 19, 18 diktiert Gott den Juden:</p>



<p><em>An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.</em></p>



<p>Als ein Schriftgelehrter in Jerusalem Jesus nach dem ersten und wichtigsten Gebot fragte, das ein Gläubiger befolgen solle, antwortete Jesus (nach Markus 12, 29 ff):</p>



<p><em>Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.</em></p>



<p>Jesus verknüpfte hier das Gebot der Nächstenliebe mit dem Gebot, den einzigen Gott zu lieben, nach dem 5. Buch Mose 6, 5. Der Schrift­gelehrte war beeindruckt und stimmte Jesus zu. Hier bewegte Jesus sich im Rahmen des unter Juden gepflegten religiösen Disputs. (…)</p>



<p>Doch viele Worte Jesu forderten eine neue und überraschende Art von Huma­nität. Der Evangelist Matthäus hat typische Sprüche dieser Art in der so genannten Bergpredigt zusammengestellt (Matthäus 5–7). Dabei ging Jesus deutlich über traditionelle Vorstellungen von Gerechtigkeit hinaus. Ähnlich wie schon Salomo spielte er die Nächstenliebe gegen überlieferte Rituale und gegen das Gerechtig­keitsgefühl aus:</p>



<p><em>Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas wider dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen, gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komme und opfere deine Gabe.</em> (Matthäus 5,23)</p>



<p>Dieser Spruch richtete sich gegen die übermäßige Betonung religiöser Symbole: Das Opfer­symbol, der Akt gegenüber Gott, kann die Aussöhnung, den Akt gegen­über dem Mitmenschen, nicht ersetzen. Dabei überging Jesus die Frage, wer an dem Zwist der Brüder schuld war. Versöhnung ist wichtiger als Gottesdienst, wichtiger als Recht haben und Recht behalten. Also auch wichtiger als das Gesetz.<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a></p>



<p><em>Ihr habt gehört, das gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht dem Bösen nicht. Vielmehr, schlägt dich einer auf die rechte Backe, so halte ihm auch die andere hin. Wer mit dir rechten und dir den Mantel nehmen will, dem überlass auch den Rock&#8230;</em> (Matthäus 5,38-42)</p>



<p>Dieser Satz ist eine Zumutung, die dem Gerechtigkeitsgefühl der meisten Menschen diametral widerspricht. Jesus wandte sich darin ausdrücklich gegen das ehrwürdige Talions­gesetz, nach dem ein Übeltäter das gleiche Übel erleiden sollte, das er einem anderen angetan hatte. Das war kein besonderes Gesetz des »rachsüchtigen Gottes der Juden«, wie später die Antisemiten behaupteten, sondern im Gegenteil ein alter Grundsatz des Strafrechts vieler Kulturen, der gerade dem Ziel diente, Rache­exzesse zu verhindern. Er findet sich im Alten Testament, im Kodex Hammurabi, im altrömi­schen Zwölftafel­gesetz und auch im germani­schen Recht. Ernst Lohmeyer schrieb dazu: „Eindring­lich ist damit und knapp das alte Gesetz der talio ausge­sprochen, das von Babylon bis nach Rom … bezeugt und gültig ist. Es verbürgt dem Geschlagenen oder Ver­wundeten den Schutz des Rechtes, es beseitigt damit die private Rache für irgend­welche Vergehen und ist damit ein unver­äußerlicher Grundsatz des geselligen Lebens in einem Staatswesen gewor­den.“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> Gertrude Sartory kommentiert die Änderung, die Jesus vornahm: „Als neue Grundlage für ein Staatswesen ließen sich solche Weisungen Jesu freilich nicht verwenden; eher lassen sie in ein Utopia ausschauen, in dem der Staat überflüssig geworden ist.“ (…)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Frieden als Naturrecht</h3>



<p>Die österreichische Schriftstellerin <strong>Bertha von Suttner</strong> (1843–1914) wurde 1889 mit dem Roman »Die Waffen nieder!« weltberühmt. 1905 bekam sie dafür als erste Frau den Friedensnobelpreis. Der Roman erzählt in Ich-Perspektive die Geschichte der Gräfin Althaus, die 1859 im Sardisch-Österreichischen Krieg ihren ersten Mann verliert, in einer Cholera-Epidemie nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 ihre Geschwister und bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 auch noch ihren zweiten Mann, der als Pazifist und vermeintlicher preußischer Agent in Paris erschossen wird. Ihr Sohn trägt ihr pazifistisches Engagement fort.<a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a></p>



<p>In dem Roman entwickelte Suttner ein neues Argument für den Frieden und gegen den Kriegswahn: Frieden sei der naturrechtlich verbürgte Normalzustand der Menschheit, Krieg dagegen die Folge eines episodisch auftretenden menschlichen, vor allem männlichen „Irrwahns“. Das Recht auf Frieden sei also menschen- und völkerrechtlich einforderbar. Zur Begründung zog Suttner Charles Darwins Erkenntnisse über die Evolution der Arten und des Menschen heran. Aus der Evolution folge, so Suttner, eine stete Höherentwicklung der Menschheit durch Selektion der „Edel­sten“.<a href="#_ftn8" id="_ftnref8">[8]</a> Das ist bemerkenswert, denn die meisten damaligen »Sozialdarwi­nisten«, darunter der Philosoph Friedrich Nietzsche, zogen entgegengesetzte Schlüsse aus Darwins Vorlage: Sie vermuteten, dass die natürliche Evolution die jeweils rücksichtslosesten, gewalttätigsten und herrsch­süchtigsten Menschen bzw. Männer begünstigte – und zum Teil, dass Herrscher oder herrschende Eliten die Pflicht hätten, das Böse im Menschen unter ihre Kontrolle zu bringen. (…)</p>



<p>Der britische Biologe und Autor <strong>Thomas Henry Huxley </strong>(1825–1895), ein Freund Darwins, führte 1893 in einem Vortrag über „Evolution und Ethik“ in Oxford aus, die Natur sei nicht gut, sondern grausam, tückisch und moralisch völlig gleichgültig. Ethik könne also nicht aus der Natur des Menschen abgeleitet werden. Moral sei vielmehr das von Menschen – genauer: von Herrschern – erfundene Schwert, um den Drachen unserer tierischen Herkunft zu töten.<a href="#_ftn9" id="_ftnref9">[9]</a></p>



<p>Bertha von Suttner erkannte jedoch, dass menschliche Zivilisationen, in denen viele Menschen auf engem Raum friedlich zusammenleben, nie hätten entstehen können, wenn sich seit Jahrtausenden stets die destruktivsten Menschen durchgesetzt hätten. Außerdem widersprach es ihrer Lebens­erfahrung, dass ausgerechnet die Männer mit dem höchsten Risiko, in jungen Jahren gewaltsam zu Tode zu kommen, die meisten Nachkommen haben sollten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Affenliebe</h3>



<p>Der Mensch stammt von Affen ab, sagte Darwin. Affen sind uns näher, als wir vorher dachten. Was folgt daraus? Die Antwort hing und hängt davon ab, ob wir unsere äffischen Vorfahren lieben oder nicht. Ob wir das suchen, was wir mit ihnen gemeinsam haben, oder das, was uns trennt. Wer das Gemeinsame suchte wie Bertha von Suttner, die sich später auch vehement gegen Tierversuche einsetzte, sah die Wurzeln unserer Ethik bei den Affen und ethische Werte wie Frieden als Naturerbe und Naturrecht. Wer das Trennende suchte wie wie Papst Innozenz III.,<a href="#_ftn10" id="_ftnref10">[10]</a> Huxley oder Nietzsche, der sah im tierischen Erbe der Menschen die Quelle des Bösen. Diese Haltung wird immer noch vertreten in Form der These, unter dem „dünnen Firniss der Zivilisation“ lauere der „barbarische Kern“ des Menschen, die „blutdürstige Bestie“ – wahlweise gefürchtet oder verehrt.<a href="#_ftn11" id="_ftnref11">[11]</a></p>



<p>Der niederländische Verhaltensforscher <strong>Frans de&nbsp;Waal</strong> (1948–2024) und seine britische Kollegin <strong>Jane Goodall</strong> (1934–2025) suchten wie Suttner nach dem Gemeinsamen. De Waal schloss aus seinen Beobachtungen, zuerst an Schimpansen im Zoo von Arnhem, später an Orang-Utans, Bonobos und Gorillas, dass Empathie und Altruismus und damit die Grundlage von Moral und Kultur auch in den engen sozialen Verbänden der Primaten praktiziert werden. Ja, Affen können „tricksen, lügen und einander betrügen“, aber sie helfen einander oft und sind gut zu ihren Mitaffen – offenbar deshalb, weil so soziale Gemeinschaften entstehen, die allen Beteiligten nutzen. Und auch das Lügen und Betrügen erfordert Empathiefähigkeit, Ansätze einer Theory of Mind, wie wir sie bei Salomo kennen gelernt haben. Bei den Menschen gibt es die alten Rechtsprinzipien „Do ut des“ („Ich gebe, damit du gibst“) und „quid pro quo“ („Dies für das“) – also die Erwägung: Wenn ich jetzt dem Menschen helfe, der in Not ist, dann wird auch mir später wahrscheinlich geholfen, sollte ich in Not geraten. Erfunden haben wir diese Grundlagen unserer Kultur offenbar nicht. Erfunden haben sie die Menschenaffen und vielleicht noch andere Tiere.</p>



<p>Die Bonobos sind wegen ihres lockeren Umgangs mit Sex als »Hippie-Affen« berühmt geworden. Sie haben eine Stellung beim Sex erfunden, bei der sie einander anschauen können – eine Stellung, die auch von vielen Menschen bevorzugt wird. De Waal schlägt vor, sie Bonobostellung zu nennen und den früher üblichen Ausdruck dafür zu vergessen. In dieser Position sehen wir, genau wie die Bonobos, die Freude, die wir der körperlich geliebten Person bereiten, in deren Gesicht, und steigern unsere eigene Freude durch Mitfreude. Die Kölner nennen das »Spass an d‘r Freud«, und viele genießen sie auch am Aschermittwoch und später. Ich deute das Phänomen hier als eine glückliche Verbindung von körperlicher Liebe und Nächstenliebe. (…)</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p>Nächstenliebe habe ich hier definiert als&nbsp; eine starke positive Bindung von Menschen an die Menschen in ihrer Nähe; eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, gerne beieinander zu sein und anderen Menschen nicht aus dem Wege zu gehen. Zuweilen auch dazu, eigene Interessen hintenan­zustellen und sich zuerst darum zu kümmern, dass es der geliebten Person gut geht. In diesem Sinn bildet Nächstenliebe wohl die Philosophie zahlreicher dienstleistenden Berufe – in Gesundheitswesen, Pflege und Körperpflege, im Bildungswesen, in der Beratung und Rechtsberatung, in der Gastronomie. Tatsächlich? Liebt denn ein Arzt seinen Patienten, eine Rechtsanwältin ihre Klientin, eine Modeverkäuferin ihre Kundin? Das erscheint auf den ersten Blick übertrieben. Geht es da nicht zuerst um Routinen des Geldverdienens? Und doch gelten Freundlichkeit und Aufmerksamkeit als beste Praxis in allen Berufen, in denen direkt mit Kundinnen und Kunden, Patientinnen und Klienten gearbeitet wird. Man kann diese Umgangsformen erlernen und professionell vorspielen. Aber wahrscheinlich haben Dienstleister mehr Erfolg, wenn sie den Wunsch, der Kundin oder dem Patienten in einer bestimmten Situation zu helfen, ihr oder ihm etwas Gutes zu tun, zumindest minutenweise zum eigenen Hauptwunsch machen; wenn sie Freude daran haben, einen anderen Menschen zu bedienen und so zu erfreuen. Das ist praktizierte Nächstenliebe. Und die Tür, die uns dort hinführt, ist, so so haben es die meisten Experten beschrieben, die Empathie: unsere Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; E. Fromm: Die Kunst des Liebens (1956). Nach de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kunst_des_Liebens">Die Kunst des Liebens </a>(Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Zur Frage, wie Jesus Mensch und Gott zugleich sein konnte, u.a. Joachim Negel: Ein Mensch schlechthin. Publik-Forum 14/2021, S. 35</p>



<p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Meinrad Limbeck: Abschied vom Opfertod. Das Christentum neu denken. Ostfildern 2012/2018, S. 114</p>



<p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; John Dominic Crossan: Der historische Jesus. München 1994, S. 554. Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Göttingen 1998, S. 266. Beide nach Wikipedia.de: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_von_Nazaret">Jesus von Nazaret</a> (Stand Dezember 2020)</p>



<p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; G. Sartory: Jesus von Nazareth. In: Die Großen, Bd. II, Zürich 1977, S. 241</p>



<p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; E. Lohmeyer: Das Evangelium nach Matthäus. Göttingen 1962, S. 136f. Nach G. Sartory, S. 242</p>



<p><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Waffen_nieder!">Die Waffen nieder!</a> (Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_von_Suttner">Bertha von Suttner</a> (Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. München 2007, S. 134f</p>



<p><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> &nbsp;&nbsp; Der schrieb 1195: „Geschaffen ist der Mensch aus Staub, aus Lehm, aus Asche, und was nichtswürdiger ist: aus ekelerregendem Samen. Empfangen ist er in der Geilheit des Fleisches, in der Glut der Wollust, und was noch niedriger ist: im Sumpf der Sünde.“ (In: Über das Elend des menschlichen Daseins). Zitiert nach „Der Priester auf der Bettkante“. <a href="https://www.beobachter.ch/gesellschaft/r-wie-religion-der-priester-auf-der-bettkante">Beobachter.ch 4.1.2016</a></p>



<p><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> &nbsp;&nbsp; Letzteres bei Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen…“ Jenseits von Gut und Böse, 1. Abhandlung, 11.</p>
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		<title>Der hilfsbereite Mensch: Maß und Ökologie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Dec 2023 20:39:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[IX Das weiche Wasser:Maß und Ökologie von Laozi bis Paech Kapitel IX des Buches Der hilfsbereite Mensch Schon die Gedanken der frühesten Philosophen der Menschheit im alten China kreisten um den Begriff des rechten Maßes, auch Mäßigung genannt. Sie fragten sich, wie Menschen lernen können, Maß zu halten und nicht die Hütte anzuzünden, in der &#8230; <a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch-mass-und-oekologie/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Der hilfsbereite Mensch: Maß und Ökologie“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<h3 class="wp-block-heading">IX Das weiche Wasser:<br>Maß und Ökologie von Laozi bis Paech</h3>



<p><em>Kapitel IX des Buches <a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch/" data-type="post" data-id="890">Der hilfsbereite Mensch</a></em></p>



<p>Schon die Gedanken der frühesten Philosophen der Menschheit im alten China kreisten um den Begriff des rechten Maßes, auch Mäßigung genannt. Sie fragten sich, wie Menschen lernen können, Maß zu halten und nicht die Hütte anzuzünden, in der sie saßen, oder das Land zu verwüsten, von dessen Früchten sie lebten. Seit dem 19. Jahrhundert verwenden wir für die gleiche Achtsamkeit den Begriff Ökologie. Das »rechte Maß« zwischen zwei entgegen­gesetzten Haltungen oder Interessen entsteht durch die individuelle Entscheidung eines durch Schaden klug gewordenen Menschen, oder auch dadurch, dass zwei oder mehrere Menschen sich untereinander über Grenzen des Zugriffs und der Macht einigen. Ökologie bedeutet, Lebewesen als Teile der Umwelt zu sehen, in der und von der sie leben.</p>



<span id="more-1130"></span>



<h3 class="wp-block-heading">Maß und Maßlosigkeit in der Antike</h3>



<p>Im antiken China war es der Philosoph <strong>Laozi</strong>, der um 500 v. Chr. – angeblich ein Zeitgenosse des Konfuzius – in seinem vieldeutigen Buch Daodejing (»Das Buch vom Dao und vom De«) den Gedanken des Maßes diskutiert hat. Der überlieferte Text entstand wahrscheinlich erst im 4. Jahrhundert v. Chr. und begründete den Daoismus, auch Taoismus genannt, eine Mischung aus Philosophie und Religion, in der Laozi später selbst als Gott und kosmische Verkörperung seiner Idee vom Dao auftrat.</p>



<p>Dao und De, die beiden Schlüsselworte des Daodejing, sind schillernde, viel­deutige Begriffe. Dao kann man mit Weg, Sinn, Prinzip oder Lehre übersetzen. De bezeichnet das innere Wesen, die innere Natur, die innere Kraft der Dinge, der Lebewesen und der Menschen. Der zentrale Gedanke des Daodejing, der in den Sprüchen des Buches immer wieder auftaucht, ist für Menschen der europäischen Geistestradition, der Bildung, der Technik, der Gestaltung, der Politik (wie Korff) schwer zu begreifen und zu ertragen: Alles wird gut, wenn wir <em>nichts </em>tun, wenn wir <em>nicht</em> eingreifen, wenn wir <em>nichts</em> erforschen und <em>nichts</em> erkennen. Weil wir Menschen zur Maßlosigkeit neigen, unsere Eingriffe die Balance des Dao stören und ohnehin vergeblich sind, weil sie stets Gegenbewegungen auslösen. Das Dao dagegen drängt von selbst zum Ausgleich aller Kräfte und damit zur optimalen Lösung. Laozi nennt diese Tugend Wu Wei, das Nicht-Handeln. Zugleich ist das Wu Wei vielleicht grundlegend für die notwendige ökologische Wende: Wenn wir es schaffen, weniger zu tun und mehr sein zu lassen, könnte das unsere Rettung und die Rettung der Welt sein.</p>



<p>Wo Laozi praktische Anleitung gab, taucht häufig das rechte Maß auf, zumindest sinngemäß. Ganz wie für unsere heutigen Weltprobleme gemacht erscheint Laozis Kritik des maßlosen Wirt­schaftswachstums­ in § 15 des Daodejing:<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a></p>



<p><em>Wer das Dao bewahrt, begehrt nicht Überfülle / Wer nicht Überfülle begehrt / kann erhalten, ohne Neues zu schaffen.</em></p>



<p>Das verweist bereits auf Niko Paechs Botschaft um 2010: Wir können Wohlstand erhalten auch ohne iPhone 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21… In § 43 empfiehlt Laozi den Menschen, ihre Eisen stecken zu lassen und nicht gegen die Natur einzusetzen: (&#8230;)</p>



<p><em><strong>Das Kapitel ist noch nicht öffentlich verfügbar</strong></em> <strong><em>&#8211; aber schon kommentierbar.</em></strong></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Laudse: Daudedsching. Aus dem Chinesischen übersetzt v. Ernst Schwarz. Leipzig 1978. – Die deutschen Schreibweisen für die chinesischen Namen differieren. Laozi wird auch als Laotse oder Laudse geschrieben.</p>
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			</item>
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		<title>Korff liest Luise Rinsers Roman »Mirjam« (BRD 1983)</title>
		<link>https://jejko.de/korff-liest-luise-rinsers-roman-mirjam-brd-1983/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 May 2023 09:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Korffs gekräuselte Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Romane]]></category>
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					<description><![CDATA[Der historische Roman erzählt die Jesusgeschichte aus dem Blickwinkel von Mirjam (Maria von Magdala), die als Ich-Erzählerin auftritt und in Rückblicken ihre Lebensgeschichte erzählt, darin vor allem die drei Jahre, die sie als Jüngerin des Rabbis Jeschua (Jesus von Nazareth) verbracht hat. Die Autorin bietet dabei eine ungewöhnliche Deutung der Rolle des Judas (im Roman: Jehuda) an. ]]></description>
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<p>Der historische Roman erzählt die Jesusgeschichte aus dem Blickwinkel von Mirjam (Maria von Magdala), die als Ich-Erzählerin auftritt und in Rückblicken ihre Lebensgeschichte erzählt, darin vor allem die drei Jahre, die sie als Jüngerin des Rabbis Jeschua (Jesus von Nazareth) verbracht hat. Die Autorin bietet dabei eine ungewöhnliche Deutung der Rolle des Judas (im Roman: Jehuda) an. Während sie erzählt, Jahrzehnte nach Jesu Kreuzigung, lebt sie als Einsiedlerin in einer Höhle.</p>



<span id="more-1269"></span>



<p>Mirjam war die Tochter und Erbin eines reichen jüdischen Händlers. Sie hat schon in jungen Jahren eine zufällige Begegnung mit dem jungen Jeschua, der sie sofort fasziniert. Nach dem Tod ihres Vaters machte sie sich, begleitet von einer Sklavin, auf den Weg zu den Berghöhlen, in denen sich die Essener verborgen hielten, die Anhänger einer jüdischen Sekte, die das nahe Ende der Zeit erwarteten und die Menschen zur Buße aufriefen. Mirjam erlebte zufällig den Moment mit, an dem sich Jeschua vom Prediger Jochanan (Johannes dem Täufer) im Jordan taufen ließ. Jochanan erkannte dabei, dass Jeschua der Messias ist. Während Mirjam in einer Höhle übernachtete, versteckte sich dort eine Gruppe von jüdischen Zeloten (Freiheitskämpfern), die die Römerherrschaft gewaltsam abschütteln und jene Juden bestrafen wollten, die mit den Römern kooperierten. Einer von ihnen steckte Mirjam einen Dolch zu, um sie für den bewaffneten Guerillakampf zu gewinnen. Mirjam war beeindruckt davon, dass unter den Kriegern auch Frauen waren. Sie irrte dann wie eine Besessene umher und begegnete eines Tages in einem Hohlweg einer kleinen Gruppe Männer, darunter Jeschua. Sein Blick ließ sie in Ohnmacht sinken, und sie schlief drei Tage und Nächte, wachte wieder auf und fühlte sich leicht wie ein Grasbüschel. Sie glaubte später, dass Jeschua sie von ihrer Besessenheit geheilt habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Das Friedensmahl (56f)</strong></h3>



<p>Mirjam erzählt von ihrem ersten Abendessen mit Jeschua und seinen damals sechs Anhängern:</p>



<p>„Da kamen die anderen zurück, die Fische wurden gebraten, die Wildkräuter gegessen, das Quellwasser getrunken, ein Bauernmahl, ein Fischermahl. Doch fiel mir eines auf: ehe man zu essen begann, nahm der Rabbi den Brotfladen, teilte ihn in acht Teile und gab jedem von uns den Bissen auf die Hand. Eine einfache Geste, doch Bedeutung war darin und Feierlichkeit…</p>



<p>Schön war dieser erste Abend an der Feuerstätte. Voller Frieden. Als gäbe es weder Römer noch Aufständische, weder Herren noch Knechte, weder Reiche noch Arme, nicht Männer noch Frauen, nicht Gelehrte noch Ungelehrte, nur Brüder, und nichts als Frieden. Diesen Frieden also hatte der Rabbi zu bieten. / Für diesen einen Abend war das Friedensreich Wirklichkeit.“ (56f)</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Die Gleichnisse Jeschuas</strong> (Jesu)</h3>



<p>Jeschua erzählte: Der Bauer, der seine Körner zum Teil auf den Weg, auf den Fels, ins Dornicht und auf fruchtbaren Boden sät (84). Der Gastgeber, der erst Nachbarn zum Festmahl einlädt, die aber alle absagen, und dann Bettler von der Straße einlädt (85). Die Jünger erkannten, dass die Körner für Jeschuas Worte an die Menschen stehen, diskutierten aber kontrovers darüber, ob ein Bauer so dumm sein könne, sein Korn auf Fels oder ins Gestrüpp zu säen, oder ein Gastgeber so dumm, Leute einzuladen, deren Absagen absehbar waren. [Wobei alle Gleichnisse Jeschuas Geschichten erzählen, die physisch und logisch möglich sind.] Jeschua betonte oft, dass die Einwände der Jünger zu kurz gedacht seien:&nbsp; Es gebe nicht nur einen Erntesommer, sondern viele; kein Korn sei vergeblich gesät.</p>



<p>Jochanan (der Apostel Johannes) sagte in der Diskussion mit Mirjam: „Derjenige, der wieder schlägt, weiß nicht, dass er sich selber schlägt.“ (92) Mirjam hielt diesen Standpunkt für unrealistisch, weil die Gewaltherrschaft so nicht verschwinden könne. Doch später erkannte sie: „Der Rabbi wollte uns ein Bild vom Friedensreich geben: ein Friedensmahl, ein Liebesmahl.“ (96)</p>



<p>Die Schriftgelehrten stellten Jeschua eine Falle, indem sie ihn um ein Urteil über eine Ehebrecherin baten. Er sollte sich im Widerspruch verfangen, dass er einerseits die jüdischen Gesetze anerkannte, darunter die Todesstrafe durch Steinigung für Ehebrecherinnen, andererseits Liebe und Duldung als einzige Gebote predigte (102). Jeschua löste das Dilemma, indem er lange schwieg, die versammelten Steinewerfer und die Delinquentin warten ließ, und schließlich sagte: „Derjenige unter euch, ihr Männer, der ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Keiner tat es. Jeschua hatte dem jüdischen Gesetz Genüge getan und zugleich dafür gesorgt, dass das Urteil nicht vollstreckt wurde.</p>



<p>In einer Diskussion um das Recht zur Ehescheidung (105f) wies Jeschua darauf hin, dass die geschiedene Frau keine Chance mehr habe, einen neuen Mann zu bekommen, während der geschiedene Mann sich eine jüngere Frau nehmen könne. Die Schriftgelehrten argumentierten, keine Qual könne größer sein als die, die eine boshafte alte Ehefrau ihrem Ehemann bereite. Jeschua konterte mit der Frage, was in einem solchen Fall der Ehemann dazu beigetragen habe, dass seine Frau so boshaft wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Jeschuas Bergpredigt (130-33)</strong></h3>



<p>Jeschua predigte der versammelten Menge: „Kein Herr wird mehr über euch sein und euch zu Unfreien machen. Die Schuldtürme öffnen sich die Schulden werden gelöscht. Der Herr umarmt den Knecht, und es wird fürder weder Herren noch Diener geben, weder Reiche noch Arme. Jeder wird haben, was er braucht… Ein jeder ist Bruder und Diener des andern.“ (131)</p>



<p>Nach der Bergpredigt wurde Jeschua von einer großen Menge Kranker überrannt, die geheilt werden wollten. Jehuda (Judas) kassierte insgeheim von den Reichen unter den Kranken eine Gebühr (135). Als Jeschua das bemerkte, entriss er Jehuda den Beutel und warf das Geld in die Menge. Die Menschen balgten sich um die Münzen. Jeschua kommentierte: „Was wollt ihr von mir? Heilung eurer Leiden? Dies ist euer Leiden: das Habenwollen!“</p>



<p>Einer schrie: „Sag das den Reichen! Wir haben doch nichts.“</p>



<p>Jeschua: „Rede ich vom Haben? Vom Haben-Wollen rede ich. Ihr habt nicht, doch wollt ihr haben, nichts als haben. Und hättet ihr, wär’s immer nicht genug. Reich oder arm: Alle seid ihr krank. Eure Wünsche sind krank, eure Seelen sind krank, darum sind eure Körper krank.“ (136)</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Die Rolle Jehudas (Judas‘) und der beiden Volksmengen</strong></h3>



<p>Rinser alias Mirjam bietet eine ganz andere, geradezu entgegengesetzte Interpretation der Judasrolle an als Tim Rice in »Jesus Christ Superstar«. Rice sieht Judas&nbsp;als Reformisten, der eine Konfrontation mit den Hohenpriestern und der römischen Besatzungsmacht vermeiden wollte, um länger wohltätig bei den Armen und Kranken wirken zu können. Er sammelte Geld, um es an die Armen zu verteilen. Rinser sieht Jehuda (Judas) als &nbsp;getarnten Zeloten, als antirömischen Revolutionär, der insgeheim Geld sammelte, um die bewaffneten Aufständischen zu unterstützen. Doch wie konnte ein Revolutionär zum Verräter werden?</p>



<p>Es gehört zum Spannungsbogen des Buches, dass diese Frage bis zum Gründonnerstag ungeklärt bleibt. Wer es jetzt schon wissen will, dem sei es hier gesagt: Jehuda hoffte darauf, dass sich Jeschua am Palmsonntag&nbsp;in Jerusalem an die Spitze des Aufstands stellen würde. Er hatte den Aufmarsch der Jeschua-Anhänger vorab organisiert. Doch sein Plan scheiterte an zwei Stellen: Bar Abbas (der Räuber Barrabas), Anführer der bewaffneten Aufständischen, wurde kurz vorher verhaftet; und Jeschua rief die Menge weiterhin nicht zum Aufstand gegen die Römer auf. In seiner Not verfiel Jehuda auf eine List, die Jeschua zwingen sollte, sich zum Aufstand zu bekennen: Er sorgte dafür, dass Jeschua verhaftet wurde, und mobilisierte die Menge, die am Karfreitag dem öffentlichen Prozess bei Pilatus beiwohnte. Es waren Anhänger des Aufständischen Bar Abbas. Jehuda zerbrach jedoch an den schrecklichen Folgen seiner List und beging am Morgen des Karfreitag Suizid. Die Aufständischen entschieden sich, von Pilatus gefragt, für die Freigabe ihres Anführers Bar Abbas und damit gegen Jeschua, der ja auch gar nicht um sein Leben kämpfte.</p>



<p>Ob die beiden Volksmengen am Palmsonntag und am Karfreitag die gleichen oder andere Leute umfassten, bleibt bei Rinser unklar. Sie lässt die Deutung zu, dass die Palmsonntagsmenge überwiegend aus friedfertigen Kritikern der Hohenpriester bestand, die Karfreitagsmenge dagegen überwiegend aus Anhängern des bewaffneten Aufstands gegen die Römer. Ich wiederum sehe in der zweiten Menge eher Anhänger der Hohenpriester, die am Palmsonntag zu Hause geblieben waren, während die Palmsonntags­leute an Karfreitag zu Hause blieben. In beiden Fällen bleibt es ein Denkfehler oder eine Verleumdung, den Leuten der Menge zu unterstellen, sie hätten zuerst »Hosianna!« und dann »Kreuzige ihn!« gerufen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Das letzte Abendmahl (267-71)</strong></h3>



<p>Jeschua wollte Schimon (Simon Petrus) die Füße waschen und danach allen anderen zehn Jüngern (Jehuda war schon weg) und Mirjam. Schimon wehrte das ab, und Jochanan machte eine Bemerkung über die heidnischen Saturnalien, bei denen Herren und Knechte die Rollen tauschen. Jeschua erwiderte: „Für uns aber ist es ein Zeichen des Neuen Bundes zwischen Gottheit und Menschheit, also zwischen Mensch und Mensch. In meinem Reich gibt es nicht Diener noch Herren, nicht Reiche noch Arme, nicht Mächtige und Ohnmächtige. In meinem Reich ist einer der Diener des andern. Auf diesem Wort steht mein Reich und steht der Friede dieser Erde.“ (268)</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Das Feuer (316)</strong></h3>



<p>Jochanan (Johannes der Apostel) sagte in einer Diskussion mit Mirjam, die immer noch zuweilen an einen Aufstand (die Revolution) glaubte und dabei die Geschichte von Prometheus und dem Feuer erwähnte: „Wie schwer es dir und uns allen fällt, vom alten Bild uns zu lösen: Zeus, Jupiter, Adonai: gewaltige Herren, strenge Richter, harte Väter. Jeschua brauchte das Feuer nicht einem eifersüchtigen Gott zu rauben: er beraubte sich selbst, er ist das Feuer, und dieses Feuer ist Geist, und wer es in sich brennen läßt, ist göttergleich.“ (316)</p>
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		<title>Der hilfsbereite Mensch: Gastfreundschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Mar 2023 17:53:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Der heilige Gast &#8211; ein Kapitel im Buchprojekt Der hilfsbereite Mensch. Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen &#8211; vorausgesetzt, er hat die Reise überlebt. Selbstverständlich ist das nicht, denn Fremdlinge sind im anderen Land praktisch schutzlos. Doch schon im antiken Griechenland sind Menschen in friedlicher Absicht von Stadt zu Stadt gereist und &#8230; <a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch-gastfreundschaft/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Der hilfsbereite Mensch: Gastfreundschaft“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Der heilige Gast</strong> &#8211; ein Kapitel im Buchprojekt <strong><a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch/" data-type="post" data-id="890">Der hilfsbereite Mensch</a></strong>. </p>



<p>Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen &#8211; vorausgesetzt, er hat die Reise überlebt. Selbstverständlich ist das nicht, denn Fremdlinge sind im anderen Land praktisch schutzlos. Doch schon im antiken Griechenland sind Menschen in friedlicher Absicht von Stadt zu Stadt gereist und haben Menschen in anderen Städten besucht. Es war gefährlich, die Schutzgemeinschaft des Heimatortes zu verlassen und sich alleine in die Fremde zu wagen, aber oft waren Neugier und der Drang, neue Handelspartner oder ein neues Publikum zu finden, stärker, oder die Reisenden waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die meisten haben es überlebt, und inzwischen ist Tourismus eines der größten Gewerbe der Welt. Doch in den Komplex der Gastfreundschaft gehören auch die heiß umstrittenen Fragen, welche Fremden man in seinem Haus, etwa dem europäischen, willkommen heißen soll, und wie Gäste sich im fremden Haus benehmen sollen. Der Athener Philosoph Platon war um 360 v. Chr. einer der ersten, der sich genauer über das Verhältnis von Einheimischen und Fremden, von Gastgebern und Gästen geäußert hat. Dabei waren sogleich die Götter im Spiel.</p>



<p class="has-small-font-size"><em>Foto: DobryBrat, CC BY 3.0 <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0">https://creativecommons.org/licenses/by/3.0</a>, via Wikimedia Commons</em></p>



<span id="more-1037"></span>



<p><strong>Platon</strong> hat in seinen literarisch gestalteten Dialogen die Art, wie sein Lehrer <strong>Sokrates </strong>seine Gedanken im Gespräch entwickelte, meisterhaft fest­gehalten und gestaltet. Die Forscher gehen davon aus, dass er in einigen dieser Dialoge der Figur des Sokrates gerne seine eigenen philoso­phischen Gedanken in den Mund gelegt hat – darunter auch die drei berühmten Gleichnisse, das Sonnengleichnis, das Liniengleichnis und das Höhlengleichnis.</p>



<p>In seinem Werk »Nomoi« (»Gesetze«) ließ Platon einen der drei fiktiven Gesprächspartner, den »Athener«, auf das göttliche Gebot der Gastfreundschaft eingehen:</p>



<p><em>Sodann bedenke man, dass die Pflichten gegen Gastfreunde und Fremdlinge hochheilige sind. Denn sie und die Vergehen gegen sie stehen fast alle noch mehr als die Verhältnisse zu unseren Mitbürgern unter der strafenden Obhut der Gottheit, weil man in der Fremde ohne den Schutz von Freunden und Verwandten und darum ein Gegenstand größeren Mitleids für Menschen und Götter ist. Wer aber mächtiger ist zu strafen, der ist auch bereitwilliger zu helfen, und jene Macht nun besitzen in hohem Grade die gastlichen Dämonen und Götter, welche zum Gefolge des gastlichen Zeus gehören&#8230; Kein größeres Vergehen gegen Fremde wie gegen Einheimische aber gibt es als eine Versündigung gegen Schutzflehende. Denn der Gott, welchen der Schutzflehende zum Zeugen der Zusagen nahm, hütet und wacht in hohem Maße darüber, was demselben begegnet, und was ihm daher auch Übles widerfährt; es wird ihm niemals der Rächer fehlen.</em></p>



<p>Dieses Gebot umfasste auch eine Art Asylrecht. Wer aus seiner Heimatstadt verbannt wurde und als Fremdling in ein anderes Land kam, war einerseits besonders gefährdet, da er kein eigenes Haus und keine Angehörigen hatte, die ihn hätten schützen können. Andererseits stand er nach den religiösen Geboten der Griechen und vieler anderer Völker gerade deshalb unter einem besonderen Schutz der Götter. Wer die Schwäche des Fremdlings ausnutzte und ihn ausraubte oder tötete oder ihm auch nur das dringend benötigte Obdach verweigerte, der musste, so glaubte man, mit göttlichen Strafen rechnen. Die Gastgeber fühlten sich sogar verpflichtet, ihren Gast gegen Angreifer zu verteidigen. Allerdings waren diese Pflichten in der Regel zeitlich begrenzt.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p>Auch im <strong>Alten Testament</strong>, im Tanach des Judentums, kommt das Thema vor, namentlich in der Szene, in der Abraham drei Fremde gastlich bewirtet, die sich später als göttlicher Besuch entpuppen:</p>



<p><em>Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittags­hitze am Zelteingang. Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei! Man wird etwas Wasser holen; dann könnt ihr euch die Füße waschen und euch unter dem Baum ausruhen. Ich will einen Bissen Brot holen und ihr könnt dann nach einer kleinen Stärkung weitergehen; denn deshalb seid ihr doch bei eurem Knecht vorbeigekommen. Sie erwiderten: Tu, wie du gesagt hast.</em></p>



<p>Es blieb nicht beim Brot, Abraham ließ ein Kalb für die Gäste schlachten und Kuchen backen – zum Glück hatte er Knechte zur Verfügung; seine Frau Sara kümmerte sich um den Kuchen. Nach dem Essen verwandelten sich die drei Gäste in den Herrn persönlich, und dieser verkündete Abraham und Sara, sie würden innerhalb eines Jahres einen Sohn bekommen. Alsbald begab sich der Herr, wieder in Gestalt der drei Männer, nach Sodom, um die als sittenlos verrufene Stadt mitsamt ihrer Bewohner zu vernichten. Da Abraham für die vielleicht fünfzig, vielleicht zehn Gerechten, die man in Sodom finden könne, eintrat, ließ sich der Herr auf ein Experiment ein und schickte zunächst seine beiden Engel nach Sodom, um die dortige Handhabung des Gastrechts zu testen. Sie wurden von Lot gastlich empfangen und aufgenommen. Als nun böse Nachbarn in der Nacht das Haus Lots belagerten und die Herausgabe der Fremden verlangten, sah sich Lot genötigt, dem Mob zwei seiner jungfräulichen Töchter zur freien Verfügung anzubieten, wenn sie im Gegen­zug seine heiligen Gäste in Frieden ließen. Dazu kam es dann doch nicht, denn die Engel des Herrn ließen die Angreifer erblinden.</p>



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<p>Der römische Dichter <strong>Ovid</strong> (Publius Ovidius Naso) erzählte um die Zeitenwende im 8. Buch der »Metamorphosen« die Geschichte von Philemon und Baucis,<a href="#_ftn1" id="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> die große Ähnlichkeit hat mit der Geschichte von Abraham in Mamre und von Lot in Sodom. Göttervater Zeus war mit seinem Begleiter Hermes in sumpfigem Gelände in Phokis auf der Suche nach einer Herberge. Als sie eine Stadt erreichten, wiesen alle Bewohner, bei denen sie anklopften, die in Menschengestalt daherkom­menden Götter ab – nur ein armes, sehr altes Paar, Philemon und Baucis, öffnete den Fremden seine bescheidene Hütte am Stadtrand, schürte das Feuer im Herd, breitete Decken für ein Lager aus, unterhielt die Gäste und tischte ihnen ein Gastmahl auf, dessen Leckerbissen Ovid genießerisch aufzählt:</p>



<p><em>Oliven der keuschen Minerva, doppelgefärbte, dann herbstliche Kornelkirschen, in flüss’ge Hefe gelegt, Endivien und Rettich, Käse und Eier, die man nur leicht in nicht mehr glühender Asche gewendet, alles in irdnen Gefäßen&#8230; Trägt man ein wenig beiseite: der Nachtisch erhält seine Stelle. Da gibt‘s Nüsse und Feigen, vermischt mit runzligen Datteln, Pflaumen sind da und duftende Äpfel, gebettet in weiten Körbchen, und Trauben, von purpurnen Reben gepflückt; in der Mitte prangt eine glänzende Wabe von Honig. Zu allem gesellen freundliche Mienen sich bei und ein guter, nicht geizender Wille.</em></p>



<p>Als der Weinkrug nicht zur Neige gehen wollte und sich immer neu füllte, bemerkten die beiden Alten das Wunder und erkannten Götter in ihren Gästen. Zeus bat seine Gastgeber, mit den Gästen die Hütte zu verlassen, denn der ganze Ort mit seinen Bewohnern sollte zur Strafe für die Abweisung der beiden Fremden im Sumpf versinken, mit Ausnahme der Hütte der beiden gastfreundlichen Alten. Diese verwandelte sich in einen Tempel, in dem Philemon und Baucis bis zu ihrem Lebensende Dienst tun durften. Wie sie sich das gewünscht hatten, starben die Alten gleichzeitig, während sie auf den Tempelstufen saßen und sich liebevoll unterhielten, und verwandelten sich in eine Eiche und eine Linde, die weiterhin&nbsp; beieinander standen.</p>



<p>Misanthropen mögen einwenden, dass sowohl in Sodom als auch in Phokis die ungastlichen Menschen nach der Überlieferung in der Mehrheit waren. Doch Menschenfreunde können kontern: Wenn Gott oder die Götter die kulturelle Selektion repräsentieren, dann wurden die Ungastlichen peu à peu ausgerottet (Sodom!), und die Gastlichen blieben übrig. Wer der Meinung ist, dass Religionen die Menschen nur in die Irre geführt haben, stößt hier auf ein markantes Gegenbeispiel: die Idee göttlicher Gebote, die eine so vernunftgeleitete Tätigkeit wie das Reisen überhaupt erst möglich gemacht haben. Es bleibt allerdings als Abgrund des Gastrechts das schreckliche Angebot Lots an die Bela­gerer, ihnen seine Töchter zur gefälligen Vergewaltigung auszuliefern, wenn sie seine Gäste verschonten.</p>



<p>Auch später haben Dichter und Schriftsteller gerne die Verpflichtungen von Gastfreund und Gast und die göttliche Rache an Schändern des Gastrechts gestaltet: so Friedrich Schiller in der Ballade »Die Kraniche des Ibykus«, <strong>Conrad Ferdinand Meyer</strong> in der Ballade »Die Füße im Feuer« oder Albert Camus in der Erzählung »Der Gast«. &nbsp;Der Schweizer Meyer lebte von 1825 bis 1898 in Zürich. Seine Ballade erschien 1882 und spielt in der Zeit der Hugenottenkriege in Frank­reich (1562–1598). Ein Kurier des Königs sucht während eines Unwetters Schutz in einem Schloss, das am Wege steht. Man nimmt ihn gastlich auf, doch beim Anblick des Kaminfeuers erinnert sich der Gast plötzlich daran zurück, wie er genau dort einst im Krieg die Frau des Schlossherrn zu Tode gefoltert hatte: Er hatte ihre Füße ins Feuer gehalten. Der schweigsame Schlossherr lässt sich nichts anmerken. In seinem Schlafgemach wird der Kurier von Bildern der zuckenden Füße im Feuer verfolgt. Er weiß nicht, ob der Schlossherr ihn erkannt hat, und schließt sich ein. Am anderen Morgen tritt der Schlossherr durch eine verborgene Tür ein; er hätte seinen Gast also leicht angreifen können. Sein braunes Haar ist über Nacht ergraut. Er begleitet den Kurier noch ein Stück, dieser verabschiedet sich mit dem Lob, dass der Schlossherr dem Mann des Königs gegenüber beson­nen geblieben sei. Der Schlossherr erwidert:</p>



<p><em>„Du sagst’s! Dem größten König eigen! Heute ward</em><br><em>Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir</em><br><em>Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.“</em></p>



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<p>Der französische Philosoph <strong>Jacques Derrida</strong> (1930–2004) beschäftigte sich 2002, im Jahr nach dem Massenmord von Manhattan, mit der Gastfreundschaft. Er meinte damit vor allem den Umgang der Staaten mit Migrantinnen, Migranten und Flüchtlingen, bezog sich aber auch darauf, dass sich der Rahmen der Gastfreundschaft verschiebt, wenn die Telekommu­nikation der Menschen die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben durchlässig macht und in Frage stellt. Derrida beobachtete ein Paradox seiner Zeit:</p>



<p><em>Ich denke, die Globalisierung hat zu einer nationalistischen und fremdenfeindlichen Reaktion geführt. Dieser Umschlag hat seinen Grund in der erhöhten Bewegungsfreiheit – in der erleichterten Überquerung der Grenzen und im verbesserten Zugang zu den Kommunika­tionsnetzen. Dieser Zustand gilt seit dem Schengener Abkommen, das zwar die Liberalität im Inneren verbessert, aber auch die Repression nach außen verstärkt hat. Selbst im Inneren gibt es Menschen, die sogar vor der Bewegungsfreiheit von Europäern Angst haben.</em></p>



<p>Überall wo die Privatsphäre verletzt werde, könne eine Reaktion eintreten, die die eigene Familie, das eigene Volk, die eigene Nation ins Zentrum stelle. Die politischen Auswirkungen seien fatal:</p>



<p><em>Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass diejenigen, die für die ökonomische Globalisierung – für eine Öffnung der Grenzen und eine bessere Zirkulation der Waren – eintreten, dieselben sind, die die Grenzen für die Immigranten schließen wollen. Die Liberalisierungen kommen also mit einer Einschränkung der Gastfreundschaft einher…</em></p>



<p>Bezogen auf Fremde, auf Migrantinnen und Migranten, unterschied Derrida zwischen zwei Formen der Gastfreundschaft:</p>



<p><em>Zunächst gibt es die reine, unbedingte Gastfreundschaft, was bedeutet, dass jeder unterschiedslos aufgenommen wird. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen politischen Begriff. Schließlich gibt es die bedingte Gastfreundschaft, die eine politische und rechtliche Dimension hat. Sie besagt, dass die Grenzen unter bestimmten Bedingungen bestimmten Exilanten offen stehen. Als Recht kann sie so formuliert werden, dass sie nicht nur den gegebenen Gesetzen entspricht, sondern auch allgemeinen Verträgen, die die Emigranten und die politisch Verfolgten schützen.</em></p>



<p>Derrida forderte, die Verträge so zu ändern, dass Emigranten und politisch Verfolgte besser geschützt werden.</p>



<p><em>Unter bestimmten Gesichtspunkten muss ihnen erlaubt sein, während ihres Aufenthalts in dem Gastland, ihre Tradition, ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Religion zu bewahren. Dieses schwierige Problem verlangt nach politischen Entscheidungen und nach einer politischen Verantwortlichkeit.</em></p>



<p>Derrida sah die damit verbundenen Probleme, die im zentralisierten Staat Frankreich mit seiner starken Tendenz, die Kultur im ganzen Land zu verein­heitlichen, noch deutlicher zu Tage treten als im föderalistischen Deutschland. Er plädierte aber für liberalere Regelungen zugunsten von Flüchtlingen im Sinne des traditionellen Gastrechts.&nbsp;</p>
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		<title>Die Hängebuche im Ravensberger Park zu Bielefeld</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Dec 2022 15:12:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Leseprobe zum Buchprojekt &#8222;Teutoblicke&#8220; : Die schönsten Bäume Ostwestfalens und Lippes und die Landschaften am Teutoburger Wald. Porträts, Betrachtungen, Geschichten.  / Von Jens Jürgen Korff Sie ist ohne Zweifel der ungewöhnlichste und vielleicht rundlichste Baum in dem rechteckigen Park, der sich östlich der wie eine quaderförmige Burg angelegten Ravensberger Spinnerei und ihres schlanken, kantigen Turms &#8230; <a href="https://jejko.de/die-haengebuche-im-ravensberger-park/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Die Hängebuche im Ravensberger Park zu Bielefeld“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p>Leseprobe zum Buchprojekt <strong>&#8222;Teutoblicke&#8220; : Die schönsten Bäume Ostwestfalens und Lippes und die Landschaften am Teutoburger Wald. Porträts, Betrachtungen, Geschichten.  / Von Jens Jürgen Korff</strong></p>



<span id="more-984"></span>



<p>Sie ist ohne Zweifel der ungewöhnlichste und vielleicht rundlichste Baum in dem rechteckigen Park, der sich östlich der wie eine quaderförmige Burg angelegten Ravensberger Spinnerei und ihres schlanken, kantigen Turms erstreckt.</p>



<p>Doch sie hält sich vornehm ein wenig zurück, drängt sich optisch nicht in den Vordergrund, weil sie nicht so hoch ist wie die stattliche und runzlige Platane vor dem Lichtwerk oder die knorrige Eiche an der Heeper Straße mit ihren wunderlich geschraubten Ästen. Um so mehr geht ihre schopfartige Krone in die Breite. Kommt man von Osten, vom Museum Hülsmann her auf die rechteckige Hauptfläche des Parks, hat man den schönsten Fernblick auf die Hängebuche, wenn man auf dem Weg entlang dem kleinen Lorengleis Richtung Hechelei geht und unter einem Spitzahorn stehen bleibt, in Höhe des Hülsmannschen Gartens. Von hier gesehen türmt sich die Krone der Hängebuche wie ein Berg aus abgerundeten grünen Felsen oder wie ein grüner Wasserfall auf. Ganz oben sitzt das für Hängebuchen typische Krönchen aus kahlen, umgekehrt U-förmig gebogenen Ästen: Das ist die Stelle, an der die Aufwärtsbewegung des Stamms bricht und in die Abwärtsbewegung der Äste übergeht, wie das obere Ende einer Fontäne. Und manchmal sitzt oben drauf noch eine Taube und genießt die Abendsonne.</p>



<p>Kommt man von der Raspi her, wie die alte Fabrik und jetzige Volkshochschule im Volksmund genannt wird, steht sie quer über dem Weg, der am niedrigen Seitenflügel mit dem Ordnungsamt vorbeiführt. Hier lohnt es sich, am ersten Treppenaufgang ganz nah an die Mauer heranzutreten und den Baum von dort zu betrachten. Jetzt sieht sie aus wie die Haarpracht eines Mädchens: rechts über dem Weg das Pony, nach links ausladend der Anfang des Pferdeschwanzes; eine Strähne hat sich dem Haarband entzogen und steht störrisch nach oben ab. Das Pony wird regelmäßig geschnitten, damit es den Passanten nicht ins Gesicht hängt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Treten Sie ein!</h2>



<p>Hängebuchen haben eine Haut. Fast alle Blätter befinden sich in der Außenkontur des Baumes, die etwas scheckig aussieht, weil die Blattunterseiten heller sind als die Blattoberseiten. Es sind gewöhnliche, eiförmige Buchenblätter mit leicht gesägtem Rand. Nach unten, zum Boden hin, laufen die Äste in girlandemartige dünne Zweige aus, an denen die Blätter hängen wie Korallen in einer Korallenkette. In eine Hängebuche tritt man ein: Man schlägt den Vorhang der Zweige auseinander und betritt einen grünen Saal. Rabu, die Hängebuche, lädt Sie zum Verweilen ein.</p>



<p>Im Innern der Kuppel ist es auch an heißen Sommertagen frisch und luftig. Durch die Blätterhaut glitzert grün-golden die Sonne. In dieser heimeligen Atmosphäre traten im Juni 2007 die „Leptophonics“ auf, zwei Bielefelder Saxophonisten. Das ganze interessierte Publikum hatte Platz unter der Hängebuche. Anlass war das 20jährige Jubiläumsfest der Feuerwerker von „FlashArt“, die später am Abend natürlich auch noch eine ihrer genialen Feuershows an den Himmel gezaubert haben. Hoffentlich hatten die Bäume keine Angst dabei.</p>



<p>Der Stamm ist nach Buchenart glattborkig, und nach Menschenart haben sich frühere Besucher dieses Separées im Park mit Schnitzereien verewigt. Wer zur Empathie mit Bäumen fähig ist, empfindet den Schmerz unter den Narben, ehe er versucht, nach Menschenart, die Zeichen zu deuten:</p>



<p>H – WG – RN (in einem Herzen) – LF – RMLM – C. – M.</p>



<p>Schau an: Rainer Müller und seine Frau, die sprichwörtliche Lieschen Müller, waren hier. Außerdem zwei der drei Könige aus dem Morgenland sowie eine komplette Wohngemeinschaft aus Hannover. Lukas und Fabian, zwei Schwule. Et à la fin: René und Natalie, die Liebenden vom Arbre vert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Kindheitstrauma</h2>



<p>Unten, nah am Boden, umringt ein merkwürdig aufgebrochener Wulst den ganzen Stamm. Das ist eine große Narbe aus der Kindheit der Buche, ein Kindheitstrauma: Wurzel und Stammbasis sind der Rest einer gewöhnlichen Buche, die ein Baumzüchter in früher Jugend brutal geköpft hat. Auf den aufgespaltenen Stumpf pfropfte er damals den Zweig einer Hängebuche auf: Das heißt, er steckte den angespitzten Zweig in den Spalt des Stumpfes hinein, und der „Edelreis“ – so belieben sich Baumzüchter auszudrücken – verband sich mit der „Unterlage“ zu einem neuen, „veredelten“ Baum. Viele Zuchtformen der Bäume lassen sich nur auf diese Weise, das sog. Pfropfen, vermehren, da die angezüchteten Eigen­schaften – in diesem Fall die Hängewüchsigkeit der Zweige – bei der geschlechtlichen Vermehrung nicht weitervererbt werden.</p>



<p>Mit gutem Grund: Denn eine Hängebuche wäre in freier Wildbahn, in einem Buchenwald, nicht überlebensfähig. Sie würde von den Nachbarbäumen überragt und „ausgeschattet“; außerdem würden Ziegen, Wisente, Pferde und andere Tiere die herunterhängenden Zweige abfressen. Das dürfte neben den Licht- und Schattenverhältnissen der Grund sein, weshalb Bäume von Natur aus dazu neigen, ihre Blätter erst mehrere Meter über dem Boden zu entfalten. Gegen diesen Drang haben die Züchter der Hängebuche „angezüchtet“. Ihre Zöglinge müssen die Gärtner immer schön alleine im Park stehen lassen und vor Ziegenfraß schützen.</p>



<p>Wenn wir am Stamm weiter nach oben schauen, sehen wir, wie er sich schön verzweigt – etwas stärker als bei gewöhnlichen Buchen üblich. Ganz oben dann der schon erwähnte Umbruch der Aufwärts- in die Abwärtsbewegung der Äste. Solche Umbruchstellen, an denen die kahlen Hauptäste nach außen treten, finden wir auch weiter außen und unten an den Ästen.</p>



<figure class="wp-block-table has-small-font-size"><table><tbody><tr><td>Ort</td><td>Bielefeld: <a href="https://www.ravensberger-park.de/">Ravensberger Park</a> (an der Heeper Straße), vor dem Ordnungsamt</td></tr><tr><td>Baumart</td><td><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4nge-Buche">Hänge-Buche</a> (Trauer-Buche), Fagus silvatica f. pendula, eine Zuchtform der Gewöhnlichen Buche, Fagus silvatica</td></tr><tr><td>Gepflanzt</td><td>Um 1910</td></tr><tr><td>Stammumfang</td><td>?</td></tr><tr><td>Höhe</td><td>?</td></tr><tr><td>Besitzer</td><td>Stadt Bielefeld, vertreten durch den <a href="https://service.bielefeld.de/detail/-/vr-bis-detail/einrichtung/103155/show">Umweltbetrieb der Stadt Bielefeld</a></td></tr></tbody></table></figure>
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		<title>Mensch und Kraut</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2022 21:49:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Autor]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>
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					<description><![CDATA[Elf Kräuterhexen, Wald- und Wiesenschrate präsentieren die Pflanze ihres Herzens, ihre Wildgeschichten und Wurzelweisheiten / Im Gespräch mit Jens Jürgen Korff Kräuterbücher gibt es wie Klee. Wo und wie sie wachsen, wie man sie erkennt, wie sie schmecken, wogegen sie helfen, das ist reichhaltig beschrieben. Doch so richtig aufregend ist das nicht, da Kräuter ihren &#8230; <a href="https://jejko.de/mensch-und-kraut/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Mensch und Kraut“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Elf Kräuterhexen, Wald- und Wiesenschrate präsentieren die Pflanze ihres Herzens, ihre Wildgeschichten und Wurzelweisheiten</strong> / Im Gespräch mit Jens Jürgen Korff</p>



<p>Kräuterbücher gibt es wie Klee. Wo und wie sie wachsen, wie man sie erkennt, wie sie schmecken, wogegen sie helfen, das ist reichhaltig beschrieben. Doch so richtig aufregend ist das nicht, da Kräuter ihren Ort nicht wechseln, sich also nicht auf eine Heldenreise machen können. Aber Menschen, die Kräuter lieben und ihr Leben den Kräutern widmen, können das. Die Wege ihrer Heldenreisen werden von Kräutern gesäumt, von auffälligen und unauffälligen, von bekannten und unbekannten, von aufdringlichen und unsichtbaren. Menschen, die Kräuter lieben, geben den Kräutern Bedeutung und erleben Abenteuer mit Kräutern. Dieses Buch erzählt elf Heldengeschichten, in denen Stängel, Blätter und Blüten wichtiger sind als Chef-Allüren, Haustüren und Winterreifen. Zum Teil sogar wichtiger als die Bevölkerung der Welt mit eigenen Kindern. Welche Weisheit in ihren Wurzeln steckt, auch das wird anschaulich und mit Lust an der Provokation aufgedeckt oder angedeutet.</p>



<p>Details folgen in Kürze.</p>



<p><em>Foto: Nomen est omen &#8211; Wiesemann, Vogelsang &amp; Co 2012 in den Hohen Tauern, mit einem Doldenblütler (Korff 2012)</em></p>
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		<title>Deutschland ohne Nazis: 1914</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2022 17:37:12 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Recherche]]></category>
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					<description><![CDATA[Deutschland ohne Nazis: Auszug aus dem Kapitel &#8222;Arbeiter und Soldaten: 1914-1920&#8220;, mit den Unterkapiteln &#8222;Sarajevo&#8220;, &#8222;Kriegsgefahr&#8220;, &#8222;Eskalation&#8220;, &#8222;Kriegskredite&#8220;, &#8222;Kriegsgegner&#8220;, &#8222;Feindliche Brüder&#8220;. I. Sarajevo Es fehlten noch ein paar Schüsse in Sarajevo, um den Großen Krieg auszulösen. Sie fielen am 28. Juni 1914. Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich, der habs­burgische Thronfolger, besuchte an diesem Sommertag mit &#8230; <a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-1914/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Deutschland ohne Nazis: 1914“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong><a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-1790-1990/" data-type="post" data-id="921">Deutschland ohne Nazis</a>: Auszug aus dem Kapitel &#8222;Arbeiter und Soldaten: 1914-1920&#8220;</strong>, mit den Unterkapiteln &#8222;Sarajevo&#8220;, &#8222;Kriegsgefahr&#8220;, &#8222;Eskalation&#8220;, &#8222;Kriegskredite&#8220;, &#8222;Kriegsgegner&#8220;, &#8222;Feindliche Brüder&#8220;.</p>



<span id="more-942"></span>



<h3 class="wp-block-heading">I. Sarajevo</h3>



<p>Es fehlten noch ein paar Schüsse in Sarajevo, um den Großen Krieg auszulösen. Sie fielen am 28. Juni 1914. <em>Erzherzog Franz Ferdinand</em><em> von Österreich,</em> der habs­burgische Thronfolger, besuchte an diesem Sommertag mit seiner Gattin, Gräfin Sophie Chotek, die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, die sich Österreich-Ungarn 1908 einverleibt hatte. Die beiden verließen das Rathaus, bestiegen ein offenes Automobil und wurden bei der Fahrt durch die Innenstadt aus der Menschenmenge heraus von dem 19jährigen Gymnasiasten Gavrilo Princip erschossen. Es war der zweite Mord­an­­schlag an einem Tag: Wenige Stunden zuvor hatte bereits jemand eine Bombe auf das Auto des Paares geworfen, es aber verfehlt. Bei der Explosion waren mehrere Begleiter verletzt worden. Trotzdem hatte Franz Ferdinand auch seine zweite für die Serben provozierende Fahrt angetreten.</p>



<p>Der Auslöser des Krieges war nicht so nebensächlich, wie er erscheinen mag. Franz Ferdinand war ein Neffe des Kaisers Franz Joseph und durch den Selbstmord des Kron­prinzen und den Tod seines Vaters 1896 Thronfolger geworden. Er hatte entscheidenden Einfluss im österreichischen Militär und wurde 1898 Stellvertreter des Kaisers im Obersten Kommando, 1913 General­inspekteur der Armee; ein enger Vertrauter des Generalstabs­chefs <em>Franz Graf Conrad</em><em>&nbsp;von Hötzendorf</em><em>.</em> Dass dieser entscheidende Mann in den folgenden Tagen so heftig auf Krieg drängte, mag auch mit dem persönlichen Verlust eines Freundes zu tun haben.</p>



<p>Gavrilo Princip war bosnischer Serbe und Mitglied der Verschwörergruppe »Jung-Bos­nien«, die sich gegen die Besetzung und Annexion Bosniens durch Österreich wehrte. Sie stand mit dem serbischen Geheimbund »Schwarze Hand« in Verbindung. Die zuvor türkischen Provin­zen Bosnien und Herze­gowina waren 1878 von Österreich besetzt und 1908 förmlich annektiert wor­den. Dort – und besonders eng in der Hauptstadt Sarajevo – lebten ortho­doxe Serben, katholische Kroaten und moslemische Bosnier auf engstem Raum zusammen. Die Serben, die sich gegen Österreich auflehnten, wurden von der großserbischen Bewegung in Serbien und ihren Aktivisten in der »Schwarzen Hand« unterstützt.</p>



<p>»Krieg, Krieg, Krieg!« schrie General Conrad von Hötzendorf am nächsten Tag im Gespräch mit dem österreichischen Außenminister Graf Berchtold.</p>



<p>»Jetzt oder nie«, notierte Kaiser Wilhelm II.&nbsp; am 3. Juli in Berlin auf einem Bericht des deut­schen Botschafters in Wien. Darin stand, in den leitenden Kreisen in Wien sage man, es müsse einmal gründlich mit den Serben »abgerechnet« werden.</p>



<p>»Serbien muss sterbien«, reimte ein Zyniker wenig später.</p>



<p>Der SPD-Vorsitzende Hugo Haase äußerte in der Partei­vorstandssitzung am 29. Juni die Befürchtung, das Attentat von Sarajevo am Vortag könne die allgemeine Kriegsgefahr auf einen neuen Höhepunkt treiben. Am gleichen Tag begann in Berlin der Prozess gegen Rosa Luxemburg wegen ihrer Freiburger Rede über Soldaten­misshandlungen. Antragsteller war der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn. Als sich nach einem Aufruf der SPD-Presse 1013 Zeugen für Misshandlungen in den Kasernen meldeten, drängten Falkenhayn und der Staatsanwalt auf Vertagung auf unbestimmte Zeit. Der Prozess endete am 3. Juli.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p>



<p>Die österreichische Regierung traute sich nicht, ohne deutsche Rücken­deckung gegen Serbien vorzugehen, denn Serbien wurde von Russland geschützt. Deshalb lag der Schlüssel für die Ent­fesselung des Krieges in Berlin. Generalstabschef Helmuth von Moltke und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sahen folgenden Ablauf klar vor sich: Österreich erklärt Serbien den Krieg, um seinen toten Thronfolger zu rächen und sich vor weiteren serbi­schen Anschlägen zu schützen. Russland erklärt Österreich den Krieg, um seinem Verbündeten Serbien beizustehen. Deutschland erklärt Russland den Krieg, um seinem Verbündeten Öster­reich beizustehen. Und Frankreich erklärt Deutschland den Krieg, um seinem Verbündeten Russland beizustehen. Großbritannien und Italien blieben in dieser typisch deutschen Rechnung neutral. Danach ging es schön der Reihe nach: Frankreich wurde per »Blitzkrieg« erledigt und Russland – zu langsam, um noch eingreifen zu können – im folgenden Jahr. Während sich die deutsche Armee auf Frank­reich stürzte, hielten die Österreicher Russland in Schach, nachdem sie Serbien schnell erledigt hatten.</p>



<p>Am 5. Juli überreichte der österreichische Botschafter in Berlin Kaiser Wilhelm II.&nbsp;ein Schrei­ben von Kaiser Franz Joseph und ein Memorandum des öster­reichischen Außenministers.&nbsp; Franz Joseph schrieb seinem gekrönten Kollegen: Die Ausschaltung Serbiens als Machtfaktor auf dem Balkan ist jetzt das Ziel der österreichischen Politik. Wilhelm II. ermunterte die Öster­reicher, den »günstigen Moment« nicht ungenutzt verstreichen zu lassen und mit ihrer »Aktion« gegen Serbien nicht mehr länger zu warten. Für den als sicher angenommenen Fall, dass Russland sich einmischen sollte, könne Österreich sich ganz auf seinen deutschen Verbündeten ver­lassen. Man sei auf alle Eventualitäten vorbereitet. Noch am gleichen und am folgenden Tag besprach sich Wilhelm II. mit dem preußischen Kriegsminister und führenden Offizieren des General- und Admiralstabs und mit dem »Kanonenkönig« Gustav Krupp&nbsp;von Bohlen und Halbach, um sicherzugehen, dass die deutsche Militär­maschinerie für einen größeren Krieg bereitstand. Am 8. Juli bekräftigte der deutsche Botschafter in Wien,&nbsp;Heinrich von Tschirschky, gegenüber dem österreichischen Außenminister Graf Berchtold, Kaiser Wilhelm habe ihn angewiesen, »hier mit allem Nachdruck zu erklären, daß man in Berlin eine Aktion gegen Serbien erwarte und daß es in Deutschland nicht verstanden würde, wenn wir die gegebene Gelegenheit vorübergehen ließen, ohne einen Schlag zu führen.«<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> Der Ton sagt: Berlin machte Druck auf Wien; Druck zum Krieg.</p>



<p>Ähnliche Zusagen wie von Wilhelm II. erhielt die österreichische Delegation auch von Reichs­kanzler Bethmann Hollweg. Dieses deutsche Signal ist als <em>»Blankovollmacht«</em> in die Geschichte eingegangen; die Österreicher hatten freie Hand gegen Serbien. Der Reichskanzler hat sie ausgestellt, weil er befürchtete, Deutschland könne den Krieg gegen Russland, den er für unausweichlich hielt, bald nicht mehr führen, weil Russland sich ebenfalls industrialisierte, Eisenbahnen baute, stärker wurde. Bethmann Hollweg stöhnte in diesen Tagen: »Die Zukunft gehört Russland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alp auf uns legt.«<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Eine Option, mit Russland in Frieden zu leben, kam für ihn nicht in Frage.</p>



<p>Die Österreicher brauchten vier­zehn Tage, um ein Ultimatum an die serbische Regierung zu formulieren. Das Ultimatum ging ohne weitere Beweise davon aus, dass die Drahtzieher des Mordanschlags von Sarajevo in Bel­grad säßen und Verbindung zur serbischen Regierung hätten. Man forderte von der serbischen Regierung die Annahme eines Katalogs von Unter­drückungsmaß­nahmen gegen die großserbi­sche Bewegung und die strenge Verfolgung der Verschwörer – unter Teil­nahme von österrei­chisch-ungari­schen Beamten. Diese letzte, völkerrechtswidrige Bedingung war eigens zu dem Zweck ersonnen worden, eine Ablehnung des Ultimatums sicher­zustellen; denn es ging darum, den Krieg vom Zaun zu brechen, koste es, was es wolle. Diesem Zweck diente auch die Befri­stung des Ultimatums auf 48 Stunden, von denen bei seiner offiziellen Bekanntgabe am 24. Juli schon 15 verstrichen waren. Die verbleibende Zeit sollte so kurz gehalten werden, dass kein drit­ter Staat Gelegenheit bekam, zwischen Österreich-Ungarn und Serbien erfolgreich zu ver­mitteln.</p>



<p>Kurz vor Bekanntgabe des Ultimatums, am 20. Juli, trafen der französische Staatspräsident Raymond Poincaré und sein Ministerpräsident Viviani zu einem lange vorher ausgemachten Staatsbesuch in Petersburg ein. Poincaré versicherte dem Zaren und dem russischen Außenmi­nister Sergej Dimitrijewitsch Sasonow die unverbrüchliche Bündnistreue Frankreichs für den Fall eines aus dem öster­reichisch-serbischen Konflikt entstehenden Krieges. Auch das war eine Art Blankoscheck, und auch Sasonow rechnete mit einem bevor­stehenden großen Krieg, den russische Militaristen dazu nutzen wollten, endlich die Meerengen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer unter ihre Kontrolle zu bringen. Allerdings hätten sie lieber noch zwei weitere Jahre Vorbereitungszeit gehabt bis zum Kriegsausbruch.</p>



<p>Nach Bekanntgabe des Ultimatums versuchten Sasonow und der französi­sche Botschafter in Petersburg, vom britischen Botschafter eine klare Hilfszusage zu bekommen, jedoch vergeblich. Die britische Regierung mit Außenminister Edward Grey legte sich zunächst nicht fest, denn es gab eine starke Stimmung im Vereinigten Königreich, sich in den balkani­schen Konflikt um Serbien nicht einzumischen und neutral zu bleiben. Andererseits sah die Regierung klar die Zwangslage, in die England zu geraten drohte. Unter­staatssekretär <em>Eyre Crowe</em>umriss in einer Notiz zu dem Bericht des britischen Botschafters in Petersburg die euro­päische Machtkonstel­lation im Kriegsfalle aus britischer Sicht:<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a></p>



<p>»Entweder siegen Deutschland und Österreich, sie erdrücken Frankreich und demütigen Russ­land. Die französische Flotte verschwunden, Deutschland im Besitz des Kanals, mit der bereit­willigen oder widerstrebenden Kooperation Hollands und Belgiens: Wie wird dann die Lage eines freundlosen England sein? Oder Frankreich und Russland siegen. Wie werden sie sich dann gegen [ein neutral gebliebenes] England verhalten? Und wie wird&#8217;s mit Indien und dem Mittel­meer stehen? In diesem Kampf, der nicht um den Besitz Serbiens geht, sondern bei dem es sich um das Ziel Deutschlands, seine politische Vorherrschaft in Europa zu errichten, und um den Wunsch der Mächte handelt, ihre individuelle Freiheit zu erhalten – in diesem Kampf sind unsere Interessen mit denen Frankreichs und Russlands verknüpft.«</p>



<p>Gerade wegen der erwähnten russischen Pläne bezüglich Bosporus und Dardanellen war die britische Regierung in Sorge. Die britische Flotte, Grundlage des riesigen britischen Kolonial­reiches, beanspruchte traditionell freie Fahrt durchs Mittelmeer und durch den Suez-Kanal nach Indien. Man befürchtete, im Falle eines russischen Sieges über Deutschland ohne britische Beteiligung am Ende außen vor zu stehen und dem bedrohlichen russischen »Griff auf das Mit­telmeer« machtlos zusehen zu müssen. Da ein Bündnis mit Deutschland nicht in Frage kam, blieb nur das Bündnis mit Frankreich und Russland, um weiter im europäischen Machtspiel zu blei­ben. Gleichwohl ließ eine klare britische Äußerung zum Serbienkonflikt auf sich warten, und das bestärkte die Machtpolitiker in Berlin in ihrer verhängnisvollen Illusion, England werde in dem angestrebten Kriege neutral bleiben.</p>



<p>Die russische Regierung befürchtete wiederum, nicht schnell genug auf einen deutsch-öster­reichischen Einmarsch reagieren zu können. Wenn der Krieg schon zu diesem aus russischer Sicht verfrühten Zeitpunkt ausbrach, so musste man wenigstens die Mobilisierung der russi­schen Militärmaschinerie so früh wie irgend möglich in die Wege leiten. Die vorgezogenen russi­schen Mobilisierungsbefehle erleichterten in den folgenden Tagen nicht unerheblich die Entfal­tung des Weltkriegs – und machten den entscheidenden Strich durch die deutsche Angriffs­planung.</p>



<p>Auf russisches Anraten hin formulierten die Serben ihre Antwort auf das österreichische Ultimatum äußerst gemäßigt und vermieden jede Schärfe im Ton. Die meisten Forderungen Wiens wurden akzeptiert, manche allerdings nur unter Vorbehalt. Nur die Teilnahme österrei­chisch-ungarischer Beamter an der Verfolgung der Verschwörer wurde erwartungsgemäß abge­lehnt. Der öster­reichische Botschafter antwortete mit dem Abbruch der diplomatischen Bezie­hungen. Auf Drängen Berlins erklärte Österreich-Ungarn am 28. Juli, genau einen Monat nach dem Attentat, Serbien den Krieg. Am 29. Juli schlugen die ersten österreichischen Granaten in Belgrad ein. Die Geschichte wiederholte sich im April 1941 mit einem deutschen Bombenangriff auf die serbische und jugoslawische Hauptstadt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">II. Kriegsgefahr</h3>



<p>In Berlin war es nun die ganze Sorge der deutschen Regierung und ihres Kanzlers Bethmann Hollweg, die Verantwortung für die weitere Eskalation des Krieges in den Augen der Öffentlich­keit auf Russland abzuwälzen. Anders als Wilhelm II. sah Bethmann Hollweg&nbsp;die Notwendigkeit, auch die Führung der deutschen Arbeiterbewegung, also der SPD und der Gewerkschaften, in die deutsche Kriegspolitik mit einzu­binden, damit keine nennenswerte Opposition gegen den Krieg aufkommen konnte. Und nichts eignete sich dazu besser als russische Angreifer, gegen die man sich und die Kultur des Westens verteidigen musste, denn der russische Zarismus war in der deutschen Arbeiter­bewegung tief verhasst. Dass die Entwicklung diesmal auf einen hand­fe­sten Krieg hinsteuerte, hatte in der SPD-Führung zunächst nur Hugo Haase erkannt. Am 23. Juli, nach Bekanntgabe des Wiener Ultimatums an Serbien, schloss sich die ganze SPD-Führung der Einschätzung Haases an. Doch <em>Julian Marchlewski</em>, ein Vertreter des linken SPD-Flügels, schrieb noch am 23. Juli in der »Sozialdemo­kratischen Korrespondenz«: »Von ernsthafter Kriegsgefahr ist augenblicklich sicher nicht die Rede.«<a href="#_ftn5" id="_ftnref5">[5]</a></p>



<p>Haase organisierte eine Kette von Friedens­kundgebungen in ganz Deutschland mit etwa 500.000 Teilnehmern – allesamt im Saale, denn Kundgebungen auf der Straße waren bereits verboten. Die Redner prangerten zwar den abenteuerlichen Kurs der österreichischen Regierung an, nicht jedoch das dahinterstehende Berliner Abenteurertum. Am 24.&nbsp;Juli fand im Gegenzug auch die erste antirussische Demonstration kriegslüsterner Kleinbür­ger vor der russischen Botschaft in Berlin statt. Diese Volksbewegung erwies sich im weiteren Verlauf als die stärkere.</p>



<p>Geschickterweise verzichtete die Regierung darauf, die in ihren Schubladen liegenden Pläne für die Herstellung des inneren Kriegszustandes durch­zuführen und alle SPD- und Gewerk­schafts­führer festzunehmen. Stattdessen empfing Unterstaatssekretär <em>Drews</em>am 26.&nbsp;Juli die Sozialdemo­kraten Haase und <em>Otto Braun</em>, um der SPD-Füh­rung mitzu­teilen, dass man ihre Friedens­kundgebungen dulden werde. Sie sollten aber dafür sorgen, dass die Redner offene Kritik an der deutschen Regierungspolitik vermieden, um den »Kriegshetzern in Russland« nicht in die Hände zu arbeiten. Drews versicherte den Sozialdemo­kraten, die deutsche Regierung sei am Erhalt des Friedens interessiert, werde aber eingreifen, wenn Russland einen Krieg provozieren sollte. Haase widersprach, wie er in seinem Tagebuch notierte, Drews‘ Einschätzung, dass ein von Österreich provozierter Krieg für Deutschland den Bündnisfall nach dem Dreibund-Vertrag auslöse.<a href="#_ftn6" id="_ftnref6">[6]</a></p>



<p>Zwei Tage später traf sich Reichskanzler <em>Bethmann Hollweg </em>mit dem SPD-Reichstags­abge­ord­neten <em>Albert Südekum</em>, um über ihn den SPD-Partei­vorstand im Sinne einer stillschweigen­den Unterstützung des deutschen Kurses zu beeinflussen. Südekum hielt noch am selben Tag Rück­sprache mit dem übrigen Parteivorstand und berichtete Bethmann Hollweg schriftlich, seitens der SPD seien – gerade im Interesse des Friedens – keinerlei Streik­aktionen gegen die Regierung geplant. Der SPD-Vorstand war offensichtlich tief beeindruckt, von Seiner Exzellenz, dem Reichskanzler persönlich, in einem so kritischen Moment deutscher Politik ins Vertrauen gezogen worden zu sein. Immerhin galten die Sozialdemokraten 1914 offiziellerseits noch als »vaterlandslose Gesellen«. Am 30. Juli berief sich Bethmann Hollweg in einer Kabinettssitzung auf den Brief Südekums und ver­sicherte seinen Ministern, von seiten der SPD seien keine Streikaktionen zu befürchten. Am nächsten Tag wurde mit dem »Zustand drohender Kriegs­gefahr« auch der Belagerungszustand im Innern erklärt; von da an waren sämtliche Anti-Kriegs-Kundgebungen verboten. Das zu diesem Zweck mobilisierte preußische Gesetz stammte aus dem Jahre 1851, richtete sich also ursprünglich gegen die bürgerlichen Revolutionäre von 1848.</p>



<p>Am 29. und 30. Juli trat in Brüssel das Internationale Sozialistische Büro zusammen, eine Art Vorstand der II. Internationale. Für die SPD waren <em>Hugo Haase</em>&nbsp;und <em>Karl Kautsky</em>, für die pol­nische Sozialdemokratie <em>Rosa Luxemburg</em> in Brüssel. Französische, britische und deutsche Sozialisten versicherten sich gegenseitig, dass ihre jeweiligen Regierungen keinen Krieg wollten.<a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a> Haase referierte, was ihm Unterstaatssekretär Drews zugesagt hatte. Auch bei den Sozialisten sah man also, ganz wie Bethmann Hollweg sich das vorgestellt hatte, den Schwarzen Peter bei den Russen. Rosa Luxemburg ahnte zwar besser als andere die Gefahr und bean­tragte vergeb­lich, sofort einen außerordentlichen Sozialisten­kongress zur Kriegs­frage abzuhalten wie im No­vember 1912. Man beschloss statt­dessen, den für den 23. August in Wien geplanten regulären Kongress nach Paris zu verlegen, auf den 9. August vorzuziehen und die Kriegsfrage als ersten Punkt in die Tagesordnung aufzunehmen.</p>



<p>Doch auch die sonst so scharfsichtige Beobachterin erkannte nicht, was in Berlin gespielt wurde. Am 28. Juli schrieb sie in der »Sozialdemokratischen Korre­spondenz«, Österreich habe sein Ultimatum ohne Absprache mit der deutschen Regierung in die Welt gesetzt und zwinge jetzt seinen Verbündeten Deutschland, »sich gleichfalls in das Blutmeer kopfüber zu stürzen, sobald das verbrecherische Treiben Österreichs den russischen Bären auf den Kampfplatz wird herausgelockt haben. (&#8230;) Fragt man freilich, ob die deutsche Regierung kriegsbereit sei, so kann die Frage mit gutem Recht verneint werden.«<a href="#_ftn8" id="_ftnref8">[8]</a> Ein verhängnisvoller Irrtum! Sie teilte jedoch nicht den Irrtum vieler SPD-Füh­rer, die glaubten: Die SPD dürfe deshalb nicht offen gegen einen deutschen Kriegseintritt auf­treten, weil nur eine »entschlossene« deutsche Haltung die russischen »Kriegshetzer« zur Räson bringen könne. Da setzte Rosa Luxemburg lieber auf den »entschlos­senen Friedenswillen« des russischen Proletariats. Mit dem war dann drei Jahre später tatsächlich eine Revolution zu machen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">III. Eskalation</h3>



<p>Zunächst jedoch nahm das Unheil seinen Lauf, und kein Proletariat der Welt hat 1914 ernsthaft versucht, es zu stoppen. Am 29. Juli, einen Tag nach Kriegsausbruch in Österreich und Serbien, beschloss Zar <em>Nikolaj II.</em>&nbsp;zunächst eine Teilmobilisierung der russischen Armee an der österrei­chisch-ungarischen Grenze. Am gleichen Tage erklärte der britische Außenminister <em>Grey</em> dem deutschen Botschaf­ter, Großbritannien werde in den Krieg eingreifen, wenn sich Deutschland und Frankreich an dem Konflikt zwischen Österreich und Russland beteiligen sollten. Das ver­unsicherte einen Tag lang den deutschen Reichskanzler <em>Bethmann Hollweg</em><em>,</em> der gespürt haben mag, dass die weitere Eskalation des Krieges in den Untergang führen musste, und dass dieser Moment der letzte war, den Wahnsinn zu stoppen. Anders der deutsche General­stabschef, <em>Helmuth von Moltke</em><em>&nbsp;(1848-1916):</em> Der Neffe des berühmten preußi­schen Generalfeld­marschalls drängte schon seit 1912 auf Krieg und forderte deshalb am 30. Juli über den österrei­chischen Militärattaché seinen Wiener Kollegen Conrad von Hötzendorf&nbsp;auf, sofort gegen Russland zu mobilisieren und den europäischen Krieg zu wagen; »Deutschland geht unbedingt mit.«<a href="#_ftn9" id="_ftnref9">[9]</a> Moltke dachte an den Schlieffenplan, der vorsah, dass die Österreicher den Deutschen im Osten den Rücken freihalten sollten, und an die wachsende Militärmacht Russlands.</p>



<p>Am 30. Juli beschloss die russische Regierung die Generalmobilmachung der russischen Armee, was am folgenden Tag allgemein bekannt wurde. Zum Schicksalstag wurde <em>Freitag, der 31. Juli 1914.</em></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Berlin, früher Vormittag: Im deutschen Generalstab treffen erste Meldungen über russische Mobilmachungsmaßnahmen an der deutschen Ostgrenze ein. In der Tat startet in diesen Stunden die russische Generalmobilmachung.</li>



<li>Wien, später Vormittag: Gedrängt vom deutschen Generalstab unterzeichnet Kaiser <em>Franz Joseph</em>&nbsp;die allgemeine Mobilmachung in Österreich-Ungarn.</li>



<li>Paris, Café le croissant, Mittag: Der französische Sozialistenführer und Philosoph Jean Jaurès, ein überzeugter Pazifist, wird 54jährig von einem fanatischen Nationalisten ermordet.</li>



<li>Berlin, Wilhelmstraße, 13 Uhr: Auf Druck des Generalstabs erklärt die deutsche Regie­rung den »Zustand drohender Kriegsgefahr«. Das bedeutet innenpolitisch die Verhängung des Belagerungs­zustandes und militärisch den Beginn der allgemeinen Mobilmachung zwei Tage später, also zum 2. August.</li>



<li>Berlin, Reichstag, Nachmittag: Partei- und Fraktionsvorstand der SPD beraten über die zu erwartende Abstimmung im Reichstag über Kriegskredite. Die meisten sind für eine Stimm­enthaltung der Sozialdemokraten. Nur der Abgeordnete <em>Eduard David</em>&nbsp;spricht für die An­nahme der Kriegskredite.</li>



<li>Berlin, Kaiserliches Schloss, 15 Uhr: Kaiser Wilhelm II. billigt ein deutsches Ultimatum an Russland, das ein deutscher Diplomat wenig später dem russischen Botschafter übergibt. Eine Stunde später übergibt ein deutscher Diplomat dem französischen Botschafter ebenfalls ein Ultimatum.</li>



<li>Paris, Abend: Das föderative Komitee des französischen Gewerkschaftsbundes CGT beschließt, auf einen Generalstreik gegen die bevorstehende Mobilisierung der Armee zu verzichten. Im Gegenzug läßt die französische Regierung ihre Pläne zur Festnahme von meh­reren tausend Gewerkschaftern und Anarchisten in der Schublade.</li>
</ul>



<p>In den Augen der deutschen Öffentlichkeit waren diese Schritte nur eine Reaktion auf die russi­sche Generalmobilmachung, also rein defensiv. Die Wirklichkeit sah anders aus. Der abenteuer­liche und verhängnisvolle <em>Schlieffenplan</em> von 1905 zwang die deutsche Regierung, den Krieg mit Frankreich zu forcieren. Für den 2.&nbsp;August war bereits der Überfall auf Luxemburg vorgesehen, für den 4. August der <em>Über­fall auf das neutrale Belgien.</em> Zu diesem Zweck setzte die deutsche Regierung mit ihren Ultima­ten Russland und Frankreich die Pistole auf die Brust: Russland müsse innerhalb von 12 Stunden alle militärischen Maßnahmen widerrufen, und Frank­reich innerhalb von 18 Stunden seine Neutralität für den Fall eines deutsch-russischen Krieges erklä­ren, andernfalls drohe die Kriegserklärung. Für den Fall, dass die Franzosen das Ultimatum wider Erwarten akzeptieren sollten, hatte der deutsche Botschafter in Paris die Anweisung, als zusätzliche Sicherheit die Übergabe der französischen Festungen Toul und Verdun an deutsche Truppen zu verlangen; eine für Frankreich völlig inakzeptable Demütigung.</p>



<p>Da die russische Regierung das deutsche Ultimatum nicht beantwortete, erklärte die deutsche Regierung am Abend des 1. August Russland den Krieg. Bereits am Nachmittag war die allge­meine Mobilmachung verkündet worden. Die Regierung in Paris erklärte zum deutschen Ulti­matum, Frankreich werde »gemäß seinen Interessen« handeln. Großbritannien machte seine Flotte mobil. Am 2. August verlangte die deutsche Regierung von Belgien ein Durchmarsch­recht für ihre Truppen, unter dem Vorwand, einem angeblich bevorstehenden französischen Angriff auf Belgien zuvorkommen zu müssen. In Kenntnis des deutschen Kriegsplanes sicherte Groß­britannien Frankreich den Schutz der Kanalküste zu. Am 3. August erklärte Deutschland Frankreich den Krieg, unter dem Vorwand, französische Truppen hätten die deutsche West­grenze verletzt. In der Nacht zum 4. August begann der deutsche Überfall auf Belgien, dessen Regierung sich geweigert hatte, einen Durchmarsch deutscher Truppen zu gestatten.</p>



<p>Im britischen Kabinett gab es Widerstände gegen einen Kriegseintritt. Der soziali­stische Gewerkschaftsführer <em>John Burns</em>trat aus Protest gegen den Krieg als Minister zurück. Der deutsche Überfall auf Belgien, dessen Neutralität seit dem Londoner Protokoll von 1839 unter britischem Schutz stand, führte jedoch zur Entscheidung im Sinne Greys: ein Ultimatum, das angesichts der deutschen Truppen in Belgien einer Kriegserklärung gleichkam. Bethmann Hollwegs Spekulation auf eine britische Neutralität war gescheitert, der Große Europäische Krieg komplett. In einer heftigen Diskussion mit dem britischen Botschafter nannte <em>Bethmann Hollweg</em> das Londoner Protokoll einen »Fetzen Papier«. Stunden später bekannte er sich vor dem Reichstag zum Bruch des Völkerrechts und versprach Belgien scheinheilig Ersatz für die angerichteten Kriegsschä­den. Auf Druck des Militärs widerrief er diese Erklärung im Dezember 1914.</p>



<h3 class="wp-block-heading">IV. Kriegskredite</h3>



<p>Der Reichstag des wilhelminischen Kaiserreiches hatte nicht viele Rechte, aber das Budget­recht hatte er. Wenn die Regierung Geld brauchte, war sie auf die Zustimmung des Reichstags angewiesen. Die Sozialdemokraten im Reichstag konnten das nicht verhindern, und es gab gute Gründe, einen offenen Aufstand gegen den Krieg für aussichtslos zu halten. Aber eine Zustimmung zu den Kriegskrediten, wie sie der #er Abgeordnete Eduard David verlangte, ging weit über die Hinnahme des Unvermeidlichen hinaus: Die SPD verzichtete damit nicht nur auf Widerstand, sie stimmte dem Krieg offen zu; sie unterstützte den Krieg einer Regierung, deren militaristischer und imperialistischer Charakter zuvor allgemein anerkannt gewesen war. Die Entscheidung fiel am 2. und 3. August in der Reichstagsfraktion unter dem Eindruck der deutschen Kriegser­klärung an Russland, und bevor der Krieg mit Frankreich und England Tat­sache war. Diese unklare Situation verhalf der Haltung des sozialdemokratischen Publizi­sten <em>Friedrich Stampfer</em>zum Durchbruch, der schon am 30. Juli geschrieben hatte: Die Arbeiter müssten dem Kaiser und den Generälen folgen, um die europäische Zivilisation vor der russisch-zaristischen Barbarei zu schützen. Durch Verteidigung des Vaterlandes, so Stampfer, könne sich das »freie Volk« auch im Innern ein freies Land erobern. Dies war die sozialdemokratische Vari­ante der&nbsp; deutschen Idee eines »Schützengraben-Sozialismus«.</p>



<p>Am 2. August beschloss die Vorständekonferenz der sozialdemokratischen Gewerk­schaften unter Führung von <em>Karl Legien</em><em>,</em> alle laufenden Lohnkämpfe abzubrechen, die Streikkassen in den Dienst der Kriegspolitik zu stellen und mit dem Geld Arbeitslose zu unter­stützen. Voller Stolz bot Legien der deutschen Regierung den Beistand »seiner« vorbildlichen Arbeiter-Orga­nisationen an. Von einem preu­ßisch-deutschen Reichskanzler als gleichberechtig­ter Verhand­lungspartner behandelt zu werden, das erfüllte ihm seine kühnsten Träume. Am gleichen Tag kämpfte Hugo Haase im SPD-Fraktionsvorstand gegen eine Annahme der Kriegskredite. Er konnte sich jedoch nicht gegen Eduard David, Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann durchsetzen: mit vier gegen zwei Stimmen stimmte der Fraktionsvorstand für die Bewilligung der Kriegskredite.</p>



<p>Am 3. August fand die entscheidende Sitzung der SPD-Reichstagsfraktion statt. Dass alle an­deren Fraktionen den Kriegskrediten zustimmen würden, stand außer Frage. 92 der 111 SPD-Abgeordneten waren anwesend. <em>Eduard David</em><em>, Ludwig Frank</em> und <em>Philipp Scheidemann</em> spra­chen für die Annahme der Kriegskredite. Der Parteivorsitzende <em>Hugo Haase</em><em>,</em> Rechtsanwalt und überzeugter Pazifist wie der Franzose Jaurès, sprach dagegen, ebenso der linke Flügelmann <em>Karl Liebknecht</em><em>, </em>auch er Rechtsanwalt von Beruf und Sohn des SPD-Gründervaters Wilhelm Liebknecht. Noch zwei, drei Tage vorher hatten die mei­sten SPD-Politiker eine Ablehnung der Kriegskredite durch die Fraktion erwartet. Die hitzige Debatte wurde schon nach kurzer Zeit durch einen Antrag auf Schluss der Debatte abgebrochen. 78 Abgeordnete stimmten für und 14 gegen die Annahme der Kriegskredite. Haase vereinbarte mit Scheidemann, dass dieser die Entscheidung der Fraktion im Reichstag begründen sollte. Doch unmittelbar vor der Reichs­tagssitzung am 4. August zwang die Fraktions­mehrheit ihren Mitvor­sitzenden Haase, den gegen seinen Willen gefassten Beschluss selber im Reichstag zu begründen, indem sie an sein Pflichtbewusstsein appellierten. So trug der Pazifist jene schwammige Erklärung vor­, mit der die deutsche Sozialdemokratie ihre Zustim­mung zum Krieg des deutschen Kaiserreiches erklärte.<a href="#_ftn10" id="_ftnref10">[10]</a> Der heimtückische und offen imperialistische Überfall auf Belgien hatte einige Stunden zuvor begonnen.</p>



<p>»Die Folgen der imperialistischen Politik &#8230; sind wie eine Sturmflut über Europa hereingebrochen. Die Verantwortung hierfür fällt den Trägern dieser Politik zu, wir lehnen sie ab. (&#8230;) Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir uns heute zu entscheiden, sondern über die Frage der zur Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. (&#8230;) Unsere heißen Wünsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Brüder ohne Unterschied der Partei. (&#8230;) Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus &#8230; viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Das machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.«</p>



<p>Ein Passus, der sich ausdrücklich gegen deutsche Eroberungen wandte, wurde auf Druck der Regierung noch kurzfristig heraus­gestri­chen, angeblich, weil er einen Kriegs­eintritt Englands hätte befördern können. Es blieb bei dem allgemeinen Satz: »&#8230;wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr [der Internationale] jeden Eroberungskrieg verurteilen.« Alle Abgeordneten, darunter Karl Lieb­knecht, folgten der Fraktionsdisziplin und stimmten im Reichstag für die Kriegskredite. August Bebels mutiger Auftritt gegen den Deutsch-Französischen Krieg 1870 im Norddeutschen Reichstag war vergessen. Eine der tragischen Folgen von Haases Pflichtbewusstsein bestand darin, dass auch in der linksgerichteten Geschichts­betrachtung sein lebenslanger unermüdlicher Einsatz für den Frieden hinter dieser einen Stunde der Schwäche verschwand. Konservative Historiker hüteten sich indessen, den jüdisch-preußischen Sozialisten und Pazifisten für seinen »vater­ländischen« Einsatz zu loben.<a href="#_ftn11" id="_ftnref11">[11]</a></p>



<p>Der <em>4. August 1914 </em>hatte für die deutsche und für die ganze europäische Arbeiterbewegung höchst weitreichende Folgen, die in vielfältiger Weise auf die deutsche Geschichte einwirken sollten. An diesem Tage scheiterte die 1889 in Paris gegründete II. Internationale, deren größte und wichtigste Partei die SPD gewesen war. Drei Wochen zuvor, am 12. Juli 1914, war sie noch mächtig und stark gewesen. Damals trafen sich im französischen Städtchen Condé sur l&#8217;Escaut an der belgischen Grenze 20.000 französische und belgische Arbeiter zu einer Friedenskund­gebung, auf der als deutscher Redner <em>Karl Liebknecht</em>&nbsp;sprach. Als der Deutsche auftrat, riefen Tausende: »Vive l&#8217;Allemagne!« – »Es lebe Deutschland!« Und der Vorsitzende der Ver­samm­lung erklärte, damit sei nicht das Deutschland der Hohenzollern, der Krupp und der mili­tärischen Cliquen gemeint, sondern das Deutschland der Goethe und Schiller, der Kunst, der Wissen­schaft, der Literatur und vor allem der Sozialdemokratie.<a href="#_ftn12" id="_ftnref12">[12]</a></p>



<p>Am 4. August 1914 begann die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung in einen staatstreu-sozial­demo­kratischen und einen kommunistischen Flügel. Aus der Opposition gegen den Krieg ent­stand als Keimzelle der späteren KPD die »Gruppe Internationale«, der neben Liebknecht,<em> Rosa Luxemburg</em><em>, Franz Mehring</em>&nbsp;und <em>Clara Zetkin</em>auch der junge <em>Wilhelm Pieck</em>ange­hörte, später Mitbegründer und Präsident der DDR. In der Schweiz hatte die Gruppe Kontakt zu dem dort im Exil lebenden russischen Revolutionär <em>Wladimir Iljitsch Lenin</em><em>. </em>Der 4. August 1914 und die bestialische Grausamkeit der Kriegstreiber des Weltkriegs ließen bei Lenin und anderen den Gedanken reifen, der drei Jahre später zur Grundlage der russischen Oktober­revolution und der Kommunistischen Inter­nationale wurde: Die Arbeiter sollten aufhören, sich gegenseitig abzuschlachten, und die Waffen, die sie als Soldaten in den Händen hatten, auf die Offiziere, Machthaber und Profiteure des Krieges richten. Hier gründete Lenins Hass auf die »Sozialchauvinisten«, jene Sozialdemokraten, die die Idee der »Vater­lands­verteidigung« aner­kannten. In Lenins Todesjahr 1924 spitzte Stalin den unglück­seligen Begriff weiter zu in »Sozial­faschisten« und verbaute den deutschen Kommu­nisten damit den Weg zu einer Einigung mit der SPD gegen die wirklichen Faschisten.</p>



<p>Der von Hugo Haase und Karl Kautsky ab 1915 angelegte dritte, pazifistische Flügel begründete ebenfalls eine Traditionslinie, die später von Leuten wie Gustav Heinemann, Willy Brandt, Erhard Eppler und Heidemarie Wieczorek-Zeul wieder aufgegriffen wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">V. Kriegshetzer</h3>



<p>Nachdem die einstmals so mächtige deutsche Arbeiterbewegung widerstandslos das Feld der politischen Öffentlichkeit geräumt hatte, konnte dort Platz greifen, was viele später ehrfürchtig den <em>»Geist von 1914«</em> nannten. Tausende von Menschen bejubelten am 2. und 3. August vor dem Berliner Schloss, auf dem Münchener Odeonsplatz und in vielen anderen Städten die deutschen Kriegserklärungen. In der Menge auf dem Münchener Odeonsplatz: der 25jährige österrei­chi­sche Gelegenheitsmaler <em>Adolf Hitler</em><em>, </em>der 1913 aus Wien in die bayerische Metropole gekommen war und sich dort mit dem Zeichnen von Skizzen und dem Malen von Ansichtskarten durchschlug. Wie viele tausend andere Männer meldete er sich schon in den ersten Augusttagen freiwillig zur bayerischen Armee. Hitler schrieb später in dem ihm eigenen religiösen Pathos über diesen Tag: »Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stür­mi­scher Begeisterung, in die Knie gesun­ken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.«</p>



<p>Der Dichter <em>Bruno Frank,</em><em>&nbsp;</em>später von Hitler und den Nazis aus dem Lande gejagt, teilte 1914 Hitlers Gefühle. Sein Gedicht »1914«, eins von geschätzt anderthalb Millionen deutschen Kriegsgedichten, die in diesen Wochen entstanden, wurde noch 1955 in die populäre Sammlung »Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung« aufgenommen, und zwar in dem Kapitel »Stolze Zeit«:<a href="#_ftn13" id="_ftnref13">[13]</a></p>



<p><a>Frohlockt, ihr Freunde, daß wir leben / und daß wir jung sind und gelenk, / nie hat es solch ein Jahr gegeben, / und nie warJugend solch Geschenk!</a></p>



<p>Wir durften stehn und durften schreiten, / so morgenwärts und abendwärts / die größte aller Erden­zeiten, &#8211; / uns brandet&#8216; sie ans junge Herz.</p>



<p>Wir sahn die Asiaten stürmen, / mit Hochlands Tapferen geeint, / auf uns von seiner Dome Türmen / spie seinen Strahl der alte Feind,</p>



<p>auf uns im ungeheuren Bette / goß sich aus Steppen dunkles Meer. / Es brach vor unsrer Hände Kette / des Morgens Heer, des Abends Heer.</p>



<p>Wir würden gern sie wiedersehen, / die sanfte Zeit, die Friedenszeit, / denn keiner mag ins Dunkel gehen, / er geht mit Neid, er geht mit Leid;</p>



<p>vielleicht war Schönes noch auf Erden / für seine Augen auferbaut, &#8211; / das Größte, das ihm konnte werden, / dies stolze Jahr hat er geschaut.</p>



<p>Auch der spätere Satiriker Alfred Henschke alias Klabund steuerte kriegs­begeisterte »Soldatenlieder« und ein »Kleines Bilderbuch vom Kriege« bei, 1916 den Gedichtband »Dragoner und Husaren«. Die deutsche Dichtkunst trat in Uniform auf und kannte plötzlich nur noch ein einziges Thema.</p>



<p>In den Augen dieser Menschen führte Deutschland einen gerechten, ja, einen edlen und schönen Verteidigungskampf ge­gen jene feindlich gesonnenen Mächte, die ihm den ihm gebührenden Platz und die »Luft zum Atmen« nicht gönnten. Besonders verhasst war England, das »perfide Albion«, weil es durch sein langes Zögern in der Julikrise 1914 in Deutschland zunächst die Hoffnung genährt hatte, es werde neutral bleiben. Man sah Deutsch­land von Feinden umgeben und deshalb gezwungen, den ersten Schlag zu führen und die Blockade aufzubrechen. In vielen Häusern spielten sich Tragödien ab, wie sich eine davon im Tagebuch der Graphikerin <em>Käthe Kollwitz</em><em>&nbsp;</em>wider­spiegelt. »10. August. Abends bittet [ihr Sohn] Peter&nbsp;[seinen Vater] Karl, ihn vor Aufgebot des Landsturms ziehen zu lassen. Karl spricht mit allem dagegen, was er kann. Ich habe das Gefühl des Dankes, dass er so um ihn kämpft, aber ich weiß, es ändert nichts mehr. &#8211; [Karl sagt:] Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen. &#8211; [Peter:] Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber <em>mich </em>braucht es. Immer wendet er sich stumm mit flehenden Blicken zu mir, dass ich für ihn spreche. Endlich sagt er: Mutter, als du mich umarmtest, sagtest du: &#8218;Glaube nicht, dass wir feige sind, wir sind bereit.&#8216; [&#8230;Wir] umarmen uns und küssen uns, und ich bitte den Karl für Peter. – Diese einzige Stunde. Dieses Opfer, zu dem er mich hinriss, und zu dem wir Karl hinrissen.«<a href="#_ftn14" id="_ftnref14">[14]</a> Die später so leidenschaftliche Pazifistin Käthe Kollwitz unterstützte ihren Sohn in seinem tödlichen Wahn, sich freiwillig zum Krieg melden zu müssen.</p>



<p>Im September veröffentlichte Kätze Kollwitz in der von Paul Cassirer herausgegebenen, wöchentlich erscheinenden Mappe »Kriegszeit« mit Künstler­flugblättern die Lithographie »Das Bangen«. Sie zeigt eine Frau, die um ihren Mann oder Sohn bangt. Der Grundton der Mappe war konservativ-national. Nach dem Tod ihres Sohnes am 22. Oktober in Flandern stellte Kollwitz jedoch ihre Mitarbeit dort ein, anders als Max Liebermann und Ernst Barlach. Bis 1919 zeichnete Kollwitz kaum noch, beschäftigte sich aber ab Dezember mit der geplanten Doppelskulptur der trauernden Eltern.<a href="#_ftn15" id="_ftnref15">[15]</a></p>



<p>Zu den wenigen, die in Wien öffentlich gegen die fanatische Kriegsbegeisterung der herrschenden Kreise wie auch der Massen auftraten, gehörten der Publizist Karl Kraus und der Dramatiker Arthur Schnitzler. Während des Weltkriegs wurden deshalb Schnitzlers Stücke in den meisten österreichischen Theatern nicht mehr gespielt.</p>



<p>Charakteristisch für den »Geist von 1914« wurde der berühmte Satz Kaiser Wilhelms II.: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.« Die ständigen Streitereien zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Preußen und Österreichern, zwischen Konser­vativen und Liberalen, zwischen Unter­nehmern und Arbeitern schienen vergessen; es galt nur noch eines: das Vaterland. Speziell für die Integration der Sozialdemokraten ins vaterlän­dische Lager wurde der Begriff des »Burgfriedens« geprägt. Und so reihten sich die Männer mit einem geschnürten Paket unterm Arm vor den Meldestellen ein, vertauschten den schwarzen Anzug mit der grauen Uniform, den sommerlichen Strohhut mit der Pickelhaube und bestiegen jene Eisenbahn­waggons, auf die man mit Kreide geschrieben hatte: »Ausflug nach Paris« – »Auf Wie­dersehen auf dem Boulevard« – »Auf in den Kampf, mir juckt die Säbelspitze« – »Jeder Schuss ein Russ’! Jeder Stoß ein Franzos’! Jeder Tritt ein Brit’!« Frauen und Kinder jubelten und winkten ihnen zu, die Blaskapelle spielte: »Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus&#8230;«</p>



<p>Darunter war auch der sächsische Dichter Hans Bötticher, der spätere Joachim Ringelnatz, der sich freiwillig zur Marine meldete. Im Verlauf des Krieges wurde er Leutnant zur See und Kommandant eines Minensuchbootes.<a href="#_ftn16" id="_ftnref16">[16]</a> Darunter waren die Maler August Macke und Franz Marc, die Schriftsteller Hermann Löns und Alfred Lichtenstein. Die letzte Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie Mathilden­höhe wurde bei Kriegsbeginn abgebrochen. Der Architekt Albin Müller hatte rund um die Kolonie Mietshäuser entworfen.<a href="#_ftn17" id="_ftnref17">[17]</a> Der Maler Wassily Kandinsky musste aus Deutschland nach Russland zurückkehren. Damit endete die Geschichte der Murnauer Künstlerkolonie#. Aus Worpswede #</p>



<p>Unter den Freiwilligen waren auch rund 10.000 deutsche Juden. Durch besonderen Einsatz wollten sie ihre nationale Zuverlässigkeit unter Beweis stellen und erhofften sich für die Zeit nach dem Sieg die vollkommene Gleichstellung als Dank. Die jüdischen Industriellen Walther Rathenau&nbsp;und Albert Ballin&nbsp;nahmen wichtige Stellungen in der Kriegswirtschaftsplanung ein, und selbst die 1915 eingeführte deutsche Giftgaswaffe war das Werk eines Juden, des Chemikers Fritz Haber. Ohne die von Haber erfundene und von Carl Bosch&nbsp;industriell entwickelte künstliche Ammoniaksynthese hätte Deutschland nach dem Wegfall der Salpeterzufuhren gar keine Munition mehr produzieren können. Der jüdische Romanist <em>Victor Klemperer</em><em>&nbsp;</em>notierte in seinem später berühmt gewordenen Tagebuch am 3. August: »Wir sind in äußerster Notwehr und in allerreinstem Recht. Geht es wirklich um Deutschlands Existenz&#8230;, dann muss eben der letzte Mann heraus.« Der badische SPD-Reichstagsabgeordnete <em>Ludwig Frank</em>&nbsp;meldete sich freiwillig und schrieb am 23. August von der Front nach Hause: »Jetzt ist für mich der einzige mögliche Platz in der Linie, in Reih und Glied, und ich gehe wie alle anderen freudig und siegessicher.«<a href="#_ftn18" id="_ftnref18">[18]</a> Der 21jährige spätere Dramatiker und Pazifist <em>Ernst Toller</em><em>, </em>damals Student in Grenoble, schlug sich unter Abenteuern zur deutschen Grenze durch, um als deutscher Soldat jüdischer Konfession auf seine französischen Gast­geber schießen zu können.<a href="#_ftn19" id="_ftnref19">[19]</a> Der # Maler <em>Max Beckmann</em> meldete sich im September freiwillig an die Front, wurde Sanitätssoldat und skizzierte alsbald täglich das Grauen des Krieges. Die # Physikerin Lise Meitner musste als Röntgenschwester ins österreichische Kriegsheer einrücken. Im Sommer 1916 kehrte sie nach Berlin zurück.<a href="#_ftn20" id="_ftnref20">[20]</a></p>



<p>Beckmann war zunächst von der Gewalterfahrung des Krieges fasziniert. Am 18. September schrieb er in einem Brief: »<a>Gestern N. war fabelhaft.Wie nach einem riesigen Erdbeben, der Kirchturm halbiert, die Häuser am Markt glatt abrasiert…</a>« Am 11. Oktober jubelte er: »Draußen das wunderbar großartige Geräusch der Schlacht… wie wenn die Tore zur Ewigkeit aufgerissen werden ist es, wenn so eine Salve herüberklingt… Ah, diese Weite und unheimlich schöne Tiefe!«<a href="#_ftn21" id="_ftnref21">[21]</a></p>



<p>Zahlreiche berühmte Schriftsteller, Philosophen, Historiker, National­ökonomen, Juristen, Theolo­gen und Künstler beteiligten sich spontan an der Konstruktion eines Mythos: der angeb­lich revolutionären Überwindung der Klassengesellschaft durch die neue deutsche Ein­heits­idee, die den westlich-bürgerlichen Gesell­schaften Frankreichs und Englands entgegen­gesetzt wurde. Der Verfassungsjurist <em>Johann Plenge</em>schrieb rückblickend 1916: »Zum zweiten Male zieht ein Kaiser durch die Welt als Führer eines Volkes mit dem ungeheuren, weltbestür­zenden Kraftgefühl der allerhöchsten Einheit.«<a id="_ftnref22" href="#_ftn22">[22]</a> Plenge prägte nicht nur den Begriff der »Ideen von 1914«, sondern auch den des »nationalen Sozialismus«. Der katholische Sittenphilosoph <em>Max Scheler</em>feierte 1914 den Krieg als »Vehikel des wahren sittlichen Fortschritts«.<a id="_ftnref23" href="#_ftn23">[23]</a> <em>Thomas Mann</em>bejubelte in einem offenen Brief an seinen pazifistischen französi­schen Kollegen Romain Rolland den »unerhörten, gewaltigen und schwär­merischen Zusammen­schluss der Nation« und dankte Gott für den »Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte.«<a id="_ftnref24" href="#_ftn24">[24]</a> Man hat den Eindruck, nach 43 Jahren ohne Krieg waren diese Männer friedensmüde.</p>



<p>Das von Plenge angedeutete Erlebnis des »Kraftgefühls« im Kriege verband sich mit der in Deutschland seit 1814 besonders populären Philosophie Gottlieb Fichtes, die – natürlich gegen den französisch-britischen Rationa­lismus gewandt – das emotionale und intuitive Erleben zum zen­tralen Orientie­rungs­punkt erhob. Nach seiner Abwendung von den Idealen der Französischen Revolution im Laufe des Befreiungskrieges gegen Napoleon hatte Fichte in seinen »Reden an die deutsche Nation« das deutsche Volk zum Urvolk, die deutsche Sprache zur Ursprache erklärt. Daran anknüpfend deutete der Populärphilosoph und Nobel­preisträger <em>Rudolf Eucken</em> den August 1914 als Urteilsspruch über die (west­europäische) Aufklärung, den Krieg als Bewährungsprobe für die deutsche Innerlichkeit; das deutsche Volk war ihm – ganz Fichte – die Seele der Menschheit. Sein Kollege <em>Paul Natorp</em> sah im Krieg den »Tag der Deutschen« nahen. Er stand der Freideutschen Jugend nahe, einem Teil der deutschen Jugendbewegung, der sich 1913 auf dem Hohen Meißner zum Geist des deut­schen Idealismus bekannt hatte. Im Juli 1914 feierten deutsche und österreichische Wander­vögel bei Passau ihre Kampfbereitschaft fürs Vaterland.</p>



<p>1917 setzte der Wandervogel-Autor <em>Walter Flex</em><em>&nbsp;</em>mit seiner Erzählung »Der Wanderer zwischen beiden Welten« seinem toten Kameraden Ernst Wurche ein Denkmal, das bald zum Kultbuch der gebildeten deutschen Soldaten wurde und wie kein anderes Dokument die Hinwendung der einstmals rebellischen, zivilisationskritischen Jugend­bewegung zum Krieg der deutschen Eliten um die Weltmacht festhält. Am längsten, bis in die 1970er Jahre hinein, wirkte das Lied nach, mit dem Flex sein »Kriegserlebnis« beginnen ließ, und das er angeblich im März 1915 in einem nächtlichen Schützengraben im Maastal gedichtet hatte:</p>



<p>Wildgänse rauschen durch die Nacht / Mit schrillem Schrei nach Norden – / Unstete Fahrt! Habt Acht, habt Acht! / Die Welt ist voller Morden.</p>



<p>Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt, / Graureisige Geschwader! / Fahlhelle zuckt und Schlachtruf gellt, / Weit wallt und wogt der Hader.</p>



<p>Wir sind wie ihr ein graues Heer / Und fahr’n in Kaisers Namen, / Und fahr’n wir ohne Wiederkehr, / Rauscht uns im Herbst ein Amen!</p>



<p>Wer es mitsang, fügte sich in der ersten Strophe in die »Welt voller Morden« und bekannte sich in der letzten zu Soldatentum und Soldatentod, ohne zu begreifen, dass das Morden nirgendwo anders herkam als aus dem eigenen Gewehrlauf und sofort aufhörte, wenn man nur aufhörte zu schießen. Ein weiteres Soldatenlied mit langer Wirkung entstand fast gleichzeitig: Hans Leip dichtete 22jährig seine Zeilen über »Lili Marleen«, die aber erst im nächsten Weltkrieg, 1941, vertont und international bekannt werden sollten.</p>



<p>Flex‘ Ich-Erzähler berichtet, wie er zusammen mit dem evangelischen Theologiestudenten Wurche von der Front abkommandiert und zum Leutnant ausgebildet wurde. Eine hellsichtige Anekdote zum Einstieg:</p>



<p>Zur gleichen Zeit wie wir sollte ein Kommando von Berufsschlächtern, die zur Verwendung in der Heimat aus der Truppe gezogen waren, den Ort verlassen. Während wir nun in Reih und Glied, des Marschbefehls gewärtig, vor dem Pfarrhaus standen, trat ein Major an uns heran und rief uns von weitem zu: »Seid Ihr die Metzger, Kerls?« und ein Chorus von beleidigten und vergnügten Stimmen antwortete: »Nein, Herr Major, wir sind die Offiziersaspiranten!«<a href="#_ftn25" id="_ftnref25">[25]</a></p>



<p>Da bestand offenbar Verwechslungsgefahr. In der Figur Wurches traf oder erfand Flex den idealen deutschen Soldaten und Offizier; sein häufigstes Attribut war »hell«. Wurche hatte drei Bücher im Gepäck: Goethes Gedichte, »den Zarathustra« (d. h. Nietzsches Schrift »Also sprach Zarathustra«) und das Neue Testament.<a href="#_ftn26" id="_ftnref26">[26]</a> Flex: »Sein Christentum war ganz Kraft und Leben&#8230; Sein Gott war mit einem Schwerte gegürtet, und auch sein Christus trug wohl ein helles Schwert&#8230;«</p>



<p>Die meisten evangelischen und katholischen Theologen begrüßten den Krieg als »Volks­ver­jünger«, als Waffe gegen die individualistische »Nörgel­sucht« und den alle Sitten und Traditio­nen bedrohenden »Kosmopolitismus«, eine den Kirchen unangenehme Begleit­erscheinung des technischen und wirtschaft­lichen Fort­schritts. Im evangelischen Raum verstieg man sich sogar zur Konstruktion eines neuen Christentums, das sich mit dem deutschen Wesen verbinde und durch den Mund des deutschen Kaisers spreche, um – getragen von deutschen Bajonetten und deutschen Artilleriegranaten – die Welt erneut zu erobern. Christen im Kriege, ein Kapitel für sich! Unter den Deutschen war »Adieu!« (wörtlich: »zu Gott!«) bis 1914 der geläufigste Abschiedsgruß. Doch die antifranzösische Sprachpropaganda machte nach Kriegsausbruch Front gegen den Gottesgruß: »Fort mit dem welschen Gruß ‚Adieu‘! Wir grüßen deutsch: ‚Auf Wiedersehn‘!« Mit nachhaltiger Wirkung.<a href="#_ftn27" id="_ftnref27">[27]</a> 1916 veröffentlichte der Germanist Eduard Engel sein Verdeutschungsbuch »Sprich Deutsch! Ein Buch zur Entwelschung«. 1955 wurde es von L. Mackensen neu herausgegeben.<a href="#_ftn28" id="_ftnref28">[28]</a></p>



<p>Der Nationalökonom und Soziologe <em>Werner Sombart</em> demonstrierte 1915 mit seiner Schrift »Händler und Helden«, dass völkisches Gedankengut durch den Krieg vom rechten Rand mitten ins Zentrum des deutschen Geisteslebens gerückt war – bei Sombart mit durchaus nachhaltiger Wirkung. Der Krieg erschien Sombart als gerechte Prügelei zwischen einem miesen und einem guten Charakter: hier die kleinliche Krämerseele der Eng­länder und Franzosen, nur auf ihren egoistischen Vorteil bedacht, dort der deutsche Held mit seinem auf der Welt einzigartigen Gefühl für das Wahre und Große, als Angegriffener selbstlos um die Fahne geschart, im Kampf um seine Selbstbehauptung, aber auch, um die vom russi­schen Zarismus unterjochten Völker zu befreien. Thomas Mann trieb diese Dichotomie, diese Einteilung der Welt in Schwarz und Weiß, noch 1918 in seinen »Betrachtungen eines Unpoliti­schen« weiter:</p>



<p>»Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimm­recht, Literatur.«<a href="#_ftn29" id="_ftnref29">[29]</a></p>



<p>Was diese Deutschen an der Zivili­sa­tion störte, war das Zivile, das Unmilitäri­sche, und was sie an Gesellschaft und Stimmrecht störte, war die Gewaltlosigkeit, die Abwesenheit von Herrschaft und Gefolgschaft in diesen Begriffen.</p>



<p>Ein weiterer Schlüsselbegriff war »Selbstbehauptung«. Das Wort trug die geopolitische Idee vom »Lebensraum« in sich, jenen Raum in der Mitte Euro­pas, den die Deutschen nach ihrer Natur, wie es hieß, zum Leben brauchten, und der ihnen &#8211; so das ständige deutsche Lamento &#8211; teilweise von anderen Völkern vorenthalten wurde. Leben bedeutete in diesem Zusammenhang Beherrschen. Diese Herrschaft wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts gerade in Deutschland gerne sozial­darwinistisch gerechtfertigt: Als besonders tüchtiges Volk setzen sich die Deutschen im natürli­chen Lebenskampf gegen andere, schwächere Völker durch und haben dann auch das »natürliche Recht«, diese Völker zu unterdrücken und sich deren Ressourcen anzueignen. Was jahrzehntelang gepredigt worden war, sollte nun auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich und Westrussland endlich Wirklich­keit werden.</p>



<p>Manche ereilte schon zwei Monate nach Kriegsausbruch der Kater; so den Dichter und Schriftsteller <em>Bruno Frank</em><em>, </em>der im August noch frohlockt hatte, dass er jung und gelenk nach Westen und Osten marschieren durfte. In seiner 1928 erschienenen »Politischen Novelle« ließ er den Helden Carmer im Rückblick mit sich selbst ins Gericht gehen:<a href="#_ftn30" id="_ftnref30">[30]</a></p>



<p>Die Vernunft hatte nicht standgehalten! Alle lebenslang geübte Klarheit, Nüchternheit und Kritik war zum Teufel gegangen vor dem Anprall einer tobenden Stunde. Wie der Letzte und Dumpfeste, blind und taub, hatte er geglaubt und gewütet, mit hochrotem Kopfe – o ewige Scham! – hatte er auf einem öffentlichen Platz mit der fanatisierten Menge geschrien und die Arme geschwenkt, er, der doch wusste, was Krieg bedeutete und wie er entstand: nicht aus einem Zusammen­prall von Edelmut und Gemeinheit wahrhaftig, sondern aus ganz unheroischen Tatsachen von trister Greifbarkeit, über die man bunte Tücher deckte, um das Volk zu verführen.</p>



<p>Doch bei anderen erwies sich der »Geist von 1914« als sehr haltbar. Noch 1951 schrieb der liberale Histori­ker <em>Friedrich Meinecke</em><em>, </em>damals Rektor der Freien Universität Berlin, seinem deutschnationalen Kolle­gen <em>Hans Rothfels</em><em>&nbsp; </em>zu dessen 60. Geburtstag in die Festschrift: »Es entsprach unse­rer gemeinsamen Grundgesinnung in den Anfängen des ersten Weltkriegs, alle Kräfte des deut­schen Geistes zusammenzufassen, um dem Kampf um unsere Selbstbehauptung zu dienen.«<a href="#_ftn31" id="_ftnref31">[31]</a> Sämtliche deutschen Aggressionen wurden dadurch per se für »präventiv« erklärt, also zu reinen Verteidigungsakten. Rothfels war 1914 Offizier und verlor in jenem Kampf um die deutsche Selbstbehauptung auf französischem Boden ein Bein. Er schrieb viele Bücher über Bismarck und spielte in den 50er und 60er Jahren eine wichtige Rolle bei dem Versuch der westdeutschen Historikerzunft, die deutsche Verant­wor­tung für den I. Weltkrieg weiterhin im Nebel zu halten.</p>



<p>Max Beckmann brach im August 1915 unter seinen grauenhaften Kriegs­erlebnissen psychisch zusammen und wurde als Soldat entlassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">VI. Maas und Marne</h3>



<p>Wie es der Schlieffenplan vorgesehen hatte, brach der größte Teil des deutschen Heeres, etwa 700.000 Mann, vom 4. August an in Belgien&nbsp;ein, um über Lüttich (Liège), Namur, Maubeuge, St. Quentin, Compiègne von Nordosten her auf Paris vorzustoßen. Die im Südteil der Front, vom damals zu Deutschland gehörenden Lothringen und Elsaß aus, vorrückenden Armeen waren deutlich schwächer, und die in Ostpreußen gegen die Russen aufgestellte 8. und letzte Armee war noch schwächer. Die französische Front mit ihrem schwer zu bezwingenden Festungsgürtel an der oberen Mosel (Verdun, Toul, Epinal, Belfort) sollte so in einem riesigen Bogen von Norden her umschlossen und letztlich eingeschlossen werden. Die Vision der Umfassungsschlacht von Cannae, in der die Karthager unter Hannibal im Jahre 216 vor Chr. die Römer im eigenen Land vernichtend geschlagen hatten, stand beim Schlieffenplan Pate und sollte hier ins Gigantische gesteigert werden. Man hat jedoch den Eindruck, dass die verantwortlichen Generäle sich nicht recht klargemacht haben, dass die sechs- bis sieben­hundert Kilometer nach Paris in wenigen Wochen zu Fuß zurückgelegt werden mussten, mit vollem Marschgepäck.</p>



<p>Die ersten, die ihnen einen Strich durch die Rechnung machten, waren die Belgier. Sie wehrten sich gegen die übermächtigen Invasoren. Als am 6. August nach tagelangem Artilleriebeschuss die Festung Lüttich&nbsp;an die Deutschen fiel, waren sie bereits aus dem Zeitplan, und jeder Tag Verzögerung bedeutete, dass mehr englische Soldaten und Waffen in Frankreich landeten. Eine von General­major Erich Ludendorff geführte Infanteriebrigade eroberte die Zitadelle von Lüttich. Ludendorff bekam den Orden Pour le Mérite und ließ sich als »Held von Lüttich« feiern. In Plakaten feierte die deutsche Armee ihren Sieg über Lüttich als Frucht der neuen Kruppschen Riesengranaten vom Kaliber 42 cm. Am #. August fiel Brüssel; bis zum 25. August war der größte Teil Belgiens erobert. Die belgische Armee wich nach Antwerpen aus, doch in Lüttich und anderen belgischen Städten regte sich Volkswiderstand gegen die deutschen Besatzer. Zum ersten Mal wurde die deutsche Armee mit Ansätzen eines Partisanenkrieges konfrontiert, und sie reagierte schon damals so, wie es im II. Weltkrieg zur gängigen Praxis der Wehrmacht werden sollte: mit Mas­sakern und Brandschatzungen. In Andenne&nbsp;wurden am #. August 110 belgische »Franktireurs« standrechtlich erschossen. In der alten flämischen Universi­täts­stadt Leuven&nbsp;brannten die Deut­schen am #. August über 2000 Häuser der Altstadt nieder, darunter die Kathedrale und die Akademie der schönen Künste; zahllose wertvolle Gemälde wurden zerstört. 209 Einwohner wurden an die Wand gestellt und erschossen. In Dinant töteten deutsche Invasionstruppen 674 Zivilisten und zerstörten rund 1200 der 1800 Häuser der Stadt. Insgesamt töteten deutsche Soldaten im August und September in Belgien 5521 Zivilisten bei Massakern, in Nordfrankreich weitere 906.<a href="#_ftn32" id="_ftnref32">[32]</a></p>



<p>Die Gräueltaten der deutschen Besatzung in Belgien wurden im September von der britischen und französi­schen Presse weltweit angeprangert. Die Kriegs­propaganda der Entente stellte die Deutschen auf Plakaten und Bildpost­karten als »Hunnen« dar, Kaiser Wilhelm II. als Wiedergänger Attilas – in Anspielung auf Wilhelms berüchtigte »Hunnenrede« vom Juni 1900.<a href="#_ftn33" id="_ftnref33">[33]</a> Im Gegenzug verbreitete die Oberste Heeresleitung in Deutschland Falschmeldungen über angebliche Gräueltaten belgischer und franzö­sischer Parti­sanen an deutschen Soldaten. 3016 der insgesamt etwa 5000# deut­schen Hochschullehrer veröffent­lichten im September eine Erklärung, in der sie ihrer inter­na­tional in Verruf gerratenen Regierung tapfer beiseite sprangen. <em>Zitat# </em>Im Oktober folgte ein »Aufruf der 93« an die »deutsche Kulturwelt«. 93 hochrangige und teilweise weltberühmte Ver­treter des deutschen Geisteslebens, darunter der Chemiker Fritz Haber, der Biologe Ernst Haeckel, die Physiker Max Planck und Wilhelm Röntgen, der Maler Max Liebermann, der Kom­ponist Engelbert Humperdinck, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Regisseur Max Reinhardt, der Philosoph Rudolf Eucken, der Nationalökonom Lujo Brentano gaben der Welt kund und zu wissen: <em>Zitat#: Dokumente zur dt. Gesch. 1914-1917, hg. v. D. Fricke, Berlin 1976, Nr. 20 (auch bei Röderberg Frankfurt ersch.)</em></p>



<p>Unterdessen waren die russischen Grenztruppen erheblich schneller aktiv geworden, als Schlieffen und sein Nachfolger Moltke das vorgesehen hatten. Mitte August brachen zwei russi­sche Armeen in Ostpreußen&nbsp;ein und schlugen die schwachen deutschen Verteidi­gungskräfte in die Flucht. Zwei weitere stießen in Österreich-Ungarns nordöstliche Provinz Galizien&nbsp;vor, das Gebiet um Lemberg&nbsp;(heute Lwiw), das heute überwiegend zur Ukraine gehört. Große deutsche Siedlungsgebiete mit den Städten Tilsit, Insterburg&nbsp;und Allenstein&nbsp;und etwa # Einwohnern, darunter etliche urpreußische Großagrarier mit ihrem Anhang, gerieten fast kampflos in russische Hand. Um den für Deutschland peinlichen russischen Triumph zunichte zu machen, musste Moltke aus dem starken rechten Flügel der Westfront zwei Armee­korps abziehen und nach Ostpreußen schicken. zum faktischen Kommandeur der 8. deutschen Armee setzte Moltke am 21. August Generalmajor Erich Ludendorff ein. Da Ludendorff noch nicht dienstalt genug war, um ein selbst­ständiger Armeekommandeur zu werden, setzte der Generalstab den pensionierten General <em>Paul von Hindenburg </em>als seinen formellen Vorgesetzten ein. Hindenburg qualifizierte sich mit seiner Ideenarmut und seiner phegmatischen Natur für diesen Job, denn er musste den exzentrischen Sanguiniker Ludendorff als rechte Hand und Ideengeber aushalten. Ludendorff überzeugte Hinden­burg von dem Wagnis, mit unterlegenen Kräften die Armee Samsonows bei Tannenberg anzugreifen, ehe sie sich mit der Armee Rennenkampfs vereinigt hatte. Samsonows Armee wurde erfolgreich eingekesselt und vernichtet, 50.000 Russen kamen ums Leben, 90.000 gerieten in Gefangenschaft. Die Armee Rennenkampfs griff nicht in die Schlacht ein, obwohl sie teilweise nur 20 km vom Geschehen entfernt lagerte. Schuld war ein Zerwürfnis zwischen den beiden Generalen. Einige Tage später schlug Luden­dorffs Armee auch die Armee Rennenkampfs im Gebiet der Masuri­schen Seen, wobei weitere 40.000 Russen umkamen. Rennenkampf gelang jedoch mit dem Rest der Armee ein erfolgreicher Rückzug.<a href="#_ftn34" id="_ftnref34">[34]</a> Hier, auf kleinem Raum, war das Modell Cannae erfolgreich. Es war die erste und zugleich vorletzte klassische Schlacht des Krie­ges.</p>



<p>Eine gewaltige Propagandakampagne machte den »Sieg von Tannenberg« publik und begrün­dete jenen bis 1945 wirksamen Mythos vom deutschen Soldaten als dem »besten der Welt«. Bei Walter Flex nahm »der Schatten Hindenburgs« oder auch dessen »fabelhafter Feldherrnkopf« die Züge eines Rübezahl oder Barbarossa an.<a href="#_ftn35" id="_ftnref35">[35]</a> Die Popularität Hindenburgs als angeblich genialer Feldherr und Retter Ostpreußens wirkte lange über seinen Tod 1934 hinaus. Noch heute sind zahlreiche Straßen und Plätze sowie die Land­verbindung der Insel Sylt nach diesem Offizier benannt. In der Gesamtsicht des Kriegsverlaufs war Tannenberg gar kein Sieg, sondern nur die Aufhebung einer peinlichen Niederlage. Durch Tannenberg war der Status quo an der deutschen Ostfront wiederhergestellt, und das ganz einfach auf Kosten des Aufmarsches gegen Frankreich. Die betroffenen Gebiete Ostpreußens waren die einzi­gen deutschen Gebiete, die im I. Weltkrieg durch Kriegs­handlungen verheert wurden.</p>



<p>Wie stark die Kriegsereignisse das Familienleben der Deutschen und damit auch das Leben vieler Kinder prägten, mag eine Tagebuchnotiz des 13jährigen Augsburgers Heinrich Himmler vom 26. August 1914 illustrieren: »Mit Falk im Garten gespielt. 1000 Russen von unseren Truppen östlich der Weichsel gefangen. Vormarsch der Österreicher. Nachmittags im Garten gearbeitet. Klavier gespielt. Nach dem Kaffee besuchten wir Kissenbarths. Wir durften bei ihnen Zwetschen vom Baum pflücken. Schrecklich viele sind gefallen. Wir haben jetzt 42-cm-Kanonen.«<a href="#_ftn36" id="_ftnref36">[36]</a></p>



<p>Unterdessen konnten die deutschen Truppen im Westen die sog. Grenz­schlachten vom 20. bis 25. August an der belgisch-französischen Grenze zwar für sich entscheiden, aber es gelang nicht wie geplant, größere Teile der französischen Armee und des britischen Expeditionskorps gefangen­zunehmen. Stattdessen wichen die Gegner geordnet nach Süden aus. Die 1. und 2. deutsche Armee stießen weit nach Süden vor, doch schon am 4. September war Moltke klar, dass sie – spä­testens nach der Abgabe zweier Armeekorps an die Ostfront – zu schwach und auch bereits zu erschöpft waren, um jetzt noch die riesige Festung Paris&nbsp;im weiten Bogen westlich umgehen und einschließen zu können. Der deutsche Feldzug im Westen schlug bereits nach wenigen Wochen vollkommen fehl. Moltke hatte den Verteidigungsflügel in Lothringen auf Kosten des Angriffsflügels in Belgien gestärkt und den Weg der nördlichen Angriffszange verkürzt. Für den Fall, dass die nördliche Angriffsarmee an ihrer nordöstlichen Flanke angegriffen wurde, gab es keinen »Plan B«.</p>



<p>Die Franzosen hatten – auf Befehl von General <em>Joseph Joffre</em><em>&nbsp;–&nbsp; </em>Truppen aus der lothringischen Front abgezogen und nörd­lich von Paris aufgestellt. Als das Gros der 1. deutschen Armee am 5. September etwa 40 km östlich von Paris die Marne&nbsp;überschritt, griffen die Franzosen nördlich von Paris die lange deutsche Flanke an. Es begann die <em>Marneschlacht</em><em>,</em> die sich über rund 200 km Front zwi­schen Paris und Verdun erstreckte. Die 1. Armee musste sich ein Stück nach Norden zurück­ziehen, um den Angriff auf ihre Westflanke abzuwehren.<a href="#_ftn37" id="_ftnref37">[37]</a> Als britische Truppen über die Marne hinweg nach Norden vorstießen, unterbrachen sie die Verbindung zwischen 1. und 2. deutscher Armee und zwangen so auch die 2. Armee zum Rückzug nach Norden. An der Aisne gruben sich beide Sei­ten in Schützengräben ein, der Bewegungskrieg erstarrte zum Stellungskrieg. Die deutsche Strategie gegen Frankreich war gescheitert, die Franzosen bejubelten das »Wunder an der Marne«. – Unter den vielen Toten waren der 27jährige westfälische Maler <em>August Macke</em>und der jüdische SPD-Reichstagsabgeordnete <em>Ludwig Frank</em><em>. </em>Der aus Westpreußen stammende 48jährige Heimat­schriftsteller <em>Hermann Löns</em> und der 25jährige expressio­nistische Dichter <em>Alfred Lichtenstein</em><em>&nbsp;</em>wurden bei Reims getötet.</p>



<p>Am 9. September meldete Moltke klarsichtig: »Majestät, wir haben den Krieg verloren!« Zur Strafe für das ehrliche Überbringen der schlechten Nachricht setzte ihn der Kaiser auf Druck von Reichskanzler Bethmann Hollweg sofort ab.<a href="#_ftn38" id="_ftnref38">[38]</a> Der schlaue Ludendorff merkte sich Moltkes Schicksal gut und schaffte es, diesen »Fehler« vier Jahre lang zu vermeiden. Als er Ende September 1918 ebenfalls endlich die Kriegsniederlage melden musste, wurde auch er sofort abgesetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">VII. Flandern und Galizien</h3>



<p>An der militärischen Misere konnte auch Moltkes Nachfolger <em>Erich von Falkenhayn</em>nichts ändern. Er sollte als Spezialist für besonders sinnloses Blutvergießen in die Geschichte eingehen, und begann auch gleich ein solches in Flandern. Franzosen und Briten versuchten dort im Oktober, der deutschen Aisne-Front von Nord­westen her den Nachschub abzu­schneiden. Die Deutschen führten im Gegenzug Massen von jungen Frei­willigen­verbänden heran, darunter viele patrio­tisch begei­sterte Ober­schüler und Studenten, um jetzt doch noch von Norden her nach Paris oder zumin­dest zu den Kanalhäfen Dunkerque (Dünkirchen), Boulogne und Calais zu gelangen, über die die Briten ihren Nach­schub bezogen. Beides gelang nicht, auch hier bildete sich entlang der bel­gisch-französischen Grenze rasch eine starre Frontlinie der Schützengräben. Zu Tausenden wurden im November 1914 die jungen Freiwilligen über weite Felder und Wasser­gräben hinweg ins Maschinengewehrfeuer gejagt, bis keiner mehr lebte. Unter ihnen waren auch der 31jährige elsässische Publizist und expressionistische Dichter<em> Ernst Stadler</em><em>&nbsp;</em>und Peter Kollwitz, der Sohn von Käthe Kollwitz. An seinem Grab auf dem Soldatenfriedhof Vladslo errichtete die Mutter später ihre berühmte Doppel­skulptur des trauernden Elternpaares. In der deutschnationalen Propaganda feierte man dagegen noch Jahrzehnte später den »Heldenmut« der 15.000 Schüler und Studenten, die bei <em>Lange­marck</em><em>&nbsp;und Ypern</em>&nbsp;mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gestürmt haben sollen, ehe sie verbluteten.</p>



<p>Der Schriftsteller <em>Ludwig Renn</em><em> &nbsp;</em>hat noch im Krieg, an der Front, einen der weni­gen Überlebenden getroffen und berichtete 1929, was der ihm erzählt hatte:<a href="#_ftn39" id="_ftnref39">[39]</a></p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">»Ich war bei einem der Freiwilligenregimenter, die 1914 unter Gesang gestürmt haben sollen. Das zu verbreiten war nicht gefährlich, denn es sind nicht viele zurückge­kom­men, die die Wahrheit hätten sagen können. – Selbst war ich ja nicht Kriegs­freiwilliger. &#8230; Wir fuhren mit einem Transportzug hinaus nach Flandern. &#8230; Plötzlich ein wüster Krach ganz nah. Wir ans Fenster. Neben dem Zug auf dem Felde steht so eine schwarze Wolke, rund und ziemlich hoch. – Ramms! Wieder steht so &#8217;ne Wolke da. Der Zug bremst. Die Räder quietschen.</p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">»Alles heraus! Ausschwärmen!« brüllt ein Offizier. Wir das Gepäck am Riemen genommen. Einem fiel dabei die Stiefelbürste aus dem Tornister; den hatte er in der Eile nicht zugeschnallt. Wie er sich bückt und die Bürste in die Tasche stecken will, erwischt&#8217;s ihn. &#8230; Der Krankenträger Lehmann hat mir später erzählt, daß er ein paar Tage lang phantasiert hat und immer die Bürste in seine Tasche hat stecken wollen.</p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">Am Nachmittag wurden wir dann eingesetzt. So, weißt du, in der gewöhnlichen Art: Sturm, in dieser Richtung, los! Wir haben nicht gewußt, wer uns gegenüberlag und wo wir sind. Und gesehen haben wir nur leere Felder. Da sind wir losgerannt. Um uns haben die Kugeln gepfiffen. Dann haben wir uns hin­geschmissen und haben geschossen, wie wir das so gelernt hatten: geradeaus! Vielleicht trifft&#8217;s einen. – Bis dahin hatte unsere Artillerie keinen Schuß abgegeben. Jetzt kam es von hinten vorgezischt und schlägt mit zwei Granaten dicht vor unsere Linie. Ich denke mir, jetzt werden sie das Feuer vorver­le­gen. Da kommen die nächsten Schüsse: dicht hinter die Linie. Verflucht! denke ich. Und gut haben sie geschossen!</p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">»He, Sie!« höre ich jemand brüllen. »Hinterrennen zur Artillerie! Sie schießt auf uns!«<br>Über den weichen Acker stolpert einer in Todesangst hinter <em>[von der Front weg nach hinten, J. K.].</em><br>Schuß auf Schuß setzt unsre Artillerie in unsere Schützenlinie.<br>»Spielmann!« brüllte die Stimme wieder. »Ist kein Spielmann da? Blasen! Daß sie mer­ken, daß wir&#8217;s sind!«<br>Ein paar Töne stockerten aus dem Horn.<br>Von vorn zirpten die feindlichen Kugeln. Von hinten stampfte unsre Artillerie.<br>»Singt!« brüllte die Stimme. »Singt: Deutschland, Deutschland über alles!«<br>Zwei, drei Stimmen sangen dünn. Dann wurden es mehr. Wir sangen doch um unser Leben! Aber wir lagen auf dem Bauch und – Fatschbumm! – schlugen die Granaten ein. Da ging uns immer der Atem aus, wenn&#8217;s einschlug. Gebrüllt habe ich, was ich konnte. Aber unsre Artillerie hatte nichts davon gehört. Die schoß und schoß. Die Verwundeten wimmerten. Da und dort tauchte der Gesang wieder auf, immer hoffnungsloser: Deutschland, Deutschland über alles. – Seitdem habe ich das nie mehr mit­gesungen! – und ein paar Tage später, – wir waren nur noch so wenige, daß unsere ganze Kompagnie in einer Bauernstube lag, – da bringt einer den Heeresbericht und liest vor: »Mit pracht­vollem Schwung stürmten deutsche Freiwilligenregimenter unter dem Gesang von »Deutschland, Deutschland über alles!«</p>



<p>Die österreichisch-ungarische Armee stand im August 1914 vor einem ganz ähnlichen Zwei­frontenproblem wie die deutsche: im Süden wollte man Serbien per »Blitzkrieg« erledigen, im Nordosten, dem von Polen und Ukrainern bewohnten Galizien, musste man einen russischen Einmarsch verhindern. Das misslang hier noch gründlicher als in Frankreich und Ostpreußen. Conrad von Hötzendorf&nbsp;schickte das Gros seiner Armee gegen Serbien, da auch er den Russen keinen schnellen Angriff zutraute. Als die Russen unerwartet rasch und heftig in Galizien ein­brachen, zog er – genau wie Moltke – Truppen aus der Südfront ab, um sie 500 km weiter nörd­lich in Galizien einzusetzen. Dadurch kam der Vormarsch gegen Serbien zum Stillstand, zumal die Serben – in langen Kämpfen gegen die Türken geschult – ihr Land zäh verteidigten. In Österreich-Ungarn war die Eisenbahn nicht so leistungsfähig wie in Deutschland, die von Süden abgezogenen Truppen waren zu lange unterwegs, um Galizien noch »retten« zu können. Öster­reich-Ungarn verlor 300.000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen, ein Schlag, von dem sich die kaiserliche und königliche Armee nicht mehr erholte. Erst auf den Höhen der Kar­paten konnte der russische Vormarsch gestoppt werden. – Der österreichische Militärapotheker und Dichter <em>Georg Trakl</em> erlitt durch seine Kriegserlebnisse in Gródek (Galizien) einen schweren Nervenzusammenbruch. Im Lazarett in Krakau verfasste er noch einige Verse über Gródek:</p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen&#8230;<br>Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.</p>



<p>Am 3. November beging Georg Trakl 27jährig Suizid.</p>



<p>Mitte September 1914 war der Krieg praktisch entschieden. Schlieffens Plan war insofern rea­listisch gewesen, als er die einzige Chance für einen deutschen Sieg in einem schnellen Sieg über Frankreich gesehen hatte. Nachdem auch das nicht gelungen war, gab es in der Tat für Deutschland keine weitere Chance mehr, den Krieg zu gewinnen. Je länger der Krieg dauerte, desto stärker musste die materielle Überlegenheit der Briten, Franzosen und Russen ins Gewicht fallen. Deut­lich wurde diese Überlegenheit schon damals in der britischen Seeblockade, die Deutschland von den meisten Einfuhren abschnitt. Die britische Marine war stark genug, um den Kanal und die Nordsee zwischen Schottland und Norwegen weiträumig abzusperren, und die deutsche Marine, deren Aufbau so ungeheure Geldmittel verschlungen und die politischen Beziehungen zu Groß­britannien so nachhaltig vergiftet hatte, lag macht- und tatenlos in den Häfen. Sie hätte nur ausgereicht, um eine unmittelbar in der Deutschen Bucht gezogene Blockade zu durchbrechen.</p>



<p>Obwohl mit einer Seeblockade zu rechnen gewesen war, gab es in Deutschland kaum nen­nens­werte Nahrungsmittelvorräte. Das lag daran, dass der Getreide­export zugunsten der deut­schen Großagrarier vom Staat indirekt subventioniert wurde. Die deutsche Getreideernte deckte 1913 etwa 90% des Bedarfs. Pflanzliche Fette und Milchprodukte wurden zum größten Teil importiert. Ein längerer Krieg mit Seeblockade musste also unweigerlich eine katastrophale Hungersnot heraufbeschwören. Eine industrielle Kriegs­vorbereitung, vor allem eine zentrale Erfassung und Verteilung von Arbeitskräften und Rohstoffen für die Rüstungs­produktion, gab es 1914 zunächst überhaupt nicht. Die ersten Ansätze einer von staatlichen Stellen und Groß­unternehmern gemeinsam betriebenen zentralen Planung begannen Mitte August, und wirksam wurden sie erst, als alle Illusionen vom Herbst­spaziergang deutscher Offiziere auf den Pariser Boulevards verflogen waren. Einer der wichtigsten Männer der Kriegsrohstoffplanung war der AEG-Direktor <em>Walter Rathenau</em><em>.</em></p>



<p>Generalstabschef v. Falkenhayn wusste das alles sehr genau. Ende November, nach dem Scheitern der deutschen Angriffe in Flandern, sagte er dem Zentrumspolitiker Matthias Erzber­ger, der Krieg sei »eigentlich verloren«. Gegen­über Bethmann Hollweg bezeichnete er die deut­sche Armee, die inzwischen auf 50 % ihres Bestandes geschrumpft war, als »zerbrochenes Instrument«. Der Kanzler jedoch war gerade von einem Besuch bei Hinden­burg und Ludendorff in Ost­preußen zurückgekehrt und hatte sich von deren Großsprecherei anstecken lassen; deshalb empfand er Falkenhayns Einschätzung als Miesmacherei. Die Tannen­berger nämlich glaubten, mit genügend Truppen, die man von der Westfront abziehen solle, könnten sie Russland in kurzer Zeit »erledigen«; sie wollten den Schlieffenplan also einfach umkehren. Falkenhayn hielt nach seiner Erfahrung mit der englisch-französischen Kampfkraft in Flandern dagegen, dass auch ein deutscher Sieg über Russland den Krieg nicht entscheiden würde; die Ent­scheidung könne nur in Frankreich fallen.</p>



<p>Dass Kaiser Wilhelm II., Reichskanzler v. Bethmann Hollweg und General­stabschef v. Falkenhayn trotz alledem den Krieg fortsetzten und noch Millionen von Menschen in einen selbst vor der Staatsräson sinnlosen Tod schickten, war nach der Entfesselung des Krieges ihr zweites großes Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Freilich hatten sie insofern keine andere Wahl, als ein Eingeständnis der Niederlage zu diesem Zeitpunkt ihren Sturz und den Untergang der herrschenden Kaste in Deutschland hätte herauf­beschwören können. Sie waren längst Gefangene ihrer eigenen Propa­ganda­lügen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">VIII. Kriegsziele</h3>



<p>Da es mit dem Kriegführen nicht so gut klappte, verlegte man sich im September 1914 auf das Formulieren von Kriegszielen. Vorneweg der Alldeutsche Verband, dessen Vorsitzen­der, der Rechtsanwalt <em>Heinrich Claß</em><em>,</em> nach Absprache mit den Schwerindustriellen <em>Gustav Krupp</em><em> v. Bohlen,</em> <em>Hugo Stinnes</em> und dem politi­sierenden Krupp-Direktor <em>Alfred Hugenberg</em> der Reichsregierung Ende August eine Denkschrift mit den wich­tigsten Kriegszielen der deutschen Schwerindustrie und der preußischen Großagrarier vorlegte. Für die eher exportorientierte deutsche Elektroindustrie und die mit ihr eng verbundene Deut­sche Bank legten AEG-Direktor <em>Rathenau</em> und Deutsche-Bank-Direktor <em>Arthur v. Gwinner</em> etwas differierende Vorstellungen vor. Ganz einfach war die Sache für den saarländischen Koh­lenbaron <em>Hermann Röchling</em><em>.</em> Der forderte am 31. August von der Regierung die sofortige Anne­xion des französischen Erzbeckens von Longwy-Briey. Der Ruhrindustrielle <em>Albert Vögler</em> begründete das 1917 in einem Brief an Reichskanzler Michaelis: »Unser [Erz]Bedarf aus Deutschland gedeckt für höchstens 60 Jahre; mit Briey um 40 Jahre länger. Frankreich hat für 600 Jahre Erz.«<a id="_ftnref40" href="#_ftn40">[40]</a> Sein Fachkollege <em>August Thyssen</em> interessierte sich dagegen mehr für die Manganerze im Kaukasus.</p>



<p>Die Kriegsziele der Alldeutschen sahen Annexionen vor, vor allem in Belgien, Nordfrankreich, Polen, Litauen und Kurland (dem südlichen Lettland). Die Bevölkerung der annektierten Gebiete im Osten sollte vertrieben werden, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen: Klein­bau­ern und Kriegsveteranen, namentlich jene Unteroffiziere, die die soziale Basis des All­deutschen Verbandes bildeten. Hier flossen Vorstellungen der im Bund der Landwirte organi­sierten ostel­bischen Großagrarier ein, die auf eine Ausweitung ihrer Rittergüter in den baltischen Raum hofften, und innen­politische Erwägungen der preußischen Konservativen: Landwirt­schaftliche Siedler im Osten sollten ein staatstragendes Gegengewicht zur wachsenden Industrie­arbeiter­schaft bilden, die dank der deutschen Sozial­demokratie als politisch unzuverlässig galt.</p>



<p>Demgegenüber setzten die exportorientierten Industriellen und Bankiers auf die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands in einem organisierten<em> »Mitteleuropa«,</em> das heißt einer gewaltsam durchgesetzten Zollunion aus Deutschland, Österreich-Ungarn, Frank­reich, den Benelux-Staaten, Polen und den Balkan-Staaten. Annexionen im herkömm­lichen Sinne erschienen ihnen altmodisch und mit überflüssigen Risiken behaftet. Weiter ausgearbeitet und propagiert wurde die »Mitteleuropa«-Idee 1915 von dem Sozialliberalen <em>Friedrich Nau­mann</em><em>. </em>Reichskanzler v. Bethmann Hollwegvermied eine klare Parteinahme in diesem Streit. Im September 1914 ließ er seinen persönlichen Referenten <em>Kurt Riezler</em> ein detailliertes Kriegsziel­programm ausarbeiten. Weitgehende Überein­stimmung herrschte in dem Ziel, sich auf Kosten der französischen Kolonien ein zusammen­hängendes deutsches Kolonialreich »Mittelafrika« zu unterwerfen, Frank­reich durch hohe Kriegstributionen auszubeuten und auf Jahrzehnte hinaus niederzuhalten.</p>



<p>Die herrschenden Kreise Österreich-Ungarns waren vor allem an einer Annexion Polens interessiert, der sogenannten austropolnischen Lösung. Bethmann Hollweg und Riezler sahen das »allgemeine Ziel des Krieges« in der »Sicherung des Deutschen Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muss Frankreich so geschwächt werden, dass es als Großmacht nicht neu entstehen kann, Russland von der deut­schen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasal­lenvölker gebrochen werden.« Letzteres war eine Lieblingsidee Bethmanns. Litauen, Lett­land, Estland, Polen, Rumänien, Bulgarien und auch die Ukraine sollten einen unter deutsch-österreichischer Oberhoheit stehenden, gegen Russland gerichteten Staatengürtel bilden. Zu diesem Zweck unterstützte die Reichsregierung separatistische Gruppen von Balten und Ukrai­nern mit erheblichen Geldmitteln. Die Wiener Regierung unterstützte den polnischen Offizier und späteren Diktator József Pilsudski beim Aufbau einer antirussischen polnischen Armee. Als Hitler später seinen berüchtigten Satz schrieb, er brauche die Ukraine, konnte er sich auf Bethmann Hollweg berufen. Und selbst sein Griff nach dem Kaukasus findet sich bereits 1914 in der Wunschliste August Thyssens, der sich politisch gerne vom Zentrumsmann <em>Erzberger</em> vertreten ließ. Letzterer ergänzte das Mitteleuropa-Konzept um den Aspekt, mit sozialen Zusagen die Arbeiterschaft besser in den siegreichen Staat einzubin­den.</p>



<p>Die Alldeutschen beschimpften Bethmann Hollweg, weil er ihre Annexions- und Vertreibungs­pläne im Osten nicht teilte, als »Flaumacher«. Großadmiral <em>Alfred v. Tirpitz</em> zerstritt sich mit dem Kanzler, weil er in England den Hauptfeind sah und vor allem die Kanalküste annektieren wollte. Darin wurde er von Gustav Krupp v. Bohlen unterstützt. Typisch für alle diese Pläne­schmiede war ein Satz Albert Vöglers in dem erwähnten Brief: »Für den Erwerb von Briey wür­den wir 10 Jahre länger Krieg führen.«<a href="#_ftn41" id="_ftnref41">[41]</a> Ein schönes <em>Wir. </em>Vögler wusste, dass er sich nicht selbst in den Graben würde legen müssen.</p>



<p>Die deutsche Kriegszieldebatte erreichte Mitte 1915, obwohl sie der Pressezensur unterlag, einen zweiten Höhepunkt mit zwei von den Alldeutschen initiierten Petitionen an die Reichs­regierung. Im Mai forderten sechs führende Wirtschafts­verbände und im Juni 1100 Professoren, Künstler und hohe Beamte von der Reichsregierung die Errichtung eines Nachkriegs-Deutsch­lands, das von Calais bis Estland reichen sollte. Im Osten sollten große Teile der ein­heimischen Bevölkerung vertrieben werden, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Balten und Polen war ein recht- und besitzloses Dasein als Wanderarbeiter auf deutschen Gutshöfen zugedacht. Solchen Vertreibungs­plänen schloss sich 1917/18 auch die Oberste Heeresleitung unter Hinden­burg an.<a href="#_ftn42" id="_ftnref42">[42]</a> Im Juli initiierten der Historiker <em>Hans Delbrück</em> und der frühere Staatssekretär <em>Bern­hard Dernburg</em> eine Gegenpetition, der sich unter 141 anderen auch Albert Einstein, Ludwig Quidde und Max Weber anschlossen. Sie wandte sich gegen die »Einverleibung &#8230; an Selbstän­digkeit gewöhnter Völker«. Als solche konnte man Polen und Balten damals allerdings kaum bezeichnen. Die SPD-Führung protestierte zur gleichen Zeit vor allem gegen die von den Alldeutschen geforderte Unterwerfung Belgiens.</p>



<p>Die Aktivitäten der Kriegskritiker wurden streng überwacht. Leiter des zuständigen Referats im Generalkommando des I. Bayer. Armeekorps in München war ab Sommer 1915 der #jährige Jurist und spätere faschistische Rechtsphilosoph Carl Schmitt. Thomas Mann bat ihn vergeblich, das anonym erschienene und beschlagnahmte Buch »J’accuse – Von einem Deutschen« einsehen zu dürfen, von dem er fälschlich annahm, dass es von seinem Bruder Heinrich stammte. Seinem Tagebuch vertraute Schmitt an, wie sehr er den lebensfeindlichen preußischen Militarismus hasste und wie er sich dem »Gang der Geschichte« unterwarf, in dem jeder einzelne nur ein Werkzeug sei.<a href="#_ftn43" id="_ftnref43">[43]</a></p>



<p>In der Reichskanzlei schritt man indessen bereits zur Verwirklichung der Eroberungspläne und beschloss am 13. Juli 1915 die Annexion des sogenannten »polnischen Grenz­streifens«, in dem zwei Millionen Polen lebten. In Belgien und Polen begannen die deutschen Besatzer, Zwangs­arbeiter nach Deutschland zu deportieren und wichtige Betriebe unter deutsche Zwangsaufsicht zu stellen.<a href="#_ftn44" id="_ftnref44">[44]</a></p>



<h3 class="wp-block-heading">IX. Kriegsgegner</h3>



<p>Der Irrsinn blieb nicht unwidersprochen. Im Juli 1914 trafen sich in Konstanz christliche Pazifisten zu einer Tagung über die Frage, wie man den bevorstehenden Krieg doch noch abwenden könne. Während der Tagung brach der Krieg aus, und sie musste abgebrochen werden. Der britische Quäker Henry Hodgkin und der pazifistische Potsdamer Pfarrer Fried­rich Siegmund-Schultze gaben sich bei der Trennung im Kölner Hauptbahnhof das Versprechen, Krieg oder Gewalt nicht zu rechtfertigen und die Saat des Friedens und der Liebe auszusäen, egal was die Zukunft bringen würde. Aus diesem Versprechen heraus gründete Hodgkins vier Monate später mit 128 Mitstreitern in London den Internationalen Versöhnungs­bund. Der deutsche Zweig konnte erst nach Kriegsende gegründet werden. Siegmund-Schultze wurde während des I. Weltkrieges 27 Mal inhaftiert und musste während der Nazi-Zeit im Exil leben.<a href="#_ftn45" id="_ftnref45">[45]</a></p>



<p>Eine Reihe pazifistischer Schriftsteller wandte sich von Anfang an konsequent gegen das Völkergemetzel, darunter Anatole France, Hermann Hesse, Ricarda Huch, Heinrich Mann, Erich Mühsam, Romain Rolland, René Schickele und Jakob Wassermann, viele in der von <em>Wilhelm Herzog</em> herausgegebenen Münchener Zeitschrift »Das Forum«. Als Reaktion auf den nationalistischen »Aufruf der 93« verfassten der Berliner Mediziner <em>Georg Friedrich Nicolai,</em> der Physiker <em>Albert Einstein,</em> der Astronom und Pazifist <em>Friedrich Wilhelm Förster </em>sowie Otto Buek im Oktober 1914 einen »Aufruf an die Europäer«, sich als Intellektuelle nicht für die Kriegshetze missbrauchen zu lassen. Freilich blieb diese Aktion ziemlich isoliert. Der bekannte Sportreiter <em>Kurt von Tepper-Laski</em> gründete im November 1914 den Bund Neues Vaterland (BNV), in dem sich die pazifistische Bewegung zusammenfand. Einstein schloss sich an, der Journalist Hellmut von Gerlach, Ludwig Quidde (Vorsitzender der Deutschen Friedens-Gesellschaft), Walther Schücking (vom Verband für internationale Verständigung), Minna Cauer (Herausgeberin der Zeitschrift »Frauen­bewegung«), Helene Stöcker (»Die neue Generation«), Wilhelm Herzog (»Das Forum«), René Schickele (»Die weißen Blätter«) und viele andere. Unter dem Einfluss des BNV wandten sich auch die führenden Pazifisten in der SPD, Hugo Haase, Karl Kautsky und Eduard Bernstein, gegen Ende des Jahres 1914 immer entschiedener gegen den Krieg und setzten sich für einen raschen Friedensschluss ein – ganz anders als die von Scheidemann, Ebert und David angeführte Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion.</p>



<p>Gleichwohl weckten fast alle SPD-Zeitungen den Eindruck, als stünde die SPD-Fraktion geschlossen hinter dem Kriegskurs. Am 31. August lehnte der Parteivorstand einen Antrag <em>Karl Liebknechts </em>ab, Protestversammlungen gegen den brutalen Annexionskurs der Alldeutschen und für einen sofortigen Friedens­schluss einzuberufen. Um den falschen Eindruck wenigstens im neutralen Ausland – und darüber, wie man hoffte, auch in den kriegführenden Ländern – zu zerstreuen, veröffentlichten Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Clara Zetkin am 10. September in mehreren sozial­demo­kratischen Zeitungen neutraler Länder eine Erklärung, in der es hieß, die SPD-Führung spreche nicht für die gesamte SPD. Liebknecht wagte es sogar, im gleichen Monat in die neutralen Nieder­lande und von dort aus in das besetzte Belgien zu reisen, um sich über den Besatzerterror des deutschen Militärs zu informieren und umgekehrt den belgischen Sozialisten die Solidarität wenigstens eines Teiles der SPD zu übermitteln. Der SPD-Vorstand schäumte gegen diesen »Verrat«. Albert Südekum versprach einem Vertreter der Reichskanzlei, man werde Liebknecht »unter allen Umständen aus der Partei herausschmeißen«.<a href="#_ftn46" id="_ftnref46">[46]</a></p>



<p>Liebknecht war nicht isoliert. Am 21. September unterstützte eine Vertrauens­leuteversammlung der Stuttgarter SPD unter dem Einfluss Clara Zetkins seinen Anti-Kriegs-Kurs, kritisierte jedoch seine Entscheidung vom 4. August, sich der Fraktionsdisziplin zu beugen. Liebknecht nahm sich diese Kritik zu Herzen. Die nächste Abstimmung im Reichstag über Kriegskredite war am 2. Dezember 1914 fällig, und dies­mal stimmte er – als einziger – dagegen. Dabei wusste er die Mehrheit der SPD-Aktiven seines Wahlkreises Potsdam-Spandau-Osthavelland hinter sich. In der Erklärung, die er nicht vortragen durfte, die der Reichstags­präsident nicht ins Protokoll aufnahm, die man aber auf Flugblättern verbreitete, stellte Liebknecht fest: Dieser Krieg ist – besonders von deutscher Seite aus – ein imperialistischer Krieg, in dem es darum geht, andere Länder zu erobern. »Deutschland&#8230;, das Muster politischer Rückständigkeit bis zum heutigen Tage, hat keinen Beruf zum Völkerbefreier. Die Befreiung des russischen wie des deutschen Volkes muss deren eigenes Werk sein.«<a href="#_ftn47" id="_ftnref47">[47]</a></p>



<p>Im Vorfeld der Abstimmung hatte Liebknecht die übrigen Kriegsgegner in der SPD-Fraktion vergeblich zur gemeinsamen Tat aufgerufen. Hugo Haase und Georg Ledebour schlugen vor, die Kredite nur zum Teil zu bewilligen; damit sollte die Regierung gezwungen werden, den Reichstag bald aufs Neue einzuberufen. Mit 82 gegen 18 Stimmen folgte die Fraktion jedoch den bedingungslosen Kriegsbefür­wortern.</p>



<p>Der Ruhm von Liebknechts Heldentat verbreitete sich auch auf der anderen Seite der Schützengräben. Der französische Schriftsteller <em>Henri Barbusse </em>erzählte in seinem schon 1916 unter dem Titel »Le feu (Das Feuer)« erschienen »Tagebuch einer Korporalschaft« folgende Szene:<a href="#_ftn48" id="_ftnref48">[48]</a></p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">Dort, an der Grabenböschung&#8230;, sehe ich jemanden sitzen&#8230; Die ruhige Stellung, in der jener Mensch nachdenklich vor sich hinblickt, hat etwas Statuenhaftes und fällt mir auf. Ich beuge mich über ihn und erkenne ihn; es ist Korporal Bertrand&#8230;<br>Zwei Schattenwesen schreiten nicht weit von uns durch die Dunkelheit; sie sprechen halblaut miteinander.<br>&#8211; Hast &#8217;ne Ahnung, mein Lieber, statt drauf zu hören, hab&#8216; ich ihnen&#8217;s Bajonett in den Bauch gerannt, so fest, daß ich&#8217;s nicht wieder &#8218;rausziehen konnte.<br>&#8211; Bei mir waren&#8217;s vier in einem Loch. Ich habe sie angerufen, daß sie &#8218;rauskommen sollen, und jedesmal, wenn einer &#8218;rauskam, hab&#8216; ich ihm die Haut aufgeschlitzt. Es lief mir rot bis an den Ellenbogen &#8218;rauf. Die Ärmel kleben mir noch davon.<br>&#8211; Ha! fuhr der erste fort, und wenn wir das später, wenn man davonkommt, denen daheim erzählen, am Herd oder bei der Kerze, wird&#8217;s keiner glauben wollen. Ist das nicht ein Elend, was?</p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">(&#8230;) Bertrand sagte gewöhnlich nicht viel und sprach nie von sich selbst. Jetzt aber sagte er doch:<br>&#8211; Drei hab&#8216; ich auf&#8217;m Hals gehabt. Gehauen hab&#8216; ich wie wahnsinnig. Ja! Wir waren wie Bestien, als wir hierhergekommen sind. In seiner Stimme klang ein unterdrücktes Zittern.<br>&#8211; Aber es musste sein, sagte er. Es musste sein &#8211; für die Zukunft. Er schlug die Arme ineinander und schüttelte den Kopf.<br>&#8211; Die Zukunft! rief er plötzlich aus wie ein Prophet. Mit welchen Augen werden die Späteren&#8230; diese Schlächtereien und diese Ruhmestaten ansehen&#8230; Und doch, fuhr Bertrand fort, sieh! Einer hat dennoch sein Antlitz über den Krieg erhoben, und es wird einst leuchten in der Schönheit und der Bedeutung seines Mutes&#8230;<br>Ich horchte, auf einen Stock gestützt und über ihn gebeugt, auf seine Worte; ich vernahm im Schweigen des Abends die Stimme jenes Mundes, der sich selten nur auftat. Und er sagte mit hellem Klange:<br>&#8211; Liebknecht!</p>



<h3 class="wp-block-heading">X. Feindliche Brüder</h3>



<p>Die Brüder <em>Heinrich</em> und <em>Thomas Mann</em> hielten sich nicht an Kaiser Wilhelms Befehl, dass Er keine Parteien mehr kenne, nur noch Deutsche. Der Weltkrieg tobte nicht nur zwischen Deutschland und Frankreich, sondern auch zwischen den beiden deutschen Schriftsteller­brüdern, und erst in den 30er Jahren, im gemeinsamen Kampf gegen die Nazi­tyrannei, sollten sie ihr vaterländisches Zerwürfnis überwinden. Auch die Freundschaft zwischen dem 29jährigen Philosophen Ernst Bloch und dem 56jährigen Soziologen Georg Simmel zerbrach im August 1914 an der Kriegsfrage. Simmel trat begeistert für den Krieg ein, Bloch entschieden dagegen.<a id="_ftnref49" href="#_ftn49">[49]</a></p>



<p>Im Juli 1914 begann Heinrich Mann, seinen Roman »Der Untertan« in Fortsetzungen in der Münchener Zeitschrift »Zeit im Bild« zu veröffentlichen. Der negative Held dieses Romans ist der Papierfabrikant Diederich Heßling, der als Student in eine schlagende Verbindung gerät, die väterliche Fabrik übernimmt, eine Arbeiterin mies behandelt und sich vor dem jungen Kaiser jubelnd in den Staub wirft. Kurz nach Kriegsausbruch wurde die Serie abgebrochen; öffentliche Kritik an den herrschenden Heßlings wurde nicht mehr geduldet. Eine russische Ausgabe erschien 1915.<a href="#_ftn50" id="_ftnref50">[50]</a> 1916 ließ Mann einen Privatdruck fertigen, erst 1918 konnte das Buch ungehindert erscheinen. Der Autor heiratete bei Kriegsbeginn 43jährig die Prager Schauspielerin Maria Kanová und zog nach München, wo auch Thomas wohnte. Heinrichs Ehe galt in der Familie als nicht standesgemäß, und Thomas zog seine frühere Zusage, sie als Trauzeuge zu bestätigen, mit dem Hinweis auf kriegsbedingt schlechte Verkehrsverhältnisse zwischen seinem Landsitz Bad Tölz und München zurück. Viktor, der jüngste Bruder, wurde eingezogen und heiratete im gleichen August 1914.</p>



<p>Vor dem Krieg hatte Heinrich viele Jahre seines bis dahin recht unsteten Lebens in Frankreich gelebt, hatte die französische Kultur und Geschichte schätzen gelernt und dachte 1914 gar nicht daran, sich die Franzosen plötzlich zu Feinden zu machen. 1913 schrieb er in seinem Essay »Französischer Geist«: »Frei sein, heißt gerecht und wahr sein; heißt es bis zu dem Grade sein, dass man Ungleichheit nicht mehr erträgt&#8230; Freiheit ist die Liebe zum Leben&#8230;«<a id="_ftnref51" href="#_ftn51">[51]</a> Mit diesem Bekenntnis grenzte er sich bereits scharf von den deutschen Nationalisten ab, die ihre »Freiheit« mit einem Bekenntnis zur Ungleichheit und einer latenten, zuweilen auch offen geäußerten Todessehnsucht zu verbinden pflegten. <em>Walter Flex</em> zum Beispiel erzählte in seinem Wanderer-Roman folgende aberwitzige Szene – sein Held hatte die Mutter des im Krieg getöteten Freundes Ernst aufgesucht:<a id="_ftnref52" href="#_ftn52">[52]</a></p>



<p>»Nach einer Weile des Schweigens fragte sie mich leise: &#8222;Hat Ernst vor seinem Tode einen Sturmangriff mitgemacht?&#8220; Ich nickte mit dem Kopfe. &#8222;Ja, bei Warthi.&#8220; Da schloss sie die Augen und lehnte sich im Stuhl zurück. &#8222;Das war sein großer Wunsch&#8220;, sagte sie langsam, als freue sie sich im Schmerze einer Erfüllung. Eine Mutter muss wohl um den tiefsten Wunsch ihres Kindes wissen.«</p>



<p>Fünfzig Seiten weiter trifft es auch den Helden, doch Flex lässt den Toten noch über Leben und Tod philoso­phieren:</p>



<p>»Sind wir nicht immerdar Wanderer zwischen beiden Welten gewesen, Geselle? (&#8230;) Was hängst du nun so schwer an der schönen Erde, seit sie mein Grab ist&#8230;? (&#8230;) Weißt du nichts von der ewigen Jugend des Todes? Das alternde Leben soll sich nach Gottes Willen an der ewigen Jugend des Todes verjüngen. Das ist der Sinn und das Rätsel des Todes.«</p>



<p>Lieber wanderten dieser Mütter Kinder mordend vom Leben in den Tod als friedlich von Deutschland nach Frankreich, was damals auch zwei Welten waren; das unterschied sie von Heinrich Mann.</p>



<p>Thomas Mann, bei Kriegsbeginn 39, stand dem herrlichen Tode näher. Zwei Jahre zuvor war seine Erzählung »Der Tod in Venedig« erschienen. Im November 1913 diagnostizierte er in einem von heftigen Depressionen geprägten Brief an Bruder Heinrich seine »wachsende Sympathie mit dem Tode, mir tief eingeboren: mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für Fortschritt zu interessieren.«<a href="#_ftn53" id="_ftnref53">[53]</a></p>



<p>Selber schießen und seinen Leib dem Splitter­regen aussetzen musste er nicht, aber im Herbst 1914 stellte er immerhin seinen »Kopf«, d. h. eigentlich nur seine Gedanken »einmal unmittelbar in den Dienst der deutschen Sache«.<a href="#_ftn54" id="_ftnref54">[54]</a> Nannte er den Krieg in einem Brief an Heinrich Mann am 7. August noch eine »Katastrophe« und »Heimsuchung«, beförderte er ihn am 18. September in seinem vorerst letzten&nbsp; Brief an den Bruder zum »großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg«.<a href="#_ftn55" id="_ftnref55">[55]</a> In einem Essay »Gedanken im Kriege« überblendete er sein Selbstbild, das Bild des Künstlers, mit dem »Bilde des Soldaten«, und erkannte dort plötzlich tiefgründig-harmonierende Farben: Wie der Soldat liebt der Künstler »ein gefährdetes, gespanntes, achtsames Leben, Schonungslosigkeit gegen sich selbst. Thomas Mann predigte im Herbst 1914 eine »soldatische Moralität«, die nichts mit Vernunft oder gar Zivilisation zu tun habe; vielmehr sei sie »ein Element des Dämonischen und Heroi­schen, das sich sträubt, den zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzu­erkennen«. Nein, Thomas Manns Mann war geistlos; was da aus dem tiefsten Grunde der »deutschen Seele« kam und durch seinen Künstler-Soldaten schweifte, mordlüstern, war Nietzsches blonde Bestie.</p>



<p>Und diese Bestie durfte alles. Thomas schrieb von »sittlichem Konservatismus« und rechtfertigte den hinterhältigen deutschen Überfall auf das neutrale Belgien 1915 mit einem histo­rischen Beispiel: mit Friedrichs des II. treulosem Überfall auf Sachsen 1756.<a href="#_ftn56" id="_ftnref56">[56]</a> Nach diesen Stellung­nahmen brach der private Kontakt zwischen den Brüdern ab. Ende 1915 schlug Heinrich Mann zurück. In René Schickeles pazifistischer Zeitschrift »Die Weißen Blätter« veröffentlichte er einen Essay über <em>Émile Zola</em><em>, </em>in dessen Biographie er viele Parallelen zu sich selbst gefunden hatte. Der 1902 verstorbene naturalistische französische Schriftsteller und engagierte demokra­tische Journalist war ein rotes Tuch für Bruder Thomas. Um die Jahrhundertwende hatten die Brüder noch gemeinsam dem konservativen französischen Schriftsteller Paul Bourget gegen den Linken Zola beigestanden. In dem Streit ging es um die Frage, ob die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Menschen milieu­bedingt oder ererbt seien, und Zola hatte in seinem Romanzyklus »Die Rougon-Macquart«, gestützt auf eigene wissen­schaftliche Studien, die Milieutheorie vertreten. Jetzt aber, wo die deutsche Seele den französischen Geist mit dem Maschinengewehr bearbeitete, war der Zeitpunkt für Heinrich gekommen, sich zu Zola zu bekennen und dabei die Utopie einer idealen Republik der »Vernunft«, der »Menschlichkeit« und »Vergeistigung« zu entwerfen.<a href="#_ftn57" id="_ftnref57">[57]</a> Mit Zola begab er sich auf den »stetigen Marsch, der Wahrheit entgegen«. Und das hieß 1915: Kampf gegen die verlogene deutsche Kriegs­propaganda, in deren Dienst sich zu allem Überfluss auch noch der jüngere und seit den »Buddenbrooks« berühmtere Bruder gestellt hatte.</p>



<p>Heinrich Mann begann seinen Essay mit den Sätzen:</p>



<p class="has-yellow-background-color has-background">Der Schriftsteller, dem es bestimmt war, unter allen das größte Maß von Wirk­lichkeit zu umfassen, hat lange nur geträumt und geschwärmt. Sache derer, die früh vertrocknen sollen, ist es, schon zu Anfang ihrer zwanziger Jahre bewusst und weltgerecht hinzutreten. Ein Schöpfer wird spät Mann.</p>



<p>Den zweiten Satz, der keinen Bezug zum Thema Zola hat, fasste Thomas &#8211; wohl zurecht &#8211; als böse persönliche Attacke auf sich auf, die mit seinen eigenen großen Ängsten korrespondierte.<a href="#_ftn58" id="_ftnref58">[58]</a> Später bezeichnete er diesen Satz als »unmenschlichen Exzess«. Als der Essay 1931 in dem Band »Geist und Tat« neu erschien, strich Heinrich den Satz heraus, in dem er nur wenig verklausuliert seinem jüngeren Bruder ein »frühes Vertrocknen« prophezeit hatte. Doch war das nicht der einzige persönliche Angriff. Heinrich nannte die literarischen Gegner Zolas – und damit waren in der Übertragung die literarischen »Vaterlands­verteidiger« des deutschen Krieges gemeint –&nbsp; »Verräter am Geist«, sie waren ihm »die unter­haltsamen Schmarotzer der Machthaber«. Er spielte sowohl auf Thomas Manns literarisches Thema des Gauklers an als auch auf dessen gesellschaftliche Stellung als Schwiegersohn des Münchener Bankiers Pringsheim.</p>



<p>Sechseinhalb Jahre lang haben sich die beiden Brüder nicht mehr getroffen und geschrieben, ehe sie 1922 einen mühsamen Modus vivendi miteinander fanden. Ende 1917 versuchte Heinrich eine Versöhnung, fand aber nicht den rechten Ton, und Thomas wies sein Angebot brüsk zurück. Der bewusste Satz zeigt, wie viel gekränkte Eitelkeit und Geschwisterneid auf beiden Seiten im Spiele war. Unter­dessen trieben beide ihren Streit auf der politisch-literarischen Ebene weiter und weiter. Dabei kamen krasse Gegensätze im Selbst- und Menschenbild zum Vorschein. Thomas selber brachte es 1919 auf die Formel: »Bei mir überwiegt das nordisch-protestantische Element, bei meinem Bruder das romanisch-katholische. Bei mir ist also mehr Gewissen, bei ihm mehr aktivistischer Wille.«<a href="#_ftn59" id="_ftnref59">[59]</a></p>



<p>Heinrich begleitete seinen Helden Zola auf seinem Weg zu Erkenntnissen und Maximen wie diesen: »Keine Ausnahmen darstellen, so sehr sie uns Künstler reizen.«<a href="#_ftn60" id="_ftnref60">[60]</a> &#8211; »Die Wahrheit lieben: anders wird keiner groß. Alle ihre Mächte lieben, Wissenschaft, Arbeit, Demokratie: diese große, arbeitende Menschheit, die hinauf will&#8230; Sich als einen der ihren fühlen und als nichts weiter&#8230; Seine Zeit lieben! Wer sie nicht geliebt hat, die Romantiker etwa, geht bald niemanden mehr an.« Und dann, Originalton Zola: »Über den Lügen der sogenannten Idealisten läßt sich keine Gesetzgebung gründen. Auf Grund aber der wahren Dokumente, die wir Naturalisten herbeibringen, wird man ohne Zweifel eines Tages eine bessere Gesellschaft errichten, die leben wird durch Logik und Methode. Da wir die Wahrheit sind, sind wir die Moral.« Der Hochmut und Dogmatismus solcher Worte blieben bei Heinrich Mann unreflek­tiert.</p>



<p>Sein Fazit war: Literatur und Politik haben denselben Gegenstand, den Menschen, und dasselbe Ziel: seine Erhöhung. »Geist ist Tat, die für den Menschen geschieht; &#8211; und so sei der Politiker Geist, und der Geistige handle!«<a href="#_ftn61" id="_ftnref61">[61]</a></p>



<p>Als eingefleischter Egozentriker war Thomas Mann von solchen Haltungen weltenweit entfernt. Er schrieb nur über Ausnahmen, er hielt sich immer für ganz anders als die anderen, und die schwitzend arbeitende Menschheit war ihm gleichgültig, wo nicht zuwider. Hier ein Schlaglicht: Im Dezember 1917 predigte Thomas Mann im Berliner Tageblatt unter der Überschrift »Weltfrieden?«: »Wird es nicht vorderhand übrigens arm sein, unser Europa, werden die Entbehrungen, die es sich bereitete, es nicht gelehrt haben, das Simple und Natürliche köstlich zu finden und eine Mahlzeit aus Eiern, Schinken und Milch dankbarer zu genießen als irgendwelche Vomito­riums­völlerei von ehedem?« Dass, während er dies niederschrieb, Millionen von Menschen zwischen Marmelade und Kohlrüben verhungerten und von nichts anderem mehr träumen konnten als von einer simplen Mahlzeit aus Eiern, Schinken und Milch – das war dem durchgeistigten Künstler bis dahin offenbar entgangen. Und noch eins: Auf die Rückseite des Briefes, in dem Thomas Mann im Januar 1918 Heinrichs Versöhnungsangebot zurückwies, notierte Heinrich zu Thomas&#8216; Stichwort »Ethos«: »10 Mill. Leichen«. Auch diese hatten keinen Platz in Thomas Manns Kopf und Werk.</p>



<p><em>Deutsche Kultur 1914: </em>Der Würzburger Schriftsteller <em>Leonhard Frank (32)</em> hatte mit seinem ersten Roman »Die Räuberbande« einen großen Erfolg und erhielt dafür den mit 1000 Reichsmark dotierten Fontane-Preis.&nbsp; Der Prager Schriftsteller <em>Franz Kafka (31)</em> begann mit der Arbeit an seinem Roman »Der Prozess«. Er hielt das Fragment für misslungen und deshalb bis zu seinem Tode unter Verschluss. Der Magdeburger Dramatiker <em>Georg Kaiser (35)</em> hatte seinen ersten Erfolg mit der Tagödie »Die Bürger von Calais«. Der Lübecker Schriftsteller <em>Heinrich Mann (43)</em> begann, seinen Roman »Der Untertan« in Fortsetzungen in der Münchener Zeitschrift »Zeit im Bild« zu veröffentlichen. Rudolf Steiner gründete das erste Goetheanum in Basel. Richard Strauss’ „Festliches Präludium für Orgel und großes Orchester“ wurde in Wien urauf­geführt.</p>



<p><em>Deutsche Familien 1914:</em> Die Königsberger Zeichnerin <em>Käthe Kollwitz (47)</em> verlor ihren Sohn Peter, der an der Front in Flandern getötet wurde. <em>Heinrich Mann (43)</em> heiratete die Prager Schauspielerin <em>Maria Kanová (28)</em> und zog nach München.</p>



<p><em>Deutsche Karrieren 1914: </em>Der westpreußische Offizier <em>Erich von Falkenhayn (54)</em> wurde Chef des Generalstabs und löste <em>Helmuth von Moltke d. J. (66)</em> ab (Sept.). Der Berliner Unternehmer <em>Walther Rathenau (48)</em> wurde Leiter der Kriegs­rohstoff­abteilung im preußischen Kriegsministerium (Aug.).</p>



<p><em>Deutscher Friedhof 1914:</em> Der badische Sozialdemokrat <em>Ludwig Frank (40)</em> wurde an der Front in Lothringen getötet (3. 9.). Der Berliner Dichter <em>Alfred Lichtenstein (25)</em> wurde an der Front bei Reims getötet (25. 9.). Der westpreußische Schriftsteller <em>Hermann Löns (48)</em> wurde an der Front bei Reims getötet (26. 9.). Der westfälische Maler <em>August Macke (27)</em> wurde an der Front in der Champagne getötet (26. 9.). Der Münchener Dichter und Schriftsteller <em>Christian Morgenstern (42)</em> starb in Meran an Tuberkulose (31. 3.). Der österreichische Dichter <em>Georg Trakl (27)</em> beging in einem Lazarett in Krakau Selbstmord (3. 11.).</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Wörterbuch Geschichte 2, S. 678</p>



<p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; So berichtete Graf Berchtold in einem Brief an den Grafen Tisza am gleichen Tage. <a href="http://wwi.lib.byu.edu/index.php/I,_10._Schreiben_des_Grafen_Berchtold_an_den_Grafen_Tisza,_8._Juli_1914">WWI Archive</a></p>



<p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Übermittelt durch seinen persönlichen Referenten Kurt Riezler in dessen Tagebuch, zit. nach Craig 294</p>



<p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Britischen Amtlichen Dokumente über den Ursprung des Weltkrieges 1914-1918. Im Auftrage des Brit. Auswärtigen Amtes hrsg. v. G. P. Gooch u. H. Temperley; dt. Ausg. hrsg. v. H. Lutz, Bd. 1, Berlin 1926, Nr. 101, S. 135f.; zit. nach Gutsche/Klein/Petzold, S. 24f.</p>



<p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Zit. nach J. Kuczynski: Geschichte des Alltags IV, S. 454</p>



<p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; D. Engelmann, H. Naumann: Hugo Haase. Berlin 1999, S. 24</p>



<p><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Die Weltbühne 50/1918, S. 555 (J. Fischart)</p>



<p><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Luxemburg, Rosa: Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin 1980, S. 477.</p>



<p><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Feldmarschall Conrad v. Hötzendorf: Aus meiner Dienstzeit. Bd. 4, Wien 1923, S. 152. Zit. nach Gutsche/Klein/Petzold, S. 28.</p>



<p><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> &nbsp;&nbsp; Zit. nach Chronik der Deutschen, S. 740</p>



<p><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> &nbsp;&nbsp; Über Haase fanden m. W. kein einziges positives Wort: Gordon Craig, Karl Dietrich Erdmann, Georg Fülberth, Fritz Klein, Jürgen Kuczynski. Fritz Fischer allerdings würdigte ihn: #</p>



<p><a href="#_ftnref12" id="_ftn12">[12]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8222;Volksfreund&#8220; (Karlsruhe) vom 18. 7. 1914, zit. nach Liebknecht, Karl: Gesammelte Reden und Schriften, Bd. VIII, Berlin (DDR) 1966, S. 4.</p>



<p><a href="#_ftnref13" id="_ftn13">[13]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung. Gesammelt u. hg. v. Ludwig Reimers. München 1955 (Nachdruck 1976), S. 458. »Morgen« und »Abend« stehen hier für Orient und Okzident, Ost und West. Mit »Asiaten« waren die Russen gemeint, obwohl Russen natürlich Europäer sind, mit »Hochlands Tapferen« die Schotten im britischen Heer, mit dem »alten Feind« die Franzosen. Auch die »Steppen«, aus denen die »asiatischen Horden« wie ein »dunkles Meer« heranbrausen, durften in diesem völkischen Kitschgemälde nicht fehlen.</p>



<p><a href="#_ftnref14" id="_ftn14">[14]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zit. nach Ulrich Grober: Das kurze Leben des Peter Kollwitz. Bericht einer Spurensuche. Die Zeit 22. 11. 1996.</p>



<p><a href="#_ftnref15" id="_ftn15">[15]</a> &nbsp;&nbsp; Käthe Kollwitz, hg. v. R. Hinz, S. 11, 81</p>



<p><a href="#_ftnref16" id="_ftn16">[16]</a> &nbsp;&nbsp; Lutz Görner spricht und singt: Joachim Ringelnatz. Ein Artistenleben. Live-Mitschnitt im Bonner Pantheon, 1996. CD 2000</p>



<p><a href="#_ftnref17" id="_ftn17">[17]</a> &nbsp;&nbsp; Museumstafel dortselbst, 2006</p>



<p><a href="#_ftnref18" id="_ftn18">[18]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Zit. nach Volker Ullrich: »Dazu hält man für sein Land den Schädel hin!« Die Zeit 11. 10. 1996.</p>



<p><a href="#_ftnref19" id="_ftn19">[19]</a> &nbsp;&nbsp; Illustrierte Geschichte der Dt. Literatur V, S. 181</p>



<p><a href="#_ftnref20" id="_ftn20">[20]</a> &nbsp;&nbsp; Ch. Kerner: Das Geheimnis einer Pfütze. Zeitläufte 23.10.2008 (ZA Meitner)</p>



<p><a href="#_ftnref21" id="_ftn21">[21]</a> &nbsp;&nbsp; M. Beckmann: Briefe im Kriege, S. 8 u. S. 15, zit. nach M. Eberle: Der Weltkrieg und die Künstler, S. 90</p>



<p><a href="#_ftnref22" id="_ftn22">[22]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Plenge, Johann: 1789 und 1914. Berlin 1916, S. 15, zit. nach Gutsche/Klein/Petzold, S. 70.</p>



<p><a href="#_ftnref23" id="_ftn23">[23]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Scheler, Max: Vom Genius des Krieges. In: Neue Rundschau Berlin, Oktober 1914, S. 1327f., zit. nach Gutsche/Klein/Petzold, S. 70.</p>



<p><a href="#_ftnref24" id="_ftn24">[24]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Die neue Rundschau [= Neue Rundschau Berlin?], Jg. 1914, S. 1475, zit. nach Gutsche/Klein/Petzold, S. 72.</p>



<p><a href="#_ftnref25" id="_ftn25">[25]</a> &nbsp;&nbsp; W. Flex: Der Wanderer, S. 4</p>



<p><a href="#_ftnref26" id="_ftn26">[26]</a> &nbsp;&nbsp; ebenda, S. 9</p>



<p><a href="#_ftnref27" id="_ftn27">[27]</a> &nbsp;&nbsp; Wikipedia.de: Adieu (2012). »Welsch« bedeutete »französisch«.</p>



<p><a href="#_ftnref28" id="_ftn28">[28]</a> &nbsp;&nbsp; FAZ 13.11.2001</p>



<p><a href="#_ftnref29" id="_ftn29">[29]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Th. Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, Vorrede, S.&nbsp;XXXIII. Über die im deutschen Geistesleben seit Immanuel Kant verbreitete Sitte, die deutsche »Kultur« über die französische und britische »Zivilisation« zu stellen, siehe S. ?? [Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, Bd. 1, S. 1-9]</p>



<p><a href="#_ftnref30" id="_ftn30">[30]</a> &nbsp;&nbsp; B. Frank: Politische Novelle, 2</p>



<p><a href="#_ftnref31" id="_ftn31">[31]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; zit. nach Otto Köhler: Das Staatsgeheimnis. In: Konkret, Hamburg, ? 1983, S. 53.</p>



<p><a href="#_ftnref32" id="_ftn32">[32]</a> &nbsp;&nbsp; SZ 23.6.2004; G. Hankel: Die Leipziger Prozesse. Die Zeit 24.7.2003</p>



<p><a href="#_ftnref33" id="_ftn33">[33]</a> &nbsp;&nbsp; V. Ullrich: Exzesse auf Zelluloid. Die Zeit 29.7.2004 (ZA Gesch)</p>



<p><a href="#_ftnref34" id="_ftn34">[34]</a> &nbsp;&nbsp; B. Engelmann: Preußen, S. 381f</p>



<p><a href="#_ftnref35" id="_ftn35">[35]</a> &nbsp;&nbsp; ebenda, S. 15, S. 31</p>



<p><a href="#_ftnref36" id="_ftn36">[36]</a> &nbsp;&nbsp; B. F. Smith: Heinrich Himmler. A Nazi in the Making, 1900-1926. Stanford, USA 1971; zit. bei E. Fromm, Anatomie, S. 341</p>



<p><a href="#_ftnref37" id="_ftn37">[37]</a> &nbsp;&nbsp; In der Literatur wird der Rückzug der 1. Armee teilweise auf ein Missverständnis zurückgeführt; der kommandierende General habe stark übertriebene Meldungen über britische Truppenanlandungen erhalten.</p>



<p><a href="#_ftnref38" id="_ftn38">[38]</a> &nbsp;&nbsp; B. Engelmann: Preußen, S. 380</p>



<p><a href="#_ftnref39" id="_ftn39">[39]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Deutschland, Deutschland über alles. In: Der Krieg. Das erste Volksbuch vom Großen Krieg, Berlin 1929 (Nachdruck Berlin-West 1980), S. 34ff</p>



<p><a href="#_ftnref40" id="_ftn40">[40]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vögler an Michaelis, 29. 8. 1917, zitiert nach F. Fischer: Krieg der Illusionen, S. 475.</p>



<p><a href="#_ftnref41" id="_ftn41">[41]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vögler an Michaelis, 29. 8. 1917, zitiert nach F. Fischer: Krieg der Illusionen, S. 475.</p>



<p><a href="#_ftnref42" id="_ftn42">[42]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Hindenburg verlangte in einer Denkschrift am 5. Juli 1918, einen »polnischen Grenzstreifen&#8230; auf dem Wege der Enteignung von der polnischen Bevölkerung zu räumen und mit deutscher Bevölkerung zu besiedeln. (&#8230;) Das moderne Rechtsbewußtsein hat sich in Bezug auf persönliche Freiheit und Eigentum gewandelt.« Zitiert nach W. Hubatsch, Hindenburg und der Staat (1966), Nr. 21. Hier kündigte sich das später von den Nazis gepflegte Verhältnis zu Völker- und Menschenrechten an.</p>



<p><a href="#_ftnref43" id="_ftn43">[43]</a> &nbsp;&nbsp; Th. Assheuer: Wider den inneren Feind. Die Zeit 2.3.2006. Rez. zu C. Schmitt: Die Militärzeit 1915 bis 1919. Tagebuch Febr.-Dez. 1915, hg. v. E. Hüsmert u. G. Geisler, Berlin 2005</p>



<p><a href="#_ftnref44" id="_ftn44">[44]</a> &nbsp;&nbsp; Von Mitte 1915 bis Ende 1916 wurden rund 42.000 Belgier deportiert. Mitte 1915 standen 337 belgische Betriebe unter Zwangsaufsicht oder Zwangsverwaltung. Gutsche 127</p>



<p><a href="#_ftnref45" id="_ftn45">[45]</a> &nbsp;&nbsp; Neunzig Jahre Versöhnungsbund. Einladung zu einer Tagung, Minden 2004</p>



<p><a href="#_ftnref46" id="_ftn46">[46]</a> &nbsp;&nbsp; Zentrales Staatsarchiv Potsdam, Reichskanzlei, Nr. 1395/9, Bl. 103, nach Gutsche 68.</p>



<p><a href="#_ftnref47" id="_ftn47">[47]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach Gutsche 90.</p>



<p><a href="#_ftnref48" id="_ftn48">[48]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach Der Krieg, S. 57.</p>



<p><a href="#_ftnref49" id="_ftn49">[49]</a> &nbsp;&nbsp; Wikipedia.de: Ernst Bloch (2013)</p>



<p><a href="#_ftnref50" id="_ftn50">[50]</a> &nbsp;&nbsp; Ch. v. Krockow: Die Deutschen, S. 382</p>



<p><a href="#_ftnref51" id="_ftn51">[51]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach Herbert Wiesner: Thomas Mann und Heinrich Mann. In: Die Großen, hg. v. Kurt Fassmann, Bd. X, Zürich 1978, S. 61.</p>



<p><a href="#_ftnref52" id="_ftn52">[52]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Walter Flex: Der Wanderer zwischen beiden Welten. 9. Aufl., München 1918, S. 53, das folgende auf S. 102f, nach Krockow, S. 405, Anm. 15.</p>



<p><a href="#_ftnref53" id="_ftn53">[53]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Brief vom 8. 11. 1913. In: Heinrich Mann, Thomas Mann, Briefwechsel 1900-1949, S. 104</p>



<p><a href="#_ftnref54" id="_ftn54">[54]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Brief an Hanna Rademacher vom 30. 11. 1914, nach Wiesner, S. 61.</p>



<p><a href="#_ftnref55" id="_ftn55">[55]</a> &nbsp;&nbsp; Th. Mann, H. Mann: Briefwechsel 1900 bis 1949, S. 108, 110</p>



<p><a href="#_ftnref56" id="_ftn56">[56]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Friedrich und die große Koalition. Ein Abriss für den Tag und die Stunde. Nach Wiesner, S. 61.</p>



<p><a href="#_ftnref57" id="_ftn57">[57]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach Wiesner, S. 62.</p>



<p><a href="#_ftnref58" id="_ftn58">[58]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; In seinem Brief an Heinrich vom 8. 11. 1913 äußerte Thomas Mann die Befürchtung: »Ich bin ausgedient, glaube ich, und hätte wahrscheinlich nie Schrift­steller werden dürfen. &#8222;Buddenbrooks&#8220; waren ein Bürgerbuch und sind nichts mehr fürs 20. Jahr­hundert.«&nbsp; Briefwechsel, S. 104.</p>



<p><a href="#_ftnref59" id="_ftn59">[59]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Brief an Karl Strecker vom 18. 4. 1919, nach Wysling, S.&nbsp; LIII.</p>



<p><a href="#_ftnref60" id="_ftn60">[60]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Heinrich Mann: Zola. Darin: Arbeit. In: Geist und Tat, S. 130. Die folgenden Zitate ebenda, S. 133f.</p>



<p><a href="#_ftnref61" id="_ftn61">[61]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Ebenda, nach Wysling, S. Lf.</p>



<p><a href="#_ftnref62" id="_ftn62">[62]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Th.Mann: Betrachtungen, Vorrede, S. IX. Auch bei Wiesner, S. 62.</p>



<p><a href="#_ftnref63" id="_ftn63">[63]</a> &nbsp;&nbsp; In der Vorrede, S. XX, deutet er sein Motiv an: »Ich habe dabei ein menschlich-tragisches Element des Buches besonders im Auge, jenen intimen Konflikt, dem eine Reihe von Seiten besonders gewidmet sind, und der auch sonst vieler Orten mein Denken färbt und bestimmt.«</p>



<p><a href="#_ftnref64" id="_ftn64">[64]</a> &nbsp;&nbsp; Vorrede, S. XXXIII</p>



<p><a href="#_ftnref65" id="_ftn65">[65]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach Wysling, S. L</p>



<p><a href="#_ftnref66" id="_ftn66">[66]</a> &nbsp;&nbsp; Vorrede, S. XXXII</p>



<p><a href="#_ftnref67" id="_ftn67">[67]</a>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nach Wysling, S. LI, zur Psychologie S. LII</p>
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		<title>Deutschland ohne Nazis: Vorwort</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2022 15:07:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Autor]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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					<description><![CDATA[Teil des Buchprojekts &#8222;Deutschland ohne Nazis 1790-1990. Ein Geschichtsbuch aus dem Blickwinkel der Biographien von 70 Menschen, die ich mag&#8220; Ich wollte weinen, wo ich einst / Geweint die bittersten Tränen &#8211;&#160;Ich glaube, Vaterlandsliebe nennt / Man dieses törichte Sehnen.Ich spreche nicht gerne davon; es ist / Nur eine Krankheit im Grunde.&#160;Verschämten Gemütes, verberge ich &#8230; <a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-vorwort/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Deutschland ohne Nazis: Vorwort“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Teil des Buchprojekts &#8222;<a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-1790-1990/" data-type="post" data-id="921">Deutschland ohne Nazis 1790-1990.</a> Ein Geschichtsbuch aus dem Blickwinkel der Biographien von 70 Menschen, die ich mag&#8220;</strong></p>



<p><em>Ich wollte weinen, wo ich einst / Geweint die bittersten Tränen &#8211;<br>&nbsp;Ich glaube, Vaterlandsliebe nennt / Man dieses törichte Sehnen.<br>Ich spreche nicht gerne davon; es ist / Nur eine Krankheit im Grunde.<br>&nbsp;Verschämten Gemütes, verberge ich stets / Dem Publiko meine Wunde.<br>Fatal ist mir das Lumpenpack, / Das, um die Herzen zu rühren,<br>Den Patriotismus trägt zur Schau / Mit allen seinen Geschwüren.<br></em>Heinrich Heine<a id="_ftnref1" href="#_ftn1">[1]</a></p>



<span id="more-927"></span>



<p>Ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte, sagte ein deutschnationaler Politiker 2018, sei die Nazizeit gewesen. Die Empörung war gewaltig, denn in dem flapsig ausgesprochenen Satz steckte eine Herabwürdigung der Opfer der Nazi­verbrechen und derjenigen, die dieser Opfer gedenken, wie auch ich es tue. Doch mir fiel es schwer, in den Chor der Empörten einzustimmen; denn ich teile einen Gedanken dieses Politikers: dass etwas nicht stimmt, wenn tausend Jahre deutscher Geschichte routinemäßig hinter zwölf Jahren dieser Geschichte zurücktreten. </p>



<p>Dieser Gedanke scheint kontaminiert zu sein, weil er allzu häufig von Leuten geäußert wurde, die die deutsche Geschichte für besonders wertvoll und »ruhmreich« halten,<a id="_ftnref3" href="#_ftn3">[3]</a> ruhmreicher zum Beispiel als die polnische, und sich ihre Verehrung nicht von einer räuberischen Eskapade verderben lassen möchten. Kurz nach Kriegs­ende 1945 war diese Haltung im nationalkonservativen deutschen Großbürgertum weit verbreitet, also bei Leuten, die gute Gründe hatten, von eigener Schuld abzulenken.<a id="_ftnref4" href="#_ftn4">[4]</a> Mir selbst liegt diese Haltung so fern, wie sie meinen Eltern fern lag.</p>



<p>Was mich an der Dominanz der Nazizeit in der Darstellung deutscher Geschichte stört, ist etwas anderes: Mich stört, wenn über den Widerling mit dem bizarren Bärtchen und dem verkniffenen Grinsen rund 40.000 Bücher im Angebot sind, über Beethoven dagegen, selbst in seinem Jubiläumsjahr 2020, nur 10.000, von und über Heine nur 5000 und von Hitlers zeitgenössischem Feind Tucholsky oder über ihn gar nur 1000.<a href="#_ftn5" id="_ftnref5">[5]</a> In der nicht nachlassenden unermesslichen Aufmerksamkeit, die der brüllende Mörder 75 Jahre nach seinem schmählichen Ende genießt, erblicke ich einen späten Sieg und einen Schritt in jenes Tausendjährige Reich, von dem der puber­tierende Jüngling in Linz einst geträumt hatte.</p>



<p>Um dieser Verzerrung entgegenzuwirken und den Deutschnationalen ihr Ruhmreich ein wenig zu zu vermasseln, bin ich seit vielen Jahren dabei, dieses Buch zu schreiben. Ich bin davon überzeugt, dass man den Ruhm der Üblen<a id="_ftnref6" href="#_ftn6">[6]</a> kaum bekämpfen kann, indem man von ihrer Schande singt. Dadurch geben wir ihren Verehrern nämlich Gelegenheit, sich heldenhaft für ihre Idole in die Bresche zu werfen. Wir bekämpfen das Gift wirksamer, hoffe ich, wenn wir ein positives Gegenangebot machen und das Ruhmlied der Gütigen singen. Das ist schwierig, weil die Heldinnen und Helden des Friedens, der Freiheit, der Achtsamkeit und der Solidarität fast stets Menschen voller Selbstzweifel waren,&nbsp; denen Siegesrausch und Heldenkult fern lagen.</p>



<p>Der Titel dieses Buches spielt auf ein Buch von Bernt Engelmann an: <em>Deutschland ohne Juden</em>, erschienen 1970. Darin hat der Autor versucht, eine Bilanz zu ziehen, welchen Nutzen und welchen Schaden Deutschland durch die Vertreibung und Ermordung der deutschen Juden hatte. Mein Geschichtsbuch geht in gewisser Hinsicht einen ähnlichen Weg: Es fragt, welchen Nutzen Deutschland daraus hätte ziehen können, seinen Pazifistinnen und Pazifisten zu folgen und nicht den Kriegstreibern; seinen Humanistinnen und Humanisten und nicht den Technokraten.  </p>



<p>Die <strong>biographischen Notizen</strong> zu den 99 Schlüsselfiguren sind in die Erzählung eingebunden als Rückblick in die Vorgeschichte der jeweiligen Person und ihres spezifischen Bei­trags zur unter­suchten Zeit. Auswahlkriterium ist, dass sich in ihnen ein Scheideweg, z.&nbsp;B. ein zeitgenössischer Streit oder eine Entscheidung, widerspiegelt. Einzelne biographisch wich­tige Ereignisse (z. B. Hugo Haases Kampf gegen den Krieg 1914, Heinrich Bölls Erzählung von Katharina Blum 1974) werden im Zusammenhang der Zeit erwähnt, in der sie geschahen. Eine übergreifende Würdigung der Schlüsselfiguren ist im Rahmen des Werkes nicht möglich – nicht nur aus Platzgründen, sondern auch konzeptionell durch die Verteilung der biogra­phischen Notizen zu jeder Person auf verschiedene Kapitel.</p>



<p><strong>Graphiken </strong>von Heinrich Zille, Käthe Kollwitz oder Gerhard Seyfried, Episoden aus <strong>Romanen und Erzählungen </strong>von Émile Zola, Heinrich Mann, Anna Seghers oder Heinrich Böll schildern anschaulich und prägnant, wie die Menschen in bestimmten Zeiten gelebt haben. Kein Fachhistoriker könnte das leisten; das ist die Arbeit eines Arrangeurs.</p>



<p>Auf <strong>Fotos </strong>habe ich bewusst verzichtet, weil ich ihre suggestive Kraft kritisch sehe: Sie erwecken beim Betrachten oft den Eindruck, man sei unmittelbar beim Ereignis anwesend. Sie verdecken dabei gern, dass sie nur winzige Ausschnitte der Geschichte zeigen, die erst der Fotograf und dann der Autor oder Herausgeber willkürlich ausgewählt hat. Graphiken haben gegenüber Fotos zwei Vorteile: Sie verbinden sich optisch besser mit den Zeilen des Textes, und sie gehen ehrlich mit der Tatsache um, dass sie ihren Weg ins Buch durch das Gehirn einer Zeichnerin oder eines Zeichners gefunden haben.</p>



<p></p>



<p></p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Deutschland. Ein Wintermärchen. Cap. XXIV</p>



<p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; unter dem Eindruck einer WDR3-Sendung über das Buch »Jemand musste Josef K. verleumdet haben« des Lteraturhistorikers Peter-André Alt über »erste Sätze der Weltliteratur«, 13.3.2020</p>



<p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; So auch Alexander Gauland in seiner Vogelschiss-Rede vom 2. Juni 2018: »Wir haben eine ruhmreiche Geschichte, die länger dauerte als 12 Jahre.«</p>



<p><a id="_ftn4" href="#_ftnref4">[4]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; darunter Ernst Jünger, Walter von Molo, Frank Thiess</p>



<p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Laut den Suchen »Hitler«, »Beethoven«, »Heinrich Heine« und »Tucholsky« auf amazon.de (Kategorie Bücher), 14.3.2020</p>



<p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Im Sinne von Heinrich Heines Gedicht »Die Frage bleibt«: <em>Warum schleppt sich blutend, elend / unter Kreuzlast der Gerechte, / während glücklich als ein Sieger / trabt auf hohem Roß der Schlechte?</em> Ich nominiere hier als Beispiele Bismarck, Wagner, Nietzsche, Hindenburg, Schmitt und Jünger, die, anders als Hitler, tatsächlich immer noch verehrt werden.</p>
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		<title>Deutschland ohne Nazis: 1790-1990</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2022 13:40:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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		<category><![CDATA[Autor]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Recherche]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Geschichtsbuch aus dem Blickwinkel der Biographien von 99 Menschen, die ich mag / Von Jens Jürgen Korff Inhalt in 15 Akten Personen Jaja, es kommen leider doch Nazis darin vor. Aber nur als Statisten. Die Hauptfiguren sind, in der Reihenfolge ihres Auftritts: Wolfgang von Goethe, Georg Forster, Alexander von Humboldt, Wilhem Schlegel, Wilhelm von &#8230; <a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-1790-1990/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Deutschland ohne Nazis: 1790-1990“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Ein Geschichtsbuch aus dem Blickwinkel der Biographien von 99 Menschen, die ich mag / Von Jens Jürgen Korff</strong></p>



<span id="more-921"></span>



<h2 class="wp-block-heading">Inhalt in 15 Akten</h2>



<ol class="wp-block-list">
<li>Deutsche und Franzosen: 1790-1815</li>



<li>Fürsten und Romantiker: 1815-1830</li>



<li>Weber und Verleger: 1830-1848</li>



<li>Blut und Eisen: 1848-1870</li>



<li>Bismarckturm und Bebelbuch: 1870-1890</li>



<li>Hunnen und Verräter: 1890-1914</li>



<li>Arbeiter und Soldaten: 1914-1920</li>



<li>Richter und Regisseure: 1920-1930</li>



<li>Volksgenossen und Emigranten: 1930-1939</li>



<li>Mörder und Kämpfer: 1939-1945</li>



<li>Eingeborene und Vertriebene: 1945-1950</li>



<li>Pinscher und Patriarchen: 1950-1960</li>



<li>Monarchisten und Studenten: 1960-1970</li>



<li>Bewegung und Beton: 1970-1980</li>



<li>Latschen und Aussitzen: 1980-1990</li>
</ol>



<h2 class="wp-block-heading">Personen</h2>



<p>Jaja, es kommen leider doch Nazis darin vor. Aber nur als Statisten. Die Hauptfiguren sind, in der Reihenfolge ihres Auftritts: Wolfgang von Goethe, Georg Forster, Alexander von Humboldt, Wilhem Schlegel, Wilhelm von Humboldt, Karl von Clausewitz, Caspar David Friedrich, Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Franz Schubert, Annette von Droste-Hülshoff, Mathilde Franziska Anneke, Karl Marx, Ignaz Semmelweis, Malwida von Meysenbug, Theodor Fontane, August Bebel, Franz Mehring, Eduard Bernstein, Heinrich Zille, Clara Zetkin, Bertha von Suttner, Anita Augspurg, Hellmut von Gerlach, Marianne Weber, Hugo Haase, Heinrich Vogeler, Ricarda Huch, Käthe Kollwitz, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Heinrich Mann, Willi Münzenberg, Ernst Bloch, Hans Paasche, Leonhard Frank, Carl von Ossietzky, Max Beckmann, Otto Dix, Paul Frölich, Martin Niemöller, Stefan Zweig, Egon Friedell, Kurt Tucholsky, Emil Julius Gumbel, Ernst Toller, Arnold Zweig, Bertolt Brecht, Jakob Haringer, Walter Mehring, Joachim Ringelnatz, Elias Canetti, Helene Weigel, Hermynia Zur Mühlen, Anton Ackermann, Jürgen Kuczynski, Friedrich Wolf, Wolfgang Abendroth, Marlene Dietrich, Hans Fallada, Wilhelm Knöchel, Lise Meitner, Axel Eggebrecht, Harro Schulze-Boysen, Willi Bleicher, Willy Brandt, Robert Havemann, Anna Seghers, Herbert Wehner, Peter Weiß, Gustav Heinemann, Heinrich Böll, Otto Grotewohl, Hildegard Hamm-Brücher, Stefan Heym, Hermann Kant, Horst-Eberhard Richter, Wolfgang Staudte, Erich Kuby, Hanns Dieter Hüsch,  Egon Bahr, Erhard Eppler, Wolf Biermann, Hanns Werner Schwarze, Christa Wolf, Dieter Hildebrandt, Konrad Wolf, Robert Jungk, Fritz Bauer, Franz Josef Degenhardt, Hoimar von Ditfurth, Petra Kelly, Alice Schwarzer, Bernt Engelmann, Hermann Gremliza, Günter Amendt, Rudolf Bahro, Franziska Becker, Gerhard Seyfried. </p>



<p>Dazu kommen noch einige potente Gegenspieler, die es spannend machen: Otto von Bismarck, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Friedrich Ebert, Konrad Adenauer, Carl Schmitt, Ernst Jünger, Walter Ulbricht, Helmut Schmidt, Helmut Kohl.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auszüge</h2>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong><a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-vorwort/" data-type="post" data-id="927">Vorwort</a></strong></li>



<li><strong><a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-1914/" data-type="post" data-id="942">Arbeiter und Soldaten: 1914</a></strong></li>



<li><strong><a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-chronik-1820-1835-material/" data-type="post" data-id="935">Chronik 1820-1835 (Material)</a></strong></li>



<li><strong><a href="https://jejko.de/deutschland-ohne-nazis-chronik-1970-1977-material/" data-type="post" data-id="937">Chronik 1970-1977 (Material)</a></strong></li>



<li><strong>Nachwort: Fragen und Antworten</strong></li>
</ul>



<p class="has-small-font-size">Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-810 / Autor/-in unbekanntUnknown author / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en</a>, via Wikimedia Commons</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Lexikon der Erzählungen</title>
		<link>https://jejko.de/lexikon-der-erzaehlungen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2022 12:30:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Autor]]></category>
		<category><![CDATA[Lexika]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[Helden, Handlungen und Schauplätze von 500 Romanen, Erzählungen, Sagen, Dramen, Hörspielen und Balladen der Weltliteratur / Gesammelt von Jens Jürgen Korff Der Nutzen des Lexikons: Sie können damit In diesem Auszug sind erfasst: A-Z Abstieg: In *Berlin brachte sich das Mädchen Doris über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch &#8230; <a href="https://jejko.de/lexikon-der-erzaehlungen/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Lexikon der Erzählungen“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Helden, Handlungen und Schauplätze von 500 Romanen, Erzählungen, Sagen, Dramen, Hörspielen und Balladen der Weltliteratur / Gesammelt von Jens Jürgen Korff</strong></p>



<span id="more-917"></span>



<p>Der Nutzen des Lexikons: Sie können damit</p>



<ol class="wp-block-list" type="1">
<li>Erzählungen anhand einzelner erinnerter Szenen wiederfinden,</li>



<li>Szenen aus Erzählungen zu einem gegebenen Thema finden, ähnlich wie bei der Bildersuche (z. B. zu Städten, Ländern, Berufen, Arbeitsplätzen, Lebensphasen, historischen Zeiten und Ereignissen, Charakterzügen, Prominenten, Gebrauchsgegenständen),</li>



<li>gute Beispiele für bestimmte Genres schnell auffinden (z. B. Entwicklungsroman, Reise­erzählung, Naturbeschreibung, Fabel, Märchen, Liebesgeschichte, Komödie, Tragödie, Ballade, Krimi, Happy End),</li>



<li>Zusammenfassungen bekannter Erzählungen lesen (offline und in gleich bleibender literari­scher Qualität, anders als bei Wikipedia); Bildungslücken effizient füllen.</li>
</ol>



<h3 class="wp-block-heading">In diesem Auszug sind erfasst:</h3>



<ol class="wp-block-list" type="1">
<li>Aitmatow, Tschingis: Dshamilja. Erzählung, UdSSR 1958, dt. 1962 (*<a href="#wagen">Wagen</a>)</li>



<li>Böll, Heinrich: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Satire, BRD 1955 (*<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>)</li>



<li>Eco, Umberto: Der Name der Rose. Roman, Italien 1980 (*<a href="#kloster">Kloster</a>)</li>



<li>Ende, Michael: *<a href="#momo">Momo</a>. Roman, BRD 1973</li>



<li>Hauff, Wilhelm: Märchen. Die Geschichte vom *<a href="#kalif">Kalif</a> Storch. Deutschland 1825</li>



<li>Hoffmann, Ernst Theodor: Das Fräulein von Scuderi. Kriminalnovelle, Deutschland 1820 (*<a href="#juwelen">Juwelen</a>)</li>



<li>Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. Tagebuchroman, Deutschland 1932 (*<a href="#berlin">Berlin</a>)</li>



<li>Mann, Heinrich: Professor Unrat. Roman, Deutschland 1905 (*<a href="#lehrer">Lehrer</a>)</li>



<li>Sophokles: *<a href="#oedipus">Ödipus</a> der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</li>



<li>Spyri, Johanna: *<a href="#heidi">Heidi</a>, 1. Bd.: Heidis Lehr- und Wanderjahre. Kinderroman, Schweiz 1880</li>
</ol>



<h2 class="wp-block-heading">A<a></a>-Z</h2>



<p><strong>Abstieg:</strong> In *<a href="#berlin">Berlin</a> brachte sich das Mädchen Doris über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch beobachtete sie ihren eigenen Abstieg in die Obdachlosigkeit und an den Rand der Prostitution. In der Silvesternacht entschloss sie sich, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen.</p>



<p><strong>Alm-Öhi,</strong> der Großvater von *<a href="#heidi">Heidi</a></p>



<p><strong>Antike: </strong>In der<strong> </strong>A. spielen u. a. die Geschichten von Troja und Odysseus (Homer, um 700 v. Chr.); Moses, Abraham, Josef und seinen Brüdern (Altes Testament, um 540 v. Chr.); *Antigone (Sophokles, um 350 v. Chr.); *<a href="#oedipus">Ödipus</a> (Sophokles, um 350 v. Chr.); Orpheus und Eurydike (Vergil, 29 v. Chr.); Jesus (Neues Testament, um 100); den *Nibelungen (Nibelungenlied, 12. Jhdt.); dem *Attentat (F. Schiller, 1797); den *Kranichen des Ibykus (F. Schiller, 1797); …<strong></strong></p>



<p><strong>Aristoteles:</strong> In der Bibliothek eines Cluniazenser-*<a href="#kloster">Klosters</a> in Norditalien war die einzige Abschrift des als verschollen geltenden zweiten Buches des A. zur Poetik versteckt, das von der Komödie handelt. Doch jeder, der unbefugt darin blätterte, starb den Gifttod.</p>



<p><strong>Aul: </strong>Der junge Kirgise Danijar, der als verwundeter Soldat in den Aul, das Kirgisendorf, gekommen war, die junge Kirgisin Dshamilja und der halbwüchsige Said, jüngerer Bruder von Dshamiljas Verlobtem, mussten im Zweiten Weltkrieg Kornsäcke aus dem Aul mit Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> zur Bahnstation transportieren.</p>



<p><strong>Aussetzen: </strong>Das Orakel von Delphi prophezeite Laios, dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Bagdad:</strong> *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid von Bagdad war guter Laune… Später verwandelte er sich in einen Storch.</p>



<p><strong>Bahnstation: </strong>Der junge Kirgise Danijar, der als verwundeter Soldat in den Aul, das Kirgisendorf, gekommen war, die junge Kirgisin Dshamilja und der halbwüchsige Said, jüngerer Bruder von Dshamiljas Verlobtem, mussten im Zweiten Weltkrieg Kornsäcke aus dem Aul mit Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> zur Bahnstation transportieren.</p>



<p><strong>Bauernmädchen:</strong> Der britische Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger öster­reichischer Schüler, der Novize Adson von Melk, erreichten 1327 ein einsam in den Bergen gelegenes Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien. Adson begegnete eines Nachts einem B. aus dem Dorf, das gelegentlich auf geheimen Wegen ins Kloster kam, um beim Cellerar ihre weiblichen Reize gegen Nahrungsmittel einzutauschen; die beiden verbrachten eine rauschende Liebesnacht miteinander. Da es im Kloster Morde gegeben hatte, begann der Großinquisitor Bernard Gui mit Ermittlungen, konzentrierte sich aber auf einige ehemalige Mystiker und Ketzer, die im Kloster Zuflucht gefunden hatten, sowie auf das B., das er alsbald als Hexe „entlarvte“ und zum Tode verurteilte.</p>



<p><strong>Beppo&nbsp;Straßenkehrer:</strong> Der schweigsame, wunderliche B. St. und der quirlige, leichtfertige Gigi Fremdenführer waren die beiden liebsten Freunde des Mädchens *<a href="#momo">Momo</a>. Den grauen Herren gelang es, ihn von Momo zu trennen, indem sie ihn erpressten.</p>



<p><strong>B<a id="berlin"></a>erlin: 1)</strong> Das Mädchen Doris arbeitete in einer rheinischen Mittelstadt als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt und träumte davon, ein Glanz (Filmstar) zu werden. Er entließ sie, als sie nicht mit ihm schlafen wollte. Sie wurde Schauspielschülerin und schaffte es durch einen Trick, eine Konkurrentin einzusperren und einmalig deren kleine Rolle auf der Bühne zu übernehmen, wo sie ihr Talent zeigte. Als die Sache aufflog und sie zudem einer Dame einen Feh (Pelz) gestohlen hatte, floh sie nach B. Dort brachte sie sich illegal über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch beobachtete sie ihren eigenen Abstieg in die Obdachlosigkeit und an den Rand der Prostitution. In der Silvesternacht entschloss sie sich, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen. Der Mann, der schüchterne Intellektuelle Ernst, der gerade von seiner Frau verlassen worden war, nahm sie aus Mitleid mit nach Hause und wollte gar nicht mit ihr schlafen. Sie blieb wochenlang bei ihm und fing sogar an, sich in den schwer zugänglichen Mann zu verlieben, doch eines Tages kehrte dessen Frau zurück. Deren ersten Brief hatte sie noch abgefangen, doch dann ging sie selbst zu der Frau, um ihr zu sagen, dass ihr Mann sie immer noch liebe. Sie ging fort und war wieder obdachlos. &amp;<em> Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Tagebuchroman, Deutschland 1932 –</em></p>



<p><strong>beten:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> erzählte ihrem Großvater, dem Alm-Öhi, vom Beten, wie sie es von der Frankfurter Großmama gelernt hatte, und las ihm die Geschichte vom verlorenen Sohn vor. Ein Volltreffer…</p>



<p><strong>Bibliothek:</strong> Anno 1327 wurden in einem Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen vergiftet. Der Franziskanermönch William von Baskerville verfolgte bei der Aufklärung eine Spur, die auf die B. des Klosters hindeutete. Diese war berühmt, weil sie viele äußerst seltene Abschriften von Werken antiker Autoren enthielt. Nur der Bibliothekar und sein Gehilfe hatten Zugang zum Magazin der B. und wussten, wie man die Bücher dort fand. Eines Nachts drangen William und sein Schüler Adson in die Bibliothek ein und entschlüsselten das Geheimnis ihres Labyrinths.</p>



<p><strong>Bilderbücher:</strong> Als Herr Sesemann wieder abgereist war, kam seine Mutter zu Besuch, Klaras Großmama. Die gewann *<a href="#heidi">Heidi</a> lieb und schaffte es, mit Hilfe von B.n &nbsp;Heidis Widerstand gegen das Lesenlernen zu überwinden.</p>



<p><strong>Blauer&nbsp;Engel:</strong> Der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat machte sich daran, eine Schauspielerin dingfest zu machen, für die sein Schüler Lohmann eine Hymne gedichtet hatte. Auf diese Weise wollte er Lohmann fertig machen. Er fand sie schließlich in einem Tingeltangel namens „Blauer Engel“. Doch bald erlag Raat selber dem Charme der Dame und verliebte sich in sie.</p>



<p><strong>blinde&nbsp;Großmutter:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> besuchte fast täglich die b. G. des Geißenpeter in ihrem baufälligen Haus.</p>



<p><strong>blinder&nbsp;Mönch:</strong> Der b. M. Jorge von Burgos war die graue Eminenz eines Clunia­zenser-*<a href="#kloster">Klosters</a> in Norditalien und seiner berühmten Bibliothek. Um eine Mordserie unter den Mönchen aufzuklären, drangen der Franziskanermönch William von Baskerville und sein Schüler Adson in die Bibliothek ein. Dort wartete Jorge auf sie, auf dem Tisch das geheimnisvolle Buch: das verschollene zweite Buch des Aristo­teles zur Poetik, das von der Komödie handelt. William rührte es nicht an, da er bereits erraten hatte, dass die Buchseiten vergiftet waren und alle, die darin geblättert hatten, gestorben waren. Jorge bekannte sich zu den Morden; die Schrift des Aristoteles sei so antichristlich, dass unbefugte Leser nur durch physisches Gift vor dem geistigen Gift des Buches geschützt werden könnten.</p>



<p><strong>Buch:</strong> – <strong>2)</strong> Anno 1327 wurden in einem Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen vergiftet. Dem Franziskanermönch William von Baskerville und seinem Schüler Adson von Melk gelang es, die Mordserie aufzuklären. Die Tatwaffe war ein geheimnisvolles Buch, dessen Seiten vergiftet waren. &amp; <em>Umberto Eco: Der Name der Rose (Il nome della rosa), Roman, Italien 1980 (dt. 1982 v. Burkhart Kroeber) – Verfilmt v. Jean-Jaques Annaud, BRD/Frankreich/Italien 1986</em></p>



<p><strong>Bur-Malottke: </strong>Der berühmte Professor Bur-Malottke wollte einen seiner schwülstigen&nbsp; *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Vorträge überarbeiten lassen, weil darin das Wort »Gott« vorkam. Der Rundfunk­redakteur Dr. Murke bekam die unangenehme Aufgabe, das zu organisieren.<strong></strong></p>



<p><strong>Chasid: </strong>*<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid von Bagdad war guter Laune… Später verwandelte er sich in einen Storch.</p>



<p><strong>Danijar: </strong>Auf einem<strong> </strong>Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe…</p>



<p><strong>Delphi: </strong>Das Orakel von D. prophezeite Laios, dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Dete, </strong>die Base und Ziehmutter von *<a href="#heidi">Heidi</a></p>



<p><strong>Diener:</strong> –<strong>2)</strong> Der D. Sebastian in Frankfurt war *<a href="#heidi">Heidi</a> zugetan und amüsierte sich über ihre Einfälle.</p>



<p><strong>Doktor:</strong> <em>1) Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Satire v. Heinrich Böll, BRD 1955 </em>(*<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>) – <em>2) Doktor Schiwago. Roman v. Boris Pasternak, UdSSR 1957 </em>(*<a href="#bürgerkrieg">Bürgerkrieg</a>)</p>



<p><strong>Dose:</strong> In einer Schublade des Krämers entdeckte *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid eine Dose mit einem geheimnisvollen schwarzen Pulver und ein Pergament mit einer fremdartigen Schrift. Er kaufte auch diese Dinge und ließ einen Gelehrten kommen, um die fremde Schrift zu entziffern…</p>



<p><strong>Dshamilja: </strong>Auf einem<strong> </strong>Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe…</p>



<p><strong>einladen:</strong> In *<a href="#berlin">Berlin</a> brachte sich das Mädchen Doris illegal über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch beobachtete sie ihren eigenen Abstieg in die Obdachlosigkeit und an den Rand der Prostitution. In der Silvesternacht entschloss sie sich, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu verschaffen.</p>



<p><strong>E<a id="eule"></a>ule:</strong> Auf dem Weg nach Mekka machten der in einen Storch verwandelte *<a href="#kalif">Kalif</a> und sein Großwesir in der Ruine eines alten Palastes Rast. Dort trafen sie eine weinende Eule, die ihre Sprache sprach und sich als verzauberte indische Prinzessin vorstellte. Der Kalif musste ihr später einen Heiratsantrag machen, um eine wichtige Information zu bekommen.</p>



<p><strong>Feh:</strong> Das Mädchen Doris wurde Schauspielschülerin und schaffte es durch einen Trick, eine Konkurrentin einzusperren und einmalig deren kleine Rolle auf der Bühne zu übernehmen, wo sie ihr Talent zeigte. Als die Sache aufflog und sie zudem einer Dame einen Feh (Pelz) gestohlen hatte, floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Fernsehen:</strong> Gigi Fremdenführer war plötzlich berühmt geworden, trug seine Geschichten im F. vor, und da ihm keine neuen mehr einfielen, erzählte er auch die, die er nur für das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> gedichtet hatte, und begann schließlich, alle Geschichten ein zweites Mal zu erzählen, wobei er alle Selbstachtung verlor.</p>



<p><strong>Filmstar:</strong> Das Mädchen Doris arbeitete in einer rheinischen Mittelstadt als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt und träumte davon, ein Glanz (Star) zu werden. Er entließ sie, als sie nicht mit ihm schlafen wollte. Später floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Frankfurt: </strong>Anderntags kam überraschend *<a href="#heidi">Heidis</a> Tante Dete wieder zum Alm-Öhi und nahm Heidi mit sich nach Frankfurt. Der Alm-Öhi und die Großmutter blieben verbittert und verzweifelt zurück. Dete hatte in F. die reiche Familie Sesemann kennen gelernt. Klara, die zwölfjährige Tochter des Geschäftsmannes Sesemann, saß gelähmt im Rollstuhl und wünschte sich eine Spielgefährtin. Dete vermittelte H. in das Haus Sesemann. Doch Heidi wurde dort vor Heimweh mondsüchtig.<strong></strong></p>



<p><strong>Franziskaner:</strong> Der britische Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger öster­reichischer Schüler, der Novize Adson von Melk, erreichten 1327 ein einsam in den Bergen gelegenes Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien. William sollte dort ein Streitgespräch zwischen dem Franziskanergeneral Michael von Cesena und einer Delegation des Papstes vorbereiten.</p>



<p><strong>Fräulein:</strong> <em>Das Fräulein von Scuderi. Erzählung v. Ernst Th. Hoffmann </em>(*<a href="#juwelen">Juwelen</a>)</p>



<p><strong>Fremdenführer:</strong> Der schweigsame, wunderliche Beppo Straßenkehrer und der quirlige, leichtfertige Gigi F. waren die beiden liebsten Freunde des Mädchens *<a href="#momo">Momo</a>.</p>



<p><strong>Freunde:</strong> Das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> hatte viele F., weil es so gut zuhören konnte; ihre liebsten F. waren Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer. Doch es gelang den grauen Herren, sie von ihren Freunden zu trennen.</p>



<p><strong>Fröhlich, </strong>Rosa, Schauspielerin im Tingeltangel „Blauer Engel“, in die sich zuerst der Schüler Lohmann, dann auch der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat, genannt Professor Unrat, verliebte</p>



<p><strong>Frühstück:</strong> Die Schildkröte Kassiopeia führte das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> sicher ins Nirgend-Haus zu Meister Hora, wo sie ein köstliches F. genoss: goldgelbe Brötchen mit goldgelbem Honig.</p>



<p><strong>Füße: </strong>Das Orakel von Delphi prophezeite Laios, dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Galanterie:</strong> Zur Zeit König Ludwigs XIV. beunruhigten mehrere Mordserien die Stadt Paris: Zuerst eine Reihe von Giftmorden; dann wurden regelmäßig Männer, die nachts unterwegs waren, um ihre Geliebte mit einem *<a href="#juwelen">Juwelen</a>-Geschenk zu überraschen, unterwegs überfallen, erstochen und ausgeraubt. Man vermutete eine Bande dahinter, und ein Sondertribunal, die Chambre ardente (Feurige Kammer), rief nach neuen Vollmachten. Der König zögerte jedoch. Man beschwor ihn, im Namen der Galanterie den verängstigten Kavalieren beizustehen. Als der König sie nach ihrer Meinung dazu fragte, erwiderte das Fräulein von Scuderi, eine alte Dichterin, bei Hofe: Ein Liebhaber, der die Diebe fürchte, sei der Liebe nicht würdig.</p>



<p><strong>Geißenpeter: </strong>Unterwegs trafen sie den G., der seine Geißenschar den Berg hinauf zur Alm hochtrieb. *<a href="#heidi">Heidi</a> folgte ihm auf eine Wiese und zog rasch ihre vielen Kleider, Röcke und Schuhe aus, um den Ziegen (Geißen) nachspringen zu können.</p>



<p><strong>Gericht: </strong>Gerichtsszenen kommen in zahllosen Erzählungen vor.<strong> 1) </strong>Die Schauspielerin Rosa Fröhlich verkehrte gelegentlich mit drei Schülern des *<a href="#lehrer">Lehrers</a> Professor Raat, genannt Unrat, und bei einer nächtlichen Eskapade dieser Art beschädigten die drei ein Hünengrab. Sie wurden erwischt und vor Gericht gestellt. Raat hielt als Zeuge vor Gericht eine flammende Philippika gegen seine „verkommenen“ Schüler und gegen deren Familien, mit der er sich in der Stadt unmöglich machte, zumal sein eigener Umgang mit Rosa Fröhlich bekannt war. Auch diese hatte einen Auftritt vor Gericht, der das Publikum ebenso beeindruckte wie erheiterte.</p>



<p><strong>Gift:</strong> <strong>2)</strong> Anno 1327 wurden in einem Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen vergiftet. Dem Franziskanermönch William von Baskerville und seinem Schüler Adson von Melk gelang es, die Mordserie aufzuklären. Die Tatwaffe war ein geheimnisvolles Buch, dessen Seiten vergiftet waren.</p>



<p><strong>Gigi&nbsp;Fremdenführer:</strong> Der schweigsame, wunderliche Beppo Straßenkehrer und der quirlige, leichtfertige G. F. waren die beiden liebsten Freunde des Mädchens *<a href="#momo">Momo</a>. Den grauen Herren gelang es, ihn von Momo zu trennen, indem sie ihn zu einem berühmten Fernsehstar werden ließen.</p>



<p><strong>Glanz:</strong> Das Mädchen Doris arbeitete in einer rheinischen Mittelstadt als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt und träumte davon, ein Glanz (Star) zu werden. Er entließ sie, als sie nicht mit ihm schlafen wollte. Später floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>G<a></a>laskutsche:</strong> Das Fräulein von Scuderi fuhr mit einer G. über den Pont neuf in Paris. Im Gedränge näherte sich ein junger Mann der Kutsche und warf dem Fräulein einen Zettel zu. Die Haushälterin erkannte den Mann wieder, der einige Nächte zuvor ein geheimnisvolles Kästchen mit *<a href="#juwelen">Juwelen</a> gebracht hatte.</p>



<p><strong>Goldschmied:</strong> In der Nacht klopfte es am Tor des Fräuleins von Scuderi, und ein junger Mann begehrte heftig Einlass. Da die Haushälterin ihn nicht zu ihrer Herrin vorließ und draußen eine Wache erschien, übergab er ihr hastig ein Kästchen für das Fräulein und entfloh. In dem Kästchen befanden sich äußerst kostbare, perfekt gearbeitete *<a href="#juwelen">Juwelen</a>. Die Scuderi begab sich mit dem Schmuck zu ihrer Freundin bei Hofe, und die erkannte darin sofort ein Werk des berühmten G. Cardillac. Cardillac wurde gerufen, erschien und erkannte seine Juwelen, behauptete, sie seien ihm vor Kurzem gestohlen worden. Er bestand darauf, dass das Fräulein sie behalten solle, da er es hoch verehre. – Später stellte sich heraus, dass der G. regelmäßig seine Kunden nächtens überfallen, erstochen und ihnen die Juwelen wieder abgenommen hatte. Als er selbst an einer Stichwunde starb, kam sein Gehilfe Olivier in Verdacht, ihn im Auftrag einer Juwelenräuberbande ermordet zu haben.</p>



<p><strong>graue&nbsp;Herren:</strong> Die Menschen wurden immer gehetzter und un­freundlicher. Dahinter steckten die grauen Herren, die sich als Agenten der „Zeit-Spar-Kasse“ ausgaben und die Menschen dazu überredeten, Zeit für die Zukunft zu sparen. In Wirklichkeit stahlen sie diese Zeit und lebten davon, indem sie die Stunden-Blumen einfroren, trockneten und als Zigarren rauchten. Das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> konnte sie am Ende besiegen und die gestohlene Zeit befreien.</p>



<p><strong>Griechischstunden: </strong>Die Schauspielerin Rosa Fröhlich lebte mit dem ehemaligen *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat, genannt Unrat, zusammen. Sie versuchte immer wieder, selber eine Liebe für ihr »Unratchen« zu entwickeln, nahm sogar Griechischstunden bei ihm, aber sein destruktives Tyrannentum stieß sie ab.</p>



<p><strong>Großmama:</strong> Als Herr Sesemann wieder abgereist war, kam seine Mutter zu Besuch, Klaras Großmama. Die gewann *<a href="#heidi">Heidi</a> lieb und schaffte es, mit Hilfe von Bilderbüchern *Heidis Widerstand gegen das Lesenlernen zu überwinden.</p>



<p><strong>Großwesir:</strong> *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid von Bagdad war guter Laune, als der G. zu ihm kam. Dieser war traurig… Später verwandelten sich beide in Störche.</p>



<p><strong>Gymnasium:</strong> <strong>1)</strong> Der alte Latein-, Griechisch- und Deutsch-*<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat wurde von den meisten Schülern, Ex-Schülern und sogar von Kollegen »Unrat« genannt, da er sich immer aufregte, wenn er dieses Wort hinter seinem Rücken rufen hörte.</p>



<p><strong>Haushälterin:</strong> Das Haus Sesemann in Frankfurt, in das die achtjährige*<a href="#heidi">Heidi</a> gebracht wurde, wurde von einer schreckhaften H., Fräulein Rottenmeier, geführt.</p>



<p><strong>H<a id="heidi"></a>eidi:</strong> Dete, ein gut 20jähriges Mädchen, stieg mit dem fünfjährigen Mädchen H. von Mayenfeld hinauf zum Dörfli und von dort noch höher zum Alm-Öhi, der oben am Berg einsam in einer Sennhütte lebte. H. war ein Waisenkind, die Tochter von Detes Schwester Adelheid und Alm-Öhis Sohn Tobias, die beide gestorben waren, als H. ein Jahr alt war. Dete hatte das Bäslein vier Jahre lang groß gezogen und wollte es nun seinem Großvater übergeben, um eine Stellung in Frankfurt annehmen zu können. Unterwegs trafen sie den Geißenpeter, der seine Geißenschar den Berg hinauf zur Alm hochtrieb. H. folgte ihm auf eine Wiese und zog rasch ihre vielen Kleider, Röcke und Schuhe aus, um den Ziegen nachspringen zu können. Dete hatte ihr alle Kleider übereinander angezogen, um sie nicht schleppen zu müssen. Der Alm-Öhi lebte verbittert in Zwist mit der Dorfgemeinschaft, seit er seinen Hof verspielt hatte und sein Sohn bei einem Unfall umgekommen war. Barsch schickte er Dete weg, nahm die kleine Heidi aber, wenn auch zurückhaltend, auf. Diese fand sich sofort in seiner Hütte zurecht, machte sich auf dem Heuboden ein Bett aus Heu zurecht und genoss die frische Ziegenmilch und den gebratenen Ziegenkäse, den der Alm-Öhi ihr zubereitete. Anderntags stieg sie mit dem Geißenpeter hoch auf die Alm und half ihm, die Geißen (Ziegen) zu hüten, lernte auch schnell alle ihre Namen. Am liebsten hatte sie Schwänli und Bärli, die beiden Geißen des Großvaters. Peter schreckte plötzlich auf und rannte zum felsigen Abgrund der Weide, weil Distelfink, eine der Ziegen, abzustürzen drohte. H. lief hinterher und konnte Distelfink mit einer Handvoll Kräuter wieder zurücklocken. Einige Tage später besuchte H. Peters blinde Großmutter und seine Mutter Brigitte, die in einem baufälligen Häuschen unterhalb der Sennhütte lebten. Die alte Großmutter gewann die fröhliche H. sofort lieb und freute sich jeden Tag auf deren nächsten Besuch. H. überredete ihren Großvater, das Häuschen der Nachbarin zu reparieren, was er tat, ohne mit ihnen zu sprechen. So ging es jahrein, jahraus, bis H. acht Jahre alt wurde. Sie liebte das Leben auf der Alm und war kräftig und gesund. Eines Tages stieg der Pfarrer zu Alm-Öhi hinauf, sein früherer Nachbar, als dieser noch unten im Dörfli gewohnt hatte. Der Pfarrer versuchte, den Alm-Öhi zu überzeugen, dass er im kommenden Winter H. zur Schule schicken und selber wieder ins Dörfli hinunterziehen solle, doch der weigerte sich. Anderntags kam überraschend Dete wieder und nahm H. mit sich nach Frankfurt. Der Alm-Öhi und die Großmutter blieben verbittert und verzweifelt zurück. Dete hatte in Frankfurt die reiche Familie Sesemann kennen gelernt. Klara, die zwölfjährige Tochter des Geschäftsmannes Sesemann, saß gelähmt im Rollstuhl und wünschte sich eine Spielgefährtin. Dete vermittelte H. in das Haus Sesemann, das, da Herr Sesemann meist geschäftlich unterwegs war, von einer schreckhaften Haushälterin, Fräulein Rottenmeier, geführt wurde. Diese fühlte sich von Dete betrogen, als sie merkte, dass H. weder lesen konnte noch eine Ahnung von großbürgerlichen Manieren hatte. Doch Klara gewann die Gefährtin schnell lieb und genoss vor allem die Abwechslung, die diese ins Haus brachte. In der Tat mischte H. mit ihrer unbekümmerten, fröhlichen und direkten Art sofort den ganzen Haushalt auf. Der Diener Sebastian war ihr gleich zugetan. H. schaute mit seiner Hilfe aus allen Fenstern des Hauses heraus und sah überall nur Hauswände und weitere Fenster. Wo waren die Wiesen, die Bäume, die Berge geblieben? Sie lief davon und suchte mit Hilfe eines Straßenjungen einen Kirchturm auf, um einen Blick über die Stadt und das Tal hinweg werfen zu können. Beim Türmer entdeckte sie einen Wurf junger Kätzchen und durfte zwei davon gleich mitnehmen. Als sie ins Haus Sesemann zurückkehrte, war Fräulein Rottenmeier empört über ihren Ungehorsam, und als H. die miauenden Kätzchen freiließ, kriegte das Fräulein eine Panikattacke, worüber Sebastian, der alles vom Flur aus beobachtete, sich beinahe totlachte. Er versprach Klara und H., ein geheimes Nest für die Kätzchen zu bauen. Als Herr Sesemann aus Paris heimkehrte, beklagte sich Fräulein Rottenmeier bitter über H. und die schrecklichen Tiere, die sie ins Haus geschleppt hätte. Auch hielt sie H. für verrückt, weil sie immer wieder merkwürdige Geschichten über ihren Großvater, den Geißenpeter und dessen Großmutter erzählte. Doch Herr Sesemann befragte seine Tochter, und die legte ein gutes Wort für ihre Spielgefährtin ein. Als Herr Sesemann wieder abgereist war, kam seine Mutter zu Besuch, Klaras Großmama. Die gewann H. lieb und schaffte es, mit Hilfe von Bilderbüchern H.s Widerstand gegen das Lesenlernen zu überwinden. Plötzlich hatte der Kandidat, der täglich als Hauslehrer ins Haus kam, Erfolg mit seinen Bemühungen, und H. lernte in kurzer Zeit Lesen, um etwas über die schönen Geschichten in dem Buch erfahren und sie Klara vorlesen zu können. Doch H. wurde vor Heimweh immer unglücklicher und aß kaum noch etwas. Sie traute sich nicht, jemandem etwas über ihren Kummer zu erzählen. Großmama bemerkte ihren Kummer, und da H. auch ihr nichts über den Grund sagen wollte, ermunterte sie H., abends zu beten und Gott ihren Kummer zu erzählen, ihn auch um Hilfe zu bitten. Das half H. eine Weile, doch nach Großmamas Abreise wurde ihr Heimweh übermächtig. Plötzlich hieß es, es spuke im Hause. Jeden Morgen fand man die Haustür offen vor, so sehr man sie auch abends verriegelt hatte. Die Diener Sebastian und Johann legten sich nachts auf die Lauer, und Johann sah tatsächlich, wie ein weißes Gespenst die Treppe hinaufhuschte. Fräulein Rottenmeier schrieb Herrn Sesemann einen Brief, und dieser reiste an, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er bezog zusammen mit einem alten Freund, dem Doktor Claasen, die Nachtwache, und die beiden entdeckten, dass H. nachts als Mondsüchtige (Schlafwandlerin) die Haustür öffnete. Der Arzt fand schnell den Grund heraus: H.s übermächtiges Heimweh, das sie jede Nacht von Alm-Öhis Sennhütte und vom Rauschen der Tannen hinter der Hütte träumen ließ. Er verordnete ihr die sofortige Heimreise auf die Alm. Herr Sesemann war vernünftig genug, um schon am nächsten Tag H.s Heimreise in die Wege zu leiten. Sebastian begleitete sie bis nach Mayenwald. Dort nahm der Bäcker sie auf seinem Wagen mit zum hinauf zum Dörfli, und sie stieg sofort zu Peters Großmutter hinauf, in banger Erwartung, ob sie sie noch lebend antreffen würde. Doch sie lebte noch und verging fast vor Freude über H.s Rückkehr. H. hatte ihr auch Weißbrot aus Frankfurt mitgebracht, weil die Alte das billige Schwarzbrot so schlecht vertrug. Dann stieg H. hinauf zum Alm-Öhi, der wie ehedem auf der Bank vor seiner Hütte saß und vor Freude zum ersten Mal seit vielen Jahren weinen musste. H. erzählte ihm vom Beten, wie sie es von der Frankfurter Großmama gelernt hatte, und las ihm die Geschichte vom verlorenen Sohn vor. Ein Volltreffer: In der Nacht stieg der Großvater immer wieder zu H.s Heubett hinauf, um nachzusehen, ob sie vielleicht wieder mondsüchtig würde – Herr Sesemann hatte ihn in einem Brief gewarnt. Doch er fand das Mädchen friedlich schlafend, und aus Dank rang er sich ein Gebet ab. Am folgenden Sonntag legte er seinen Sonntagsstaat an, den H. noch nie gesehen hatte, und ging mit H. ins Dörfli hinab in die Kirche, was dort großes Aufsehen erregte. Er besuchte seinen alten Nachbarn, den Pfarrer, und versprach ihm, im Winter Quartier im Dörfli zu nehmen und H. zur Schule gehen zu lassen. Alle waren froh, ihn wieder im Dörfli zu sehen, doch am glücklichsten war Peters Großmutter, als ihr Nachbar nach vielen Jahren der Sprachlosigkeit zu ihr hereinkam und sie begrüßte. &amp;<em> Johanna Spyri: Heidi, Bd. 1: Heidis Lehr- und Wanderjahre. Kinderroman, Schweiz 1880</em></p>



<p><strong>Heimweh:</strong> <strong>1)</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> wurde in Frankfurt vom H. immer unglücklicher, aß kaum noch etwas und wurde zuletzt mondsüchtig. &amp;<em> Johanna Spyri: Heidi, Bd. 1: Heidis Lehr- und Wanderjahre. Kinderroman, Schweiz 1880</em></p>



<p><strong>Heiratsantrag:</strong> <strong>1) </strong>Auf dem Weg nach Mekka machten der in einen Storch verwandelte *<a href="#kalif">Kalif</a> und sein Großwesir in der Ruine eines alten Palastes Rast. Dort trafen sie eine weinende Eule, die ihre Sprache sprach und sich als verzauberte indische Prinzessin vorstellte. Der Kalif musste ihr später einen H. machen, um eine wichtige Information zu bekommen. –</p>



<p><strong>Inquisitor:</strong> Anno 1327 kam mit einer päpstlichen Delegation der I. Bernard Gui in ein einsam in den Bergen gelegenes Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien. Da es im Kloster Morde gegeben hatte, begann er – neben dem Franziskanermönch William von Baskerville –&nbsp; mit Ermittlungen, konzentrierte sich aber auf einige ehemalige Mystiker und Ketzer, die im Kloster Zuflucht gefunden hatten, sowie auf ein dort nächtlich verkehrendes Bauernmädchen, das er alsbald als Hexe „entlarvte“ und zum Tode verurteilte.</p>



<p><strong>Intellektueller: </strong>In der Silvesternacht 1931/32 in *<a href="#berlin">Berlin</a> entschloss sich das Mädchen Doris, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen. Der Mann, ein schüchterner Intellektueller namens Ernst, der gerade von seiner Frau verlassen worden war, nahm sie aus Mitleid mit nach Hause und wollte gar nicht mit ihr schlafen.</p>



<p><strong>Intendant:</strong> *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a></p>



<p><strong>Inzest: </strong>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> gelang es, das Rätsel der Sphinx zu lösen und so Theben von der Sphinx zu befreien. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und bekam Iokaste, seine leibliche Mutter, zur Frau. Die Prophezeiung vom I. erfüllte sich. Von ihrer Verwandtschaft nichts wissend, hatten die beiden vier Kinder miteinander. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Iokaste: </strong>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> gelang es, das Rätsel der Sphinx zu lösen und so Theben von der Sphinx zu befreien. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und bekam I., seine leibliche Mutter, zur Frau. Die Prophezeiung vom Inzest erfüllte sich. Von ihrer Verwandtschaft nichts wissend, hatten die beiden vier Kinder miteinander. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>J<a id="junge"></a>unge:</strong> Bekannte Jungenfiguren sind *Émile (J. J. Rousseau, F 1762); *Zwerg Nase (W. Hauff, D 1826); *Oliver Twist in London (Ch. Dickens, GB 1837); *David Copperfield (Ch. Dickens, GB 1849); der *Schiffsjunge Dick Sand (J. Verne, F 1878); Jack auf der *Schatzinsel (R. L. Stevenson, GB 1881); Mogli im *Dschungel (R. Kipling, GB 1894); der Waisenjunge Dick Harding in *London (E. Nesbit, GB 1909); *Kai aus der Kiste in Berlin (W. Durian, D 1924); *Emil als Detektiv in Berlin (E. Kästner, D 1929); *Kalle Blomqvist, der Meisterdetektiv (A. Lindgren, S 1946); *Memed, der türkische Bauernjunge und spätere Räuber (Y. Kemal, T 1955); Tobbi, der Erfinder des *Fliewatüüts (B. Lornsen, BRD 1967); die Grünhaut Atréju in *Fantasien (M. Ende, BRD 1979); der Büchernarr Bastian Baltasar Bux in *Fantasien (M. Ende, BRD 1979); Adson von Melk im *<a href="#kloster">Kloster</a> (U. Eco, I 1980). Vgl. *<a href="#kinder">Kinder</a>; *<a href="#mädchen">Mädchen</a></p>



<p><strong>J<a id="juwelen"></a>uwelen:</strong> Zur Zeit König Ludwigs XIV. beunruhigten mehrere Mordserien die Stadt Paris: Zuerst eine Reihe von Giftmorden; dann wurden regelmäßig Männer, die nachts unterwegs waren, um ihre Geliebte mit einem J.-Geschenk zu überraschen, unterwegs überfallen, erstochen und ausgeraubt. Man vermutete eine Bande dahinter, und ein Sondertribunal rief nach neuen Vollmachten. Der König zögerte jedoch. Man beschwor ihn, im Namen der Galanterie den verängstigten Kavalieren beizustehen. Als der König sie nach ihrer Meinung dazu fragte, erwiderte das Fräulein von Scuderi, eine alte Dichterin, bei Hofe: Ein Liebhaber, der die Diebe fürchte, sei der Liebe nicht würdig. In der Nacht nach diesem Vorfall klopfte es am Tor des Fräuleins, und ein junger Mann begehrte heftig Einlass. Da die Haushälterin ihn nicht zu ihrer Herrin vorließ und draußen eine Wache erschien, übergab er ihr hastig ein Kästchen für das Fräulein und entfloh. In dem Kästchen befanden sich perfekt gearbeitete J. sowie ein Zettel, in dem „die Unsichtbaren“ dem Fräulein von Scuderi ihre Verehrung ausdrückten. Die Scuderi begab sich mit dem Schmuck zu ihrer Freundin bei Hofe, und die erkannte darin ein Werk des berühmten Goldschmieds Cardillac. Cardillac wurde gerufen, erkannte seine J., behauptete, sie seien ihm vor Kurzem gestohlen worden. Er bestand darauf, dass das Fräulein sie behalten solle, da er es hoch verehre. Einige Tage später fuhr das Fräulein von Scuderi mit einer Glaskutsche über den Pont neuf. Im Gedränge näherte sich ein junger Mann der Kutsche und warf dem Fräulein einen Zettel zu. Die Haushälterin erkannte den Mann wieder, der das Kästchen gebracht hatte. Auf dem Zettel stand, das Fräulein solle die J. so schnell wie möglich zu Cardillac bringen; andernfalls sei ihr Leben in Gefahr. Das Fräulein schaffte es aber erst am übernächsten Morgen, zu Cardillac zu fahren. Vor dessen Haus war großer Aufruhr: Cardillac war offenbar in der Nacht zuvor erstochen worden, und Desgrais, der Chefermittler des Sondertribunals, führte dessen Gehilfen Olivier Brusson als Tatverdächtigen ab, obwohl Cardillacs Tochter Madelon dessen Unschuld beteuerte. Die Scuderi nahm das verzweifelte Mädchen zu sich, und Madelon konnte das Fräulein von der Unschuld Oliviers, der ihr Geliebter war, überzeugen. Die Scuderi bewirkte, dass sie Olivier im Gefängnis besuchen durfte, und musste entsetzt feststellen, dass er der junge Mann war, der das Kästchen und den Zettel gebracht hatte, der also offenbar doch mit der Räuberbande zu tun hatte. Nun glaubte sie doch an dessen Schuld. Tage später meldete sich Desgrais bei ihr und berichtete, Brusson, der nach wie vor leugne, wolle unbedingt das Fräulein von Scuderi sprechen. Desgrais hoffte, Brusson werde der Scuderi endlich das Geheimnis der Räuberbande verraten, und bat sie um Mithilfe. Sie willigte ein. Man führte Brusson nachts in das Haus der Scuderi, und er gab sich als Sohn einer armen Ziehtochter der Scuderi zu erkennen, der 23 Jahre zuvor mit seinen Eltern nach Genf gezogen war. Er enthüllte nun der Scuderi Folgendes: – Er hatte eines Nachts seinen Meister Cardillac bei einem tödlichen Raubüberfall ertappt. Niemand anderes als Cardillac war der lange gesuchte Täter. Es war Brusson aber nicht möglich, die Wahrheit aufzudecken, weil diese seine geliebte Madelon in tödliche Verzweiflung stürzen musste. Cardillac hatte ihm gegenüber zugegeben, dass eine Art Dämon ihn zwinge, alle, für die er J. gemacht hatte, zu töten und ihnen die J. wieder abzunehmen. Cardillac hatte Brusson gebeten, die besten J., die er jemals gemacht, dem Fräulein von Scuderi zu bringen. Da er die Dichterin so hoch verehrte, hatte er gehofft, auf diese Weise den bösen Dämon besiegen zu können. Das hatte nicht geklappt; nach ein paar Tagen hatte es Cardillac dann doch getrieben, das Fräulein von Scuderi umzubringen. Um das zu verhindern, war Brusson ihm durch seinen Geheimgang gefolgt. Kurz vor dem Haus der Scuderi hatte sich Cardillac auf einen zufällig vorbei kommenden Offizier gestürzt und war von diesem schwer verletzt worden. Brusson hatte ihn nach Hause getragen, wo er der Verletzung erlegen war. – Zum Glück meldete sich der Offizier bei der Scuderi. Mit Hilfe seiner Aussage konnten die Scuderi und ein Rechtsanwalt das Verfahren gegen Brusson verzögern. Mit einem Auftritt bei Hofe gelang es der Scuderi dank ihrer mitreißenden Erzählkunst, den König für den ganzen Fall mit allen seinen Verwicklungen zu interessieren. Der König wünschte, Madelon zu sehen, und war ganz entzückt von ihrer Schönheit. Er stellte nun selber Ermittlungen an und verfügte nach einem Monat Oliviers Freilassung. Überglücklich konnten Olivier und Madelon einander in die Arme schließen und heiraten. &amp; <em>Ernst Theodor Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi. Erzählung (Kriminalnovelle), Deutschland 1820</em></p>



<p><strong>K<a id="kalif"></a>alif:</strong> Kalif Chasid von Bagdad war guter Laune, als der Großwesir zu ihm kam. Dieser war traurig, weil ein fahrender Krämer wunderschöne Waren auf der Straße anbot und er kein Geld übrig hatte, um sich etwas zu kaufen. Der Kalif ließ den Krämer in den Palast holen und kaufte schließlich zwei prächtige Pistolen für sich selbst und den Wesir und einen goldenen Kamm für dessen Frau. In einer Schublade entdeckte er noch eine Dose mit einem geheimnisvollen schwarzen Pulver und ein Pergament mit einer fremdartigen Schrift. Er kaufte auch diese Dinge und ließ einen Gelehrten kommen, um die fremde Schrift zu entziffern. Dieser erkannte, dass sie lateinisch war, und übersetzte sie wie folgt: „Wenn Du das Pulver schnupfst und dazu das Wort ‹Mutabor› ausspricht, verwandelst du dich in ein beliebiges Tier und kannst die Sprache der Tiere verstehen. Um dich wieder zurück zu verwandeln, musst Du dich dreimal nach Osten bücken und das Zauberwort sprechen. Lachst du aber während der Verwandlung, vergisst du das Zauberwort und muss immer ein Tier bleiben.“ Am nächsten Morgen gingen der Kalif und der Großwesir vor die Stadt zu einem Teich, wo sich zwei Störche befanden, nahmen von dem Schnupfpulver und verwandelten sich in Störche. Tatsächlich konnten sie das Gespräch der anderen beiden Störche verfolgen. Als einer davon einen wunderlichen Tanz aufführte, mussten die beiden Verwandelten laut lachen. Danach hatten sie das Zauberwort vergessen und konnten sich nicht mehr in Menschen zurückverwandeln. Nach einigen Tagen sahen sie von einem Dach aus zu, wie ein neuer Herrscher in die Stadt einzog und das Volk dem Herrscher Mizra huldigte. Da erkannte Kalif Chasid, wer ihm die Sache eingebrockt hatte: Mizra war der Sohn des Zauberers Kaschnur, der dem Kalifen einst Rache geschworen hatte. Die beiden Störche machten sich auf dem Weg nach Mekka, um am Geburtsort des Propheten vielleicht Rettung zu finden. Unterwegs machten sie in der Ruine eines alten Palastes Rast. Dort trafen sie eine weinende Eule, die ihre Sprache sprach und sich als verzauberte indische Prinzessin vorstellte. Auch sie war von Kaschnur verzaubert und entführt worden, weil ihr Vater sie nicht hatte Kaschnurs Sohn zur Frau geben wollen. Die Eule konnte nur wieder frei kommen, wenn ihr jemand einen Heiratsantrag machen würde. Sie wusste aber, dass der Zauberer und seine Kumpanen gelegentlich in einem Saal der Ruine feierte, und dass sich die Zauberer bei dieser Gelegenheit ihre Abenteuer zu erzählen pflegten; vielleicht würde einer dann das Zauberwort für die Störche aussprechen. Diesen Saal zeigte sie den beiden Störchen aber nur unter der Bedingung, dass einer sie zur Frau nehmen müsse. Nach einer Beratung mit seinem Wesir erklärte sich der Kalif widerstrebend dazu bereit. Die Zauberer erschienen noch in der selben Nacht, und die Störche, die die Szene beobachteten, erkannten unter ihnen den Krämer wieder. Dieser erzählte in der Tat seine Geschichte von dem Schnupfpulver und der Schrift und plauderte auch das Zauberwort ‹Mutabor› aus. So konnten sich die Störche zurückverwandeln, und die Eule verwandelte sich in eine schöne Prinzessin, die der Kalif erfreut zur Frau nahm. Sie fuhren nach Bagdad, und der Kalif ließ den Zauberer Kaschnur aufhängen und verwandelte seinen Sohn Mizra in einen Storch, den er in einen Käfig sperrte. &amp;<em> Wilhelm Hauff: Märchen. Die Geschichte vom&nbsp; Kalif Storch. Deutschland 1825</em></p>



<p><strong>Kaschnur:</strong> Der in einen Storch verwandelte *<a href="#kalif">Kalif</a> musste mit ansehen, wie M., der Sohn des Zauberers Kaschnur, zum neuen Herrscher von Bagdad ausgerufen wurde.</p>



<p><strong>Kassiopeia:</strong> Die Schildkröte K.&nbsp; tauchte beim Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> auf…</p>



<p><strong>Kästchen:</strong> In der Nacht klopfte es am Tor des Fräuleins von Scuderi, und ein junger Mann begehrte heftig Einlass. Da die Haushälterin ihn nicht zu ihrer Herrin vorließ und draußen eine Wache erschien, übergab er ihr hastig ein K. für das Fräulein und entfloh. In dem K. befanden sich äußerst kostbare, perfekt gearbeitete *<a href="#juwelen">Juwelen</a>.</p>



<p><strong>Kätzchen:</strong> Von ihrem Ausflug zum Kirchturm brachte *<a href="#heidi">Heidi</a> zwei junge K. ins Haus Sesemann. Fräulein Rottenmeier bekam deshalb eine Panikattacke.</p>



<p><strong>Ketzer:</strong> Anno 1327 hatten einige ehemalige Mystiker und Ketzer, darunter der berühmte Ubertin von Casale, in einem einsam gelegenen Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien Zuflucht gefunden. Dort entdeckte sie der britische Franziskanermönch William von Baskerville und später leider auch der päpstliche Inquisitor Bernard Gui.</p>



<p><strong>K<a id="kinder"></a>inder:</strong> Bekannte K.-Paare (Geschwister) sind *Hänsel und Gretel (Grimms Märchen); die K. von *Arden (E. Nesbit)… – Einzelne K.: *<a href="#junge">Junge</a>, *<a href="#mädchen">Mädchen</a>. – K. als Gruppe: <strong>1) </strong>Die Marketenderin Anna Fierling, genannt Mutter Courage, zog im *Dreißigjährigen Krieg mit ihrem Planwagen und ihren drei Kindern im Tross der evangelischen Armee mit. &amp; <em>Mutter Courage und ihre Kinder. Tragödie v. Bertolt Brecht, Schweiz 1941 – </em><strong>2) </strong>Nirgendwo konnten die K. so gut spielen wie im alten Amphitheater beim Mädchen *<a href="#momo">Momo</a>. Später veranstalteten Momo und die K. einen Demonstrationszug durch die Stadt, um die Erwachsenen über die Machenschaften der grauen Herren und ihrer „Zeit-Spar-Kasse“ aufzuklären. Später sorgten die grauen Herren dafür, dass alle „vernachlässigten“ K. in K.-Depots gesperrt und dort zu nützlichen Spielen angeleitet wurden.</p>



<p><strong>Kirche:</strong> Der Alm-Öhi zog seinen Sonntagsstaat an, den *<a href="#heidi">Heidi</a> noch nie gesehen hatte, und ging mit seiner Enkeltochter nach unten ins Dörfli in die K.</p>



<p><strong>Kirchturm:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> bestieg in Frankfurt einen K., um das ganze Tal überblicken und etwas anderes als Steinwände sehen zu können. Vom Türmer bekam sie zwei Kätzchen geschenkt.</p>



<p><strong>Klara:</strong> Anderntags kam überraschend Dete zum Alm-Öhi und nahm die achtjährige *<a href="#heidi">Heidi</a> mit sich nach Frankfurt. Dete hatte in F. die reiche Familie Sesemann kennen gelernt. Klara, die zwölfjährige Tochter des Geschäftsmannes Sesemann, saß gelähmt im Rollstuhl und wünschte sich eine Spielgefährtin.</p>



<p><strong>K<a id="kloster"></a>loster:</strong> – <strong>2)</strong> Der britische Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger öster­reichischer Schüler, der Novize Adson von Melk, erreichten 1327 ein einsam in den Bergen gelegenes Clunia­zenserkloster in Norditalien. William sollte dort ein Streitgespräch zwischen dem Franziskaner­general Michael von Cesena und einer Delegation des Papstes vorbereiten. Noch vor dem Klostertor lieferte er eine Kostprobe seines detektivischen Scharfsinnes ab, indem er ein entlaufenes *<a href="#pferd">Pferd</a> beschreiben konnte, ohne es gesehen zu haben. Kurz vor seiner Ankunft war einer der Mönche unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen; der Abt bat William, den Fall aufzuklären. William erkannte gleich, dass der Mönch ermordet worden war. Kurz danach wurden zwei weitere junge Mönche ermordet aufgefunden; beide mit Symptomen einer Ver­giftung. Einige Indizien deuteten auf eine Beziehungstat unter Homosexuellen hin, doch William glaubte nicht daran. Die älteren Mönche deuteten die Mordserie als Vorzeichen der Apokalypse, weil es in der Inszenie­rung der Leichen Parallelen zur Offenbarung des Johannes gab. Der dritte Tote war Gehilfe des Bibliothekars gewesen. William verfolgte eine Spur, die auf die Bibliothek des Klosters hindeutete. Diese war berühmt, weil sie viele äußerst seltene Abschriften von Werken antiker Autoren enthielt. Nur der Bibliothekar und sein Gehilfe hatten Zugang zum Magazin der Bibliothek und wussten, wie man die Bücher dort fand. Adson begegnete eines Nachts in der Küche einem Bauernmädchen aus dem Dorf, das gelegentlich auf geheimen Wegen ins Kloster kam, um beim Cellerar ihre weiblichen Reize gegen Nahrungsmittel einzutauschen; die beiden verbrachten eine rauschende Liebesnacht miteinander. Unterdessen trafen Michael von Cesena und die päpstliche Delegation im Kloster ein, darunter der berüchtigte Inquisitor Bernard Gui. Dieser begann ebenfalls mit Ermittlungen, konzentrierte sich aber auf einige ehemalige Mystiker und Ketzer, die im Kloster Zuflucht gefunden hatten, sowie auf den Cellerar und das Bauernmädchen, das er alsbald als Hexe „entlarvte“ und zum Tode verurteilte. Während des Prozesses wurde der Botanikus Severin erschlagen, kurz nachdem er William eine Nachricht hatte zukommen lassen. In seiner Werkstatt stieß Adson auf ein merkwürdiges Buch, das kurze Zeit später wieder verschwand. William ermittelte, dass der Bibliothekar Severin erschlagen haben musste, und dass es dabei um dieses Buch gegangen war. Anderntags starb auch der Bibliothekar, offenbar vergiftet. In der Nacht drangen William und Adson in die Bibliothek ein, und es gelang ihnen, das Geheimnis ihres Labyrinths zu entschlüsseln und bis in den innersten Raum vorzudringen. Dort wartete der blinde Mönch Jorge von Burgos auf sie, die graue Eminenz des Klosters, auf dem Tisch das geheimnisvolle Buch: Es war das verschollene zweite Buch des Aristo­teles zur Poetik, das von der Komödie handelt. William rührte es nicht an, da er bereits erraten hatte, dass die Buchseiten vergiftet und alle, die darin geblättert hatten, gestorben waren. Jorge bekannte sich zu den Morden; die Schrift des Aristoteles sei so antichristlich, dass unbefugte Leser nur durch physisches Gift vor dem geistigen Gift des Buches geschützt werden könnten. Jorge löschte die Lampe und war als Blinder im Dunkeln im Vorteil; es gelang ihm, das Buch zu verbrennen, wobei die ganze Bibliothek Feuer fing. Das Feuer griff schließlich auch auf die Kirche über und vernichtete das ganze Kloster. Das verurteilte Bauernmädchen konnte im Chaos entkommen, der Inquisitor kam ums Leben. &amp; <em>Umberto Eco: Der Name der Rose (Il nome della rosa), Roman, Italien 1980 (dt. 1982 v. Burkhart Kroeber) – Verfilmt v. Jean-Jaques Annaud, BRD/Frankreich/Italien 1986</em></p>



<p><strong>K<a id="köln"></a>öln: </strong>1) Der Kölner *<a href="#rundfunk">Rundfunkredakteur</a> Dr. Murke fuhr jeden Morgen mit dem Paternoster…</p>



<p><strong>König:</strong> Zur Zeit König Ludwigs XIV. beunruhigten mehrere Mordserien die Stadt Paris: Zuerst eine Reihe von Giftmorden; dann wurden regelmäßig Männer, die nachts unterwegs waren, um ihre Geliebte mit einem *<a href="#juwelen">Juwelen</a>-Geschenk zu überraschen, unterwegs überfallen, erstochen und ausgeraubt. Man vermutete eine Bande dahinter, und ein Sondertribunal rief nach neuen Vollmachten. Der K. zögerte jedoch. Man beschwor ihn, im Namen der Galanterie den verängstigten Kavalieren beizustehen. Als der K. sie nach ihrer Meinung dazu fragte, erwiderte das Fräulein von Scuderi, eine alte Dichterin, bei Hofe: Ein Liebhaber, der die Diebe fürchte, sei der Liebe nicht würdig.</p>



<p><strong>Korinth: </strong>Das Orakel von Delphi prophezeite Laios, dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von K. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Kornsack:</strong> Der junge Kirgise Danijar, der als verwundeter Soldat in den Aul, das Kirgisendorf, gekommen war, die junge Kirgisin Dshamilja und der halbwüchsige Said, jüngerer Bruder von Dshamiljas Verlobtem, mussten im Zweiten Weltkrieg Kornsäcke aus dem Aul mit Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> zur Bahnstation transportieren. Dshamilja und Said spielten Danijar, dem Sonderling, einen üblen Streich: Sie deponierten unter seinen Kornsäcken einen überschweren Zwei-Zentner-Sack. In der Bahnstation musste jeder Sack über einen schwankenden Steg zur Spitze des Kornspeichers getragen werden. Danijar lud sich den Zwei-Zentner-Sack auf, verweigerte jede Hilfe und trug ihn schwankend bis nach oben, obwohl sein verwundetes Bein immer wieder versagte. Alle bangten mit ihm und befürchteten, dass er abstürzt, doch er schaffte es. Dshamilja hatte danach ein furchtbar schlechtes Gewissen ihm gegenüber. [Schlüsselszene aus:] &amp; <em>Tschingis Aitmatow: Dshamilja. Erzählung, UdSSR 1958 (*</em><a href="#wagen"><em>Wagen</em></a><em>)</em></p>



<p><strong>Krämer:</strong> Der *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid ließ den Krämer, den sein Großwesir gesehen hatte, in den Palast holen und kaufte schließlich zwei prächtige Pistolen für sich selbst und den Wesir und einen goldenen Kamm für dessen Frau. In einer Schublade entdeckte er noch eine Dose mit einem geheimnisvollen schwarzen Pulver und ein Pergament…</p>



<p><strong>Kunst:</strong> Ein *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Redakteur zuckte jedes Mal hysterisch zusammen, wenn er das Wort »K.« hörte.</p>



<p><strong>Labyrinth:</strong> Die berühmte Bibliothek eines Cluniazenser-*<a href="#kloster">Klosters</a> in Norditalien war wie ein L. angelegt, um zu verhindern, dass wissenshungrige Mönche dort eigenmächtig nach seltenen Büchern forschen konnten. Dem Franziskanermönch William von Baskerville gelang es, das Geheimnis des L. zu entschlüsseln und in den geheimen Innenraum »Finis Africae« vorzudringen.</p>



<p><strong>Lachen:</strong> Mit einem Zauberpulver und einem Zauberwort verwandelten sich *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid und sein Großwesir in Störche. Da sie während der Verwandlung lachen mussten, vergaßen sie das Zauberwort und konnten sich nicht mehr zurück verwandeln.</p>



<p><strong>Laios:</strong> Das Orakel von Delphi prophezeite L., dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>L<a id="lehrer"></a>ehrer:</strong> L. als Hauptpersonen kommen vor bei &amp;<em> </em><em>Heinrich Mann: Professor Unrat. Roman, Deutschland 1905 (s. u.) – </em>&nbsp;&amp; <em>Ödön v. Horváth: Jugend ohne Gott. Roman, A 1937 (s.u.)</em> – &amp;<em> </em><em>Hermann Kant: Die Aula. Roman, DDR 1965 – </em>&nbsp;&amp;<em> </em><em>Alfred Wellm: Pause für Wanzka oder die Reise nach Descansar. Roman, DDR 1968 – </em>&amp;<em> Tschingis Aitmatow: Ein Tag länger als das Leben. Roman, UdSSR 1981 </em>(*<a href="#steppe">Steppe</a>).<em></em></p>



<p><strong>Lehrer (1905): </strong>Der alte L. Professor Raat wurde von den meisten Schülern, Ex-Schülern und sogar von Kollegen »Unrat« genannt, da er sich immer aufregte, wenn er dieses Wort hinter seinem Rücken rufen hörte. Professor Unrat war ein Tyrann und von Hass gegen seine Schüler und die ganze Hafenstadt erfüllt. Er sah es als seine Lebensaufgabe an, Schüler – vor allem die Sprösslinge angesehener und wohlhabender Familien – mit unlösbaren Klausur­aufgaben „hineinzulegen“, ihnen die Karriere zu erschweren und vor allem diejenigen zu „fassen“, die ihn Unrat genannt hatten. Eines Tages erwischte er den Schüler von Ertzum, der eindeutig in seine Richtung „Unrat“ gerufen hatte, und drohte ihm an, ihm die geplante Offizierslaufbahn zu verbauen. Ertzums Freund Lohmann ging, um diesen zu schützen, zum Gegenangriff über, lieferte bei der Deutsch­klausur, in der es um Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ ging, eine provozierend kurze, geistreiche und respektlose Antwort auf die hinterlistige Frage des Lehrers ab und beschwerte sich bei Raat direkt über den Geruch von Unrat. Raat beschloss, dass dieser intelligente, widerborstige und poetisch veranlagte Schüler der bei weitem schlimmste Aufrührer und Erzfeind und unter allen Umständen zu vernichten sei. Lohmann hatte mit der Klausur versehentlich drei Zeilen einer selbstgedichteten Hymne auf die „verruchte Künstlerin Rosa Fröhlich“ abgegeben, bei der er anscheinend verkehrte. Raat machte sich daran, diese Schauspielerin dingfest zu machen, um Lohmann zu vernichten. Er fand sie in einem Tingeltangel namens „Blauer Engel“. Doch bald erlag Raat selber dem Charme der Dame, vor allem ihrer zwanglosen Lebensart, und verliebte sich in sie. Rosa verkehrte unterdessen weiter gelegentlich mit den Schülern, und bei einer nächtlichen Eskapade dieser Art beschädigten drei von ihnen, darunter Lohmann und von Ertzum, ein Hünengrab. Sie wurden erwischt und vor Gericht gestellt. Raat hielt als Zeuge vor Gericht eine flammende Philippika gegen seine „verkommenen“ Schüler und gegen deren Familien, mit der er sich in der Stadt unmöglich machte, zumal sein eigener Umgang mit Rosa Fröhlich bekannt war. Auch diese hatte einen Auftritt vor Gericht, der das Publikum ebenso beeindruckte wie erheiterte. Raat wurde von seiner Schule entlassen und schloss sich Rosas Tingeltangelbetrieb an. Die beiden eröffneten mit geliehenem Geld ein Spielkasino, in dem Männer aus den besten Familien verkehrten und viel Geld verspielten – Unrats Rache. Rosa versuchte immer wieder, selber eine Liebe für ihr »Unratchen« zu entwickeln, nahm sogar Griechischstunden bei ihm, aber sein destruktives Tyrannentum stieß sie ab. Eines Tages tauchte Lohmann bei ihr auf, und sie flirtete mit ihm; der allerdings blieb auf Distanz. Raat erwischte die beiden, bekam endlich seinen Lohmann zu fassen und entriss ihm die Brieftasche. Als Räuber wurde Raat zusammen mit Rosa festgenommen, und endlich erscholl der „Unrat“-Ruf, der ihm folgte, mit vollem Recht. &amp; <em>Heinrich Mann: Professor Unrat. Roman, Deutschland 1905 (verfilmt unter dem Titel »Der blaue Engel« v. Josef von Sternberg, mit Emil Jannings und der jungen Marlene Dietrich in den Hauptrollen, Deutschland 1931)</em></p>



<p><strong>Lesen:</strong> Als Herr Sesemann wieder abgereist war, kam seine Mutter zu Besuch, Klaras Großmama. Die gewann *<a href="#heidi">Heidi</a> lieb und schaffte es, mit Hilfe von Bilderbüchern Heidis Widerstand gegen das Lesenlernen zu überwinden.</p>



<p><strong>Liebe: </strong>*Liebespaare gibt es unzählige in den Erzählungen. Zur L. in einem weiteren Sinne z.&nbsp;B.: <strong>1)</strong> Auf einem<strong> </strong>Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe, Lieder, in denen sich seine ganze Liebe zur Heimat, zur Erde und zu Dshamilja&nbsp; entfaltete. Dshamilja war erschüttert von der Kraft dieser Lieder und lehnte ihren Kopf weinend gegen Danijars Schulter. Sie war voller Glück über die gefundene Liebe und voller Unglück, weil diese Liebe nicht sein durfte. Zeuge der Szene war der halbwüchsige Junge Said, und Said beschloss, das Liebespaar auf dem Wagen in der nächtlichen Landschaft zu malen…</p>



<p><strong>Liebesnacht:</strong> Der britische Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger öster­reichischer Schüler, der Novize Adson von Melk, erreichten 1327 ein einsam in den Bergen gelegenes Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien. Adson begegnete eines Nachts einem Bauernmädchen aus dem Dorf, das gelegentlich auf geheimen Wegen ins Kloster kam, um beim Cellerar ihre weiblichen Reize gegen Nahrungsmittel einzutauschen; die beiden verbrachten eine rauschende L. miteinander.</p>



<p><strong>Lieder: </strong>Auf einem<strong> </strong>Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe, Lieder, in denen sich seine ganze Liebe zur Heimat, zur Erde und zu Dshamilja&nbsp; entfaltete. Dshamilja war erschüttert von der Kraft dieser Lieder und lehnte ihren Kopf weinend gegen Danijars Schulter…</p>



<p><strong>Lohmann,</strong> ein Schüler, der dem verhassten *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat, genannt Professor Unrat, die Stirn bot</p>



<p><strong>M<a id="mädchen"></a>ädchen:</strong> <strong>1)</strong> Bekannte Mädchenfiguren sind *Rotkäppchen (Grimms Märchen); Aschenputtel bei *Frau Holle (Grimms Märchen); Margarete bei *Faust (J. W. Goethe); Lisei, die Tochter des *Puppenspielers (Th. Storm); *<a href="#heidi">Heidi</a> (J. Spyri); das doppelte *Lottchen (E. Kästner); *Pippi Langstrumpf (A. Lindgren); Hatçe, die Geliebte des türkischen Bauernjungen *Memed (Y. Kemal); *Hanni und Nanni (E. Blyton); *<a href="#momo">Momo</a> (M. Ende); das Bauern-M. im *<a href="#kloster">Kloster</a> (U. Eco). Vgl. *<a href="#kinder">Kinder</a> – <strong>2) </strong>In einem kleinen Amphitheater am Rande einer großen Stadt in Südeuropa quartierte sich eines Tages ein vagabundierendes M. namens *<a href="#momo">Momo</a> ein. –</p>



<p><strong>Malen: </strong>Auf einem<strong> </strong>Pferdewagen<strong> </strong>saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe, Lieder, in denen sich seine ganze Liebe zur Heimat, zur Erde und zu Dshamilja&nbsp; entfaltete. Dshamilja war erschüttert von der Kraft dieser Lieder und lehnte ihren Kopf weinend gegen Danijars Schulter. Sie war voller Glück über die gefundene Liebe und voller Unglück, weil diese Liebe nicht sein durfte. Zeuge der Szene war der halbwüchsige Junge Said, und Said beschloss, das Liebespaar auf dem Wagen in der nächtlichen Landschaft zu malen…</p>



<p><strong>Manieren:</strong> Die Haushälterin des Hauses Sesemann in Frankfurt fühlte sich betrogen, weil die achtjährige *<a href="#heidi">Heidi</a> keine Ahnung von großbürgerlichen M. hatte.</p>



<p><strong>Meister&nbsp;Hora:</strong> Die Schildkröte Kassiopeia führte das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> sicher ins Nirgend-Haus zu M. H., wo sie ein köstliches Frühstück genoss. Aus diesem Haus kam, wie M. H. ihr sagte, die Zeit aller Menschen, und M. H. teilte jedem Menschen seine Zeit zu. Später wurde das Haus von den grauen Herren belagert, und M. H. musste den Strom der Zeit für eine Stunde abstellen.</p>



<p><strong>Mekka:</strong> Der in einen Storch verwandelte *<a href="#kalif">Kalif</a> und sein Großwesir machten sich auf den Weg nach Mekka, um dort vielleicht Rettung zu finden.</p>



<p><strong>Mitleid:</strong> In der Silvesternacht 1931/32 in *<a href="#berlin">Berlin</a> entschloss sich das Mädchen Doris, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen. Der Mann, ein schüchterner Intellektueller, der gerade von seiner Frau verlassen worden war, nahm sie aus M. mit nach Hause und wollte gar nicht mit ihr schlafen.</p>



<p><strong>M<a id="momo"></a>omo:</strong> Am Rande einer großen Stadt in Südeuropa gab es ein kleines antikes Amphitheater. Dort quartierte sich eines Tages ein vagabundierendes Mädchen namens Momo ein, das keine Familie hatte. Die Nachbarn freundeten sich mit ihr an, halfen ihr mit Möbeln und Essen und stellten bald fest, dass Momo eine ungewöhnliche Eigenschaft hatte: Sie konnte so gut zuhören, dass Kindern und Erwachsenen die besten Ideen kamen, dass Zögernde zu einem Entschluss kamen, Schüch­terne mutig wurden und Zer­strittene sich versöhnten. Momos engste Freunde waren der schweig­same, wunderliche Beppo Straßenkehrer und der quirlige, leichtfertige Gigi Fremdenführer. Gigi erzählte den wenigen Touristen, die dort hin kamen, gerne die phan­tastischsten Geschichten, und dank Momo fielen ihm immer bessere Geschichten ein. In der Stadt jedoch vollzog sich ein schrecklicher Wandel: Die Menschen wurden immer gehetzter und un­freundlicher. Dahinter steckten die grauen Herren, die sich als Agenten der „Zeit-Spar-Kasse“ ausgaben und die Menschen dazu überredeten, Zeit für die Zukunft zu sparen, indem sie alle angeblich überflüssigen, nutzlosen Tätigkeiten aufgaben. Einer davon sprach eines Tages Momo an und versuchte, auch sie zum Zeitsparen zu überreden, wobei er ständig eine Zigarre rauchte. Momo hörte ihm zu, und so kam es, dass er ihr das Geheimnis der grauen Herren verriet: In Wirklichkeit sparten sie die Zeit der Menschen nicht für diese auf, sondern stahlen sie und lebten davon. Momo erzählte ihr Erlebnis ihren Freunden und den Kindern. Die Kinder, die bereits gemerkt hatten, wie sehr sie von ihren Eltern vernachlässigt wurden, zogen in einem Demonstrationszug durch die Stadt, um die Erwachsenen zum Amphitheater einzuladen und dort über die Machenschaften der „Zeit-Spar-Kasse“ aufzuklären. Doch kein Erwachsener erschien zur Versammlung. Die Kinder und auch Beppo und Gigi ließen Momo allein. Spät in der Nacht tauchte die Schildkröte Kassiopeia bei Momo auf. Sie Sie konnte stets die nächste halbe Stunde voraussehen und sprach mit Momo, indem sie Wörter auf ihrem Panzer erscheinen ließ. Auf verschlungenen Wegen führte sie Momo quer durch die große Stadt. Beppo Straßenkehrer, der zu einer Nachtschicht auf die große Müllhalde der Stadt kommandiert worden war, wurde dort Zeuge einer Versammlung von grauen Herren: eine Gerichtsverhandlung, bei der der Agent, der Momo angesprochen hatte, wegen Hochverrats zum Entzug sämtlicher Zeit verurteilt wurde. Man entriss ihm seine Zigarre, und er löste sich in Rauch auf. Vorher allerdings hatte er die anderen vor Momo und ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit gewarnt. Die grauen Herren fuhren zum Amphitheater, fanden Momo nicht und starteten eine große Suchaktion. Kassiopeia führte Momo sicher ins Nirgend-Haus zu Meister Hora, wo sie ein köstliches Frühstück aus Semmeln, Butter, Honig und Trinkschokolade genoss. Aus diesem Haus kam, wie Meister Hora ihr sagte, die Zeit aller Menschen, und Meister Hora teilte jedem Menschen seine Zeit zu. Mit seiner Allsichtbrille konnte er alles sehen, was draußen vor sich ging. Er zeigte Momo die Stunden-Blumen in ihrem eigenen Herzen: Ihre Zeit nahm dort die Gestalt herrlicher Blumen an, die jeweils für eine Stunde aus einem dunklen Teich aufsteigen und wieder verblühen. Eine von oben kommende Säule aus klingendem Licht lässt die Stunden-Blumen entstehen. Im Klang dieses Lichts hörte Momo Gold, Silber und alle Metalle singen und sogar die Sonne, den Mond und die Sterne zu ihr sprechen. Da sie ihren Freunden erzählen und vorsingen wollte, was sie gehört hatte, ließ sie sich von Meister Hora in einen einjährigen Schlaf versetzen. Mit dem Gefühl, dass nur ein Tag vergangen sei, wachte sie in ihrem Amphitheater wieder auf und fand ihre Freunde nicht mehr wieder – nur Kassiopeia, die Schildkröte. Gigi Fremdenführer war plötzlich berühmt geworden, trug seine Geschichten im Fernsehen vor, und da ihm keine neuen mehr einfielen, erzählte er auch die, die er nur für Momo gedichtet hatte, und begann schließlich, alle Geschichten ein zweites Mal zu erzählen, wobei er alle Selbstachtung verlor. Beppo Straßenkehrer hatte der Polizei von Momos angeblicher Entführung durch die grauen Herren erzählt und wurde in ein Sanatorium gesteckt. Dort machte ihm ein grauer Herr eines Nachts das Angebot, er könne gegen 100.000 Stunden eingesparter Zeit Momo freikaufen. Man ließ ihn laufen, und er dachte nur noch ans Straßenkehren und Zeitsparen. Die Kinder wurden alle in Kinder-Depots gesteckt, wo man sie den ganzen Tag zu nützlichen Spielen anhielt. Momo erfuhr diese Dinge von Nino, dem Wirt, der inzwischen ein Schnellrestaurant führte. Nino saß an der Kasse, und um mit ihm sprechen zu können, musste sich Momo dreimal in die Schlange der Gäste stellen und wurde stets schon nach wenigen Sätzen von den Wartenden weitergeschoben. Momo ging zu Gigis Villa auf dem Grünen Hügel. Gigis Auto kam herausgefahren, es gab ein kurzes, trauriges Wiedersehen, Gigi nahm Momo auf der Fahrt zum Flugplatz mit, aber seine Sekretärinnen hinderten ihn daran, privat mit Momo zu sprechen. Weil alles so schnell gegangen war, hatte sie auch Kassiopeia verloren und war nun völlig allein. Auch den Weg zu Meister Hora fand sie nicht. Monate später umstellten sie die grauen Herren um Mitternacht auf einem großen, leeren Platz und boten ihr an, ihr alle Freunde zurückzugeben, wenn sie sie zu Meister Hora führen würde. Dort wollten sie sich die gesamte Zeit aller Menschen aneignen und nur Momo und ihre Freunde verschonen. Momo sagte ihnen, nur die Schildkröte Kassiopeia kenne den Weg. Als die Herren weg waren, tauchte Kassiopeia wieder auf und führte Momo zu Meister Hora. Leider zeigte sie dabei auch den grauen Herren, die den beiden insgeheim folgten, den Weg. Die grauen Herren belagerten das Nirgend-Haus. Ihre Zigarren bestanden, wie Meister Hora wusste, aus getrockneten Stunden-Blumen. In der Not entschloss er sich dazu, den Strom der Zeit anzuhalten. Die ganze Welt blieb stehen; nur die grauen Herren, Kassiopeia und Momo konnten sich noch bewegen – Momo hatte eine Stunden-Blume in der Hand. Sie hatte eine Stunde Zeit, um die grauen Herren zu besiegen und die von ihnen gestohlene und eingefrorene Zeit der Menschen zu befreien. Die grauen Herren zogen sich in ihre Zentrale zurück und Momo folgte ihnen. Unterwegs in der Stadt traf sie Beppo Straßenkehrer wieder: aber erstarrt. In ihrer unterirdischen Zentrale dezimierten sich die grauen Herren selbst bis auf sechs Mann, um die Notzeit länger überstehen zu können. Momo schlich sich an ihnen vorbei und schloss mit Hilfe ihrer Stunden-Blume die Tür zum Zeitspeicher, wo alle geraubten Stunden-Blumen in gefrorenem Zustand lagen. Auf der Jagd nach Momo und ihrer Stunden-Blume verloren die sechs Herren ihre Zigarren und lösten sich auf. Momo öffnete die Tür, die Stunden-Blumen tauten auf und kehrten wie ein warmer Frühlingswind zu ihren Menschen zurück. Alle Menschen hatten plötzlich ganz viel Zeit. Momo traf Beppo wieder, und beide gingen glücklich zum Amphitheater, wo Gigi und alle Freunde schon auf sie warteten. &amp; <em>Michael Ende: Momo. Roman, BRD 1973 (verfilmt v. Johannes Schaaf, BRD 1986)</em></p>



<p><strong>mondsüchtig:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> wurde in Frankfurt vom Heimweh immer unglücklicher, aß kaum noch etwas und wurde zuletzt mondsüchtig. Sie öffnete jede Nacht die Haustür von innen.</p>



<p><strong>Mordserie:</strong> <strong>1)</strong>&nbsp; Zur Zeit Ludwigs XIV. wurden in Paris Höflinge und reiche Edelleute, die beim Goldschmied Cardillac *<a href="#juwelen">Juwelen</a> gekauft haben, regelmäßig nachts des Schmuckes beraubt und ermordet. <strong>2)</strong> Anno 1327 wurden in einem Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen vergiftet. Die älteren Mönche deuteten die M. als Vorzeichen der Apokalypse, weil es in der Inszenie­rung der Leichen Parallelen zur Offenbarungdes Johannes gab.&nbsp; Dem Franziskanermönch William von Baskerville und seinem Schüler Adson von Melk gelang es, die M. aufzuklären. Die Tatwaffe war ein geheimnisvolles Buch, dessen Seiten vergiftet waren. <strong>3)</strong> Kurz nachdem der *<a href="#parfum">Parfumeur</a> Grenouille in Grasse eine Anstellung als Geselle gefunden hatte, begann in der Umgebung eine Serie von Mädchenmorden.</p>



<p><strong>Müllhalde:</strong> Beppo Straßenkehrer war zu einer Nachtschicht auf die große M. kommandiert worden. Dort wurde er Zeuge einer Gerichtsverhandlung der grauen Herren. Der Agent, der dem Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> das Geheimnis der grauen Herren verraten hatte, wurde verurteilt und löste sich in Rauch auf.</p>



<p><strong>Murke:</strong> Der berühmte Professor Bur-Malottke wollte einen seiner schwülstigen&nbsp; *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Vorträge überarbeiten lassen, weil darin das Wort »Gott« vorkam. Der Rundfunk­redakteur Dr. Murke bekam die unangenehme Aufgabe, das zu organisieren. <em>Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Satire v. Heinrich Böll, BRD 1955</em></p>



<p><strong>Mystiker:</strong> Anno 1327 hatten einige ehemalige Mystiker und Ketzer, darunter der berühmte Ubertin von Casale, in einem einsam gelegenen Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien Zuflucht gefunden. Dort entdeckte sie der britische Franziskanermönch William von Baskerville und später leider auch der päpstliche Großinquisitor Bernard Gui.</p>



<p><strong>Nazi:</strong> Ein berühmter Professor, ein zum katholischen Glauben konvertierter ehemaliger N., wollte seine *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Vorträge überarbeiten lassen, weil darin das Wort »Gott« vorkam.</p>



<p><strong>Novize:</strong> Der britische Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger öster­reichischer Schüler, der Novize Adson von Melk, erreichten 1327 ein einsam in den Bergen gelegenes Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien. William sollte dort ein Streitgespräch zwischen dem Franziskanergeneral Michael von Cesena und einer Delegation des Papstes vorbereiten.</p>



<p><strong>Obdachlosigkeit:</strong> In *<a href="#berlin">Berlin</a> brachte sich das Mädchen Doris illegal über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch beobachtete sie ihren eigenen Abstieg in die O. und an den Rand der Prostitution. In der Silvesternacht entschloss sie sich, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen.</p>



<p><strong>Ö<a></a>dipus<a id="oedipus"></a>:</strong> Das Orakel von Delphi prophezeite Laios, dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen Ödipus. So wuchs Ödipus in Korinth auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als ihm ein Orakel verkündete, dass er seinen Vater töten werde, verließ er aus Sorge um seinen vermeintlichen Vater Korinth und machte sich auf den Weg nach Theben. Unterwegs begegnete er an einer Wegekreuzung dem mit kleinem Gefolge reisenden Laios; dieser hielt Ödipus für einen Räuber und wollte ihn nicht durchlassen. Ödipus erschlug ihn und die meisten seiner Gefolgsleute, womit sich die erste Prophezeiung erfüllte. Ödipus gelang es, das Rätsel der Sphinx zu lösen und so Theben von der Sphinx zu befreien. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und bekam Iokaste, seine Mutter, zur Frau. Die zweite Prophezeiung erfüllte sich. Von ihrer Verwandtschaft nichts wissend, hatten die beiden vier Kinder miteinander. Als nach einigen glücklichen Jahren in Theben eine Seuche ausbrach, verkündete das Orakel von Delphi, der Mörder des Laios müsse gefunden werden. Ödipus untersuchte den Fall und fand heraus, dass er selbst der gesuchte Mörder war und seine eigene Mutter geheiratet hatte. Darauf erhängte sich Iokaste und Ödipus blendete sich. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Offenbarung:</strong> Anno 1327 wurden in einem Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen vergiftet. Die älteren Mönche deuteten die Mordserie als Vorzeichen der Apokalypse, weil es in der Inszenie­rung der Leichen Parallelen zur Offenbarungdes Johannes gab.&nbsp; Dem Franziskanermönch William von Baskerville und seinem Schüler Adson von Melk gelang es, die Mordserie aufzuklären. Die Tatwaffe war ein geheimnisvolles Buch, dessen Seiten vergiftet waren.</p>



<p><strong>Orakel: </strong>Das O. von Delphi prophezeite Laios, dem König von Theben, dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>P<a id="paris"></a>aris:</strong> <strong>1)</strong> Zur Zeit König Ludwigs XIV. beunruhigten mehrere Mordserien die Stadt Paris: Zuerst eine Reihe von Giftmorden; dann wurden regelmäßig Männer, die nachts unterwegs waren, um ihre Geliebte mit einem *<a href="#juwelen">Juwelen</a>-Geschenk zu überraschen, unterwegs überfallen, erstochen und ausgeraubt. –</p>



<p><strong>Paternoster:</strong> Ein Kölner *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Redakteur fuhr jeden Morgen mit dem P. zuerst bis ganz nach oben, genoss dort die Angst, wenn sich die Kabine quietschend in die Gegenrichtung schob, und fuhr dann wieder hinunter zu seinem Büro.</p>



<p><strong>Pelz: </strong>Das Mädchen Doris wurde Schauspielschülerin und schaffte es durch einen Trick, eine Konkurrentin einzusperren und einmalig deren kleine Rolle auf der Bühne zu übernehmen, wo sie ihr Talent zeigte. Als die Sache aufflog und sie zudem einer Dame einen Feh (Pelz) gestohlen hatte, floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Pfarrer:</strong> Eines Tages stieg der Pf. zu Alm-Öhi hinauf, sein früherer Nachbar, als dieser noch unten im Dörfli gewohnt hatte. Der Pf. versuchte, den Alm-Öhi zu überzeugen, dass er im kommenden Winter *<a href="#heidi">Heidi</a> zur Schule schicken und selber wieder ins Dörfli hinunterziehen solle.</p>



<p><strong>P<a id="pferd"></a>ferd:</strong> Der britische Franziskanermönch William von Baskerville und sein Schüler, der Novize Adson von Melk, erreichten 1327 ein einsam in den Bergen gelegenes Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien. Noch vor dem Klostertor lieferte William eine Kostprobe seines detektivischen Scharfsinnes ab: Eine Gruppe von Mönchen, angeführt vom Cellerar des Klosters, kam den beiden entgegen, offenbar auf der Suche nach etwas. William konnte ihnen sagen, wo das entlaufene Pferd war, das sie suchten, wie es aussah und wie es hieß, ohne das Pferd selbst gesehen zu haben. Alles erschloss sich ihm aus Spuren, die er am Wege gesehen hatte, und aus den wenigen Worten des Cellerars. &amp; <em>Umberto Eco: Der Name der Rose (Il nome della rosa). </em><em>Eröffnungsszene des Romans, Italien 1980 (dt. 1982 v. Burkhart Kroeber) – Verfilmt v. Jean-Jaques Annaud, BRD/Frankreich/Italien 1986</em></p>



<p><strong>Pferdewagen,</strong> *<a href="#wagen">Wagen</a></p>



<p><strong>Professor:</strong> <strong>1)</strong> <em>P. Unrat. Roman v. Heinrich Mann, Deutschland 1905 (*</em><a href="#lehrer"><em>Lehrer</em></a><em>) </em>&nbsp;<strong>… 3)</strong> Der berühmte P. Bur-Malottke, ein früherer Nazi, wollte einen seiner schwülstigen&nbsp; *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Vorträge überarbeiten lassen, weil darin das Wort »Gott« vorkam. Der Rundfunkredakteur Dr. Murke bekam die unangenehme Aufgabe, das zu organisieren.</p>



<p><a><strong>Prostitution:</strong> In *</a><a href="#berlin">Berlin</a> brachte sich das Mädchen Doris illegal über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch beobachtete sie ihren eigenen Abstieg in die Obdachlosigkeit und an den Rand der P. In der Silvesternacht entschloss sie sich, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen.</p>



<p><strong>Pulver:</strong> In einer Schublade des Krämers entdeckte *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid eine Dose mit einem geheimnisvollen schwarzen P. und ein Pergament mit einer fremdartigen Schrift. Er kaufte diese Dinge und ließ einen Gelehrten kommen, um die fremde Schrift zu entziffern. Durch Schnupfen des Pulvers konnte man sich in ein beliebiges Tier verwandeln.</p>



<p><strong>Raat, </strong>Professor, genannt Professor Unrat, war *<a href="#lehrer">Lehrer</a> in einem Gynmasium der Hafenstadt. Er führte einen Kleinkrieg gegen den Schüler Lohmann und verliebte sich in die Schauspielerin Rosa Fröhlich.</p>



<p><strong>Radio:</strong> *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a></p>



<p><strong>Rätsel: </strong>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> gelang es, das R. der Sphinx zu lösen und so Theben von der Sphinx zu befreien. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und bekam Iokaste, seine leibliche Mutter, zur Frau. Die Prophezeiung vom Inzest erfüllte sich. Von ihrer Verwandtschaft nichts wissend, hatten die beiden vier Kinder miteinander. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Raub:</strong> Zur Zeit König Ludwigs XIV. beunruhigten mehrere Mordserien die Stadt Paris: Zuerst eine Reihe von Giftmorden; dann wurden regelmäßig Männer, die nachts unterwegs waren, um ihre Geliebte mit einem *<a href="#juwelen">Juwelen</a>-Geschenk zu überraschen, unterwegs überfallen, erstochen und ausgeraubt.</p>



<p><strong>Rechtsanwalt: </strong>Das Mädchen Doris arbeitete in einer rheinischen Mittelstadt als Sekretärin bei einem R. und träumte davon, ein Glanz (Star) zu werden. Er entließ sie, als sie nicht mit ihm schlafen wollte. Später floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Rottenmeier:</strong> Das Haus Sesemann in Frankfurt, in das die achtjährige *<a href="#heidi">Heidi</a> gebracht wurde, wurde von einer schreckhaften Haushälterin, Fräulein R., geführt.</p>



<p><strong>Ruine:</strong> Auf dem Weg nach Mekka machten der in einen Storch verwandelte *<a href="#kalif">Kalif</a> und sein Großwesir in der Ruine eines alten Palastes Rast. Dort trafen sie eine weinende Eule, die ihre Sprache sprach und sich als verzaubert indische Prinzessin vorstellte.</p>



<p><strong>R<a id="rundfunk"></a>undfunk:</strong> Der Kölner Rundfunkredakteur Dr. Murke fuhr jeden Morgen mit dem Paternoster zuerst bis ganz nach oben, genoss dort die Angst, wenn sich die Kabine quietschend in die Gegenrichtung schob, und fuhr dann wieder hinunter zu seinem Büro. Eines Tages bekam er von seinem Chef den Auftrag, zwei anderthalbstündige Radiovorträge des berühmten Professors Bur-Marlottke über die Kunst zu überarbeiten. Bur-Marlottke war ein ehemaliger Nazi und nach dem Kriege heftig zum katholischen Glauben konvertiert. In den bereits aufgenommenen Vorträgen kam oft das Wort »Gott« vor. Jetzt aber hatte sich seine religiöse Einstellung wieder verändert, und er wollte nachträglich das Wort »Gott« durch die Formulierung »jenes höhere Wesen, das wir verehren« ersetzen. Murke war vom Abhören der unerträglich schwülstigen Vorträge so nervös geworden, dass er jedes Mal hysterisch zusammenzuckte, wenn er nur das Wort »Kunst« hörte. Er stellte fest, dass Bur-Marlottke das Wort »Gott« in verschiedenen grammatikalischen Fällen verwendet hatte, und beschloss, den unsympathischen Mann damit dezent zu quälen. Bur-Marlottke kam ins Tonstudio und musste nach den höflich vorgetragenen Anweisungen Murkes fünfzehn Mal ins Mikrofon sprechen: »jenes höhere Wesen, das wir verehren«; sieben Mal »jenes höheren Wesens, das wir verehren«; fünf Mal »jenem höheren Wesen, das wir verehren«; und einmal »Oh du höheres Wesen, das wir verehren«. Murke zog die Prozedur genüsslich in die Länge. Dennoch ging Bur-Malottke danach zum Intendanten und verlangte zu dessen stillem Entsetzen, dass alle Vorträge, die er seit 1945 gehalten hatte, entsprechend überarbeitet werden müssten. Unterdessen erlebte der Tontechniker eine Sternstunde: Ein Regisseur brachte ihm eine Hörspielszene, in der ein Atheist in eine hallende Kirche hineinruft: »Wer denkt noch an mich, wenn ich der Würmer Raub geworden bin?« Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen war Schweigen. Regisseur und Autor wollten das Schweigen jedoch am liebsten durch eine Stimme ersetzen, die ohne Hall »Gott« sagt. Damit konnte der Tontechniker dienen: Er hatte noch 27 Tonbandschnipsel, auf denen Bur-Malottke »Gott« sagte. Die herausgeschnittenen Schweige­sekunden bewahrte er für Dr. Murke auf, der einen Spleen hatte: Er sammelte Tonbandschnipsel, auf denen nur das Schweigen von Menschen zu „hören“ war und die man beim Schneiden von Rundfunkbeiträgen weggeschnitten hatte. Dieses „gesammelte Schweigen“ hörte er sich abends an, um sich von der geschwätzigen Hektik des Tagesgeschäfts zu erholen. &amp; <em>Heinrich Böll: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Satire, BRD 1955. Verfilmt v. Hess. Rundfunk (Rolf Hädrich) 1964.</em></p>



<p><strong>Schauspielerin:</strong> <strong>1) </strong>Der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat machte sich daran, eine Schauspielerin dingfest zu machen, für die sein Schüler Lohmann eine Hymne gedichtet hatte. Auf diese Weise wollte er Lohmann fertig machen. Er fand sie schließlich in einem Tingeltangel namens „Blauer Engel“. Doch bald erlag Raat selber dem Charme der Dame und verliebte sich in sie.</p>



<p><strong>Schauspielschülerin:</strong> Das Mädchen Doris wurde Sch. und schaffte es durch einen Trick, eine Konkurrentin einzusperren und einmalig deren kleine Rolle auf der Bühne zu übernehmen, wo sie ihr Talent zeigte. Als die Sache aufflog und sie zudem einer Dame einen Feh (Pelz) gestohlen hatte, floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>S<a id="schildkröte"></a>childkröte:</strong> Die Sch. Kassiopeia tauchte beim Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> auf und führte sie ins Nirgend-Haus zu Meister Hora, wo die Zeit aller Menschen herkam. Sie konnte stets die nächste halbe Stunde voraussehen und mit Momo sprechen, indem sie Wörter auf ihrem Panzer erscheinen ließ.</p>



<p><strong>Schillers&nbsp;Drama:</strong> Der Gymnasiast Lohmann ging, um seinen vom *<a href="#lehrer">Lehrer</a> angegriffenen Freund zu schützen, zum Gegenangriff über, lieferte bei der Deutschklausur, in der es um Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ ging, eine provozierend kurze, geistreiche und respektlose Antwort auf die hinterlistige Frage des Lehrers ab und beschwerte sich bei Professor Raat direkt über den Geruch von Unrat.</p>



<p><strong>Schlafwandeln:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> wurde in Frankfurt vom Heimweh immer unglücklicher, aß kaum noch etwas und wurde zuletzt mondsüchtig. Sie öffnete beim&nbsp; S. jede Nacht die Haustür von innen.</p>



<p><strong>Schnellrestaurant:</strong> Das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> erfuhr in Ninos Sch. vom Schicksal ihrer Freunde. Nino saß an der Kasse, und um mit ihm sprechen zu können, musste sich Momo dreimal in die Schlange der Gäste stellen und wurde stets schon nach wenigen Sätzen von den Wartenden weitergeschoben.</p>



<p><strong>Schüler:</strong> Der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat, genannt Unrat, war ein Tyrann und von Hass gegen seine Schüler und die ganze kleine Hafenstadt erfüllt. Er sah es als seine Lebensaufgabe an, Schüler – vor allem die Sprösslinge angesehener und wohlhabender Familien – mit unlösbaren Klausuraufgaben „hineinzulegen“, ihnen die Karriere zu erschweren und vor allem diejenigen zu „fassen“, die ihn Unrat genannt hatten.</p>



<p><strong>Schweigen:</strong> Ein *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a>-Redakteur sammelte Tonbandschnipsel, auf denen man nur das Sch. eines Menschen „hören“ konnte. &amp; <em>Doktor Murkes gesammeltes Sch. Satire v. Heinrich Böll, BRD 1955</em></p>



<p><strong>Sebastian:</strong> Der Diener S. in Frankfurt war *<a href="#heidi">Heidi</a> zugetan und amüsierte sich über ihre Einfälle.</p>



<p><strong>Sekretärin:</strong> Das Mädchen Doris arbeitete in einer rheinischen Mittelstadt als S. bei einem Rechtsanwalt und träumte davon, ein Glanz (Star) zu werden. Er entließ sie, als sie nicht mit ihm schlafen wollte. Später floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Sennhütte:</strong> Alm-Öhi, der Großvater von *<a href="#heidi">Heidi</a>, lebte in einer S. auf der Alm.</p>



<p><strong>Sesemann:</strong> Anderntags kam überraschend Dete zum Alm-Öhi und nahm die achtjährige *<a href="#heidi">Heidi</a> mit sich nach Frankfurt. Dete hatte in F. die reiche Familie Sesemann kennen gelernt. Klara, die zwölfjährige Tochter des Geschäftsmannes Sesemann, saß gelähmt im Rollstuhl und wünschte sich eine Spielgefährtin.</p>



<p><strong>Silvesternacht:</strong> In *<a href="#berlin">Berlin</a> brachte sich das Mädchen Doris illegal über die Runden, indem sie sich immer wieder von Männern einladen ließ. Selbstkritisch beobachtete sie ihren eigenen Abstieg in die Obdachlosigkeit und an den Rand der Prostitution. In der S. entschloss sie sich, ein einziges Mal Geld für die Nacht zu nehmen, um sich ein Startkapital zu schaffen.</p>



<p><strong>Singen: </strong>Auf einem<strong> </strong>Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe, Lieder, in denen sich seine ganze Liebe zur Heimat, zur Erde und zu Dshamilja&nbsp; entfaltete. Dshamilja war erschüttert von der Kraft dieser Lieder und lehnte ihren Kopf weinend gegen Danijars Schulter…</p>



<p><strong>Sondertribunal:</strong> Zur Zeit König Ludwigs XIV. beunruhigten mehrere Mordserien die Stadt Paris: Zuerst eine Reihe von Giftmorden; dann wurden regelmäßig Männer, die nachts unterwegs waren, um ihre Geliebte mit einem *<a href="#juwelen">Juwelen</a>-Geschenk zu überraschen, unterwegs überfallen, erstochen und ausgeraubt. Man vermutete eine Bande dahinter, und ein Sondertribunal, die Chambre ardente (Feurige Kammer), rief nach neuen Vollmachten.</p>



<p><strong>Sphinx: </strong>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> gelang es, das Rätsel der S. zu lösen und so Theben von der S. zu befreien. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und bekam Iokaste, seine leibliche Mutter, zur Frau. Die Prophezeiung vom Inzest erfüllte sich. Von ihrer Verwandtschaft nichts wissend, hatten die beiden vier Kinder miteinander. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Spielkasino: </strong>Der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat, genannt Unrat, wurde nach seinem peinlichen Auftritt vor Gericht aus dem Schuldienst entlassen und schloss sich dem Tingeltangelbetrieb der Schauspielerin Rosa Fröhlich an. Die beiden eröffneten mit geliehenem Geld ein Spielkasino, in dem Männer aus den besten Familien verkehrten und viel Geld verspielten: Unrats Rache an den gehobenen Familien der Hafenstadt.</p>



<p><strong>Sprache der Tiere:</strong> Von einem Krämer hatte der *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid ein Pulver erstanden, mit dessen Hilfe man sich in ein beliebiges Tier verwandeln und die Sprache der Tiere verstehen konnte.</p>



<p><strong>Stadt: </strong>Viele Geschichten spielen in einer Stadt. Hier eine Auswahl besonders geschichtenreicher Städte: *<a href="#berlin">Berlin</a>; *Hamburg; *<a href="#köln">Köln</a>; *London; *Moskau; *München; *New York; *<a href="#paris">Paris</a>; *Rom; *Seldwyla; *Sevilla; *Venedig; *Verona</p>



<p><strong>stehlen:</strong> Das Mädchen Doris wurde Schauspielschülerin und schaffte es durch einen Trick, eine Konkurrentin einzusperren und einmalig deren kleine Rolle auf der Bühne zu übernehmen, wo sie ihr Talent zeigte. Als die Sache aufflog und sie zudem einer Dame einen Feh (Pelz) gestohlen hatte, floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Storch: </strong><em>Die Geschichte vom&nbsp; *</em><a href="#kalif"><em>Kalif</em></a><em> Storch. Märchen v. Wilhelm Hauff, Deutschland 1825</em></p>



<p><strong>S<a id="storch"></a>törche:</strong> Mit einem Zauberpulver und einem Zauberwort verwandelten sich *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid und sein Großwesir in Störche. Da sie während der Verwandlung lachen mussten, vergaßen sie das Zauberwort und konnten sich nicht mehr zurück verwandeln.</p>



<p><strong>Straßenkehrer:</strong> Der schweigsame, wunderliche Beppo St. und der quirlige, leichtfertige Gigi Fremdenführer waren die beiden liebsten Freunde des Mädchens *<a href="#momo">Momo</a>.</p>



<p><strong>Stunden-Blumen:</strong> Meister Hora führte das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> in ihr eigenes Herz. Dort sah sie ihre eigene Zeit: Jede Stunde hatte die Gestalt einer wunderbaren Blume, die aus einem dunklen Teich aufstieg und schließlich verblühte und versank. Die grauen Herren stahlen den Menschen die St., froren sie ein, trockneten sie, verarbeiteten sie zu Zigarren und rauchten sie. Später konnte Momo, während die Zeit für eine Stunde still stand, mit Hilfe einer St. die grauen Herren besiegen und die gestohlenen St. befreien.</p>



<p><strong>Theater:</strong> <strong>1)</strong> Das Mädchen Doris wurde Schauspielschülerin und schaffte es durch einen Trick, eine Konkurrentin einzusperren und einmalig deren kleine Rolle auf der Bühne zu übernehmen, wo sie ihr Talent zeigte. Als die Sache aufflog und sie zudem einer Dame einen Feh (Pelz) gestohlen hatte, floh sie nach *<a href="#berlin">Berlin</a>.</p>



<p><strong>Theben:</strong> Das Orakel von Delphi prophezeite Laios, dem König von Th., dass sein Sohn ihn dereinst töten und seine Frau heiraten werde. Darauf ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und befahl einem Hirten, ihn im Gebirge auszusetzen. Doch der Hirte hatte Mitleid und übergab das verstoßene Kind dem Königspaar von Korinth. Das Paar adoptierte das Kind und nannte es nach seinen geschwollenen Füßen *<a href="#oedipus">Ödipus</a>. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Tier:</strong> Von einem Krämer hatte der *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid ein Pulver erstanden, mit dessen Hilfe man sich in ein beliebiges T. verwandeln und die Sprache der Tiere verstehen konnte.</p>



<p><strong>Tiere: </strong>T. kommen in vielen Geschichten vor, z. B.: *<a href="#drache">Drache</a>, *<a href="#frosch">Frosch</a>, *<a href="#esel">Esel</a>, *<a href="#eule">Eule</a>, *Hahn, *Hund, *Katze, *<a href="#nachtigall">Nachtigall</a>, *<a href="#pferd">Pferd</a>, *<a href="#schildkröte">Schildkröte</a>, *<a href="#storch">Storch</a></p>



<p><strong>Tingeltangel:</strong> Der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat machte sich daran, eine Schauspielerin dingfest zu machen, für die sein Schüler Lohmann eine Hymne gedichtet hatte. Auf diese Weise wollte er Lohmann fertig machen. Er fand sie schließlich in einem Tingeltangel namens „Blauer Engel“. Doch bald erlag Raat selber dem Charme der Dame und verliebte sich in sie.</p>



<p><strong>Tontechniker:</strong> *<a href="#rundfunk">Rundfunk</a></p>



<p><strong>Tyrann:</strong> <strong>1)</strong> <em>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> der Tyrann (Tragödie) – </em><strong>2) </strong>Der *<a href="#lehrer">Lehrer</a> Professor Raat, genannt Unrat, war ein Tyrann und von Hass gegen seine Schüler und die ganze kleine Hafenstadt erfüllt. Er sah es als seine Lebensaufgabe an, Schüler – vor allem die Sprösslinge angesehener und wohlhabender Familien – mit unlösbaren Klausuraufgaben „hineinzulegen“, ihnen die Karriere zu erschweren und vor allem diejenigen zu „fassen“, die ihn Unrat genannt hatten.</p>



<p><strong>Unrat, </strong>der Spitzname eines *<a href="#lehrer">Lehrer</a>s in &amp;<em> </em><em>Heinrich Mann: Professor Unrat. Roman, Deutschland 1905</em></p>



<p><strong>Vatermord: </strong>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> wuchs als Findelkind in Korinth auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als ihm ein Orakel verkündete, dass er seinen Vater töten werde, verließ er aus Sorge um seinen vermeintlichen Vater Korinth und machte sich auf den Weg nach Theben. Unterwegs begegnete er an einer Wegekreuzung dem mit kleinem Gefolge reisenden Laios, seinem leiblichen Vater; dieser hielt Ödipus für einen Räuber und wollte ihn nicht durchlassen. Ödipus erschlug ihn und die meisten seiner Gefolgsleute, womit sich die Prophezeiung vom V. erfüllte. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Vergessen:</strong> Mit einem Zauberpulver und einem Zauberwort verwandelten sich *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid und sein Großwesir in Störche. Da sie während der Verwandlung lachen mussten, vergaßen sie das Zauberwort und konnten sich nicht mehr zurück verwandeln.</p>



<p><strong>Vergiftung:</strong> Anno 1327 wurden in einem Cluniazenser-*<a href="#kloster">Kloster</a> in Norditalien mehrere Mönche unter mysteriösen Umständen vergiftet. Dem Franziskanermönch William von Baskerville und seinem Schüler Adson von Melk gelang es, die Mordserie aufzuklären. Die Tatwaffe war ein geheimnisvolles Buch, dessen Seiten vergiftet waren.</p>



<p><strong>V<a></a>erliebte</strong> oder <strong>Liebespaare</strong> kommen in etwa der Hälfte aller Romane, Erzählungen und Dramen vor. Hier ein Versuch, zwanzig berühmte Fälle der Weltliteratur zusammenzutragen: ¤ Siegfried und Kriemhild in Worms (*Nibelungen, 12. Jhdt.) ¤ Romeo und Julia in *Verona (W. Shakespeare, 1597) ¤ Faust und Margarete (J. W. Goethe, 1805) ¤ Quasimodo, der missgestaltete Glöckner von Notre-Dame, und die schöne Gauklerin Esmeralda (V. Hugo, 1831) ¤ Kapitän Dantès und die Katalanin Mercedes in Marseille, Opfer einer *Intrige (A. Dumas, 1845) ¤ Sali und Vrenchen auf dem *Acker, Kinder zweier verfeindeter Bauern (G. Keller, 1856) ¤ Der Junge Paul und Lisei, die Tochter von *Puppenspielern, die in die Stadt gekommen waren (Th. Storm, 1875) ¤ Gustav von Aschenbach und der schöne Jüngling in *Venedig (Th. Mann, 1912) ¤ Winston und Julia in der *Diktatur des Jahres 1984 (G. Orwell, 1948) ¤ *Memed und Hatçe in einem türkischen Dorf (Y. Kemal, 1955) ¤ Der Arzt Doktor Schiwago und Lara im russischen *Bürgerkrieg (B. Pasternak, 1957) ¤ Die Kirgisen Danijar und Dshamilja auf einem Pferde-*<a href="#wagen">Wagen</a> in der nächtlichen Steppe (T. Aitmatow, 1958) ¤ Der Novize Adson von Melk und das Bauernmädchen im *<a href="#kloster">Kloster</a> (U. Eco, 1980)</p>



<p><strong>verlorener Sohn:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> erzählte ihrem Großvater, dem Alm-Öhi, vom Beten, wie sie es von der Frankfurter Großmama gelernt hatte, und las ihm die Geschichte vom verlorenen Sohn vor. Ein Volltreffer…</p>



<p><strong>W<a id="wagen"></a>agen: </strong>Auf einem<strong> </strong>Pferdewagen<strong> </strong>saßen der junge Kirgise Danijar und die junge Kirgisin Dshamilja nebeneinander. Danijar sang mit kräftiger Stimme ein Lied nach dem anderen in die nächtliche Steppe, Lieder, in denen sich seine ganze Liebe zur Heimat, zur Erde und zu Dshamilja&nbsp; entfaltete. Dshamilja war erschüttert von der Kraft dieser Lieder und lehnte ihren Kopf weinend gegen Danijars Schulter. Sie war voller Glück über die gefundene Liebe und voller Unglück, weil diese Liebe nicht sein durfte. Zeuge der Szene war der halbwüchsige Junge Said, und Said beschloss, das Liebespaar auf dem Wagen in der nächtlichen Landschaft zu malen und in das Bild etwas von der Liebe zu legen, die er in Danijars Liedern hörte. Die drei hatten auf ihren Wagen *Kornsäcke zur Bahnstation gebracht und befanden sich auf dem Rückweg zu ihrem Aul, einem kirgisischen Dorf am Fluss Kurukeu. Danijar war als Waisenkind und verwundeter Soldat des Zweiten Weltkriegs erst kürzlich in das Heimatdorf seiner frühen Kindheit zurückgekehrt. Dshamilja war die Dshene Saids, die Verlobte von Saids älterem Bruder, der als Soldat im Krieg war und im Lazarett lag. Danijar war als Sonderling im Dorf unbeliebt, und Dshamilja hatte ihn zuvor häufig verspottet. [Schlüsselszene aus:] &amp; <em>Tschingis Aitmatow: Dshamilja. Erzählung, UdSSR 1958</em></p>



<p><strong>Waisenkind:</strong> Dete, ein gut 20jähriges Mädchen, stieg mit dem fünfjährigen Mädchen *<a href="#heidi">Heidi</a> von Mayenfeld hinauf zum Dörfli und von dort noch höher zum Alm-Öhi, der oben am Berg einsam in einer Sennhütte lebte. Heidi war ein W.</p>



<p><strong>Wegekreuzung: </strong>*<a href="#oedipus">Ödipus</a> wuchs als Findelkind in Korinth auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als ihm ein Orakel verkündete, dass er seinen Vater töten werde, verließ er aus Sorge um seinen vermeintlichen Vater Korinth und machte sich auf den Weg nach Theben. Unterwegs begegnete er an einer W. dem mit kleinem Gefolge reisenden Laios, seinem leiblichen Vater; dieser hielt Ödipus für einen Räuber und wollte ihn nicht durchlassen. Ödipus erschlug ihn und die meisten seiner Gefolgsleute, womit sich die Prophezeiung vom Vatermord erfüllte. &amp;<em> </em><em>Sophokles: Ödipus der Tyrann. Tragödie, Griechenland um 350 v. Chr.</em></p>



<p><strong>Weißbrot:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> brachte der blinden Großmutter des Geißenpeter W. aus Frankfurt mit, weil die Alte das billige Schwarzbrot so schlecht vertrug.</p>



<p><strong>Zauberer:</strong> <strong>1) </strong>Der in einen Storch verwandelte *<a href="#kalif">Kalif</a> musste mit ansehen, wie Mizra, der Sohn des Z. Kaschnur, zum neuen Herrscher von Bagdad ausgerufen wurde. –</p>



<p><strong>Zauberwort:</strong> Mit einem Zauberpulver und einem Z. verwandelten sich *<a href="#kalif">Kalif</a> Chasid und sein Großwesir in Störche. Da sie während der Verwandlung lachen mussten, vergaßen sie das Z. und konnten sich nicht mehr zurück verwandeln.</p>



<p><strong>Zeit:</strong> Die Menschen wurden immer gehetzter und un­freundlicher. Dahinter steckten die grauen Herren, die sich als Agenten der „Zeit-Spar-Kasse“ ausgaben und die Menschen dazu überredeten, Zeit für die Zukunft zu sparen. In Wirklichkeit stahlen sie diese Zeit und lebten davon, indem sie die Stunden-Blumen einfroren, trockneten und als Zigarren rauchten. Das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> konnte sie am Ende besiegen und die gestohlene Zeit befreien.</p>



<p><strong>Zeit-Spar-Kasse:</strong> *Zeit; *<a href="#momo">Momo</a></p>



<p><strong>Ziegen (Geißen): </strong>Unterwegs trafen sie den Geißenpeter, der seine Geißenschar den Berg hinauf zur Alm hochtrieb. *<a href="#heidi">Heidi</a> folgte ihm auf eine Wiese und zog rasch ihre vielen Kleider, Röcke und Schuhe aus, um den Ziegen nachspringen zu können… Anderntags stieg sie mit dem Geißenpeter hoch auf die Alm und half ihm, die Geißen (Z.) zu hüten, lernte auch schnell alle ihre Namen. Am liebsten hatte sie Schwänli und Bärli, die beiden Geißen des Großvaters.</p>



<p><strong>Ziegenmilch:</strong> *<a href="#heidi">Heidi</a> genoss die frische Z. bei ihrem Großvater, dem Alm-Öhi.</p>



<p><strong>zuhören:</strong> Das Mädchen *<a href="#momo">Momo</a> konnte so gut z., dass den Leuten dabei die besten Ideen kamen, dass Zögernde zu einem Entschluss kamen, Schüch­terne mutig wurden und Zer­strittene sich versöhnten.</p>
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