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	<title>Frieden &#8211; Jens Jürgen Korff</title>
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	<description>Historiker, Texter, Autor, Wanderer</description>
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	<title>Frieden &#8211; Jens Jürgen Korff</title>
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		<title>Das Liebesgebot</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Nov 2025 12:45:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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					<description><![CDATA[Nächstenliebe und Feindesliebe von Salomo bis Hüther. Kapitel I meines Buchprojekts &#8222;Hilfe – Eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung&#8220; (Auszüge). Die biblische Legende vom weisen König Salomo und der Mutterliebe geht so: Zwei junge Frauen kamen einst zum König, weil sie um ein Kind stritten. Beide behaupteten, die wahre Mutter des Kindes zu sein. Salomo ließ sich &#8230; <a href="https://jejko.de/das-liebesgebot/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Das Liebesgebot“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Nächstenliebe und Feindesliebe von Salomo bis Hüther.</strong> Kapitel I meines Buchprojekts &#8222;<a href="https://jejko.de/der-hilfsbereite-mensch/" data-type="post" data-id="890">Hilfe – Eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung</a>&#8220; (Auszüge).</p>



<p>Die biblische Legende vom weisen König <strong>Salomo</strong> und der Mutterliebe geht so: Zwei junge Frauen kamen einst zum König, weil sie um ein Kind stritten. Beide behaupteten, die wahre Mutter des Kindes zu sein. Salomo ließ sich ein Schwert bringen und urteilte, das Kind solle geteilt werden. Da rief die eine: „Lasst das Kind leben, gebt es der anderen!“ Die andere rief: „Teilt das Kind, es soll keiner gehören.“ Salomo erkannte, dass die erste die wahre Mutter war, und sprach ihr das Kind zu.</p>



<p class="has-small-font-size">Bild: Vincent van Gogh: Der gute Samariter</p>



<span id="more-1715"></span>



<p>Die Legende gehört aus drei Gründen hierher:</p>



<p>Die Mutterliebe galt Salomo wahrscheinlich als Mutter der Nächstenliebe. Dass die Mutter den Schmerz und die Todesangst ihres bedrohten Kindes mitempfindet und dann sogar über ihren Stolz, ihre Eitelkeit, ihren Besitz­anspruch stellt, zeigt ihren Sinn für die Heiligkeit des Lebens und, wie man im 21. Jahrhundert sagt, ihre Fähigkeit zum Perspektiv­­wechsel. Diese ist nach heutiger Auffassung zugleich Voraus­setzung für Empathie und Nächstenliebe. Unter Nächstenliebe sei hier eine starke positive Bindung von Menschen an die Menschen in ihrer Nähe verstanden. Eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, gerne beieinander zu sein und anderen Menschen nicht aus dem Wege zu gehen. Zuweilen auch dazu, eigene Interessen hintenanzustellen und uns zuerst darum zu kümmern, dass es der geliebten Person gut geht… Mutterliebe und Nächstenliebe? Der Psychologe Erich Fromm betonte den Unterschied, dass sich Mutterliebe auf ein ungleiches Verhältnis bezieht, während Nächstenliebe die Liebe unter Gleichen sei.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p>



<p>Bei König Salomo geht der Perspektivwechsel noch eine Stufe weiter: Er versetzt sich in den zu erwartenden Perspektivwechsel der echten Mutter. Er betritt eine Metaebene des Geistes, er denkt über das Denken und fühlt mit dem Fühlen. Das ist Philosophie, ein schönes Beispiel für eine Theory of Mind (Theorie des Geistes) und deshalb zurecht ein Musterbeispiel für Weisheit. Die Weisheit kam als Liebe und als List in die Welt: als Wunsch, dass es einem anderen Wesen gut gehen möge; und als Trick, andere ans Lernen zu bringen.</p>



<p>Der dritte Grund ist: Schon in frühesten Berichten tritt die Tugend der Liebe in Widerstreit mit anderen Tugenden – hier mit der Gerechtig­keit. Denn Salomo hat das drohende Schwert der Gerechtigkeit gegen die Liebe der echten Mutter in Stellung gebracht, um sie zu prüfen, und die Mutter hätte in ihrer Liebe zum Kind die Ungerechtigkeit hingenommen, dass das Kind in der Obhut der falschen Mutter bleibt und überlebt. Der Dichter <strong>Erich Fried</strong> widmete 1983 sein berühmtes Gedicht »Was es ist« dem kämpferischen Charakter der Liebe, die hier als die Kraft auftritt, die zwischen Liebenden herrscht:</p>



<p><em>Es ist Unsinn / sagt die Vernunft / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<p><em>Es ist Unglück / sagt die Berechnung / Es ist nichts als Schmerz / sagt die Angst / Es ist aussichtslos / sagt die Einsicht / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<p><em>Es ist lächerlich / sagt der Stolz / Es ist leichtsinnig / sagt die Vorsicht / Es ist unmöglich / sagt die Erfahrung / Es ist was es ist / sagt die Liebe</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Gott ist die Liebe</h3>



<p>Der jüdische Prediger und Religionsstifter <strong>Jesus von Nazaret</strong> gilt in der christlich geprägten Kultur als Verkörperung der Nächstenliebe. Wenn wir ihn hier kulturhistorisch betrachten, haben wir ein Problem: Die Figur des Jesus Christus ist so stark religiös überwölbt,<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> dass es schwierig ist, sie als historische Figur zu fassen. (…)</p>



<p>Seine Botschaft war (den Evangelien zufolge):<br><em>Das Reich Gottes ist da! Vertraut auf die frohe Botschaft!</em> (Markus 1,15)</p>



<p>Jesus war also kein Apokalyptiker. Die neue Welt begann, ohne dass die alte erst hätte mit großem Getöse untergehen müssen. Die beiden Welten tolerieren einander, und es ist die jetzt vorhandene Welt, es sind die jetzt vorhandenen Menschen, in denen das Potenzial einer positiven Entwicklung im Sinne des „Reiches Gottes“ steckt.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Das Reich Gottes war da, wie Meinrad Limbeck betont, als Jesus noch lebte. Er musste also nicht erst den Kreuzestod erleiden, um die Menschheit erlösen zu können. Durch „kostenloses Heilen und gemein­sames Essen“ ließ die sich um Jesus versammelnde Gemeinschaft Gottes­herrschaft unmittelbar erlebbar werden. Hierarchi­sche Wert­maßstäbe und Gesellschafts­strukturen griff Jesus an und entkräftete sie, sagt John Dominic Crossan. Auch dadurch, dass er in „subversiver Weise“ Kranke, Zöllner, Huren und andere Abweichler von religiösen und gesellschaftlichen Normen bevorzugte; so Martin Karrer.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a></p>



<p>Wenn Jesus überNächstenliebe sprach, berief er sich teilweise auf die jüdische Tora, teilweise ging er darüber hinaus. Im Alten Testament (der Tora), 3. Buch Mose 19, 18 diktiert Gott den Juden:</p>



<p><em>An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.</em></p>



<p>Als ein Schriftgelehrter in Jerusalem Jesus nach dem ersten und wichtigsten Gebot fragte, das ein Gläubiger befolgen solle, antwortete Jesus (nach Markus 12, 29 ff):</p>



<p><em>Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.</em></p>



<p>Jesus verknüpfte hier das Gebot der Nächstenliebe mit dem Gebot, den einzigen Gott zu lieben, nach dem 5. Buch Mose 6, 5. Der Schrift­gelehrte war beeindruckt und stimmte Jesus zu. Hier bewegte Jesus sich im Rahmen des unter Juden gepflegten religiösen Disputs. (…)</p>



<p>Doch viele Worte Jesu forderten eine neue und überraschende Art von Huma­nität. Der Evangelist Matthäus hat typische Sprüche dieser Art in der so genannten Bergpredigt zusammengestellt (Matthäus 5–7). Dabei ging Jesus deutlich über traditionelle Vorstellungen von Gerechtigkeit hinaus. Ähnlich wie schon Salomo spielte er die Nächstenliebe gegen überlieferte Rituale und gegen das Gerechtig­keitsgefühl aus:</p>



<p><em>Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas wider dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen, gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komme und opfere deine Gabe.</em> (Matthäus 5,23)</p>



<p>Dieser Spruch richtete sich gegen die übermäßige Betonung religiöser Symbole: Das Opfer­symbol, der Akt gegenüber Gott, kann die Aussöhnung, den Akt gegen­über dem Mitmenschen, nicht ersetzen. Dabei überging Jesus die Frage, wer an dem Zwist der Brüder schuld war. Versöhnung ist wichtiger als Gottesdienst, wichtiger als Recht haben und Recht behalten. Also auch wichtiger als das Gesetz.<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a></p>



<p><em>Ihr habt gehört, das gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht dem Bösen nicht. Vielmehr, schlägt dich einer auf die rechte Backe, so halte ihm auch die andere hin. Wer mit dir rechten und dir den Mantel nehmen will, dem überlass auch den Rock&#8230;</em> (Matthäus 5,38-42)</p>



<p>Dieser Satz ist eine Zumutung, die dem Gerechtigkeitsgefühl der meisten Menschen diametral widerspricht. Jesus wandte sich darin ausdrücklich gegen das ehrwürdige Talions­gesetz, nach dem ein Übeltäter das gleiche Übel erleiden sollte, das er einem anderen angetan hatte. Das war kein besonderes Gesetz des »rachsüchtigen Gottes der Juden«, wie später die Antisemiten behaupteten, sondern im Gegenteil ein alter Grundsatz des Strafrechts vieler Kulturen, der gerade dem Ziel diente, Rache­exzesse zu verhindern. Er findet sich im Alten Testament, im Kodex Hammurabi, im altrömi­schen Zwölftafel­gesetz und auch im germani­schen Recht. Ernst Lohmeyer schrieb dazu: „Eindring­lich ist damit und knapp das alte Gesetz der talio ausge­sprochen, das von Babylon bis nach Rom … bezeugt und gültig ist. Es verbürgt dem Geschlagenen oder Ver­wundeten den Schutz des Rechtes, es beseitigt damit die private Rache für irgend­welche Vergehen und ist damit ein unver­äußerlicher Grundsatz des geselligen Lebens in einem Staatswesen gewor­den.“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> Gertrude Sartory kommentiert die Änderung, die Jesus vornahm: „Als neue Grundlage für ein Staatswesen ließen sich solche Weisungen Jesu freilich nicht verwenden; eher lassen sie in ein Utopia ausschauen, in dem der Staat überflüssig geworden ist.“ (…)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Frieden als Naturrecht</h3>



<p>Die österreichische Schriftstellerin <strong>Bertha von Suttner</strong> (1843–1914) wurde 1889 mit dem Roman »Die Waffen nieder!« weltberühmt. 1905 bekam sie dafür als erste Frau den Friedensnobelpreis. Der Roman erzählt in Ich-Perspektive die Geschichte der Gräfin Althaus, die 1859 im Sardisch-Österreichischen Krieg ihren ersten Mann verliert, in einer Cholera-Epidemie nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 ihre Geschwister und bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 auch noch ihren zweiten Mann, der als Pazifist und vermeintlicher preußischer Agent in Paris erschossen wird. Ihr Sohn trägt ihr pazifistisches Engagement fort.<a href="#_ftn7" id="_ftnref7">[7]</a></p>



<p>In dem Roman entwickelte Suttner ein neues Argument für den Frieden und gegen den Kriegswahn: Frieden sei der naturrechtlich verbürgte Normalzustand der Menschheit, Krieg dagegen die Folge eines episodisch auftretenden menschlichen, vor allem männlichen „Irrwahns“. Das Recht auf Frieden sei also menschen- und völkerrechtlich einforderbar. Zur Begründung zog Suttner Charles Darwins Erkenntnisse über die Evolution der Arten und des Menschen heran. Aus der Evolution folge, so Suttner, eine stete Höherentwicklung der Menschheit durch Selektion der „Edel­sten“.<a href="#_ftn8" id="_ftnref8">[8]</a> Das ist bemerkenswert, denn die meisten damaligen »Sozialdarwi­nisten«, darunter der Philosoph Friedrich Nietzsche, zogen entgegengesetzte Schlüsse aus Darwins Vorlage: Sie vermuteten, dass die natürliche Evolution die jeweils rücksichtslosesten, gewalttätigsten und herrsch­süchtigsten Menschen bzw. Männer begünstigte – und zum Teil, dass Herrscher oder herrschende Eliten die Pflicht hätten, das Böse im Menschen unter ihre Kontrolle zu bringen. (…)</p>



<p>Der britische Biologe und Autor <strong>Thomas Henry Huxley </strong>(1825–1895), ein Freund Darwins, führte 1893 in einem Vortrag über „Evolution und Ethik“ in Oxford aus, die Natur sei nicht gut, sondern grausam, tückisch und moralisch völlig gleichgültig. Ethik könne also nicht aus der Natur des Menschen abgeleitet werden. Moral sei vielmehr das von Menschen – genauer: von Herrschern – erfundene Schwert, um den Drachen unserer tierischen Herkunft zu töten.<a href="#_ftn9" id="_ftnref9">[9]</a></p>



<p>Bertha von Suttner erkannte jedoch, dass menschliche Zivilisationen, in denen viele Menschen auf engem Raum friedlich zusammenleben, nie hätten entstehen können, wenn sich seit Jahrtausenden stets die destruktivsten Menschen durchgesetzt hätten. Außerdem widersprach es ihrer Lebens­erfahrung, dass ausgerechnet die Männer mit dem höchsten Risiko, in jungen Jahren gewaltsam zu Tode zu kommen, die meisten Nachkommen haben sollten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Affenliebe</h3>



<p>Der Mensch stammt von Affen ab, sagte Darwin. Affen sind uns näher, als wir vorher dachten. Was folgt daraus? Die Antwort hing und hängt davon ab, ob wir unsere äffischen Vorfahren lieben oder nicht. Ob wir das suchen, was wir mit ihnen gemeinsam haben, oder das, was uns trennt. Wer das Gemeinsame suchte wie Bertha von Suttner, die sich später auch vehement gegen Tierversuche einsetzte, sah die Wurzeln unserer Ethik bei den Affen und ethische Werte wie Frieden als Naturerbe und Naturrecht. Wer das Trennende suchte wie wie Papst Innozenz III.,<a href="#_ftn10" id="_ftnref10">[10]</a> Huxley oder Nietzsche, der sah im tierischen Erbe der Menschen die Quelle des Bösen. Diese Haltung wird immer noch vertreten in Form der These, unter dem „dünnen Firniss der Zivilisation“ lauere der „barbarische Kern“ des Menschen, die „blutdürstige Bestie“ – wahlweise gefürchtet oder verehrt.<a href="#_ftn11" id="_ftnref11">[11]</a></p>



<p>Der niederländische Verhaltensforscher <strong>Frans de&nbsp;Waal</strong> (1948–2024) und seine britische Kollegin <strong>Jane Goodall</strong> (1934–2025) suchten wie Suttner nach dem Gemeinsamen. De Waal schloss aus seinen Beobachtungen, zuerst an Schimpansen im Zoo von Arnhem, später an Orang-Utans, Bonobos und Gorillas, dass Empathie und Altruismus und damit die Grundlage von Moral und Kultur auch in den engen sozialen Verbänden der Primaten praktiziert werden. Ja, Affen können „tricksen, lügen und einander betrügen“, aber sie helfen einander oft und sind gut zu ihren Mitaffen – offenbar deshalb, weil so soziale Gemeinschaften entstehen, die allen Beteiligten nutzen. Und auch das Lügen und Betrügen erfordert Empathiefähigkeit, Ansätze einer Theory of Mind, wie wir sie bei Salomo kennen gelernt haben. Bei den Menschen gibt es die alten Rechtsprinzipien „Do ut des“ („Ich gebe, damit du gibst“) und „quid pro quo“ („Dies für das“) – also die Erwägung: Wenn ich jetzt dem Menschen helfe, der in Not ist, dann wird auch mir später wahrscheinlich geholfen, sollte ich in Not geraten. Erfunden haben wir diese Grundlagen unserer Kultur offenbar nicht. Erfunden haben sie die Menschenaffen und vielleicht noch andere Tiere.</p>



<p>Die Bonobos sind wegen ihres lockeren Umgangs mit Sex als »Hippie-Affen« berühmt geworden. Sie haben eine Stellung beim Sex erfunden, bei der sie einander anschauen können – eine Stellung, die auch von vielen Menschen bevorzugt wird. De Waal schlägt vor, sie Bonobostellung zu nennen und den früher üblichen Ausdruck dafür zu vergessen. In dieser Position sehen wir, genau wie die Bonobos, die Freude, die wir der körperlich geliebten Person bereiten, in deren Gesicht, und steigern unsere eigene Freude durch Mitfreude. Die Kölner nennen das »Spass an d‘r Freud«, und viele genießen sie auch am Aschermittwoch und später. Ich deute das Phänomen hier als eine glückliche Verbindung von körperlicher Liebe und Nächstenliebe. (…)</p>



<p class="has-text-align-center">***</p>



<p>Nächstenliebe habe ich hier definiert als&nbsp; eine starke positive Bindung von Menschen an die Menschen in ihrer Nähe; eine Kraft, die uns Menschen dazu bringt, gerne beieinander zu sein und anderen Menschen nicht aus dem Wege zu gehen. Zuweilen auch dazu, eigene Interessen hintenan­zustellen und sich zuerst darum zu kümmern, dass es der geliebten Person gut geht. In diesem Sinn bildet Nächstenliebe wohl die Philosophie zahlreicher dienstleistenden Berufe – in Gesundheitswesen, Pflege und Körperpflege, im Bildungswesen, in der Beratung und Rechtsberatung, in der Gastronomie. Tatsächlich? Liebt denn ein Arzt seinen Patienten, eine Rechtsanwältin ihre Klientin, eine Modeverkäuferin ihre Kundin? Das erscheint auf den ersten Blick übertrieben. Geht es da nicht zuerst um Routinen des Geldverdienens? Und doch gelten Freundlichkeit und Aufmerksamkeit als beste Praxis in allen Berufen, in denen direkt mit Kundinnen und Kunden, Patientinnen und Klienten gearbeitet wird. Man kann diese Umgangsformen erlernen und professionell vorspielen. Aber wahrscheinlich haben Dienstleister mehr Erfolg, wenn sie den Wunsch, der Kundin oder dem Patienten in einer bestimmten Situation zu helfen, ihr oder ihm etwas Gutes zu tun, zumindest minutenweise zum eigenen Hauptwunsch machen; wenn sie Freude daran haben, einen anderen Menschen zu bedienen und so zu erfreuen. Das ist praktizierte Nächstenliebe. Und die Tür, die uns dort hinführt, ist, so so haben es die meisten Experten beschrieben, die Empathie: unsere Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; E. Fromm: Die Kunst des Liebens (1956). Nach de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kunst_des_Liebens">Die Kunst des Liebens </a>(Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Zur Frage, wie Jesus Mensch und Gott zugleich sein konnte, u.a. Joachim Negel: Ein Mensch schlechthin. Publik-Forum 14/2021, S. 35</p>



<p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Meinrad Limbeck: Abschied vom Opfertod. Das Christentum neu denken. Ostfildern 2012/2018, S. 114</p>



<p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; John Dominic Crossan: Der historische Jesus. München 1994, S. 554. Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Göttingen 1998, S. 266. Beide nach Wikipedia.de: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_von_Nazaret">Jesus von Nazaret</a> (Stand Dezember 2020)</p>



<p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; G. Sartory: Jesus von Nazareth. In: Die Großen, Bd. II, Zürich 1977, S. 241</p>



<p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; E. Lohmeyer: Das Evangelium nach Matthäus. Göttingen 1962, S. 136f. Nach G. Sartory, S. 242</p>



<p><a href="#_ftnref7" id="_ftn7">[7]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Waffen_nieder!">Die Waffen nieder!</a> (Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref8" id="_ftn8">[8]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; de.wikipedia.org: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_von_Suttner">Bertha von Suttner</a> (Stand Oktober 2025)</p>



<p><a href="#_ftnref9" id="_ftn9">[9]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. München 2007, S. 134f</p>



<p><a href="#_ftnref10" id="_ftn10">[10]</a> &nbsp;&nbsp; Der schrieb 1195: „Geschaffen ist der Mensch aus Staub, aus Lehm, aus Asche, und was nichtswürdiger ist: aus ekelerregendem Samen. Empfangen ist er in der Geilheit des Fleisches, in der Glut der Wollust, und was noch niedriger ist: im Sumpf der Sünde.“ (In: Über das Elend des menschlichen Daseins). Zitiert nach „Der Priester auf der Bettkante“. <a href="https://www.beobachter.ch/gesellschaft/r-wie-religion-der-priester-auf-der-bettkante">Beobachter.ch 4.1.2016</a></p>



<p><a href="#_ftnref11" id="_ftn11">[11]</a> &nbsp;&nbsp; Letzteres bei Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen…“ Jenseits von Gut und Böse, 1. Abhandlung, 11.</p>
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		<title>Erinnerung an die Bardin und Kämpferin Fasia Jansen in Oberhausen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jun 2025 20:37:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Am 3. Juni 2025 wurde in Oberhausen der erste FrauenOrt der Stadt feierlich eröffnet – gewidmet der Musikerin, Aktivistin und Antifaschistin Fasia Jansen. Die feierliche Enthüllung der Gedenktafel fand an der Kulturfabrik K14 statt, wo sie vor Jahrzehnten selber wirkte und wo ab sofort eine Infotafel an das Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Frau erinnert. &#8230; <a href="https://jejko.de/erinnerung-an-die-bardin-und-kaempferin-fasia-jansen-in-oberhausen/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Erinnerung an die Bardin und Kämpferin Fasia Jansen in Oberhausen“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p>Am 3. Juni 2025 wurde in Oberhausen der erste FrauenOrt der Stadt feierlich eröffnet – gewidmet der Musikerin, Aktivistin und Antifaschistin Fasia Jansen. Die feierliche Enthüllung der Gedenktafel fand an der Kulturfabrik K14 statt, wo sie vor Jahrzehnten selber wirkte und wo ab sofort eine Infotafel an das Leben und Wirken dieser außergewöhnlichen Frau erinnert. Auf dem Foto zeigen sich von links: Dr. Sabine Meder, Kerstin Thust, Tamara Hengstermann, Martina Franzke, Claudia Butta, Monika Willimzig.</p>



<span id="more-1548"></span>



<p>Fasia Jansen wurde als Schwarze Deutsche in Hamburg geboren und war als Jugendliche Opfer des Naziegimes, wurde zwangsweise medizinisch behandelt und zur Arbeit in einer Außenlagerküche des KZ Neuengamme verpflichtet. Sie überlebte nur knapp – doch eine Anerkennung als Verfolgte des Naziregimes blieb ihr in der BRD zeitlebens verwehrt. Dennoch entwickelte Fasia Jansen eine beeindruckende künstlerische und politische Kraft. Sie begann, Lieder des Widerstands zu schreiben – zunächst für die Ostermärsche der Friedensbewegung. Bekannt wurde das mitreißende Lied »Verbrannte Erde«: <em>„Feuer! Vorsicht, man legt Feuer! / Ein Atomminengürtel wird geplant. / Geht auf die Straße und ruft alle: Feuer! / Feuer! Unsre Erde wird verbrannt!“</em></p>



<p>Sie wurde bundesweit bekannt für ihre Auftritte bei Streiks, Demonstrationen und politischen Aktionen. Ihr Engagement galt dem Frieden, der Menschenwürde, der Gleichstellung und dem Kampf gegen Faschismus. Der Musiker Michael Zachcial ließ mit Stimme und Ukulele ihre Skiffle-Version des Bob-Dylan-Songs „Blowin‘ in the wind“ erklingen und ihre deutsche Umdichtung von Pete Seegers Kampflied „We Shall Not Be Moved“: „Keiner, ja, keiner schiebt uns weg! / So wie ein Baum beständig steht am Wasser: / Keiner schiebt uns weg!“ Später auf der Straße intonierten die anwesenden »Omas gegen Rechts« die aktuelle Umdichtung: „Keiner, ja, keiner wählt hier rechts!“ Fasias widerständiger Geist lebt.</p>



<p>Für ihr Wirken wurde sie 1991 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – stellvertretend für die gesamte Friedensbewegung – und 1997 mit der Ehrennadel der Stadt Oberhausen. Im vergangenen Jahr haben die <a href="https://muelheim-essen-oberhausen.dgb.de/themen/++co++3002afe6-15d5-11e1-6a7f-00188b4dc422">DGB-Frauen Mülheim-Essen-Oberhausen</a> den Antrag gestellt, sie im Rahmen des Projekts <a href="https://www.frauenorte-nrw.de/">FrauenOrte NRW</a> zu ehren, das der <a href="https://www.frauenrat-nrw.de/">FrauenRat NRW</a> betreibt. Die Freude war groß, dass Fasia in den Kreis der 57 dort geehrten Frauenpersönlichkeiten aufgenommen wird. DGB-Frau Tamara Hengstermann erinnert sich:</p>



<p>„Wir haben uns riesig gefreut, dass unser Vorschlag ausgewählt wurde. Fasia Jansen hat uns als Gewerkschaftsfrauen tief geprägt – viele erinnern sich noch lebhaft an ihre Auftritte bei Streiks und Demos. Es ist eine große Ehre, dass sie nun diese verdiente Würdigung erhält.“</p>



<p>Die <a href="https://www.fasia-jansen-stiftung-ev.de/">Fasia-Jansen-Stiftung</a> und die <a href="https://fasiajansengesamtschule.de/">Fasia-Jansen-Gesamtschule</a> wurden als Kooperationspartner gewonnen. In enger Zusammenarbeit entstanden über mehrere Monate hinweg Materialien und das Programm zur feierlichen Eröffnung am 3. Juni. Ulli Langenbrick führte elegant durch den Abend, es sprachen unter anderem Monika Willimzig vom FrauenRat NRW, Bürgermeister Werner Nakot sowie Vertreterinnen und Vertreter der drei Träger-Organisationen.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://jejko.de/wp-content/uploads/2025/06/Tanz-Schuelerinnen-Fasia-Jansen-Gesamtschule-k.jpg" alt="" class="wp-image-1552" srcset="https://jejko.de/wp-content/uploads/2025/06/Tanz-Schuelerinnen-Fasia-Jansen-Gesamtschule-k.jpg 1024w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2025/06/Tanz-Schuelerinnen-Fasia-Jansen-Gesamtschule-k-300x200.jpg 300w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2025/06/Tanz-Schuelerinnen-Fasia-Jansen-Gesamtschule-k-150x100.jpg 150w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2025/06/Tanz-Schuelerinnen-Fasia-Jansen-Gesamtschule-k-768x512.jpg 768w" sizes="(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /></figure>



<p>Schülerinnen der Afrobeat-Tanz-AG der Fasia-Jansen-Gesamtschule tanzten zur Eröffnung auf. Der Rapper Efdal Nas beeindruckte das Publikum tief mit seinem eigens komponierten „Fasia Rap“, der es schafft, zentrale Fragen, die Fasias Leben in Deutschland bestimmten, in die heutige Zeit zu übersetzen. Die neue Gedenktafel am K14 lässt ein Ort der Erinnerung und der Inspiration für alle entstehen.</p>



<p>Ein <a href="https://fasia-jansen-festival.de">Fasia-Jansen-Festival in Oberhausen</a> begleitete das Ereignis. </p>
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		<title>Champagner für die Deserteure!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Mar 2025 11:49:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Werte]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[Februar 2024 bin ich mit diesem Schild auf eine &#8222;Friedensdemo&#8220; in #Bielefeld gegangen, zum 2. Jahrestag des Kriegsausbruchs Russland/Ukraine. Das war ein sehr seltsames Erlebnis, denn viele andere Demonstranten hatten Transparente, auf denen die Fähigkeit von Taurus-Raketen gelobt wurde, tief im russischen Territorium Menschen zu töten. Am Rathaus angekommen, sangen junge Ukrainerinnen und Ukrainer ein &#8230; <a href="https://jejko.de/champagner-fuer-die-deserteure/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Champagner für die Deserteure!“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Februar 2024 bin ich mit diesem Schild auf eine &#8222;Friedensdemo&#8220; in #<a href="https://jejko.de/bielefeld/" data-type="post" data-id="51">Bielefeld</a> gegangen, zum 2. Jahrestag des Kriegsausbruchs Russland/Ukraine. Das war ein sehr seltsames Erlebnis, denn viele andere Demonstranten hatten Transparente, auf denen die Fähigkeit von Taurus-Raketen gelobt wurde, tief im russischen Territorium Menschen zu töten. Am Rathaus angekommen, sangen junge Ukrainerinnen und Ukrainer ein Lied zum Ruhm und zur Ehre der Soldaten (ich hab&#8217;s mir übersetzen lassen). Anschließend wurde John Lennons Hymne &#8222;Imagine&#8220; gesungen. Durch diese absurde Konstellation ist mir das Lied auf einmal verleidet.</p>



<span id="more-1474"></span>



<p>Was meine ich mit meiner Parole? Ich fordere, dass EU-Europa, vor allem Finnland und Polen, die Grenzen öffnet für russische Deserteure und Kriegsdienstflüchtlinge, und dass diese Menschen als Vorkämpfer der Humanität geehrt, belohnt und geschützt werden. Mit einem Bruchteil der Mittel, die ein Waffensystem kostet, könnte ein Vielfaches der Wirkung erzielt werden. Denn die Achillesferse der russischen Generäle ist die Knappheit an rekrutierbaren Soldaten. Wir müssen dringend dafür sorgen, dass sie noch knapper werden. Dafür müssen als erstes alle Kriegsdienstflüchtlinge aus Georgien und Kasachstan in Sicherheit gebracht werden.</p>



<p>Pazifismus muss und kann sich in der Praxis bewähren.</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>1999 gab es in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar eine Veranstaltung für <a href="https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/schutz-und-anerkennung-der-deserteure">&#8222;Schutz und Anerkennung der Deserteure&#8220;</a></li>



<li>Der internationale Verein Connection hat 2022 einen &#8222;<a href="https://de.connection-ev.org/article-3576">Europaweiten Aufruf für Schutz und Asyl für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer aus Russland, Belarus und der Ukraine</a>&#8220; veröffentlicht.  </li>



<li>Zum Antikriegstag 2023 nahm Connection e.V. Stellung: &#8222;<a href="https://de.connection-ev.org/article-3847">Es braucht besseren Schutz für russische Kriegsdienstverweigerer*innen</a>&#8222;</li>
</ul>
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		<title>11. September 2001: Antwort auf &#8222;offene Fragen&#8220;</title>
		<link>https://jejko.de/11-september-2001-antwort-auf-offene-fragen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Nov 2021 20:17:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Korffs gekräuselte Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaften]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Mythen]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum 20. Jahrestag des Massenmords von Manhattan, der unser Leben mitprägte, habe ich mir erlaubt, die wichtigsten &#8222;ungeklärten Fragen&#8220; der sog. Truther zu beantworten: in der Freitag-Community und in drei Videos auf Vimeo (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Nach Prüfung aller Einwände bleibt es dabei: Es waren 19 arabische Mörder, die am 11. September &#8230; <a href="https://jejko.de/11-september-2001-antwort-auf-offene-fragen/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„11. September 2001: Antwort auf &#8222;offene Fragen&#8220;“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Zum 20. Jahrestag des Massenmords von Manhattan, der unser Leben mitprägte, habe ich mir erlaubt, die wichtigsten &#8222;ungeklärten Fragen&#8220; der sog. Truther zu beantworten: in der <a href="https://www.freitag.de/autoren/jejko/ok-9-11-truther-ich-beantworte-eure-fragen">Freitag-Community</a> und in drei Videos auf Vimeo (<a href="https://vimeo.com/600392763">Teil 1</a>, <a href="https://vimeo.com/600413914">Teil 2</a>, <a href="https://vimeo.com/600427250">Teil 3</a>). Nach Prüfung aller Einwände bleibt es dabei: Es waren 19 arabische Mörder, die am 11. September 2001 vier Flugzeuge entführt und mit drei davon das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington angegriffen haben. Die Gebäude wurden nicht gesprengt, sondern sind durch das vom Flugbenzin entfachte Feuer eingestürzt. Auch das Gebäude WTC-7, das erst Stunden später einstürzte.</p>



<span id="more-627"></span>



<p>Mathias Bröckers, Andreas von Bülow, Daniele Ganser, Thierry Meyssan, Roland Thoden, Stefan Wisnewski u.a. haben durch ihre suggestiven &#8222;Fragen&#8220; <strong>eine alternative <a href="https://jejko.de/tag/geschichte/">Geschichte </a>erzählt:</strong> Demnach hat die US-Regierung selbst vier amerikanische Flugzeuge entführt, teilweise verschwinden lassen, drei Gebäude des World Trade Centers gesprengt (eins davon erst Stunden später) und einen Marschflugkörper ins Pentagon abgeschossen. In meinem politisch links gerichteten, antiimperialistischen Umfeld, dem ich auch selber nach wie vor verbunden fühle, haben viele diesen <a href="https://jejko.de/tag/mythen/">Mythos</a>, diese extrem absurde Alternativgeschichte geglaubt. Neben ihrer <strong>schreienden Unlogik</strong> stört mich daran vor allem die <strong>offene Missachtung der Todesopfer dieses Tages</strong>. Den Versuch, die Anschläge der US-Regierung in die Schuhe zu schieben, deute ich als Versuch, die 3000 amerikanischen Todesopfer unterm Strich auszulöschen. Das hat auch einen <strong><a href="https://jejko.de/tag/antisemitismus/">antisemitischen</a> Aspekt</strong>, weil unter diesen Todesopfern viele Juden waren und weil das Finanzzentrum New York nicht nur vom saudi-arabischen Unternehmer Osama Bin Laden, von Taliban- und Hamas-Fanatikern, sondern von Faschisten aller Art als Symbol einer angeblich jüdisch dominierten Weltherrschaftszentrale gesehen wurde und wird.</p>



<p>Bei der <a href="https://www.freitag.de/autoren/jejko/ok-9-11-truther-ich-beantworte-eure-fragen">Debatte in der Freitag-Community 2021</a> fiel mir auf, dass ein weiterer Personenkreis empfänglich war für die Sprengungstheorien: Ingenieure, Männer mit technischem Hintergrund. Ich deute dort auch dieses Phänomen.</p>



<p>Mein Freund <a href="https://tonikal.blogspot.com/p/fragen-und-antworten-zum-11-september.html">Toni Kalverbenden hat sich schon 2003</a> kritisch mit den Einwänden der sog. Truther (Wahrheitler) auseinander gesetzt.</p>



<p>In der Wikipedia ist der Stand der Wissenschaft zu den Theorien der Truther ausführlich dargestellt.  </p>
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		<title>Vorwarnzeit: 81er</title>
		<link>https://jejko.de/vorwarnzeit-81er/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Jun 2021 14:56:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Storys]]></category>
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					<description><![CDATA[Kapitel aus dem Romanprojekt Vorwarnzeit Als 81er wird hier eine politisch aktive Generation in West- und Ostdeutschland bezeichnet, die in Soziologie, Geschichtswissenschaft und Publizistik bislang weitgehend igno­riert wurde. Der Begriff ist nicht etabliert. Gemeint sind Menschen, die als Mitgestalter der #Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre (etwa mit der ersten Bonner Großdemonstration am 10. Oktober 1981) &#8230; <a href="https://jejko.de/vorwarnzeit-81er/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Vorwarnzeit: 81er“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Kapitel aus dem Romanprojekt <a href="https://jejko.de/vorwarnzeit/" data-type="post" data-id="552"><strong>Vorwarnzeit</strong></a></p>



<p class="has-light-blue-background-color has-background"><em>Als <strong>81er</strong> wird hier eine politisch aktive Generation in West- und Ostdeutschland bezeichnet, die in Soziologie, Geschichtswissenschaft und Publizistik bislang weitgehend igno­riert wurde. Der Begriff ist nicht etabliert. Gemeint sind Menschen, die als Mitgestalter der #Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre (etwa mit der ersten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensdemonstration_im_Bonner_Hofgarten_1981">Bonner Großdemonstration am 10. Oktober 1981</a>) erst­mals an die Öffentlichkeit getreten sind. Ihr Motiv, die Angst vor einem #Atomkrieg, bewegte zeitgleich auch viele gleichaltrige, politisch aktive Menschen in der DDR. Wenn wir annehmen, dass sie damals im Schnitt 22 Jahre alt waren, ergibt sich, dass die mittleren 81er den geburten­starken Jahrgängen 1958, 1959 und 1960 angehörten. Wenn wir weiter annehmen, dass ihre Eltern bei ihrer Geburt im Schnitt 27 Jahre alt waren, bekommen wir für die Eltern die ebenfalls geburtenstarken Jahrgänge 1931 bis 1933. Die Eltern der 81er waren Kriegskinder, bei Kriegsende 12 bis 14 Jahre alt. Deshalb gelten die 81er auch als sog. Kriegsenkel.</em></p>



<p>Am Rande des Waldwegs, halb im Graben, lag eine rund 20 Zentimeter lange Granate. Zuerst traute Till seinen Augen nicht. </p>



<span id="more-580"></span>



<p>Die Gruppe versammelte sich schweigend um den Fund, allen verschlug es die Sprache. Die Granate war fast siebzig Jahre alt, rostig, aber offenbar vollständig. Niemand traute sich, sie zu berühren. Der winterliche Waldboden der Hügel über #Verdun war pockennarbig: von zahllosen Trichtern gesprenkelt, von tiefen Wellen durchzogen. Die erdfarbe­nen Wellen waren anscheinend Reste von Schützengräben, in denen kräftige Fichten wurzelten. Till fand einen großen, zackigen Granatsplitter und ein Stückchen Stacheldraht. Der Splitter hatte vielleicht einem Mann das Bein abgerissen, ehe er in den Boden eingedrungen war. Hatte der Mann noch Zeit gehabt zu schreien? Sein Blut war in diesem Boden versickert, hatte diese Bäume gedüngt, als sie klein waren.</p>



<p>Jenseits des Waldes waren die Hügel hektarweit mit weißen Kreuzen bedeckt. Zwischen den Kreuzen entdeckten die deutschen Besucherinnen und Besucher ein Feld mit Grab­steinen, die anders aussahen: Ihr geschwungener Rand glich einer Kuppel. Sie erinnerten an die Überreste von Männern algerischer, tunesischer, marokkanischer und senegale­sischer Herkunft, die hier geholfen hatten, eine Festung ihrer französischen Kolonialmacht gegen anstürmende Deutsche zu vertei­digen, beim großen Bürgerkrieg der europäischen Stämme. Über dem Meer der Kreuze thronte der peinliche Marmorpimmel des Beinhauses von Verdun. Darin hatten die Franzosen sämtliche Knochen der toten Soldaten gesammelt. An jenem trüben Tag im Dezember 1984 waren die Geschichtsstudentinnen und ‑ten aus #Aachen dort unter sich. Franzosen waren nicht zu sehen.</p>



<p>»Weit in der Champagne im Mittsommergrün, / dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblümen blühn…« Hannes Waders klingende Sommererzählung nagelte Till am 10. Oktober 1981 in der Poppelsdorfer Allee fest. Er konnte nicht weitergehen, es war ohnehin alles voller Menschen, sang die Zeilen über den jungen Mann mit, der das Jahr 1916 nicht überlebt hatte.</p>



<p>»Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt? / Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt / Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeihn…« Auch Till hatte damals noch kein Mädchen geliebt. Lebte er in einem Land, in dem Zärtlichkeit und Vertrauen gedeihen konnten? Die Älteren mit ihren Kriegs­erlebnissen waren sich sicher, dass Till im Frieden aufgewachsen war. Till nicht.</p>



<p>Im Hofgarten sprach Heinrich #Böll. Bölls Geschichte von der Waage der Baleks hatte Till gelehrt, wie viel Mut erforderlich war, mit eigenen Händen nachzu­wiegen, was Herrschende ihren Untertanen gnädigst zugemessen hatten. Bölls Geschichte von dem abgeschnittenen Tafelspruch »Wanderer, kommst du nach Spa« hatte den Bogen geschlagen von der säulengeschmückten Kriegsverherr­lichung eines Lateinlehrers im Gymna­sium zum Krepieren eines verstümmelten Schülers in einer der letzten und sinnlosesten Schlachten des verbrecherischsten aller Kriege. In Washington planten Strategen, mit Hilfe der neuen Mittel­streckenraketen, die sie im Hunsrück stationieren wollten, dem sowjetischen Huhn in einem atomaren Erstschlag den Kopf abzuschlagen. Darüber sprachen Till und seine Freunde in dem Aachener Friedens­komitee, und ihm fiel dazu immer der blonde, blauäugige Bauer von nebenan ein, der so hieß wie sein Hof und vor den Augen des Sechsjährigen mit einer Eisenstange einem seiner Hühner den Kopf abgeschlagen hatte, um dem zartbesaiteten Nachbarsjungen zu zeigen, was ein wahrer Bauer im Leben zu tun hat.</p>



<p>Es war ein mächtiges Gefühl in Bonn, Teil eines historischen Ereignisses zu sein, das Till selbst mitgestaltet hatte, mit vielen Plakaten und Flugblättern. Er hatte die Person bewundert, die die reibungslose Ankunft und Abfahrt Dutzender von Sonderzügen im engen Bonner Hauptbahnhof organisiert hatte. Etliche Schau­fenster der Bonner Innenstadt waren mit Holzplatten vernagelt. Till sagte zu dem Nebenmann mit der John-Lennon-Brille:</p>



<p>»Guck mal! Sind wir eine Flutwelle, ein Orkan?«</p>



<p>Lennon II antworte:</p>



<p>»Die CDU hat tagelang Angst vor der Friedensdemo geschürt und so getan, als wären wir hemmungslose Chaoten.«</p>



<p>»Haha! Und was sind wir? Hunderttausend Lehrerinnen, Kindergärt­nerinnen, Ärzte, Kranken­schwestern, Angestellte, Studis, Schüler, Familien mit kleinen Kindern, alle mit weißen Tauben auf blauem Tuch.«</p>



<p>»Ja. Aber zum blanken Entsetzen von Schmidt, Kohl und Co glauben wir nicht daran, dass die kriegslüsterne Sowjetunion aufgerüstet hat, dass die friedliebende NATO nun nachrüsten muss, um zu verhindern, dass die Rote Armee mit Panzern über uns hinwegrollt. #Kohl hat im Bundestag beantragt festzustellen, dass wir alle Vaterlands- und Freiheitsverräter seien .«</p>



<p>»Weil wir nicht die vorgeschriebene Angst vor den Panzern der Roten Armee haben, sondern Angst vor einem Atomkrieg in Mitteleuropa. Weil wir die #Neutronen­bombe, die alle Menschen tötet, aber die heiligen Häuser und Panzer unbeschädigt lässt, für eine Perversion menschlichen Denkens halten…«</p>



<p>»So hat es Egon Bahr gesagt. Ein mutiger Satz!«</p>



<p>»…und weil es ein Irrsinn ist, dass wir Deutschen und die anderen reichen Länder der Welt Milliarden um Milliarden unseres Wohlstandes in Panzer, Kampf­flug­zeuge und Atom­raketen verwandeln, anstatt damit den hungernden Menschen der Erde zu helfen. Wie hat der Bundestag denn über Kohls Antrag entschieden?«</p>



<p>»Der wurde abgelehnt. SPD und FDP waren dagegen. Aber diese Ladenbesitzer haben wohl vorsichtshalber an der Phantasie festge­halten, dass wir eine rote Flut seien, die Vorhut von rheingeilen russischen Panzern, die irgendwo hinten im Osten mit ständig laufenden Motoren auf ihre Gelegenheit lauern.«</p>



<p>Über viele tausend Köpfe hinweg, hinten vor der Fassade der Bonner Universität, leuchtete rot ein Sprengkopf an der Spitze einer viele Meter langen Papp-Pershing-Rakete. Das Rot erinnerte Till an die Hitzewelle der Bombe von #Hiroshima, das schlimmste Feuer, das die Erdoberfläche gespürt hatte seit dem Einschlag jenes Meteoriten, dessen Staub die Saurier aussterben ließ. Die Bombe hatte 600 Meter tiefer ein Kind verbrannt wie Papier, das Mädchen von Hiroshima, dessen Epitaph Nazim #Hikmet verfasst hatte.</p>



<p>Till spürte die Wärme des blonden Mädchens Ute dicht an seiner Seite. »Pershing! Dat is ene doll Ding!« Heiner schlug die Rockgitarre, als die Aachener Friedens­kämpfer Ostern 1982 die lange Straße von Wegberg nach Arsbeck ablatschten. Im Friedenskomitee hatten sie viel Spaß damit gehabt, das Rockstück »Wild Thing« von den Troggs kölsch umzu­dichten auf die bescheuerten Raketen. Der Rockrhythmus rieselte Till über den Rücken, ging durch den Unterleib; das langbeinige Mädchen blieb ihm dicht an der Seite und genoss die Berührungen der Hüften ebenso wie Till. An ihren jeansblauen Oberschenkel hatte Ute einen roten Elefanten gestickt; von hinten gesehen, sein Schwanz bewegte sich beim Gehen. In der rechten Hand, mit der Till ihre Schulter umfasst hielt, spürte er den samtweichen Plüsch ihrer schwarzen Jacke. Wenn sie den Kopf zu ihm drehte, bewegte sich ihr dunkellila Halstuch über ihrem schmalen, runden, glatten Hals.</p>



<p>»Sind hier denn wirklich Pershing-Raketen?« fragte Ute und blickte neugierig durch ihre kreisrunden Brillengläser in die Gegend.</p>



<p>»Ja, Pershing-I-Raketen, die älteren Schwestern der Pershing II. Die sind auf dem Stützpunkt Arsbeck stationiert. Müssen hier irgendwo hinter NATO-Draht und Fichtenwänden in unsichtbaren Bunkern liegen.«</p>



<p>Sie war beeindruckt. Es war wichtig, dass sie alle hier waren. Sie rückten den verfluchten Raketen zuleibe. Der Regen hatte aufgehört. Tills Erinnerung streifte wohlig ihren Patchouli-Duft, ihr langes, dichtes Blondhaar zwischen Daumen und Fingern, das Spiegelbild seiner Nasenspitze im Glas ihres Ohrgehänges, ihre himmlisch weichen, zielstrebi­gen Lippen, das atemberaubende Spiel der Zungen, den Lustsaft in der Hose, als sie später hinten im VW-Bulli saßen und knutschten; und nicht minder stolz die große Regen­schirmparty am Folgetag, als es zwischen dem NATO-Hauptquartier Rheindahlen und der Innenstadt von Mönchengladbach stundenlang durchgeregnet hatte und sie zu Tausenden, klatschnass und glücklich sangen:</p>



<p>»Apel, wir kommen! Wenn’s sein muss, auch geschwommen!«</p>



<p>Der Himmel über Bonn war klar gewesen, und über den 300.000 hatte hilflos ein Flugzeug gekreist mit der fliegenden Parole: »Und wer demonstriert in Moskau?« Die Politiker Alois Mertes, Jürgen Möllemann und Annemarie Renger hatten es bezahlt. Wie beantworteten die 81er damals diese rhetorische Frage?</p>



<p>»In Moskau demonstriert der Jugendverband Komsomol für atomare Abrüstung«, erklärte Andrej, einer der Kommunisten im Friedenskomitee. »Und Breschnjew ist der gleichen Meinung.«</p>



<p>Das war in der Aachener Friedensbewegung umstritten. Viele andere sagten:</p>



<p>»USA und Sowjetunion, die beiden Supermächte, rüsten ständig auf und steigern die Gefahr eines Atomkriegs.«</p>



<p>Die historischen Fakten allerdings, soweit Till sie als Geschichtsstudent über­prüfen konnte, sprachen dafür, dass seit der Atombombe von #Hiroshima fast alle Aufrüstungsschritte im Rüstungswettlauf von Usa ausgegangen waren. Gert Bastian, Gerhard Kade, das Institut SIPRI hatten es vorgerechntet: Die von der NATO vorgelegten Bedrohungsszenarien kamen nur dadurch zustande, dass die NATO wesent­liche Teile ihrer eigenen Rüstung ausklammerte, zum Beispiel die britischen und französischen Atomwaffen und die amerikanischen Atom-U-Boote im Nordatlantik. Tills Gerechtigkeitssinn sträubte sich gegen eine gleich­mäßige Auftei­lung der Schuld auf die »beiden Supermächte«. Ihm war klar, dass die Sowjetunion auf ganz andere Weise unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten hatte als das große Land jenseits des Ozeans. Auch Paula fiel ihm ein, die sächsische Geschichts­studentin und FDJlerin, die er im Jugendclub eines Städtchens am #Erzgebirge kennen gelernt hatte. Dort hatten sie an einem grob gezimmerten Tisch gesessen und über das grüne Resopal hinweg die Weltlage erörtert. Sie hatte die gleiche Angst wie Till davor, dass das ganze Land, alle Freunde und Verwandten plötzlich vom nuklearen Feuersturm verschlungen werden könnten.</p>



<p>Dennoch widersprach er Andrej:</p>



<p>»Ich mag Breschnjews Abrüstungs­angebote, ich denke, die haben Hand und Fuß und könnten uns retten. Aber dieser ketten­rasselnde und golden betresste Militarismus, mit dem sich die Rote Armee in Szene setzt, ist einfach Kacke. Und wenn ich lese, dass niemand in der SU den Kriegsdienst verweigern darf, dann macht mich das ziemlich wütend.«</p>



<p>Andrej versuchte, die sowjetischen Ordensgockel mit dem Großen Vater­ländischen Krieg zu rechtfertigen. Wer es geschafft habe, die faschistische Wehr­macht aus dem Heimatland zu werfen, habe ein Recht, darauf stolz zu sein.</p>



<p>Als ein kleiner grauhaariger Alter am Infostand am Holzgraben in Aachen auftauchte und Till anblaffte:</p>



<p>»Und wer demonstriert in Moskau?«</p>



<p>Da antwortete er:</p>



<p>»Ich jedenfalls nicht. Ich bin Aachener, und deshalb demon­striere ich in #Aachen. Ich bin Deutscher, und deshalb kümmere ich mich um die Kriegstreiberei und Aufrüsterei der deutschen Regierung. Von meinen Eltern habe ich den schönen Spruch gelernt: Ein jeder kehre vor seiner Tür.«</p>



<p>Ute lachte hell und griff Till später beim Abschiedskuss zwischen die Beine, dieses entzückende Aas.</p>



<p> <strong>Teil des Romanprojekts <a href="http://jejko.de/vorwarnzeit" data-type="URL" data-id="jejko.de/vorwarnzeit">»Vorwarnzeit«</a></strong> </p>
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			</item>
		<item>
		<title>Vorwarnzeit: Dresden 1988</title>
		<link>https://jejko.de/vorwarnzeit-dresden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Jun 2021 14:10:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Orte]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Autor]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Storys]]></category>
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					<description><![CDATA[Kapitel aus dem Romanprojekt Vorwarnzeit Dresden, die Hauptstadt Sachsens, liegt an der Elbe, nicht weit unterhalb der Stelle, wo der Fluss aus dem Elbsandsteingebirge ins Tiefland strömt. Mit 560.000 Einwohnern ist die Stadt etwas kleiner als Leipzig und die zwölftgrößte Stadt Deutschlands. Die Innenstadt ist berühmt für ihre Barockbauten, die vor allem auf die Regierungszeit &#8230; <a href="https://jejko.de/vorwarnzeit-dresden/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Vorwarnzeit: Dresden 1988“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Kapitel aus dem Romanprojekt <strong><a href="https://jejko.de/vorwarnzeit/" data-type="post" data-id="552">Vorwarnzeit</a></strong></p>



<p class="has-light-blue-background-color has-background"><strong><em>Dresden</em></strong><em>, die Hauptstadt Sachsens, liegt an der Elbe, nicht weit unterhalb der Stelle, wo der Fluss aus dem Elbsandsteingebirge ins Tiefland strömt. Mit 560.000 Einwohnern ist die Stadt etwas kleiner als Leipzig und die zwölftgrößte Stadt Deutschlands. Die Innenstadt ist berühmt für ihre Barockbauten, die vor allem auf die Regierungszeit Augusts des Starken (1694–1733) zurückgehen.</em></p>



<p>Als Till im Februar 1988 nach Dresden kam, dachte er mit Grauen an jenen 13. Februar 1945, an dem das »Elbflorenz«, die prachtvolle sächische Residenzstadt, in Schutt und Asche fiel und Zehntausende hier verbrannten. </p>



<span id="more-575"></span>



<p>In der Innenstadt gab es 1988 fast kein altes Haus. Auf der Außenmauer der Ruine der Frauenkirche waren Kerzenreste zu sehen, die von einer – möglicherweise inoffiziellen – Gedenkfeier am Jahrestag stammten. Ein halbrunder und ein eckiger Torso mit großen, leeren Fensterbögen, dazwischen ein riesiger bemooster Steinhaufen; Zeugnisse der Nacht des Infernos, als die »Bomben auf Engeland« mit zehnfacher Wucht zurückkamen.</p>



<p>Till war mit einer Gruppe Studentinnen und Studenten aus Baden-Württemberg unterwegs, die, organisiert vom Marxistischen Studentenbund Spartakus, zur Exkursion ins »Tal der Ahnungslosen« aufgebrochen waren. So der DDR-interne Spottname für Dresden und Umgebung, darauf anspielend, dass man dort das Westfernsehen nicht empfangen konnte. Als die Gruppe mit dem Bus von Nordwesten her in die Stadt hineinfuhr, war der erste Eindruck ziemlich trostlos: große Fabriken und graubraune Mietskasernen mit bröckelndem Putz säumten die holprige Meißner und Hamburger Straße.</p>



<p>Im Zentrum war ein Teil der alten Pracht wiederentstanden: Der berühmte Zwinger, das ausgedehnte Schmuckstück des sächsischen Königsbarock, dessen Wiederaufbau schon 1945 in der Sowjetischen Zone begann und sich bis 1963 hinzog. Die erst zwei Jahre zuvor eingeweihte Semperoper, ein Wunderwerk der Imitation. Die Exkursion war mit einer der raren Führungen durch die Oper verbunden. Die Führerin begeisterte sich für die raffinierten Techniken, die Baumeister Gottfried Semper in den 1870er Jahren ersonnen hatte, um beispiels­weise künstlichen Marmor aus gefärbtem und poliertem Gips herzustellen. Beim Wiederaufbau in den 1980er Jahren hat man diese Techniken in mühsamer Kleinarbeit rekonstruiert und nachgemacht.</p>



<p>Das Deutsche Hygienemuseum feierte gerade seinen 75. Geburtstag und zeigte sich den neugierigen Wessis von seiner schönsten Seite. 1912 war es gegründet worden, um einen Beitrag für die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in den Arbeitervierteln der Großstädte zu leisten. Nun bildeten anschauliche Modelle der Biologie von Mensch und Tier, Exponate aus der Geschichte der Medizin und Schautafeln über aktuelle Probleme der Gesundheits­vorsorge den Schwerpunkt. In zwei lebensgroßen „gläsernen“ Modellen des Mannes und der Frau leuchteten auf Knopfdruck die Lungen blau, das Herz rot, der Magen gelb, der Dickdarm grün auf, und ein feines Geflecht von Adern und Nerven durchzog alle Körperteile. Till lachte: »Diese beiden haben wirklich Nerven aus Draht.«</p>



<p>»Muss man auch haben, wenn einem täglich Hunderte von Menschen überall reingucken«, erwiderte eine Studentin.</p>



<p>Außer dem gläsernen Menschen gab es eine gläserne Kuh und eine auf ein Meter Höhe vergrößerte gläserne Zelle, in der der Zellkern, die Mitochondrien und andere Organellen sich akkurat wie die Blumen in einem Blumenstrauß präsentieren. Aus dem Spielsaal, in dem Kinder im Spiel lernen konnten, wie faszinierend der menschliche Körper aufgebaut und beschaffen ist, drangen die akustischen Manifestationen fröhlichen Lebens.</p>



<p>Der Arbeiter, die Rentnerin und die moderne Kunst – diese Begegnung war auch in der späten DDR eine problematische. Im Albertinum war die X. Kunst­ausstellung der DDR zu sehen – die letzte ihrer Art –, und provozierte täglich solche Begegnungen. Man zeigte zeitgenössische Kunstwerke aus der DDR der letzten fünf Jahre, aber auch Architektur, Mode, Industriedesign, Grafik, Foto­grafie und Karikaturen. Till hatte den Eindruck, dass Bilder und Skulpturen sich erst in jüngerer Zeit aus den Fesseln des »sozialistischen Realismus« gelöst hatten; denn die meisten erschienen ihm recht konkret und angenehm leicht verständlich. Ein typisches, aber auch erschreckendes Beispiel war die 1984 entstandene raumgrei­fende Bronzeskulptur »Der Jahrhundertschritt« von Wolfgang Mattheuer, die das Foyer dominierte: ein Mensch, der fast nur aus zwei Armen und zwei Beinen besteht; der Kopf kaum zu sehen; der rechte Arm zum Hitlergruß erhoben, der linke zur soziali­stischen Arbeiterfaust; das rechte Bein gerade und meterweit nach vorne ausgrei­fend; das linke im Hakenkreuzwinkel, der Oberschenkel senkrecht nach unten, der Unterschenkel waagerecht nach hinten, der Fuß wieder senkrecht nach unten. Ein roter Längsstreifen kennzeichnet es als Standbein eines Generals. Dieser furchtbar lange Schritt nach vorn in die ungewisse Zukunft, ja: Till dachte unbehaglich an das krampfhafte Bemühen der Kommu­nisten, er spürte ihre Anstrengung und Überanstrengung bei dem Versuch, die Geschichte zu bezwingen. »Der große Sprung nach vorn« &#8211; so hatte Mao den aberwitzigen Plan genannt, mit tausenden von Dorfhochöfen China, das Land der Reisbauern, in fünf Jahren zum industriellen Schwergewicht zu machen. Dort war das andere Bein das Bauernbein. In der DDR, erkannte Till, war es das Nazibein gewesen, das sich mit allen Zehen im wilhelminischen Obrigkeitsstaat und im Raubmördertum des Russlandfeldzugs festkrallte, als die Kommunisten versuchten, der deutschen Nation ihren neuen Marsch zu blasen. Dass man die Figur auch als Sinnbild des Totalitarismus sehen konnte, fiel Till erst Jahre später auf.</p>



<p>Das Publikum in Dresden war zahlreich und in auffälliger Weise durch­schnittlich. Als die Westdeutschen sich wunderten, erläuterte Susi, eine Studentin aus Dresden:</p>



<p>»Viele kommen geschlossen mit ihrer Brigade aus dem jeweiligen Betrieb angereist.«</p>



<p>»Ah, der Sozialismus kommandiert die Menschen zur Kunst«, spottete ein bärtiger Schwabe.</p>



<p>Wie auch immer der rote Teppich zwischen Betriebstor und Museumsportal ausgestaltet war, er schien nicht zu bewirken, dass die zeitgenössische Kunst missmutig abgelatscht wurde. Die Besucherinnen und Besucher betrachteten alles aufmerksam, obwohl viele Schwierigkeiten zu haben schienen mit den mal grell­bunten, mal düsteren Farben, in die die Künstler Widersprüche und menschliches Elend zwischen Elbe und Oder gekleidet hatten. Vor dem Bild ## sagte ein älterer Betrachter in abfällig-weltklugem Ton: »Die malt doch nur so, damit sie auch im Westen ausgestellt wird.«</p>



<p>In einem der Säle herrschte ein Gedränge wie auf dem Weihnachtsmarkt.</p>



<p>»Gibt’s hier Dresdner Stollen?« fragte Till Susi hoffnungsvoll.</p>



<p>»Nee, hier gibt’s Schmunzelware: Karikaturen.«</p>



<p>Es dauerte einige Minuten, ehe Till zwischen Frisuren hindurch die bissigen Linien und naiven Farben erkennen konnte. Die »Bananenrepublik« etwa: Mitten im Umriss der DDR-Grenzen hockte ein fetter Berliner Bär, verdrückte genüsslich eine Banane nach der anderen und warf die leeren Schalen achtlos rüber in die Bezirke Schwerin, Potsdam, Magdeburg, Halle oder Dresden. Nach dem Berlinjahr 1987 war die begehrte und vermisste Krummfrucht ein gefundenes beziehungs­weise meist nicht gefundenes Fressen für geschundene sächsische Seelen. Eine Karikatur von Willy Moese spießte das zweite D der DDR auf: Ein Konferenztisch, dessen glatte Fläche nach allen Seiten in die senkrechten Fels­wände einer Elbsand­stein­nadel ausläuft. Die Konferenzteilnehmer hängen alle mit den Händen an der Kante, die Füße baumeln verzweifelt überm Abgrund. Der Vorsitzende, der als einziger auf einem Felsensessel sitzen darf, fragt in die Runde: »Wer dagegen ist, den bitte ich um das Handzeichen.«</p>



<p>Till, überrascht über die offene Kritik, stellte später fest, dass die Karikatur im Ausstellungskatalog fehlte.</p>



<p>Eine Diskussion zwischen den westdeutschen Studentinnen und -denten und ihren Dresdener Gastgeberinnen und -gebern an einem Mensatisch der Uni Dresden drehte sich um ein heikles Thema: die Welle an Ausreiseanträgen, die die DDR durchlief und in Atem hielt. Die Dresdener berichteten, dass es nirgends so viele Ausreiseanträge gab wie im Bezirk Dresden, also im »Tal der Ahnungslosen«.</p>



<p>Till wunderte sich:</p>



<p>»Das ist merkwürdig. Ausgerechnet hier, wo der lange Arm von Dallas und Dalli Dalli nicht&nbsp; hinreicht, wollen so viele in den goldenen Westen? Ich dachte, es ist der diskrete Charme der Hollywood-Bourgeoisie, der die Leute anlockt.«</p>



<p>»Dalli Dalli gibt’s nicht mehr. Schon seit zwei Jahren«, wusste eine Schwäbin zu korrigieren.</p>



<p>»Ach so. Ich bin da nicht so auf dem Laufenden. Aber egal, ihr wisst, was ich meine.«</p>



<p>»Vielleicht wird der Westen sogar noch goldener, wenn man weniger Genaues darüber weiß«, vermutete einer der Stuttgarter. »Wenn man die Tagesschau sehen kann, erfährt man ja doch auch mal was über die Arbeitslosigkeit bei uns. Wenn aber hier nur die Aktuelle Kamera darüber berichtet, glauben die Leute vielleicht gar nicht, dass es im Westen Arbeitslose gibt.«</p>



<p>»Oder sie übernehmen die Spießerweisheiten, die wir kennen: Wer arbeiten will, findet auch Arbeit. Wer keine findet, ist arbeitsscheu und so weiter«, ergänzte Till.</p>



<p>Der FDJler Manfred grinste dazu und erklärte das Phänomen so:</p>



<p>»Wir denken, es hat etwas mit der Lebens­qualität zu tun. Es ist tatsächlich so, dass für viele unserer Bürger das Westfern­sehen einen wichtigen Teil des Feierabends darstellt. Unser Fernsehen versucht zwar auch einiges, die Leute zu unterhalten und bei Laune zu halten – aber so gut wie ARD und ZDF das machen, schaffen wir das nicht. Und wenn es das hier in Dresden nicht gibt, werden viele Leute unzufrieden. Wenn sie schon mal dabei sind zu meckern und sich alles schlecht zu reden, fällt ihnen schließlich ein, dass sie auch ganz ‘rübermachen könnten.«</p>



<p>»Was für ’ne schräge Dialektik!« philosophierte Till weiter. »Das Westfern­sehen, die Propagandamaschine schlechthin, hat die Aufgabe, die Leute im Kapita­lismus einzulullen, damit bloß keiner gegen Ausbeutung und Arbeitslosigkeit aufmuckt, und die Fetische der Warenwelt in ihren strahlendsten Farben schillern zu lassen. Aber diese einlullende Wirkung entfaltet es auch in der DDR und stabilisiert dort ungewollt den Arbeiter- und Bauernstaat.«</p>



<p>»Außer hier, im Tal der Ahnungslosen«, ergänzte Manfred.</p>



<p>Als ein Jahr später der Exodus der Ostdeutschen über Ungarn und Warschau die DDR endgültig auf die schiefe Ebene schob, fiel Till ein, dass die witzige Diskussion in Dresden um die Wirkung des Westfernsehens auf DDR-Bürger von der Frage abgelenkt hatte, womit die DDR selbst, aus eigener Kraft und Schwäche, die Zustimmung so vieler Menschen verspielt hatte.</p>



<p>»Zustimmung? Die hat sie nie besessen«, ätzte der Mann mit der schwarzen Nase.</p>



<p>An einem anderen Tag sprach Till Manfred direkt an:</p>



<p>»Sag mal, was hältst du von #Gorbatschow und seiner #Perestroika?«</p>



<p>Manfred zögerte, dann sagte er – und Till glaubte, ein leises Seufzen in seiner Stimme zu hören:</p>



<p>»Ich bewundere seinen Mut. Vieles, was er anpackt, war so lange überfällig. Aber ich fürchte auch, dass er zu weit gehen könnte und der Sowjetunion zu viel auf einmal zumuten, und dass er das große Erbe der Oktoberrevolution aufs Spiel setzt.«</p>



<p>»Ich bin ziemlich begeistert von ihm«, sagte Till. »Für mich war #Kommu­nis­mus immer eine höhere Form von Demokratie. Mit Gorbatschow wird das auf einmal greifbar und konkret. Wann kommt die Perestroika hier in der DDR an und mischt die autoritären Verhältnisse hier ein bisschen auf?«</p>



<p>Manfred lächelte etwas gequält:</p>



<p>»Da tut sich bereits einiges. Aber unsere großen Freunde haben einfach mehr Spielraum für eine Umgestaltung und für offene Kritik. Die DDR steht, wie du weißt, an der Front des Systemwiderspruchs. Alles, was wir hier offen zugeben an Fehlern, das kriegen wir am nächsten Tag von Bild und Tagesschau und Kennzeichen D in doppelter und dreifacher Vergrößerung und Verzerrung aufs Butterbrot geschmiert. Dass sich die Genossen da ziemlich genau überlegen, was sie kritisieren, das kann ich gut verstehen. Allerdings müssen die sowjetischen Genossen auch gut aufpassen, wie gesagt…«</p>



<p>»Du meinst, der Laden kann denen auseinander fliegen? Denkst du, die SU ist so instabil?«</p>



<p>»Das Problem da sind die vielen Nationalitäten. Wir haben ja in Polen erlebt, was passiert, wenn eine nationalistische Sicht und nationale Interessen die Oberhand gewinnen. Die Solidarität der Nationalitäten, der Sowjetrepubliken kann tatsächlich auseinder fliegen. Und was ich mit dem Erbe der Oktoberrevolution meinte, das ist noch was anderes, das ist der Enthusiasmus. Der Aufbau des Sozialismus erfordert so viel Kraft von so vielen Leuten – das ist nur mit Enthusiasmus hinzu­kriegen. Wenn aber ständig alles kritisiert wird, was schon da ist, was man schon geschaffen hat, dann ziehen sich die Leute eher zurück und warten ab, statt selber was anzupacken. An dieser Front hat Gorbatschow gerade arg zu kämpfen.«</p>



<p>»Gorbatschow hat letztes Jahr, wegen dem Jubiläum, ja auch kräftig den Geist der Oktoberrevolution beschworen. Ich habe seine Rede dazu in der U Zet<a href="#_ftn1">[1]</a> gelesen. Da versucht er, den Wind der Oktoberrevolution neu zu entfachen und in seine Perestroika-Segel zu lenken. Also gerade den Aufbruch, das Selber-Anpacken.«</p>



<p>»Ich hoffe ja auch, dass ihm das gelingt, aber viele sind skeptisch. Zu denen, die da sehr abwartend sind, gehört auch unser Genosse Erster Sekretär. Es kann leider sein, dass die Produktion in der Sowjetunion, die Gorbatschow mit neuen Markt-Metho­den steigern will, runtergeht statt rauf. Das würde den Skeptikern Recht geben – zumindest würden die es so deuten.«</p>



<p>»Du meinst die ewigen Stalinisten, die dann sagen können: Das haben wir doch gleich gesagt – Sozialismus ohne Knute, das taugt nix.«</p>



<p>Manfred nutzte das Hinzutreten einer FDJ-Kollegin dazu, das Geplänkel an dieser Stelle abzubrechen. Die beiden besprachen sich über die angekündigte Abendveranstaltung: Ein Kernphysiker sollte über ein weiteres heikles Thema sprechen – die Atomkraftwerke in der DDR.</p>



<p>Der Hörsaal war voll, als der Physiker auftrat – im Publikum saßen Till und die sechzehn Studentinnen und -ten aus Baden-Württemberg. Der Physiker betonte die dank umfassender und volkseigener Planung und Lenkung über jeden Zweifel erhabene Sicherheit der Atomkraftwerke der DDR. Dass das ebenso umfassend und volkseigen geplante und gelenkte Atomkraftwerk von #Tschernobyl in Brand geraten und explodiert war, bereitete ihm argumentative Probleme, zumal er auch nicht so direkt über russische Schlamperei herziehen wollte. Er war nicht zu beneiden bei seinem Eiertanz, doch die Krone setzte er seinen Pirouetten auf, als er allen Ernstes rechtfertigte, dass die Staatsführung der DDR die Bevölkerung der DDR über die Daten der radioaktiven Belastung nach der Katastrophe im Unklaren ließ.</p>



<p>»Die Menschen im Lande«, so dozierte der in diesem Moment hörbar berittene Herr Wissenschaftler, »hätten diese Daten sowieso nicht verstanden.«</p>



<p>Till war einen Moment lang fassungslos.</p>



<p>Da sah er, wie drei Rehen vor ihm ein Mann im Blauhemd aufstand und sich zu Wort meldete – Till erkannte Manfreds krause Haare. Der Dresdener FDJ-Funktionär sagte mit angespannter Stimme:</p>



<p>»Wie können Sie so über demokratische Prinzipien der DDR hinweggehen? Die Bürger der DDR sollen bei so gravierenden Vorfällen in Unwissenheit und Unmündigkeit gehalten werden!?«</p>



<p>Darauf wusste der Schlipsträger am Pult nichts Substanzielles mehr zu erwidern. Till hatte das deutliche Gefühl, mitten in einem Wind zu stehen, der sich gerade drehte.</p>



<p>Auf der Rückfahrt im Bus hörte Till zwei Studentinnen aus Heidelberg zu, die hinter ihm saßen. Die jüngere erzählte von einer Begegnung mit einer Dresdener Kommilitonin:</p>



<p>»Hast du das mitgekriegt? Die FDJ-Studentin, die links neben dir saß… Wie die erzählt hat, wie sie sich von einer offiziellen Kundgebung gedrückt hat?«</p>



<p>»Nee, hab ich nicht mitbekommen. Was denn für ’ne Kundgebung?«</p>



<p>»Weiß auch nicht genau. Dass die DDR ein Land des Friedens ist oder so. Sie jedenfalls war nicht dabei, obwohl eigentlich die ganze FDJ der Uni dort antreten musste. Sie hatte keine Lust dazu und hat sich irgendo versteckt oder so, als alle zusammengetrommelt wurden.«</p>



<p>»Ja, und? Ich hab auch schon mal eine Demo geschwänzt,&nbsp; die eigentlich wichtig war. Sowas passiert halt.«</p>



<p>»Ja, klar. Aber wie sie mir das erzählt hat, war sie richtig stolz darauf. Und dass sie mir das überhaupt erzählt! Die sollen doch uns gegenüber als vorbildliche Aktivisten auftreten. Ich meine diese Doppelmoral. Was die offiziell darstellen müssen, und was die privat meinen und tun, das passt nicht zusammen. Das hat schon was von Betrug, finde ich.«</p>



<p>»Betrug? Ist das nicht eine Nummer zu groß? Wie gesagt, Anspruch und Wirklichkeit, das sind halt bei den meisten Menschen verschiedene Dinge. Warum sollte das in der DDR anders sein?«</p>



<p>»Mich hat dieser Stolz irritiert. Sie ist stolz darauf, dass sie sich das jetzt getraut hat. Früher hat sie sich sowas anscheinend nicht getraut. Und das bei einer von diesen Muster-FDJlern.«</p>



<p>Till hatte den Eindruck, die westdeutsche Linke war ein wenig enttäuscht darüber, dass man sich auf Linientreue und Kampfmoral von FDJlern offenbar nicht mehr verlassen konnte. Der Stolz der FDJ-Studentin schien von ähnlicher Qualität zu sein wie der Stolz eines Kollegen seines Vaters, der es mal wieder geschafft hatte, mit einer Trickserei das Finanzamt um 500 DM Steuereinnahmen zu bringen.</p>



<hr class="wp-block-separator has-css-opacity"/>



<p><a href="#_ftnref1">[1]</a> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; UZ – Unsere Zeit, die Tageszeitung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), bestand als Tageszeitung 1973-1989.</p>



<p><strong> <strong>Teil des Romanprojekts <a href="http://jejko.de/vorwarnzeit" data-type="URL" data-id="jejko.de/vorwarnzeit">»Vorwarnzeit«</a></strong> </strong></p>
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		<title>Vorwarnzeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Jun 2021 12:22:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Autor]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[Vorwarnzeit: Tills liberalkommunistische Streiche im Schatten der Meiler und Raketen, nebst einem ABC der Achtziger Jahre in BRD und DDR. Das ist der Arbeitstitel eines literarischen Projekts, das ich 2008 begonnen habe und das 2020 durch ein Künstlerstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wurde. 2010/11 und 2020 habe ich das Projekt in mehreren Autorenworkshops besprochen und &#8230; <a href="https://jejko.de/vorwarnzeit/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Vorwarnzeit“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p><strong>Vorwarnzeit: Tills liberalkommunistische Streiche im Schatten der Meiler und Raketen, nebst einem ABC der Achtziger Jahre in BRD und DDR. </strong>Das ist der Arbeitstitel eines literarischen Projekts, das ich 2008 begonnen habe und das 2020 durch ein <a href="https://www.mkw.nrw/FAQ_Sofortprogramm">Künstlerstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen</a> gefördert wurde.</p>



<span id="more-552"></span>



<p>2010/11 und 2020 habe ich das Projekt in mehreren Autorenworkshops besprochen und aufgrund der Rückmeldungen abgewandelt. Nunmehr sieht es so aus: Die zum Teil autobiographisch geprägte Figur Till Kauz erzählt Anekdoten aus den 1980er Jahren (bis 1990 einschließlich). Till war damals in der westdeutschen Friedensbewegung und nacheinander in zwei Parteien politisch aktiv. Zugleich hat er mehrmals die DDR besucht, im Rahmen von politischen Expeditionen. Der historische Roman lässt daraus eine deutsch-deutsche Liebesbeziehung einschließlich Kind entstehen. Auch diverse andere Lieben liegen auf den verschlungenen Wegen der Heldinnen und Helden. Diese Geschichten werden nicht linear erzählt, sondern bilden eine Art Enzyklopädie der 1980er Jahre, alphabetisch nach Schlüsselwörtern geordnet:</p>



<p><strong><a href="https://jejko.de/vorwarnzeit-81er/" data-type="post" data-id="580">81er</a> | Aachen | Afghanistan | Antifaschisten | Arbeiterklasse | Atomkraft | Atomkriege | Barden | Bauern | Befreiung | Böll | Buchenwald | Chöre | DDR  | Dreiecke | <a href="https://jejko.de/vorwarnzeit-dresden/" data-type="post" data-id="575">Dresden 1988</a> | Emanzen | Erzgebirge 1981 | Freiheiten | Freundschaftslager | Frieden | Friedenstauben |  Gorbatschow | Hass | Hiroshima | Historiker | Jusos | Kämpfen | Kelly | Kinder | Kohl | Kommunisten | <a href="https://jejko.de/vorwarnzeit-kornelkirschen/" data-type="post" data-id="588">Kornelkirschen</a> |  Leipzig 1990 | Ley-Land 1990 | Liebe | Liebe Leute | <strong>Mauthausen |</strong></strong> <strong>Neue Männer |</strong> <strong>Perestroika | Radio 1988 | Reagan | Revolutionen | Rock&#8217;n&#8217;Rise | Schmidt | Schuhprüfstrecke | Sommerspiele 1980 | Sozis | Stalinisten | Sterne | Tschernobyl | Verdun 1984 | Wälder | Werbefuzzis | Wildnis | Zäune </strong></p>



<p>Manche davon führen nicht zu Anekdoten, sondern zu Essays, die die damaligen Gedanken und Gefühle vieler Akteure beleuchten. Leserin und Leser können die Texte als Hypertext lesen, in einer selbst gewählten Reihenfolge. Dabei stoßen sie auf Abschnitte der Plots und bekommen Hinweise, wo sie die fehlenden Teile finden können. Denn eine von Tills damals gewonnenen Lebensweisheiten lautet: Alles muss man selber machen. </p>



<p><em>Foto: Der Autor mit Freundin beim Ostermarsch Rheinland 1982 in der Nähe von Wegberg (NRW). Fotograf: Siegfried Lustenberger in Arbeiterfotografie</em></p>
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		<title>Chemnitz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Mar 2021 22:22:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Industriestadt in Sachsen hieß noch Karl-Marx-Stadt, als ich sie 1981 zum ersten Mal besuchte. Als Mitglied einer bildungspolitischen westdeutschen Exkursion war ich eine Woche in Oelsnitz/Erzgebirge südlich von Chemnitz untergebracht. In Karl-Marx-Stadt besuchten wir u.a. eine Polytechnische Oberschule und eine Wohnung im gerade frisch renovierten Brühl Boulevard. Ich staunte über die materialsparende Altbausanierung: Alle &#8230; <a href="https://jejko.de/chemnitz/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Chemnitz“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="768" src="https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-500" srcset="https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-1024x768.jpg 1024w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-300x225.jpg 300w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-768x576.jpg 768w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-1536x1152.jpg 1536w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-2048x1536.jpg 2048w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2021/03/Bruehl-Frauenaugen-1200x900.jpg 1200w" sizes="(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /><figcaption>Hausbemalung auf dem Brühl (Foto Korff 2019)</figcaption></figure>



<p>Die Industriestadt in Sachsen hieß noch Karl-Marx-Stadt, als ich sie 1981 zum ersten Mal besuchte. </p>



<span id="more-499"></span>



<p>Als Mitglied einer bildungspolitischen westdeutschen Exkursion war ich eine Woche in Oelsnitz/Erzgebirge südlich von Chemnitz untergebracht. In Karl-Marx-Stadt besuchten wir u.a. eine Polytechnische Oberschule und eine Wohnung im gerade frisch renovierten Brühl Boulevard. Ich staunte über die materialsparende Altbausanierung: Alle Strom- und Wasserleitungen verliefen in der sanierten Wohnung nach wie vor über Putz. Kaum Kacheln im Bad. Peinliches Schweigen im Lehrerzimmer der POS Ernst Schneller, als uns der Schuldirektor stolz seine Leutnants-Uniform präsentierte und behauptete, damit sei er 1968 in Prag eingesetzt gewesen, um die &#8222;Konterrevolution&#8220; zu bekämpfen. </p>



<p>2019 war ich wieder in der Stadt und besuchte zwei befreundete Natur-#Fotografen, <a href="http://www.doerrphotodesign.de">Conny und Ramon Dörr</a>. Für das Aktionsbündnis &#8222;Aufstehen gegen Rassismus&#8220; war ich damals auch in der Stadt unterwegs und habe den örtlichen Aktiven geholfen, eine antirassistische Zeitung an die Haushalte zu verteilen.  </p>



<p></p>
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		<title>Pazifismus</title>
		<link>https://jejko.de/pazifismus/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Feb 2020 15:29:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Projekte]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[Als Student war ich etwa von 1980 bis 1986 in der #Aachener Friedensbewegung aktiv. Wir wollten damals in einer Periode des Kalten Krieges zwischen USA und Sowjetunion die Stationierung neuer Atomraketen verhindern, die, so sagten wir, die Gefahr eines Atomkriegs vergrößerten. Wie Recht wir damit hatten, wurde erst viele Jahre später aufgedeckt: Stanislaw J. Petrow, &#8230; <a href="https://jejko.de/pazifismus/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Pazifismus“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="697" src="https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-1024x697.jpg" alt="" class="wp-image-127" srcset="https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-1024x697.jpg 1024w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-300x204.jpg 300w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-768x523.jpg 768w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-1536x1045.jpg 1536w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-2048x1394.jpg 2048w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/1982_Ostermarsch1-1200x817.jpg 1200w" sizes="(max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /><figcaption class="wp-element-caption">Korff on the road, Ostermarsch 1982 bei Wegberg, mit Freundin U. (Foto: Lustenberger 1982, veröffentlicht in Arbeiterfotografie 1982)</figcaption></figure>



<p>Als Student war ich etwa von 1980 bis 1986 in der #<a href="https://jejko.de/aachen/">Aachener</a> Friedensbewegung aktiv. Wir wollten damals in einer Periode des Kalten Krieges zwischen USA und Sowjetunion die Stationierung neuer Atomraketen verhindern, die, so sagten wir, die Gefahr eines Atomkriegs vergrößerten. Wie Recht wir damit hatten, wurde erst viele Jahre später aufgedeckt: </p>



<span id="more-125"></span>



<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow">Stanislaw J. Petrow</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Able_Archer_83">Able Archer 83</a>.&nbsp; </p>



<p>1982 habe ich in der Friedensbewegung meine ersten werbewirksamen Texte verfasst: darunter ein Flugblatt, das eine Atombombenexplosion über Aachen simulierte. Es war Bestandteil einer multimedialen Präsentation, zusammen mit einer Tonbandaufnahme und einem Die-in auf der Straße. </p>



<p>Oktober 2006 habe ich anlässlich des 25. Jahrestages der Bonner Großdemonstration für eine Reportage in der &#8222;tageszeitung&#8220; rund zehn Zeitzeuginnen und -zeugen der Aachener Friedensbewegung interviewt. </p>



<p>2011 habe ich den Wikipedia-Artikel „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensdemonstration_im_Bonner_Hofgarten_1981">Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981</a>“ stark ausgebaut. Am 10. Oktober 2011, dem 30. Jahrestag der Demo, war dieser Artikel Wikipedia-Artikel des Tages.</p>



<p>2013 habe ich in *<a href="https://jejko.de/bonn/">Bonn</a> ein „Veteranentreffen“ von ehemaligen Aktivisten der Friedensbewegung veranstaltet. Dazu das Weblog <a href="http://friedenstauben1983.blogspot.com">Friedenstauben1983</a>. </p>



<p>2014 wurde ich vom Bielefelder Kanal21 <a href="https://www.kanal-21.tv/sendungen/ehemalige-formate/im-profil/im-profil-jens-juergen-korff-friedensaktivist">als Zeitzeuge der Friedensbewegung interviewt</a>. Der Film ist noch online. </p>



<p>2015 durfte ich als &#8222;Friedensveteran&#8220; in einem WDR-<a href="https://www.ardmediathek.de/video/strasse-der-macht-die-adenauerallee-in-bonn/wdr-fernsehen/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLWNlN2JiOGJmLTI1NTQtNGRkNC05ODcyLTdlY2ZkMjM3MDJlYw/">Fernsehbeitrag über die Adenauerallee in Bonn</a> auftreten, der 2021 wiederholt wurde. In Minute 30-33 geht es um die Friedensdemos im Bonner Hofgarten.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="769" src="https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-1024x769.jpg" alt="" class="wp-image-1468" srcset="https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-1024x769.jpg 1024w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-300x225.jpg 300w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-150x113.jpg 150w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-768x577.jpg 768w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-1536x1154.jpg 1536w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer-1200x902.jpg 1200w, https://jejko.de/wp-content/uploads/2020/02/Champagner-fuer.jpg 1544w" sizes="auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px" /></figure>



<p>Februar 2024 bin ich mit diesem Schild auf eine &#8222;Friedensdemo&#8220; in #<a href="https://jejko.de/bielefeld/" data-type="post" data-id="51">Bielefeld</a> gegangen, zum 2. Jahrestag des Kriegsausbruchs Russland/Ukraine. Das war ein sehr seltsames Erlebnis, denn viele andere Demonstranten hatten Transparente, auf denen die Fähigkeit von Taurus-Raketen gelobt wurde, tief im russischen Territorium Menschen zu töten. Am Rathaus angekommen, sangen junge Ukrainerinnen und Ukrainer ein Lied zum Ruhm und zur Ehre der Soldaten (ich hab&#8217;s mir übersetzen lassen). Anschließend wurde John Lennons Hymne &#8222;Imagine&#8220; gesungen. Durch diese absurde Konstellation ist mir das Lied auf einmal verleidet.</p>



<p>Was meine ich mit meiner Parole? Ich fordere, dass EU-Europa, vor allem Finnland und Polen, die Grenzen öffnet für russische Deserteure und Kriegsdienstflüchtlinge, und dass diese Menschen als Vorkämpfer der Humanität geehrt, belohnt und geschützt werden. Mit einem Bruchteil der Mittel, die ein Waffensystem kostet, könnte ein Vielfaches der Wirkung erzielt werden. Denn die Achillesferse der russischen Generäle ist die Knappheit an rekrutierbaren Soldaten. Wir müssen dringend dafür sorgen, dass sie noch knapper werden. Dafür müssen als erstes alle Kriegsdienstflüchtlinge aus Georgien und Kasachstan in Sicherheit gebracht werden.</p>



<p>Pazifismus muss und kann sich in der Praxis bewähren.</p>
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		<title>Warum Amokläufe? Tut mir leid, aber ich weiß eine Antwort</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jejko]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Dec 2012 22:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Korffs gekräuselte Chronik]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>
		<category><![CDATA[Probleme]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Amoklauf in einer Schule in Newtown, Connecticut/Usa, mit 27 Todesopfern gab im Dezember 2012 vielen Menschen, vor allem Journalisten, Gelegenheit, die Frage nach dem Warum zu stellen und dann bewusst unbeantwortet zu lassen. Dabei liefert z. B. die Neue Westfälische (Bielefeld) vom 18. Dezember 2012 gleich unter dem Bericht über die Trauerfeier in Newtown &#8230; <a href="https://jejko.de/warum-amoklaeufe-tut-mir-leid-aber-ich-weiss-eine-antwort/" class="more-link"><span class="screen-reader-text">„Warum Amokläufe? Tut mir leid, aber ich weiß eine Antwort“ </span>weiterlesen</a>]]></description>
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<p>Der Amoklauf in einer Schule in Newtown, Connecticut/Usa, mit 27 Todesopfern gab im Dezember 2012 vielen Menschen, vor allem Journalisten, Gelegenheit, die Frage nach dem Warum zu stellen und dann bewusst unbeantwortet zu lassen. Dabei liefert z. B. die Neue Westfälische (Bielefeld) vom 18. Dezember 2012 gleich unter dem Bericht über die Trauerfeier in Newtown eine Antwort auf die Warum-Frage frei Haus. </p>



<span id="more-1150"></span>



<p>Man muss einfach nur eins und eins zusammenzählen. Dort steht: »Schul-Amokläufe sind oft inspiriert von vorherigen Tätern. Mörder wie die vom Massaker in Littleton (USA) im Jahr 1999 haben die Amok-Idee in die Welt gesetzt, moderne Medien verbreiten sie. Das ist eine Aussage aus dem Buch „School Shootings“ (Schul-Amokläufe), das Wissenschaftler der Universität Bielefeld herausgegeben haben. Für die Forscher um Peter Sitzer bringt vor allem das Internet mögliche Nachahmer hervor: „Man findet sehr viel Material online – Polizeiberichte, <strong>psychiatrische Gutachten, Videos, Tagebücher und Selbst­darstellungen der Täter</strong>.“ Potenzielle Nachahmer finden Hinweise, wie man einen Amoklauf vorbereitet und durchführt.«</p>



<p>Der entscheidende Punkt ist natürlich nicht das Internet, sondern folgender: Millionen von Menschen beschäftigen sich nach einem solchen Amoklauf mit der Psychologie und Persönlichkeit der Täter. Die Täter erzielen mit ihrer Tat eine ungeheure, weltweite Aufmerksamkeit. Die Täter werden durch ihre Tat berühmt. Ihre Namen gehen, weil die Medien jede Gelegenheit benutzen, sie zu nennen, in die Geschichte ein. Die Medien machen die Täter auf diese Weise unsterblich. Sie spekulieren vor ihrer Tat und ihrem Tod darauf, selber zum Vorbild von Bewunderern und Nachahmern zu werden. Dieses Motiv ist schon seit dem griechischen Altertum bekannt: Wir kennen es in der Person des Brandstifters, der 356 v. Chr. den Artemistempel von Ephesos anzündete – und dessen Namen ich hier bewusst verschweige, genau wie die Namen aller hier erwähnten Mörder.</p>



<p>Die Medien belohnen Gewalttäter mit erhöhter Aufmerksamkeit. In Zeiten der Aufmerksamkeits-Ökonomie stehen auf einen Amoklauf mindestens 10 Mio. € Belohnung für den Mörder – ausgezahlt in Form von Ruhm. Der Mörder von Oslo und Utöya darf diesen Ruhm sogar noch zu Lebzeiten genießen. Die Medien bestrafen die Friedfertigen, die Retter der Menschheit, indem sie sie unerwähnt lassen und uns ihre Namen verschweigen. Sie bestrafen die Opfer ein zweites Mal, indem sie ihre Namen nicht nennen. Es gibt ein einfaches Gegenmittel: <strong>Die Namen der Täter dürfen in den Medien nicht genannt, ihre Fotos dürfen nicht gezeigt werden. </strong>Das würde das wohl wichtigste Motiv von Amokläufern und Terroristen zerstören.</p>



<p>Gebt uns stattdessen Namen und Fotos der Lehrerinnen, die sich heldenhaft dem Täter in den Weg gestellt haben, um die ihnen anvertrauten Kinder zu schützen! Diese Lektion immerhin scheinen einige Medien inzwischen gelernt zu haben. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Amoklauf_an_der_Sandy_Hook_Elementary_School">Wikipedia</a> nennt, gestützt auf NBC, die Namen: &nbsp;Dawn Lafferty Hochsprung (Direktorin),&nbsp;Victoria Soto (27), Mary Sherlach (Psychologin), Rachel Davino (29), Lauren Rousseau (30), Anne Marie Murphy (52). <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/newtown-amoklauf-victoria-soto-heldin-der-sandy-hook-schule-a-873257.html">Spiegel Online</a> porträtiert die Jüngste von ihnen, Victoria Soto.</p>
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