Edith Stein um 1920
6. November 2026

Einfühlung, als Phänomen betrachtet

Von Jejko

Vor 110 Jahren, im Oktober 1916, vollendete die Breslauer Philosophin Edith Stein ihre Dissertation „Zum Problem der Einfühlung“. Sie untersuchte ein Phänomen, das wir heute als Empathie bezeichnen.

Die Breslauer Philosophin Edith Stein untersuchte 1916, was auf meiner geistigen Ebene, auf meiner Bewusst­seinsebene passiert, wenn ich mich in die Fröhlichkeit oder Trauer eines anderen Menschen einfühle. Welche Rolle spielt mein eigenes Bewusstsein dabei und welche Rolle das Bewusstsein der anderen Person? Die Art ihrer Frage­stellung war phänomenologisch; sie ging von der genauen Beschreibung des beobachtbaren Phänomens aus. Das hatte sie in Freiburg bei ihrem Philosophieprofessor Edmund Husserl (1859–1938) gelernt.

Edith Stein, geboren 1891 in Breslau, ermordet 1942 im KZ-Lager Auschwitz-Birkenau, war jüdischer Herkunft. Unter dem Einfluss der Lektüre von Werken der Mystikerin Teresa von Ávila ließ sie sich 1922 katholisch taufen. Sie arbeitete als Lehrerin und katholische Pädagogin. 1933 trat sie in den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen in Köln ein. 1938 floh sie vor der Naziverfolgung in die Niederlande und wurde von einem Kloster in Echt aufgenommen. 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Rosa Opfer der Massendeportation der nieder­ländischen Jüdinnen und Juden durch die deutsche Besatzungmacht. In der katholischen Kirche wird sie seit 1998 als Heilige und Märtyrerin verehrt, in Teilen der evangelischen Kirche gilt sie als Glaubenszeugin.

1916 promovierte sie bei Edmund Husserl in Freiburg mit einer Arbeit »Zum Problem der Einfühlung« und war bis 1918 wissenschaftliche Assistentin ihres Doktorvaters. Obwohl mit Auszeichnung promoviert, wurde sie 1919 als Frau nicht zur Habilitation zugelassen, weder in Freiburg noch in Göttingen.

Einfühlung ist nach ihrer Beobachtung ein Erkenntnisakt, der sich auf fremdes Bewusstsein bezieht.[1] Meist geschehe das durch sinnliche Wahrnehmung. Wenn ich jemanden lächeln sehe, fühle ich seine Freude ein. Das laufe als ein spontanes „Gewahren“ dieser Freude ab. Stein ging davon aus, dass wir als Menschen eine Einfühlungsfähigkeit haben, die jedoch sehr verschieden ausgeprägt sein könne, zum Beispiel bei Frauen im Schnitt stärker als bei Männern. Diese Fähigkeit sei nicht statisch, sondern könne sich im Verlauf des Lebens verfeinern. Stein fragte nach dem Wesen der Einfühlungsakte. Dabei fiel ihr ein merkwürdiger Gegensatz auf: Einfühlung als Akt sei einerseits ein Teil des eigenen Erlebnisstroms der einfühlenden Person; Stein nannte das originär. Ihr Gehalt aber sei „nicht-originär“, denn er gehöre originär zu einem fremden Erlebnisstrom: Ich sehe eine fremde Person lächeln und fühle deren Freude ein. Edith Stein:[2]

Die Einfühlung nun ist als Vergegenwärtigung ein ursprüngliches Erlebnis, eine gegenwärtige Wirklichkeit. Das, was sie vergegenwärtigt, aber ist … eine gegen­wärtige ursprüngliche Lebensregung eines anderen, die in keiner kontinuierlichen Verbindung mit meinem Erleben steht und nicht mit ihm zur Deckung zu bringen ist.

Stein grenzte die Einfühlung von ähnlichen Phänomenen ab: von der Gefühlsansteckung, bei der zum Beispiel die Wahrnehmung der Trauer einer anderen Person originär eigene Trauer auslöst; von der zeitweisen Selbst­vergessenheit, die zum Beispiel das Publikum eines Akrobaten überfällt, wenn es sich ganz von dessen vermuteter akuten Furcht mitreißen lässt; und von der Einfühlungstäuschung, bei der ich ein eigenes Gefühl in eine andere Person hineinprojiziere, die es in Wirklichkeit gar nicht hat. Alle diese Konstella­tionen setzen, so Stein, voraus, dass jeweils zwei Personen mit unterschiedlichen Erlebnisströmen anwesend sind und die Möglichkeit haben, sich in Erlebnisse der jeweils anderen Person einzufühlen.

Edith Steins Beschreibung kann dir helfen, besser auseinander zu halten, was passiert, wenn du in einer zwischenmenschlichen Beziehung mit den Emotionen der anderen Person konfrontiert wirst. Auch im Geschäftskontakt mit einer Kundin, die sich erregt beschwert, weil etwas schief gegangen sei, und dabei auf einen Kollegen schimpft, sind diese verschiedenen Gefühlsebenen präsent.

Dieser Beitrag ist Teil meines Buchprojektes „Helfen – eine Philosophiegeschichte der Dienstleistung“ und steht dort im Kapitel „Empathie“.


[1]        Christoph Betschart: Liebe als Bedingung von Einfühlung bei Edith Stein? Vortrag im Oktober 2016.
       Münchener Theologische Zeitschrift 68 (2017), S. 73-85

[2]        E. Stein: Einführung in die Philosophie. Edith-Stein-Gesamtausgabe, Bd. 8 (2004), S. 151. Zit. nach Ch. Betschart, S. 75