Thorsten Försterling, Grit Behrens, Sennestadt 2016
1. November 2022

Der hilfsbereite Mensch

Von Jejko

Eine kurze Philososphiegeschichte der #Dienstleistung und Kulturgeschichte der Kooperation, dargestellt in 14 Brückenschlägen zu einer guten Zukunft der Menschheit. Ein Sachbuchprojekt von Jens Jürgen Korff, begonnen 2021

Foto: Thorsten Försterling und Prof. Grit Behrens auf einer Klimaschutztagung in Bielefeld-Sennestadt 2016 (Fotograf: Peter Wehowsky)

Das Recht der Klügeren

Mit viel Lärm blockieren sie Straßen, bearbeiten Abgeordnete, verteidigen Privilegien, streben zur Herrschaft: Heilige Hausbesitzer, die ihr Recht verteidigen, ungedämmte Häuser mit Öl und Buchenholz zu beheizen und dort auch im Winter im T-Shirt abzuhängen; heilige Pendler, die ihr Recht verteidigen, auf dem Lande zu leben und den weiten Weg zur Arbeitsstelle jeden Tag mit zwei Tonnen Stahl und billigem Dieselkraftstoff zurückzulegen; heilige Landwirte, die ihr Recht verteidigen, auf Kosten der Steuerzahler riesige Maschinenparks über ihre heiligen Äcker rollen zu lassen. Eine Horde von Berlusconis, Bolsonaros, Palins, Le Pens, Melonis, Wilders und Höckes eilt ihnen jederzeit beflissen zur Seite und trompetet das einzige Recht, die einzige Freiheit in die Welt, das sie alle anerkennen: das Recht und die Freiheit des Stärkeren, seine egoistischen Privatinteressen gegen alle Ansprüche des Gemeinwohls skrupellos, hemmungs- und rücksichtslos durchzusetzen. Das, so sagt die ganze Bande unisono, das ist nun einmal die Natur des Menschen, der Kampf ums Dasein, das Grundprinzip des Lebens; es gilt für Pflanzen und Tiere, für die Menschen der Steinzeit, für die Menschen der Digitalzeit. Naturwissenschaftler und Psychologen wie Richard Dawkins, Philip Zimbardo oder Wolf Singer sekundieren ihnen mit passenden Studien, liefern dazu Stichworte wie das »egoistische Gen«, den »Luzifer-Effekt«, den »natürlichen Determinismus« als Musterfreisprüche für arrogante Brutalitäten aller Art.

Die herrschsüchtige Minderheit ist klein, aber laut. Selbst innerhalb von hochgradig manipulierten Versuchen wie Zimbardos Stanford-Prison-Experiment[1] blieben sie in der Minderheit. Dieses Buch widme ich jener Mehrheit der Menschheit, die in aller Regel dazu neigt, freundlich und hilfsbereit mit ihren Mitmenschen umzugehen. Jener Mehrheit, deren Kooperationsbereitschaft die Menschheit wahrscheinlich ihren biologischen Erfolg und ihre gesamte Kultur und Zivilisation verdankt. Sie ist die Grundlage für alle sozialen, kulturellen und ökologischen Dienstleistungsberufe. Die Skrupellosen erklären uns für Looser und Opfer, aber ohne unsere Arbeit würden sie alle schnell verhungern und erfrieren.

Als im Sommer 2021 das Hochwasser des Flusses Inde durch meinen Wohnort Eschweiler geflossen und Hunderte von Ladenlokalen, Arztpraxen, Kindergärten, Schulen und Wohnungen mit stinkendem graubraunem Schlamm gefüllt hatte, kamen auch Hunderte von Helfern aus zahllosen Orten in die Stadt, um den Betroffenen unentgeltlich zu helfen. Ich selbst habe auch mitgeholfen beim Entschlammen einer Arztpraxis und einer fremden Wohnung, beim Wegräumen von Sandsäcken und beim Reinigen der Straßen. Meine Beobachtung war: Sobald einer anfängt, packen andere, die das sehen, mit an. Viele Menschen treibt es in solchen Situationen, anzupacken und zu helfen.

Die Überlieferungslücke schließen

Mit dem Buch möchte ich eine Überlieferungslücke schließen. Ich meine damit Sprüche wie »der Krieg aller gegen alle«, »Der Mensch ist des Menschen Wolf«, «der edle Wilde«, »Unter dem dünnen Firnis der Zivilisation lauert die blutrünstige Bestie« oder »Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken«. Diese Sprüche greifen Vermutungen oder angebliche Erkenntnisse über das Verhalten von Steinzeitmenschen heraus und versuchen, damit das Verhalten von Menschen der Autobahn- und Digitalzeit zu erklären. Zwischen Höhlenmalerei und Non-Fungible Token klafft eine Überlieferungslücke von rund 50.000 Jahren. Können wir die Entstehung von Ackerbau und Viehzucht, die Antike, das sog. Mittelalter, die sog. Neuzeit, die sog. Moderne bei solchen Analogieschlüssen einfach überspringen? Warum sollte ein Verhalten, das wir seit dem 18. Jahrhundert im Kapitalismus beobachten, zum Beispiel das Zeitsparen, ein Erbe der Steinzeit sein, wenn wir es im Zeitalter des Barock oder der Gotik nicht beobachten können? Da wir über das Verhalten der Menschen in diesen Zeiten viel mehr wissen als über das Verhalten von Steinzeitmenschen, warne ich als Historiker vor der Versuchung, Erfahrungen aus dem eigenen Alltag in die Steinzeit zurückzuprojizieren.

Was wir hingegen in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit, also seit mindestens 2700 Jahren, fast durchgängig beobachten können, sind Notizen über Menschen, die sich freundlich, hilfsbereit, kooperativ und nachhaltig verhalten. Diese Notizen haben erstaunliche Ähnlichkeiten, egal, ob sie von chinesischen Religionsstiftern, griechischen Philosophen, christlichen Theologen, arabischen Ärzten, italienischen Äbten, spanischen Mystikerinnen, persischen Dichtern, jüdischen Gelehrten, französischen Aufklärern, britischen Ökonomen, deutschen Mathematikern, deutschen Geographen, österreichischen Psychologen, amerikanischen Biologinnen, vietnamesischen Mönchen, indischen Sozialreformern, brasilianischen Kommunalpolitikern oder südafrikanischen Freiheitskämpfern kommen.

Der Autor

Seit fast fünfzig Jahren versuche ich, in meiner Person naturwissenschaftliche, geistes- und sozial­wissenschaftliche Forschung und Betrachtung zu vereinigen. Fasziniert wechselte ich im Studium zwischen dem Entziffern alter Sitzungsprotokolle, dem Zeichnen mikroskopischer Zellpräparate und der quantitativen Inhaltsanalyse von Zeitungsberichten hin und her. Später, im Berufsleben, ebenso fasziniert zwischen meinen Rollen als Werbetexter, als Aktivist der Friedens- und Ökobewegung, als Stadtführer und Waldschrat. Daher meine Wertschätzung für höchst unterschiedliche Blickwinkel auf Menschen und andere Lebewesen. Diese Freude an der Vielfalt von Gegensätzen konnte ich beim Schreiben des Buches fortsetzen. Ich lade dich ein zu einer Welt- und Zeitreise zu jenen Beobachtungen und Gedanken, die deinen Glauben an Liebe, Vernunft und Verantwortung bestärken und deine Freude am Bedienen anderer Menschen begründen werden.


[1]     Zu den Manipulationen R. Bregman: Im Grunde gut (2020), S. 183ff; Ben Blum: The Lifespan of a Lie. gen.medium.com 7.6.2018